Friedrich Schiller verfasste in seiner Zeit als Schriftsteller nicht nur Dramen und Gedichte, sondern pflegte auch das Interesse an Kriminalgeschichten. In seinen Werken spiegelt sich dieses Interesse wieder. Er arbeitete auch als Herausgeber an einer überarbeiteten Ausgabe von wahren Kriminalprozessen, die der französischen Juristen François Gayot de Pitaval aufgeschrieben hatte. Die Ausgabe Schillers enthält dieselben Geschichten, die so verarbeitet wurden, dass auch das einfache Volk sie lesen konnte. In der Ausgabe kommen verschiedene Elemente einer bestimmten Kriminalpoetik Schillers zum Ausdruck, die am Beispiel einer der Geschichte analysiert werden soll.
Um die Elemente der Poetik zu untersuchen, sollen aber zunächst im zweiten Kapitel anhand der Vorrede die einzelnen Merkmale der Poetik gesucht werden, die für Schiller wichtig waren. Anschließend sollen die fünf Klagen, die in der Geschichte des Chevaliers eine Rolle spielen aufgezeigt werden. Im vierten Punkt sollen Fakten der Geschichte zusammengetragen werden, die deutlich machen, dass der Fall nicht eindeutig zu klären ist beziehungsweise war. Schließlich werden narrative Verfahren, die eingesetzt werden, um Spannung zu erzeugen, untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Vorrede
3. Die fünf Klagen in der Geschichte des Chevalier von Morsan
4. Die Unmöglichkeit einer Auflösung des Falls
5. Der Einsatz von Narrationsverfahren als Mittel zum Spannungsaufbau
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Friedrich Schillers Kriminalpoetik anhand seiner Bearbeitung der „Geschichte des Chevalier von Morsan“ aus der Pitaval-Ausgabe. Dabei wird analysiert, wie Schiller durch spezifische narrative Verfahren, eine gezielte Vorrede und die Strukturierung von Gerichtsprozessen Spannung aufbaut und sein Ziel verfolgt, das Publikum zu belehren und zu kultivieren.
- Analyse der programmatischen Elemente in Schillers Vorrede
- Untersuchung der fünf Klagen im Fall des Chevalier von Morsan
- Diskussion der Unmöglichkeit einer eindeutigen Fallauflösung
- Narrative Strategien zur Spannungssteigerung und Leserbindung
- Schillers Rolle als Herausgeber von Kriminalgeschichten
Auszug aus dem Buch
Die fünf Klagen in der Geschichte des Chevalier von Morsan
Die erste Klage der Geschichte kommt vom Vormund der Margarethe Charlotte Donc, Markus von Joigny, welcher die Entführung seines Mündels angeklagt. Diese Klage wird jedoch nicht weiter verfolgt. Die Verwandten befürchteten, der Ruf Charlottes würde durch die öffentliche Kundgebung über die Entführung Charlottes und der Heirat mit Robert befleckt werden, deshalb lassen sie die Klage wieder fallen. Auf der Klägerseite stehen der Vormund und weitere Verwandte Charlottes, auf der anderen Robert und Charlottes Mutter, die die Entführung und die Heirat bewilligte. Über Charlotte wird ohne ihr Zutun verfügt. Ihr missfällt zwar die Verbindung mit Robert, sie selbst wird aber nicht zur Klägerin.
Bei der zweiten Klage klagen die Verwandten Charlottes gegen deren Vermählung mit Robert. Sie legen beim „Parlement“ Berufung gegen die Heirat ein, da diese ohne Einverständnis des Vormunds erfolgte. In diesem Fall wird ein Urteil ausgesprochen, das die Klage abweist. Die Ehe wird als rechtmäßig gewertet, da die Mutter darin einwilligte und das Fallenlassen der ersten Klage wie ein stillschweigende Bestätigung der Verwandten gewesen sei.
Die dritte Klage kommt von Robert, der nun die Entführung seiner Frau Charlotte anklagt, da er erneut heiraten möchte. Er muss sich von Anfang an bewusst sein, dass er als Bigamist angeklagt werden könnte, wenn er sich eine neue Frau nehmen würde, ohne von der ersten geschieden zu sein. Robert kann nicht die Flucht Charlottes anklagen, da sie in diesem Fall aktiv beteiligt wäre und aus freiem Willen gehandelt hätte. In einer Entführung durch die Verwandten hätte sie aber nur eine passive Rollte gespielt und hätte sich nicht schuldig gemacht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Forschungsgegenstandes und der Fragestellung zur Kriminalpoetik Schillers anhand der Pitaval-Ausgabe.
2. Zur Vorrede: Untersuchung der programmatischen Äußerungen Schillers in der Vorrede, die auf die Kultivierung der Gesellschaft und die psychologische Durchdringung der Fälle abzielen.
3. Die fünf Klagen in der Geschichte des Chevalier von Morsan: Detaillierte Darstellung der rechtlichen Auseinandersetzungen und der involvierten Akteure im Fall.
4. Die Unmöglichkeit einer Auflösung des Falls: Analyse der Beweisführung und der Schwierigkeiten bei der Wahrheitsfindung, bedingt durch widersprüchliche Indizien und subjektive Aussagen.
5. Der Einsatz von Narrationsverfahren als Mittel zum Spannungsaufbau: Untersuchung der sprachlichen Mittel, der Rhetorik und der erzählerischen Techniken zur Spannungssteigerung.
6. Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich Schillers Kriminalpoetik und der Wirksamkeit der gewählten narrativen Mittel.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Pitaval-Ausgabe, Kriminalpoetik, Rechtsgeschichte, Gerichtsprozess, Narrationsverfahren, Spannung, psychologische Wahrheit, Rechtsaufklärung, Chevalier von Morsan, Literaturwissenschaft, Verbrechensgeschichte, Bigamie, Rhetorik, Unterhaltungsliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Kriminalpoetik Friedrich Schillers anhand seiner überarbeiteten Pitaval-Ausgabe und speziell am Fall der „Geschichte des Chevalier von Morsan“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Vorrede Schillers, die Strukturierung von Gerichtsprozessen, die psychologische Analyse der Figuren sowie die erzählerischen Mittel zur Spannungssteigerung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Schiller seine Kriminalpoetik einsetzt, um historische Rechtsfälle für ein breiteres Publikum aufzubereiten und gleichzeitig lehrreiche Inhalte zu vermitteln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Herangehensweise, um die narrativen Verfahren und die rhetorischen Strategien in den Pitaval-Texten zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Vorrede, die chronologische Aufarbeitung der fünf Klagen, die Problematik der Fallauflösung und die Untersuchung der erzählerischen Spannungselemente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Kriminalpoetik, Pitaval-Ausgabe, Rechtsaufklärung, narrative Spannung, psychologische Wahrheit und Literaturkritik.
Warum ist eine eindeutige Auflösung des Falls in der Geschichte unmöglich?
Dies liegt an den fehlenden harten Beweisen, der Vielzahl widersprüchlicher Zeugenaussagen, die oft auf Spekulationen beruhen, und der Tatsache, dass die Akteure ihre eigenen, persönlichen Motive verfolgen.
Welche Bedeutung hat die Figur des Chevalier von Morsan für den Prozess?
Die Figur steht im Zentrum der Verwirrung; der Prozess dreht sich letztlich weniger um das Verschwinden der Charlotte Donc, als vielmehr um die Identität und die Handlungen des Chevaliers.
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- Anonym (Author), 2012, Schillers Kriminalpoetik am Beispiel der "Geschichte des Chevalier von Morsan", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284026