In dieser Hausarbeit soll überprüft werden, inwiefern die neorealistische und konstruktivistische IB-Theorie die Eskalation des „eingefrorenen“ Konflikts zwischen Georgien und Russland im August 2008 erklären kann. Des Weiteren werden die Respekterwartungen der beiden Akteure untersucht und in die Analyse mit einbezogen. Ich gehe davon aus, dass die neorealistische Theorie nach Mearsheimer aufgrund ihrer Beschränkung auf Machtaspekte nicht ausreichend Erklärungskraft besitzt um alle Dimensionen der Konfliktursachen zu erfassen. Ferner nehme ich an, dass in dieser Krise Status- und Respektfragen und die gegenseitige Identitätswahrnehmung von Bedeutung sind und deswegen der Sozialkonstruktivismus nach Wendt hier einen angemesseneren Erklärungsrahmen geben kann.
Im ersten Teil der Arbeit werden die theoretischen Überlegungen von Wendt und Mearsheimer kurz dargestellt. Anschließend wird die Geschichte der russisch-georgischen Beziehung skizziert und der Hergang des Konflikts chronologisch erläutert. Danach werde ich aufzeigen, inwieweit die beiden Theorien und eine Respektsanalyse auf die Konflikteskalation angewendet werden können. In einem abschließenden Fazit werde ich überprüfen, ob meine eingangs formulierten Thesen haltbar sind.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Neorealismus
Konstruktivismus und Respekt
Die georgisch-russische Beziehung und der Weg in den Konflikt
Neorealistische Erklärung für den Konflikt
Konstruktivistische Erklärung für den Konflikt
Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Eskalation des Kaukasus-Konflikts zwischen Georgien und Russland im August 2008 unter Anwendung zweier unterschiedlicher politikwissenschaftlicher Theorien. Das Hauptziel besteht darin, die Grenzen des neorealistischen Erklärungsmodells aufzuzeigen und zu demonstrieren, dass sozialkonstruktivistische Ansätze sowie die Analyse von Status- und Respektfragen ein tieferes Verständnis für die Dynamik dieser Krise liefern.
- Vergleich zwischen neorealistischer Machtanalyse und konstruktivistischer Identitätsanalyse
- Aufarbeitung der historischen Entwicklung der russisch-georgischen Beziehungen
- Analyse der Rolle von Respektserwartungen und Statuswahrnehmungen
- Untersuchung der Eskalationsfaktoren im August 2008
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit beider Theorien auf den konkreten Konfliktverlauf
Auszug aus dem Buch
Die georgisch-russische Beziehung und der Weg in den Konflikt
Die Beziehung zwischen Russland und Georgien ist seit über zwei Jahrhunderten durch Spannungen geprägt.
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte das russische Reich Interesse seinen Einfluss in der Schwarzmeer-Region auszudehnen. 1801 wurde Georgien gewaltsam vom russischen Zarenreich annektiert (IIFFMCG 2009: 2). Nach dem Zerfall des Zarenreiches 1918 wurde Georgien ein unabhängiger demokratischer Staat. Dieser existierte bis 1921 und wurde nach innerstaatlichen Unruhen aufgelöst und in die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik umgewandelt. 1936 wurde die Republik ein Teil der UDSSR. Die Zeit bis zum Zusammenbruch der UDSSR wurde immer wieder durch Unruhen und nationales Aufbegehren seitens der Georgier überschattet (IIFFMCG 2009: 3f.).
1991 wurde der Kaukasusstaat nach dem Auflösen der UDSSR unabhängig. Innerhalb der georgischen Staatsgrenzen befanden sich die zwei nach vollständiger Autonomie strebenden Gebiete Abchasien und Süd-Ossetien. In beiden Regionen stellen Georgier eine ethnische Minderheit dar, was schon seit den 1920er Jahren für innerstaatliche Spannungen sorgte. Nach einer erfolglosen georgischen militärischen Operation im Jahr 1993 in Süd-Ossetien und Abchasien bat der damalige Präsident Eduard Shevardnadze um Moskaus Hilfe (IIFFMCG 2009: 5). Russland vermittelte in dem innergeorgischen Konflikt, erreichte das Georgien der GUS beitrat und stellte eine Friedenstruppe auf, die in denen abtrünnigen Regionen stationiert wurde.
In den 1990er Jahren wendete sich Georgien immer deutlicher dem Westen zu und unterstützte Projekte zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der EU. Im Jahr 1999 wurden Beziehungen zur NATO intensiviert und Georgien verließ die GUS. Gleichzeitig versagte man Russland Beihilfe in seinem Konflikt mit Tschetschenien (IIFFMCG 2009: 6f.). Zudem forderten georgische Autoritäten mit zunehmendem Nachdruck den vollständigen Rückzug der russischen Friedenstruppen vom eigenen Territorium.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung definiert die Fragestellung zur Erklärbarkeit der Kaukasus-Eskalation 2008 durch neorealistische und konstruktivistische Theorien unter Einbeziehung von Respektaspekten.
Neorealismus: Das Kapitel erläutert die neorealistische Theorie als machtbasierten Erklärungsrahmen, in dem Staaten als rationale, sicherheitsorientierte Akteure in einem anarchischen System agieren.
Konstruktivismus und Respekt: Hier wird der Sozialkonstruktivismus als Ergänzung eingeführt, wobei Strukturen als sozial konstruiert verstanden werden und emotionale Faktoren wie der Wunsch nach sozialem Respekt als handlungsleitend betrachtet werden.
Die georgisch-russische Beziehung und der Weg in den Konflikt: Dieser Teil skizziert die historische Belastung sowie die chronologische Verschlechterung der bilateralen Beziehungen von 1991 bis zum Ausbruch des Krieges im August 2008.
Neorealistische Erklärung für den Konflikt: Dieses Kapitel interpretiert das russische Vorgehen als Reaktion auf eine Bedrohung von Sicherheitsinteressen durch die NATO-Osterweiterung und den Einflussverlust in seiner Einflusssphäre.
Konstruktivistische Erklärung für den Konflikt: Der Fokus liegt hier auf den veränderten Identitätswahrnehmungen und dem daraus resultierenden Gefühl Russlands, als Großmacht nicht respektiert zu werden, was die Eskalation auslöste.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass erst die Kombination aus beiden Theorien der Komplexität des Konflikts gerecht wird, wobei Machtaspekte allein nicht ausreichen.
Schlüsselwörter
Kaukasus-Konflikt, Russland, Georgien, Neorealismus, Konstruktivismus, Internationale Beziehungen, Respekt, Identität, Machtgleichgewicht, Sicherheitsdilemma, NATO-Osterweiterung, Konflikteskalation, Souveränität, Machtmaximierung, Internationale Politik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen und die Eskalation des Kaukasus-Konflikts im August 2008 zwischen Russland und Georgien.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit fokussiert sich auf die theoretische Einordnung des Konflikts mittels IB-Theorien sowie auf historische Entwicklungen und die psychologischen Dimensionen wie Respekt und Status.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern neorealistische und konstruktivistische IB-Theorien die Eskalation des Konflikts erklären können und ob Respektfragen dabei eine maßgebliche Rolle spielen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es wird eine theoretisch geleitete Analyse durchgeführt, bei der zwei unterschiedliche politikwissenschaftliche Theorien auf den empirischen Verlauf des russisch-georgischen Konflikts angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Theorien von Mearsheimer und Wendt vorgestellt, der historische Kontext des Konflikts chronologisch aufgearbeitet und anschließend die theoretischen Erklärungsmodelle auf die Eskalation angewendet.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den zentralen Begriffen zählen Kaukasus-Konflikt, Neorealismus, Sozialkonstruktivismus, Respektserwartungen und Identitätswahrnehmung.
Warum hält der Autor den Neorealismus für eine unzureichende Erklärung?
Der Autor argumentiert, dass der Neorealismus zu stark auf Machtaspekte fokussiert ist und die Komplexität der Beziehungsstrukturen sowie immaterielle Faktoren vernachlässigt.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff "Respekt" im Kontext der Arbeit zu?
Respekt wird als soziologischer Faktor verstanden, dessen Fehlen oder die vermeintliche Verletzung von Statusansprüchen zu Frustrationserfahrungen und aggressiven Gegenreaktionen zwischen den Staaten führen kann.
Wie hat sich das Identitätsbild zwischen den Akteuren im Zeitverlauf gewandelt?
Nach einer kurzen Phase der vorsichtigen Annäherung im Jahr 2004 führte ein Kurswechsel in der georgischen Außenpolitik zu wechselseitigen negativen Identitätszuschreibungen und einer Verschlechterung des Verhältnisses.
Welche Rolle spielte der "Westen" im Konfliktverlauf?
Der Autor zeigt auf, dass das westliche Engagement in Georgien, insbesondere durch die NATO-Osterweiterungspläne, von Russland als Provokation wahrgenommen wurde, was die sicherheitspolitische Besorgnis und das Gefühl fehlenden Respekts verstärkte.
- Citar trabajo
- Mario Schröder (Autor), 2010, Die Eskalation des Kaukasus-Konflikts zwischen Russland und Georgien, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284002