Kinder sind unsere Zukunft. Dieser Satz ist häufig zu hören, wenn politische Debatten über Familie und Jugend geführt werden. Dennoch ist er unvollständig. Die Belange der Kinder sind nicht nur Zukunftsmusik, sie sind Gegenwart. Das Leben in ihrer Familie, Streit zwischen ihren Eltern, Versöhnungsversuche und letztendlich doch die endgültige Trennung verbunden mit einem völlig neuen Leben ist ihr Alltag, ihre Realität. Und auch wenn Eltern die Verantwortung für ihre Kinder mit der Loslösung vom Partner nicht abgeben, sondern vielmehr bewusster wahrnehmen sollten als je zuvor, überlagert die eigene Gefühlswelt häufig diese ihnen obliegende Pflicht. Somit liegt es dann in der Entscheidungsgewalt von Richtern und Richterinnen mit der Hilfe von fachkundigen Sachverständigen und den zugrunde liegenden Gesetzestexten, das weitere Leben der Kinder maßgeblich zu gestalten.
In Zahlen ausgedrückt waren im Jahr 2011 rund 148.200 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen (vgl. Statistisches Bundesamt 2013: 50). Eine Sorgerechtserklärung wurde für 135.000 von ihnen abgegeben (vgl. Statistisches Bundesamt 2012: 7). Selbst ungeachtet der Familien, deren Trennung nicht statistisch erfasst wird, betrifft die offizielle Regelung des Sorgerechts und künftigen Aufenthalts eine Vielzahl von Kindern. Aufgrund der bedeutungsschweren Thematik und den genannten Zahlen beleuchtet diese Arbeit eine Möglichkeit, der Pflicht zur Sorge und der Regelung des Aufenthalts für die eigenen Kinder infolge einer Trennung nachzukommen. Die paritätische Doppelresidenz, also die zeitlich annähernd gleiche Betreuung des Nachwuchses von beiden Eltern, findet zunehmend Einzug in die Gerichtssäle und Köpfe der Eltern. Somit stellt sich für diese Arbeit die Forschungsfrage, ob dieses Betreuungsmodell als gerichtlicher Standard für Beschlüsse in Sorgerechtsfällen geeignet erscheint und ob dessen Anwendung an Voraussetzungen geknüpft sein sollte. Dabei helfen soll die Konkretisierung des Kindeswohlbegriffs, welcher zwar in aller Munde ist aber dennoch einer einheitlichen Definition entbehrt.
Zum besseren Verständnis der Arbeit werden zunächst die wichtigsten Arbeitsbegriffe näher erläutert. Anschließend folgt die Darlegung der psychologischen Grundlagen anhand von Fachliteratur, welche für eine Annäherung an die Forschungsfrage notwendig erscheinen. Das fünfte Kapitel setzt sich sodann mit den rechtlichen Aspekten und Rahmenbedingungen auseinander. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Abstract
2 Das Kind im Fokus der Betreuung – Eine Einführung
3 Terminologie
3.1 Das Domizil- oder Residenzmodell
3.2 Die paritätische Doppelresidenz (Wechselmodell)
3.3 Das Nestmodell
3.4 Der Kindeswohlbegriff
4 Psychologische Grundlagen
4.1 Scheidungsfolgen für Kinder
4.2 Aspekte der Bindungstheorie
4.3 Bedürfnisorientierung nach Brazelton/Greenspan
4.4 Theoretische Schlussfolgerungen für die Forschungsfrage
5 Rechtlicher Exkurs
5.1 Fakten und Zahlen zu Sorgerechts- und Umgangsverfahren
5.2 Kinderrechte
5.2.1 Internationale Normen
5.2.2 Europäische Normen
5.2.3 Deutsche Normen
5.3 Theoretische Schlussfolgerungen für die Forschungsfrage
6 Eigene Forschung
6.1 Interviews mit Kindern
6.1.1 Zugang
6.1.2 Methodik
6.1.3 Ethische Fragen
6.2 Durchführung der Interviews
6.2.1 Sarah
6.2.2 Nicole und Marie
6.2.3 Elisabeth
6.2.4 Dana und Lukas
6.3 Datenanalyse
6.4 Reflexion des Forschungsprozesses
7 Zusammenfassung der Ergebnisse und kritische Betrachtung
8 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Forschungsfrage, ob die paritätische Doppelresidenz als gerichtlicher Standard für Betreuungsbeschlüsse in Sorgerechtsfällen geeignet ist und welche Voraussetzungen hierfür gelten sollten, wobei das Wohl des Kindes und dessen Bedürfnisse im Zentrum stehen.
- Analyse der verschiedenen Betreuungsmodelle nach elterlicher Trennung (Residenz-, Wechsel- und Nestmodell).
- Psychologische Untersuchung von Scheidungsfolgen und Bindungstheorien aus kindzentrierter Perspektive.
- Rechtliche Einordnung der Kinderrechte auf internationaler, europäischer und nationaler Ebene.
- Empirische Feldstudie durch narrative Interviews mit Kindern, die in paritätischer Doppelresidenz leben.
- Kritische Reflexion der Eignung des Wechselmodells als starres Standardmodell in gerichtlichen Verfahren.
Auszug aus dem Buch
4.4 Theoretische Schlussfolgerungen für die Forschungsfrage
Ob die paritätische Doppelresidenz als gerichtlicher Standard für Beschlüsse in Sorgerechtsfällen geeignet erscheint und ob dessen Anwendung an Voraussetzungen geknüpft sein sollte, wird an dieser Stelle erstmals anhand theoretischer Erkenntnisse beurteilt. Entsprechend dem Kapitel liegen dabei vorrangig psychologische und bedürfnisorientierte Aspekte zugrunde. Zusätzlich wird sich an diskursrelevanten Gesichtspunkten der einschlägigen Literatur orientiert.
Es gilt als überholt, dass Kleinkinder lediglich zu einem Menschen in ihrem frühen Leben eine Beziehung aufbauen können. Je mehr deutlich wurde, dass Babys durchaus in der Lage dazu sind, Beziehungen mit mehreren Personen einzugehen und diese auch zu unterscheiden, trat die Betrachtung der Triade zwischen Vater, Mutter und Kind zunehmend in den Fokus analytischer Studien (vgl. Datler / Wininger 2014: 373). Dies führte zu dem Konsens, Mutter und Vater leisten gerade durch ihre erzieherischen Diversität gemeinsam einen wertvollen Beitrag zur normativen kindlichen Entwicklung. Demnach könnte davon ausgegangen werden, dass eine gleichmäßige Betreuung durch beide Elternteile auch nach einer Trennung generell am wohltuendsten für ein Kind zu sein scheint und die paritätische Doppelresidenz als Standardmodell geeignet ist. Aufgrund der multiplen sich ergebenden Veränderungen, welche mit einer Scheidung der Eltern einhergehen, ist diese Pauschalität jedoch deplatziert.
Anhand der Ergebnisse aus der Bindungstheorie wurde deutlich, dass bereits vorhandene Bindungen so gut es nur möglich erscheint, dem Kind zu erhalten sind. Eine sichere Bindung bietet dem Kind Stabilität und Schutz, lässt es kritischen Lebensereignissen widerstandsfähiger gegenüberstehen. Da Bindungen zwar nicht nur zu einer Person, gleichzeitig aber auch nicht zu vielen aufgebaut werden, sollte der Erhalt des Kontaktes zu diesen Personen vorranginge Beachtung finden. Demnach gilt es festzustellen, zu wem ein Kind eine solche schützenswerte Form der Beziehung eingegangen ist. Hierfür erscheint die bisher gelebte Struktur der Trennungsfamilie maßgeblich.
Zusammenfassung der Kapitel
Abstract: Zusammenfassung der wissenschaftlichen Zielsetzung, der angewandten Methoden und der Schlussfolgerung, dass die paritätische Doppelresidenz keine pauschale Standardlösung sein kann.
Das Kind im Fokus der Betreuung – Eine Einführung: Hinführung zum Thema unter Berücksichtigung der hohen Zahl betroffener Kinder und der Notwendigkeit einer kindzentrierten Betrachtung bei Betreuungsmodellen.
Terminologie: Definition und Abgrenzung gängiger Betreuungsformen sowie des Begriffs des Kindeswohls.
Psychologische Grundlagen: Darlegung von Scheidungsfolgen, Bindungstheorie und Grundbedürfnissen von Kindern als Basis für die Forschungsfrage.
Rechtlicher Exkurs: Übersicht über die rechtliche Situation, Kinderrechte und die Praxis an Familiengerichten.
Eigene Forschung: Präsentation der qualitativen Feldstudie mittels narrativer Interviews und thematischer Zeichnungen von Kindern im Wechselmodell.
Zusammenfassung der Ergebnisse und kritische Betrachtung: Synthese der theoretischen Erkenntnisse und empirischen Ergebnisse mit Blick auf die Anwendbarkeit der Doppelresidenz.
Ausblick: Forderung nach weiteren nationalen Studien zur Multilokalität von Scheidungskindern und Betonung der elterlichen Verantwortung.
Schlüsselwörter
Paritätische Doppelresidenz, Wechselmodell, Kindeswohl, Trennung, Scheidung, Bindungstheorie, Kindesrechte, Narrative Interviews, Familienrecht, elterliche Sorge, Erziehungsberatung, Kindheitsforschung, Bindungsqualität, Konfliktmanagement, Elternautonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Eignung der paritätischen Doppelresidenz (Wechselmodell) als gerichtliches Standardbetreuungsmodell für Kinder nach einer elterlichen Trennung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung verknüpft psychologische Aspekte wie Bindungstheorie und kindliche Bedürfnisse mit den rechtlichen Rahmenbedingungen und einer qualitativen empirischen Forschung an betroffenen Kindern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Es wird analysiert, ob das Wechselmodell als universelle Standardlösung für Sorgerechtsfälle geeignet ist und ob dessen Anwendung an spezifische, einzelfallabhängige Voraussetzungen geknüpft werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Kombination aus Literaturanalyse (Psychologie, Recht) und einer qualitativen Feldforschung, basierend auf narrativen Interviews und thematischen Zeichnungen mit Kindern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit Kindeswohl und Bindungsaspekten, einen rechtlichen Exkurs sowie die detaillierte Darstellung und Auswertung der eigenen Interviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Paritätische Doppelresidenz, Kindeswohl, Bindungstheorie, Sorgerecht und Kindheitsforschung.
Welche Rolle spielen neue Lebenspartner der Eltern im Wechselmodell?
Die Arbeit zeigt, dass neue Partner einen signifikanten Einfluss haben. Insbesondere Stiefmütter wurden in den Interviews teilweise als Quelle von Konflikten und strengem Regelwerk wahrgenommen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Standardanordnung?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Wechselmodell nicht standardmäßig angeordnet werden sollte, da eine Einzelfallprüfung der kindlichen Bedürfnisse und familiären Dynamik zwingend erforderlich bleibt.
Warum ist das Alter des Kindes laut den Ergebnissen so entscheidend?
Jüngere Kinder benötigen für eine gesunde Entwicklung eine höhere Stabilität und Beständigkeit (eindeutiges Zuhause), während sich die Anforderungen mit zunehmendem Alter und Reifegrad des Kindes verändern.
- Arbeit zitieren
- B. A. Sabrina Seiffert (Autor:in), 2014, Die paritätische Doppelresidenz als Betreuungsmodell in Folge elterlicher Trennung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283972