Die Geschichte der Physiotherapie. Ausbildungsmöglichkeiten und Status in Deutschland


Akademische Arbeit, 2006
50 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Die Phyisiotherapie im deutschen und europäischen Bildungs- und Gesundheitswesen

2. VERÄNDERUNGEN IM DEUTSCHEN GESUNDHEITSWESEN

3. DEFINITION: „PHYSIOTHERAPIE“

4. GESCHICHTE DER PHYSIOTHERAPIE

5. ENTWICKLUNG DER PHYSIOTHERAPIE IN DEUTSCHLAND

6. STATUS QUO PHYSIOTHERAPIE IN DEUTSCHLAND
6.1. Berufsverbände
6.2. Berufsausbildung
6.3. Studium
6.3.1. Ausbildungsintegrierte Studiengänge (AI)
6.3.2. Weiterbildungsstudiengänge (WB)
6.3.3. Studium mit Abschluss im Ausland (AA)

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

1. Die Phyisiotherapie im deutschen und europäischen Bildungs- und Gesundheitswesen

Die Physiotherapie ist ein, auch im Bereich des deutschen Gesundheitswesens, schon lange etablierter Beruf. Sie gehört zum Bereich der Gesundheitsfachberufe (früher Medizinalfachberufe) und nimmt somit auf Grund der gesetzlichen Regelung eine Sonderstellung im beruflichen Bildungssystem in Deutschland ein. Die Ausbildung ist weder im Berufsbildungsgesetz (BBiG) wiederzufinden, noch ist sie auf einer akademischen Ebene angesiedelt [vgl.: AG MTG, 2003].

Die Fachberufe im Gesundheitswesen verbindet:

- die bundesrechtlich und bundeseinheitlich geregelte Ausbildung;
- dass sie überwiegend von Frauen ausgeübt werden;
- dass diese Berufe in einem spezifischen Abhängigkeitsverhältnis zur ärztlichen Profession stehen;
- dass sie über keine akademische Tradition und eigenständige Bezugswissenschaft verfügen;
- dass die Lehrer die in der schulischen Berufsausbildung eingesetzt werden, nicht zwingend universitär ausgebildet sein müssen (Ausnahme: Krankenpflegeschulen);
- für einige Berufe, hier vor allem Krankenpflege und therapeutische Berufe, das berufspolitische Bemühen um Akademisierung.

Die im Bereich der Physiotherapie vorgesehene Ausbildungsdauer von drei Jahren ist an sogenannten „Schulen des Gesundheitswesens“ (früher Medizinalfachschulen) oder an Berufsfachschulen angesiedelt und fordert als Zugangsvoraussetzung einen mittleren Bildungsabschluss [vgl.: MPhG, §10, 1994].

Im Vergleich dazu ist die Ausbildung in den meisten europäischen Ländern, als auch weitestgehend im sonstigen Ausland, im Bereich der Hochschulen angesiedelt und fordert als Zugangsvoraussetzung die allgemeine Hochschulreife oder die Fachhochschulreife.

Durch diesen Zustand hinkt die Physiotherapieausbildung in Deutschland im Vergleich zum europäischen und auch außereuropäischen Ausland, bezogen auf die Formalien, um zirka 15 – 20 Jahre hinterher [vgl.: Schämann, 2005]. Dies führt trotz der allgemeinen Anerkennungsrichtlinien der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) aus dem Jahr 1988 und einer Ergänzung dazu aus dem Jahr 1992 zu einer deutlichen Benachteiligung der deutschen Physiotherapeuten im europäischen Arbeitsmarkt [vgl.: 89/48/EWG, 1988; 92/51/EWG, 1992; 95/43/EWG, 1995]. Des Weiteren sind Physiotherapeuten dadurch faktisch aus dem internationalen Forschungskontext ausgeschlossen [vgl.: AG MTG, 2003].

Exkurs: Bologna-Prozess

Durch das Bologna-Abkommen (Italien - im Jahr 1999 von 29 europäischen Bildungsministern unterzeichnet) [vgl.: Hochschulrektorenkonferenz, 2005], wurde der 1998 durch die sogenannte Sorbonne-Erklärung (Frankreich - von den Bildungsministern Frankreichs, Italiens, Großbritanniens und Deutschland unterzeichnet) [vgl.: Sorbonne-Erklärung, 1998], eingeleitete politische Prozess, zur Schaffung eines einheitlichen Europäischen Hochschulraumes, bis zum Jahr 2010 gesichert.

Das Prager Kommunique (Tschechien - im Jahr 2001 von 33 europäischen Bildungsministern unterzeichnet) [vgl.: Prager Kommunique, 2001] bestätigte das Bologna-Abkommen und legte die wichtigsten Schritte zur Schaffung eines einheitlichen Europäischen Hochschulraumes fest.

Im Herbst 2003 fand die zweite Bologna-Folgekonferenz der europäischen Bildungsminister statt. Diese war in Berlin (Deutschland) und es nahmen schon 40 Staaten mit ihren Bildungsministern teil [vgl.: Berliner Kommunique, 2003].

Bergen (Norwegen) war im Jahr 2005 Tagungsort für die dritte Folgekonferenz, an der jetzt schon 45 europäische Staaten teilnahmen. Zweck dieser Konferenz war es, eine Zwischenbilanz (stocktaking report) zu ziehen [vgl.: Bergen Kommunique, 2005].

Für das Jahr 2007 ist die vierte Bologna-Folgekonferenz geplant, sie soll in London (England) stattfinden.

Dieser Gesamtablauf wird auch als „Bologna-Prozess“ bezeichnet, da 1999 in Bologna die Rahmenbedingungen für einen einheitlichen europäischen Hochschulraum geschaffen wurden.

So wurden die folgenden Punkte festgelegt:

- Die Schaffung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse.
- Die Schaffung eines zweistufigen Systems (undergraduate, hier: Grundstudium/ postgraduate, hier: Aufbaustudium) von Studienabschlüssen.
- Die Einführung eines Leistungspunktesystems ECTS (European Credit Transfer and Accumulation System), das Europäische System zur Anrechnung, Übertragung und Akkumulierung von Studienleistungen.
- Eine Mobilitätsförderung durch die Beseitigung von Mobilitätshemmnissen.
- Die Förderung der europäischen Zusammenarbeit durch Qualitätssicherung.
- Die Förderung der Europäischen Dimension in der Hochschulausbildung.

[vgl.: Bologna-Erklärung, 1999 bei Schämann. 2005]

Siehe hierzu auch die Grafik auf der nächsten Seite, zum Vergleich des deutschen mit dem englischen, bzw. dem angloamerikanischen Studientyp.

Studientypen im Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildung 1 Quelle http://ag-wiss.vpt-akademie.de/physio_studium.htm (letzter Download 20.01.2006)

Anmerkung:

„Der hier dargestellte deutsche Studientypus repräsentiert die Studiengänge der Naturwissenschaften (z. B.: Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Informatik, Elektrotechnik usw.). Zum Erreichen des ersten akademischen Grades steht zuerst die Diplomprüfung und dann die obligate Diplomarbeit an.

Die Dissertation zum Erreichen des Doktorgrades ist im eigentlichen Sinne kein Abschluss, lediglich eine Auszeichnung für die Befähigung zu selbständiger wissenschaftlicher Arbeit. Dies wird im deutschen System als zweiter akademischer Grad bezeichnet. Die Habilitation solle eher als Weiterführung und Vertiefung der wissenschaftlichen Arbeit verstanden werden. Abschluss der Habilitation ist dann die Antrittsvorlesung.

Der Titel des Professors kommt nach dem des Privatdozenten, beide stellen den dritten akademischen Grad, im deutschen System dar. Zum Professor wird man berufen.

Es wird geplant bis 2010 das deutsche System an das angloamerikanische anzupassen und anstelle des Privatdozenten den Juniorprofessor einzuführen.

Die akademischen Grade beim angloamerikanischen Studientyp sind zunächst Bachelor (erster akademischer Grad) und Master (zweiter akademischer Grad), mit der Möglichkeit als dritten akademischen Grad den Doktortitel zu erlangen [vgl.: AG-Wissenschaft, VPT-Akademie, 2003]. Die Studiendauer für den ersten und zweiten akademischen Grad, sollte insgesamt nicht länger als 10 Semester, also fünf Jahre, dauern.

Durch den Bologna-Prozess wurde die, seit 1991 durch die AG MTG vertretene Forderung auf eine Akademisierung der Gesundheitsfachberufe neu angeschoben [vgl.: Schämann, 2005].

Die Forderungen der AG MTG im Einzelnen:

- „Die Novellierung der Berufsgesetze mit der Anhebung der Ausbildung generell auf Hochschulniveau.“
- „Die Einrichtung von Bachelor-Studiengängen an den Hochschulen für den ersten berufsqualifizierenden Abschluss der Berufsgruppen Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Orthoptik und Hebammenwesen.“
- „Die Einrichtung von Master-Studiengängen an Hochschulen für die genannten Berufe insbesondere in den Bereichen Forschung, Lehre, Management und zur fachlichen Spezialisierung in den einzelnen Berufen“ [AG MTG, 2003].

Im Bereich der Physiotherapie ist der Bachelor of Science international mittlerweile der Grad, der zur Berufsausübung berechtigt. Dear Bachelor in der Physiotherapie ist jemand, der eine berufsqualifizierende Grundausbildung auf akademischem Niveau erfolgreich absolviert hat, er ist also für die Berufspraxis qualifiziert. Für Forschung, Leitung und Lehre erfolgt auf internationalem Parkett, die notwendige Qualifizierung im Rahmen eines Masters- oder Doktorandenstudiums[1] [vgl.: Scherfer, 2003].

2. VERÄNDERUNGEN IM DEUTSCHEN GESUNDHEITSWESEN

Das deutsche Gesundheitswesen hat sich aus der Historie heraus mittlerweile zu einem der größten und auch beschäftigungsintensivsten Teilsysteme der Gesellschaft entwickelt. Die demografische Entwicklung (Umkehr der Bevölkerungspyramide) [siehe: Anhang 1] hin zu einer immer älter werdenden Gesellschaft und die damit verbundenen Veränderungen der gesundheitlichen Problemlage, der medizinische und technische Fortschritt, die steigenden Kosten bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen, sowie sich daraus ergebende Anpassungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen im gesundheitlichen Versorgungssystem führen zu immer neuen Anforderungen an die berufliche Qualifizierung der Gesundheitsfachberufe.

Im Jahr 2050 ist die Hälfte der deutschen Bevölkerung älter als 48 Jahre. Zu dieser Erkenntnis kommt das statistische Bundesamt ... in seiner neuesten Bevölkerungsvorausberechnung. Jeder Dritte ist sogar 60 Jahre oder älter. Die Bevölkerungspyramide, die vor dem 1. Weltkrieg noch die klassische Form eines Dreiecks mit der Spitze nach oben hatte, wird 140 Jahre später ‚nahezu auf dem Kopf stehen‛ ...

… Besonders deutlich wird die Bevölkerungsentwicklung durch den sogenannten ‚Altenquotienten‛: Er bezeichnet das Verhältnis von Menschen im Erwerbsalter zu Menschen im Rentenalter. Beim derzeitigen realen durchschnittlichen Renteneintrittsalter lag er bei 44. Das bedeutet 100 Menschen im Erwerbsalter standen 44 im Rentenalter gegenüber. Den Berechnungen des Bundesamtes zufolge steigt der Quotient bis 2050 auf 78. Würde das faktische Rentenalter bis dahin auf 65 hochgesetzt werden können, so wäre ein Quotient von 55 zu erwarten.“ [FAZ.NET, 06. Juni 2003]

Auch auf Grund einer hohen gesellschaftlichen Bedeutung des Gutes „Gesundheit“, wegen seiner gesamtwirtschaftlichen Wichtigkeit und natürlich auch wegen der hohen Kosten steht der Gesundheitssektor häufig im Mittelpunkt politischer, wirtschaftlicher und öffentlicher Debatten. Auslöser für solche Diskussionen sind aber nicht nur die hohen Kosten, sondern auch die Qualität der erbrachten medizinischen Dienstleistungen.

Vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklungen und Veränderungen wird zunehmend die Frage diskutiert, wie Gesundheitsfachberufe und deren Ausbildungen zu gestalten sind, damit sie den sich verändernden Anforderungen eigenständig gerecht werden können. Die Diskrepanz zwischen Qualifikation und Anforderungen aus der beruflichen Arbeit betrifft besonders diese nichtakademisch ausgebildeten Berufe, darunter auch die Physiotherapie.

3. DEFINITION: „PHYSIOTHERAPIE“

Bei der Recherche nach einer weltweit gültigen Definition des Begriffes „Physiotherapie bzw. physiotherapy“ wurden mehrere Varianten gefunden. Als ein großes Problem zeigte sich die Übersetzung der meist in englischer Sprache verfassten Definitionen ins Deutsche. Die in der englischsprachigen Literatur verwendeten Begrifflichkeiten haben oft kein Äquivalent in der deutschen Sprache oder werden bei uns in einem anderen Kontext verwendet.

Deshalb sind hier exemplarisch eine englische Version, die der „Australian Physiotherapy Association“ (APA), und eine deutsche Version, aus „Wikipedia.de“, einer Definition angeführt. Es wird wegen der oben genannten Gründe darauf verzichtet die Definition der Australian Physiotherapy Association (APA) ins Deutsche zu übersetzen[2].

Definition of physiotherapy

Physiotherapy is an holistic approach to the prevention, diagnosis, and therapeutic management of disorders of movement or optimisation of function, to enhance the health and welfare of the community from an individual or population perspective. The practice of physiotherapy encompasses a diversity of clinical specialties to meet the unique needs of different client groups (APA 1999).

Physiotherapy services are used in a wide variety of areas such as health organisations, private practices, schools and community, and sports and workplace settings (The University of Sydney 2004).

The practice of physiotherapy is founded upon a clinical reasoning process and may incorporate the following activities: the performance of physiotherapy assessments and the treatment of any injury, disease, or other condition of health, or the prevention or rehabilitation of injury, disease, or other condition of health, by the use of physical interventions, and/or electro physical agents, and/or exercise prescription within a framework of empowerment of the individual/carer or the community through education” [APA, 2004].

Physiotherapie ist die äußerliche Anwendung von Heilmitteln. Sie orientiert sich bei der Behandlung sowohl an den natürlichen, chemischen und physikalischen Reizen der Umwelt (z.B.: Wärme, Kälte, Druck, Strahlung, Elektrizität) als auch an den anatomischen und physiologischen Gegebenheiten des Patienten. Dabei zielt die Behandlung auf natürliche, physiologische Reaktionen des Organismus (z.B.: Muskelaufbau und Stoffwechselanregung) zur Wiederherstellung, Erhaltung oder Förderung der Gesundheit. Anwendungen sind z. B. Krankengymnastik als Einzel- oder Gruppentherapie, Massagen (Klassische Massage, Bindegewebsmassage, Periostmassage, Reflexzonenmassage, Colonmassage), Thermotherapie (Wärme- und Kältetherapie in verschiedenster Form), Atemtherapie, Bewegungsbäder, Rückenschule usw.

Die Physiotherapie besteht aus diversen Behandlungstechniken, wie z.B. der manuellen Therapie, der funktionellen Bewegungslehre (FBL), PNF, Vojta, Bobath usw.[3]

Physiotherapeuten analysieren und interpretieren sensomotorische Funktions- und Entwicklungsstörungen, um sie mit speziellen manuellen und anderen physiotherapeutischen Techniken zu beeinflussen. Primärer Ansatzpunkt ist das Bewegungssystem und das Bewegungsverhalten, wobei das Ziel Schmerzfreiheit und ökonomisches Bewegungsverhalten ist oder das Schaffen von Kompensations-möglichkeiten bei irreversiblen Funktionsstörungen.

Physiotherapeuten beeinflussen aber auch Funktionsstörungen innerer Organe, verbessern die Eigen- und Fremdwahrnehmung sowie die Sozialkompetenz und wollen ebenfalls auf die psychische Leistungsfähigkeit einwirken.

Ziele der Physiotherapie sind darüber hinaus Eigenständigkeit und Selbständigkeit des Patienten zu fördern und die Selbstheilungskräfte des Organismus zu aktivieren; wo Selbständigkeit des Patienten nicht zu erreichen ist, gehört zu den physiotherapeutischen Aufgaben das Anleiten von Angehörigen (z.B. in der Pädiatrie oder bei schweren neurologischen Störungen)“ [Wikipedia.de, 2005].

Vor der Wiedervereinigung Deutschlands wurde im Westen der Republik der Begriff „Krankengymnastik“ verwendet. Erst mit der Novellierung der Berufsgesetze im Jahr 1994 wurde der Begriff Physiotherapie in Gesamtdeutschland eingeführt. Grund dafür war die Anpassung an den internationalen Sprachgebrauch und die Zusammenführung der west- und ostdeutschen Heilberufe nach der Wiedervereinigung. In der DDR war der Begriff "Physiotherapie" bereits vor der Wiedervereinigung üblich.

4. GESCHICHTE DER PHYSIOTHERAPIE

Der Begriff „Physiotherapie“ hat sich aus der „Krankengymnastik“ zum Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt. Vorher war die „Physiotherapie“ als solche nicht bekannt. In der heutigen Zeit wird fast nur noch von „Physiotherapie“ gesprochen, wobei die „Krankengymnastik“ nur noch einen Teilbereich bezeichnet.

Im Bereich der Heilmittel lassen sich die Ursprünge sehr weit in der Geschichte zurückverfolgen. Schon um 2000 vor Christus wurden Thermal- und Mineralquellen zur religiös-geistigen Reinigung, mit therapeutischem Nebeneffekt, eingesetzt. Um 1600 vor Christus wurde von indischen Priestern mit medizinischer Gymnastik geheilt. Auch in China versuchten die Menschen zu dieser Zeit mit einer systematischen Gymnastik die Einheit zwischen Körper und Geist herzustellen. Hippokrates (zirka 460-370 vor Christus) entwickelte erste Inhalte im Sinne der heutigen Physiotherapie.

„Die Physiotherapie gehört damit zu denjenigen Berufsgruppen im Gesundheitswesen, die, wie auch Arzt, Krankenschwester und Hebamme, nicht erst Resultate der modernen Entwicklung von Medizin und Medizintechnik sind (z.B. MTAL, MTAR, Orthopisten) und deren berufliche Etablierung auch nicht auf einer Modifizierung bzw. Erweiterung der therapeutischen Zielsetzung in der Rehabilitation, wie es bei der Ergotherapie der Fall war, basiert, sondern deren therapeutische Grundsätze und Maßnahmen im wesentlichen nach wie vor auf traditionellem Wissen und Verfahren beruhen, welche sich im Laufe des Professionalisierungsprozesses ausdifferenziert bzw. um technische Möglichkeiten erweitert haben“ [Schewior-Popp, 1999].

Kurz nach Christus begannen in Europa die Römer, hier vor allem der griechische Arzt Galenus von Pergamon „Galen“ (129-199 nach Christus) und Griechen verstärkt damit, einen engen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Bewegung zu sehen. Im christlichen Mittelalter, in dem schon die Körperhygiene als Sünde angesehen wurde, hatte die Heilung durch körperliche Betätigung einen schweren Stand. In dieser Zeit wurde im Mittleren Osten viel für die Entwicklung der Medizin getan, aber auch hier spielte die körperliche Betätigung keine Rolle. Nach dem Mittelalter entstanden aus der Berufsgattung der „Bader“ und „Scherer“, welche zur Zunft der Schmiede zählten, die Vorläufer der heutigen Physiotherapeuten.

Das erste wichtige Werk für den Bereich der Physiotherapie verfasste Friedrich Hoffmann (1660-1742); er war der Gründervater der „Medizinischen Fakultät der Academia Fricericiana Halensis“ in Halle. Noch heute bekannt sind die nach ihm benannten „Hoffmann’s Tropfen“, eine Mischung von einem Teil Äther mit drei Teilen Alkohol. Er schrieb unter anderem, dass Gymnastik auf Grund des günstigen Einflusses auf Atmung, Durchblutung, Esslust und das allgemeine Wohlbefinden, das beste Mittel sei zur Förderung der Gesundheit. [vgl.: MDR- Die Geschichte Mitteldeutschlands, 2005] „Friedrich Hoffmann wird auch als ein Mitbegründer und Initiator der modernen chemisch-analytisch gestützten und medizinisch-therapeutisch fundierten Balneo- und Hydrotherapie angesehen“ [MDR- Geschichte Mitteldeutschlands, 2005].

Den größten Einfluss hatte aber der Schwede Per Henrik Ling (1776-1839), von vielen wird er als eigentlicher Vater der Physiotherapie betrachtet. Auch er benützte Erkenntnisse aus den alten chinesischen Schriften und passte daraufhin Massagetechniken und Gymnastik so an, dass sie ab diesem Zeitpunkt, als ideales Werkzeug zur Behandlung von körperlichen Abweichungen eingesetzt werden konnten. Per Henrik Ling erhielt vom schwedischen König den Auftrag ein Gymnastikinstitut zu gründen. Er entwickelte hierzu, aus den Übungen der 1798 von Franz Nachtegall in Kopenhagen (Dänemark) gegründeten „Gymnastischen Gesellschaft“, die „schwedische Gymnastik“ und gründete im Jahr 1813 das „Kungliga Gymnastiska Centralinstitut (GCI)“. Es war weltweit das erste in dem sowohl pädagogische als auch medizinische und militärische Gymnastik unterrichtet wurde [vgl.: Barth, 2005].

5. ENTWICKLUNG DER PHYSIOTHERAPIE IN DEUTSCHLAND

Innerhalb dieses Gliederungspunktes soll nun der Focus auf die spezielle Entwicklung der Physiotherapie in Deutschland gerichtet werden, hier im Besonderen die Entwicklung in West-Deutschland, von den Anfängen bis zum Inkrafttreten des Masseur- und Physiotherapeutengesetzes im Jahre 1994[4].

1852-1899:

Der Berliner Arzt und Orthopäde Albert C. Neumann (1803-1876) hörte von der Methode Lings, er reiste nach Stockholm (Schweden) und informierte sich über die „schwedische Heilgymnastik“. Nach seiner Rückkehr entstand in Berlin, im Jahre 1852, unter seiner Leitung eine Heilgymnastikschule nach schwedischem Vorbild. In dieser wurden anfänglich sowohl Männer als auch Frauen unterrichtet. Neumann verglich die Stellung des „Gymnasten“ mit der eines Apothekers, in Kooperation mit den ärztlichen Spezialisten [vgl.: Uhlmann, 2004].

[...]


[1] In den USA gibt es allerdings Tendenzen, die Berechtigung zur Berufszulassung im Bereich der Physiotherapie mit einem Master-Grad zu verbinden.

[2] Diese Definitionen erheben nicht den Anspruch einer allgemeinen Gültigkeit, aber sie stellen, nach Meinung des Autoren, eine umfassende Beschreibung des Begriffes dar.

[3] Bei dieser Aufzählung handelt es sich um Bezeichnungen für spezielle physiotherapeutische Behandlungstechniken.

[4] Die Zusammenstellung der Entwicklung der Physiotherapie in Deutschland, erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie gibt nur, die nach Meinung des Autors, wichtigsten Stationen der Entwicklung wieder.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Die Geschichte der Physiotherapie. Ausbildungsmöglichkeiten und Status in Deutschland
Hochschule
Private Fachhochschule Döpfer
Note
1,2
Autor
Jahr
2006
Seiten
50
Katalognummer
V284163
ISBN (eBook)
9783656836339
ISBN (Buch)
9783656864493
Dateigröße
3096 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, physiotherapie, ausbildungsmöglichkeiten, status, deutschland
Arbeit zitieren
B. Sc. Michael Rudolph (Autor), 2006, Die Geschichte der Physiotherapie. Ausbildungsmöglichkeiten und Status in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284163

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