Ursachen und Motivation von Kriemhilts Rache im Nibelungenlied


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung:

II. Kriemhilt und das höfische Gefüge des Wormser Hofes
II. 1. Kriemhilts „Falkentraum„ und die unheilvollen Vorausdeutungen des Dichters in der ersten Âventiure
II. 2. Veränderung des Wormser Hofes durch das Erscheinen Siegfrieds
II. 2. 1. Siegfrieds Werbungsvorbereitungen für Kriemhild in Xanten
II. 2. 2. Sîfrits Auftritt in Worms
II. 3. Der Königinnenstreit (14. Aventiure)
II. 3. 1. Entwicklung zum Königinnenstreit
II. 3. 1. 1. Zwischenfigurliche Verstrickung von Sîfrit/Gunther und Kriemhilt/Prünhilde
II. 3. 1. 2. Steigerung der Macht von Kriemhilt
II. 3. 2. Der Ausbruch des Königinnenstreits
II. 3. 3. Sîfrits Tod als Folge des Königinnenstreits
II. 4. Die Entmachtung Kriemhilts durch die Hortversenkung

III. Kriemhilts Machtaufbau durch die Hunnen und ihre Rache
III. 1. Vorbereitung der Rache
III. 2. Kriemhilts Hortforderungen an Hagen und ihre Bestimmung zu Liebe und Leid

IV. Sagenstoff und Textebene

V. Schlusswort

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung:

In der folgenden Seminararbeit wird die Handschrift B des Nibelungenliedes („Der Nibelunge Nôt“) auf die Frage hin analysiert, ob sich im Text Anhaltspunkte finden lassen, die auf einen eindeutigen Ursprung der Rache Kriemhilts hindeuten. Um diesen Ursprung aus dem Text herausarbeiten zu können, müssen die Rachepläne Kriemhilts, ihre Umsetzung und der damit verbundene Untergang der Burgunden aus verschiedenen Perspektiven heraus beleuchtet werden. Die erste Frage in diesem Zusammenhang ist, ob es Indizien im Nibelungenliedtext gibt, die darauf verweisen, dass der Nibelungenlieddichter Kriemhilt mit „Merkmalen“ versehen hat, die als Faktoren der späteren Rache Kriemhilts zum Tragen kommen und wie diese „Merkmale“, losgelöst von einer modernen psychologisierenden Sicht, zu bewerten sind. In dieser Analyse soll ebenfalls untersucht werden, ob und inwieweit sich Veränderungen im Umfeld von Kriemhilt auf ihr Handeln auswirken und welche Anhaltspunkte vom Text geliefert werden, die darauf hinweisen, dass zwischen den vom Dichter gesetzten „Merkmalen“ Kriemhilts und ihren aus den Veränderungen des Umfeldes resultierenden Handlungsweisen unmittelbare Zusammenhänge rekonstruiert werden können. Dabei muss berücksichtigt werden, dass viele der Handlungsverläufe im Nibelungenlied als auch einige der „Merkmale“ der Figuren aus den Sagenstoffen, aus denen die Figuren stammen, vom Dichter des Nibelungenliedes übernommen worden sind und deshalb eine reine auf Textinterpretation basierende Antwort auf die Frage der Ursachen der Rache Kriemhilts hin, ohne diese älteren Schichten der Sagenstoffe einzubeziehen, fahrlässig wäre.

II. Kriemhilt und das höfische Gefüge des Wormser Hofes

II. 1. Kriemhilts „Falkentraum„ und die unheilvollen Vorausdeutungen des Dichters in der ersten Âventiure

Schon gleich zu Beginn des Nibelungenliedes wird deutlich, dass mit der „vil édel magedîn / [...] / Kriemhilt geheizen: [...]“ (2,1/3)1 direkt mit dem zukünftigen Tod vieler Ritter verbunden wird: „[D]ar umbe [scœne wîp (2,3)] muosen degene vil verlíesén den lîp.“ (2,4). Als Begründung dieser unheilvollen Vorausdeutung setzt der Text den Hass oder Streit zweier Königinnen: „si sturben sît jæmerliche von zweier edelen frouwen nît.“ (6,4). Bezogen auf unser Thema stellt sich hier schon die Frage, wie es zu diesem angedeuteten Königinnenstreit kommt, welche beiden Protagonistinnen des Streites gemeint sind und warum die „vil stolziu ritterscaft“ (6,2) von Worms mit seinen Königen Gunther, Gêrnôt und Gîselher in Folge dieses Streites ihr Leben lassen muss.

Die gesellschaftlich - höfische Ausgangssituation in Worms muss dem Hörer zu Beginn des Liedes im Grunde genommen sehr harmonisch vorkommen, abgesehen von den unheilvollen Vorausdeutungen des Dichters im Zusammenhang mit Kriemhilt. Die burgundischen Könige regieren eine „vil stolziu ritterscaft“, sind „milte“ (5,1), „edel und rîch“ (4,1), kurzum: sind „recken lobelîch“ (4,2) und schützen und pflegen ihre Schwester Kriemhilt fürsorglich: „[...], die fürsten hetens in ir [Kriemhilt] pflegen.“ (4,4) (zu der Vormundtschaft der Brüder vgl. auch SCHULZE, S. 144). All diese positiven Beschreibungen der höfischen Gesellschaft am Wormser Hof lassen darauf schließen, dass sich erst im weiteren Verlauf der Handlung die Situation am Hof so verändern muss, dass es zu dem oben erwähnten Königinnenstreit kommen kann.

Die erste Veränderung findet bei Kriemhilt statt, als sie „[i]n disen hôhen êren„ (13,1) von einem „valken“ (13,2) träumt, der von ihr aufgezogen und gepflegt und anschließend von „zwêne arn“ (13,3) getötet wird. Diesen für sie leidvollen Traum erzählt sie ihrer Mutter Uote, die diesen „Falkentraum“ sofort als Vorausdeutung des Schicksals eines „edel man“ (14,3) bestimmt, der sterben muss, wenn Kriemhilt nicht genug auf diesen aufpassen würde: „[D]er valke, den du ziuhest, daz ist ein edel man. / in welle got behüeten, du muost in sciere vloren hân.“ (14,4). In den folgenden Strophen 16/17 sagt Kriemhild daraufhin zu Ute, dass sie weiß, „wie líebé mit leide ze jungest lônen kann“ (17,3) und dass sie deshalb nie einen Mann lieben wolle. Wichtig ist an dieser Stelle des Textes, dass Uote auch noch von einer göttlichen Bestimmung der Liebe spricht, durch die Kriemhild zu einer schönen Frau werden würde: „[...] du wirst ein scœne wîp, / ob dir noch got gefüeget eins rehte guoten riters lîp.“ (16,4). Der Dichter setzt an dieser Stelle des Textes wieder zwei unheilvolle Vorausdeutungen ein; einmal die Vorausdeutung, dass sie von einem „vil küenen recken wîp“ (18,4) wird, der „der selbe valke [was]“ (19,1) und von „ir næchsten mâgen“ (19, 3) erschlagen wird (19,3: „[ir næchsten mâgen], die in sluogen sint!“) und einmal die Vorausdeutung, dass „si sêre daz rach“ (19,2) „an ir næchsten mâgen“ und dass „durch sîn eines sterben starp vil maneger muoter kint.“ (19,4).

Fasst man diese erste Âventiure unter dem Aspekt des Ursprunges oder der Motivation von Kriemhilds Rache zusammen, überwiegt klar der Motivationsfaktor Liebe als Rachekeim in dieser Anfangssequenz. Andererseits zeigt sich anhand der Vorausdeutungen des Dichters auch, dass diese hier im Nibelungenlied beschriebene Liebe, verbunden mit der Schönheit einer Frau (vgl. II. 3. 1. 1. und II. 3. 1. 2.) wie etwas Göttlich- Schicksalhaftes im Text gesetzt wird, durch das zwangsläufig Leid bei den Liebenden entstehen muss, welches sich auch auf das Umfeld der Liebenden ausbreiten kann (vgl. HEINZLE, S. 269). Trotzdem bleibt in dieser ersten Âventiure noch offen, was es sich mit dem angedeuteten Königinnenstreit auf sich hat, der ebenfalls als Grund für den Untergang der Burgunden angeführt worden ist. Dieser wird ausführlich in Abschnitt II. 3. behandelt, wodurch der Motivationsfaktor Macht (vgl. BEYSCHLAG S. 99, 103) als Alternativursache der Liebe für die Rache Kriemhilds im Text gesetzt wird.

II. 2. Veränderung des Wormser Hofes durch das Erscheinen Siegfrieds

II. 2. 1. Siegfrieds Werbungsvorbereitungen für Kriemhild in Xanten

Gleich zu Beginn der dritten Âventiure macht der Dichter dem Hörer des Nibelungenliedes deutlich, warum Sîfrit und der mit ihm verbundene Exkurs nach Xanten in Bezug auf Kriemhilt eine besondere Rolle spielen wird, wenn er schreibt:

„[E]r [Sîfrit] hôrte sagen mære, wie ein scœniu meit / wære in Búrgónden, ze wunsche wolgetân, / von der er sît vil vreuden und ouch árbéit gewan.“ (44,2-4).

Diese Vorausdeutung des Dichters gewinnt im Zusammenhang mit dem in II.

1. behandelten „Falkentraum“ an Brisanz, da dieser ja laut Uote eindeutig voraussagt, dass Sîfrit erschlagen wird und dadurch Leid über den Wormser Hof kommen wird. Diese unheilvolle Vorausdeutung wird durch die Mutter Sîfrits, Siglint, bei den Werbungsvorbereitungen in Xanten noch einmal verstärkt, da „si begunde trûren um ir liebez kint, / daz vorhte si verliesen von Guntheres man.“ (60, 2/3) und vom Dichter dann bei der Abreise Sîfrits aus Xanten in Strophe 70 expliziert: „[I]ch wæn`, in het ir herze rehte daz geseit, / daz in sô vil der friwende dâ von gelæge tôt.“ (70,2/3).

Anhand dieser analysierten Strophen wird deutlich, dass sich durch die Werbungsreise Sîfrits ins Burgundenland die Situation am Wormser Hof und damit auch für Kriemhild so verändern wird, dass Rache und Tod unabwendbar werden (vgl. HAUG S. 330).

II. 2. 2. Sîfrits Auftritt in Worms

Diese Stelle des Nibelungenliedtextes ist für die Analyse der Ursachen der Rache Kriemhilts insofern von großer Bedeutung, da hier erste Indizien für die Spannungen in der höfischen Gesellschaft in Worms entstehen. Diese Spannungen sind die ersten Ansätze für Erklärungen im Text, warum Sîfrit von Krimhilts „næhsten mâgen“ erschlagen werden wird (s. II. 1.). Entgegen seiner eigentlichen Werbungsabsicht beginnt er, die „vil stolziu ritterscaft“ zum Kampf um alle Macht und Besitztümer in Worms herauszufordern:

„Nu ir sît sô küene, als mir ist geseit, / sone rúoch ich, ist daz iemen líep óder leit: / ich will an iu ertwingen, swaz ir muget hân: / lánt únde bürge, daz sol mir werden undertân.“ (110).

Diese Herausforderung stößt in der Wormser Hofgesellschaft auf Unverständnis und Zorn: „[D]az hôrten sîne [Guntheres] degene; dô wart in zurnén bekant.“ (111,4). Metzen Ortwin beschreibt diese Herausforderung Sîfrits als unhöfische Provokation und sieht Sîfrit als grundlos auftretenden Aggressionspol: „[D]er [Metzen Ortwin] sprach: „disiu suone diu ist mir harte leit. / iu [Gêrnôt] hât der starke Sîfrit unverdienet widerseit.““ (116,2/3). Da in den Vorausdeutungen des Nibelungendichters gesagt worden ist, dass Sîfrit sich mit Kriemhilt vereinigen werden wird, wird hier unserer Meinung nach schon ein Anfangspunkt des späteren Gattenmordes gesetzt. Sîfrits „starkez übermüeten“ (117,4) führen zu einem standesübergreifenden Konflikt zwischen dem „künec rîche“ (118,3) aus Xanten und dem „küneges man“ (118,3), also Metzen Ortwin, vom Wormser Hof. Verallgemeinernd könnte man hier sagen, daß ein Konfliktpotential in den Nibelungentext einfließt. Gêrnôt bewältigt diesen aufschwellenden Konflikt nur mit dem Befehl, den Gast nicht mehr zu beleidigen: „[A]llen sînen degenen reden er [Gêrnôt] verbôt / iht mit übermüete, des im wære leit.“ (123,2/3). Hier zeigt sich eindeutig, daß erstens der Konflikt nicht aufgelöst, sondern verschoben wird (zu dem Ausbruch dieses Konfliktpotentials zwischen Hagen, Metzen Ortwin und Sîfrit nach dem Königinnenstreit sowie der „Parteienbildung“ s. II. 3. 3.), und zweitens, daß Sîfrit erst nach diesem Verbot wieder anfängt, an „die hêrlîchen meit“ (123,4), nämlich Kriemhilt, zu denken. Der Text bleibt hier in der Frage, ob die Werbung Sîfrits aus der Bestimmung aus Liebe oder aus Anspruch auf Macht heraus motiviert ist, offen. Im Gegensatz zu Kriemhilt also wird in der dritten Âventiure Sîfrit vom Nibelungenlieddichter nicht nur als liebender Brautwerber, sondern auch explizit als machtpolitisch ambitioniert dargestellt. Und gerade auch diese machtpolitische Komponente verändert den Wormser Hof dahin, dass durch die vorausgedeutete Vereinigung von Sîfrit und Kriemhilt Macht und Liebe verbunden werden (vgl. dazu auch BEYSCHLAG, S. 103). Später wird sich dieser königliche Anspruch auch auf Kriemhilt übertragen haben (vgl. 691; 697,4 und 698 und dazu II. 3. 2.), wobei aus dem Text nicht eindeutig hervorgeht, ob Kriemhilt diese Komponente schon von Beginn des Nibelungenliedes als „Merkmal“ trägt oder ob sie es von Sîfrit später übernimmt. Wichtig ist an dieser Stelle der Analyse, dass, bezogen auf die Rache Kriemhilts an den Búrgónden, hier im Text der Motivation aus Liebe die Motivation aus Macht als Begründungsmöglichkeit hinzutritt und dass zudem zwischen Gunthers Gefolgsleuten und Sîfrit ein Konfliktpotential aufgebaut wird, dass sich in dem Moment erkennen lässt, als Sîfrit am Wormser Hof erscheint, das aber wiederum, von Gêrnôt befohlen (s.o.), vom Mantel des Höfischen überdeckt wird.

II. 3. Der Königinnenstreit (14. Aventiure)

II. 3. 1. Entwicklung zum Königinnenstreit

II. 3. 1. 1. Zwischenfigurliche Verstrickung von Sîfrit/Gunther und Kriemhilt/Prünhilde

Um den Königinnenstreit später richtig darstellen zu können, muss unserer Meinung nach zunächst festgestellt werden, wie sich die Situation am Wormser Hof zuerst durch Sîfrits Taten so verändert, dass es zu dem späteren Königinnenstreit kommen kann. Die erste Veränderung des Verhältnisses von Sîfrit zu Gunther und seiner „stolziu riterscaft“ findet während Sîfrits Hilfeleistung in den Sachsenkriegen statt, die hier noch alleinig aus Freundschaft (vgl. 156,3/4 oder „durch vriwende liebe“, 323,1) motiviert ist und nach dem Krieg zu einer erprobten wird (vgl. „stæten vriwenden“, 155,4). Anhand der Strophe 258 wird dann aber angedeutet, dass die Anwesenheit Sîfrits und damit seine Motivation aller weiteren Handlungen und Taten am Wormser Hof nur der Gewinnung Kriemhilts gelten:

„Dô gert’ ouch urloubes Sîfrits von Níderlant, / dô der künec Gunther den willen sîn ervant, / er [Gunther] bat in [Sîfrit] minniclîche noch bî im bestân. / niwan durch sîne swester, sone wærez nímmér getân.“ (258).

Dieser Motivationswechsel wird am deutlichsten, als Gunther Sîfrit bittet, ihm bei der Werbung um Prünhilde zu helfen. Sîfrit knüpft an dieser Stelle des Nibelungenliedtextes seine Hilfeleistung an das Versprechen Gunthers: „[U]nd kumt diu scœne Prünhilt her in ditze lant, / sô will ich dir ze wîbe mîne swester geben“ (334,2/3). Gunther legt damit das Gelingen von Aktivitäten außerhalb des Wormser Hofes zum zweiten Male nach dem Sachsenkrieg in Sîfrits Hand, geht aber dieses Mal mit einem Eid und einem Zugeständnis (vgl. 334,1 und 335,1) erstmals und explizit eine Verpflichtung gegenüber Sîfrit ein. Das Problem an der Werbungsreise ist jedoch, dass Sîfrit Gunther nur mit einem doppelten Betrug an Prünhilde und ihren Gefolgsleuten zu einem Erfolg verhelfen kann. Zum einem gibt Sîfrit vor, Gunthers Lehnsmann zu sein (vgl. „Steigbügeldienstszene“,398 und „er ist mîn herre“, [423,3/4]), zum anderen steht er Gunther beim Wettkampf mit Prünhilde mit Hilfe „sîne tarnkappen“ (433,3) bei. Damit wird also Prünhilde wissentlich ein falsches Verhältnis zwischen Gunther und Sîfrit vorgetäuscht, durch das später nach der Rückkehr der Werbungsgesellschaft und Prünhilde nach Worms Irriationen über den Status Sîfrits und damit den Status der Vereinigung von Kriemhilt und Sîfrit entstehen:

„[U]mbe dîne [Gunthers] swester ist mir von herzen leit. / die sihe ich [Prünhilde] sitzen nâhen dem eigenholden dîn. / daz muoz ich immer weinen, sol si alsô verderbet sîn.“ (620,2-4) Diese von den Werbungsrittern Gunther und Sîfrit mutwillig aufrecht erhaltene Irritation ist einer der Ursachen und Gegenstände des späteren Königinnenstreits. Die Vortäuschung des Vasallenstatus’ Sîfrits gegenüber Gunther wird zudem nach außen hin unterstrichen durch den Botendienst (vgl. 533ff). Hagen instrumentalisiert die Liebe Sîfrits zu Kriemhilt, indem er Gunther vorschlägt:

„Nu bitet Sîfride fúeren die bóteschaft; / der kann si wol gewerben mit ellenthafter kraft. / versage er iu die reise, ir sult mit gouten siten / durch iuwer swester liebe der bete in vriuntlichen biten.“ (532).

Hierbei ist wichtig, dass Sîfrit auf die Bitte Gunthers hin zunächst „widerredete“ (534,3), dann allerdings um Kriemhilts Willen sich bereit erklärt, Gunther diesen ihm unstandesgemäßen Dienst zu erweisen (vgl. 535). Man sieht hier klare Indizien dafür, dass der nach außen hin dargestellten Machthierarchie zwischen Gunther und Sîfrit ein immer stärker werdender, verheimlicherter zwischenfigurlicher Verstrickungskomplex entgegengesetzt wird (zu einem „Gebäude aus Spiel und Trug“ siehe HAUG, S. 334). Dem Schein einer höfisch intakten Einheit wirken demnach Eigeninteressen von Figuren und aus diesen motivierten Handlungsweisen entgegen. Durch diesen Gegensatz von höfischem Schein und immer mehr in ein Ungleichgewicht geratendem Sein wird vom Nibelungenlieddichter ein Spannungsbogen von der Werbungsreise Gunthers nach Îslant bis hin zum Eintreffen Prünhildes in Worms aufgebaut (zu der „Diskrepanz zwischen Sein und Schein“ vgl. HAUG, S. 333). Dem Hörer des Nibelungenliedes muss an dieser Stelle des Textes bewußt sein, dass dieses Eintreffen der getäuschten Prünhilde zu einem Konflikt führen muss, da die höfische Gesellschaft von Worms - und damit auch Kriemhilt - nichts von dem bislang an Prünhilde verübten Betrug weiß und den wirklichen Status Sîfrits in Bezug auf Gunther voraussetzt (vgl. SCHULZE, S. 195 f.).

Dass die Frauenfiguren Kriemhilt und Prünhilde sich nicht von vornherein aversiert gegenüber stehen, macht der herzliche Empfang Prünhilds von Ute und Kriemhilt deutlich:

„Die vrouwen sich beviengen mit armen dicke hie. / sô minneclich enpfâhen gehôrte man noch nie, / sô die vrouwen beide der briute tâten kunt. / vrou Uote unt ir tohter die kusten dicke ir süezen munt.“ (589)

Hinzu kommt, dass der Nibelungenlieddichter explizit herausstellt, dass die Schönheit der Frauen kein Betrug ist („ouch kôs man an ir lîbe dâ deheiner slahte trüge.“, 592,4), wodurch dieses Merkmal der beiden Frauenfiguren in Opposition zur vorgetäuschten Stärke Gunthers und damit zu den Verstrickungen der beiden Helden Sîfrit und Gunther steht. Dies ist wichtig, da die Schönheit einer Frau der Anlass der Werbungsreisen sowohl von Sîfrit als auch von Gunther ist: „[...] sô will ich [Sîfrit] Kriemhilden nehmen, [48,4] / Die scœnen juncfrouwen von Búrgónden lant / durch ir unmâzen scœne. [49,1/2]“, wobei der Nibelungenlieddichter die natürliche Schönheit Prünhildes zudem mit ihrer körperlichen Kraft verbindet: „[D]iu [Prünhilde] was unmâzen scœne, vil michel was ir kraft.“ (326,3). Hieraus ergibt sich, dass der Königinnenstreit, der laut Vorausdeutung (vgl. II. 1.) zum Untergang der „vil stolziu ritterscaft„ führen soll, nicht als direkte Folge einer von Beginn an vom Dichter des Nibelungenliedtextes gesetzten Feindschaft der beiden Königinnen angesehen werden kann, sondern dass die auf Lügen und Betrug basierenden Verstrickungen Sîfrits und Gunthers eher als Indiz der Ursache für den Königinnenstreit betrachtet werden müssen, da sie anscheinend das Konfliktpotential in sich tragen, das zum Hass zwischen Kriemhilt und Prünhilde und damit in letzter Konsequenz erst zur späteren Rache Kriemhilts führt.

[...]


1 Alle Versangaben ohne nähere Erläuterung beziehen sich auf Der Nibelunge N ô t, reclam, Stuttgart, 1997.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Ursachen und Motivation von Kriemhilts Rache im Nibelungenlied
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Das Nibelungenlied
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
36
Katalognummer
V284016
ISBN (eBook)
9783656839064
ISBN (Buch)
9783656839071
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkung des Dozenten: "Ihre Arbeit ist vorzüglich, und ich habe sie mit wachsender Bewunderung gelesen!" - Note: 1
Schlagworte
ursachen, motivation, kriemhilts, rache, nibelungenlied
Arbeit zitieren
M.A. Christoph Fuksa (Autor), 2001, Ursachen und Motivation von Kriemhilts Rache im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284016

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ursachen und Motivation von Kriemhilts Rache im Nibelungenlied



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden