Das Konzil von Ephesus aus dem Jahre 431 festigte die Auffassung der katholischen Überlieferung zur Frage nach der Menschwerdung Jesu Christi und beeinflusste die Position der Kirche zu dieser Frage nachhaltig. Ausschlaggebend hierfür waren die Ausführungen des konzilsleitenden Bischofs Cyrill von Alexandrien, der sich bereits im Vorfeld des Konzils mit Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel, per Briefwechsel darüber stritt, ob die heilige Jungfrau Maria als „theotokos“ (zu deutsch: „Gottesgebärerin“) oder lediglich als „christotokos“ (zu deutsch: „Christusgebärerin“) bezeichnet werden durfte.
Während dieser Auseinandersetzungen agierte Cyrill heftig gegen Nestorius, indem er nicht nur ihm, sondern auch dem Bischof von Rom, anderen hohen Kirchenvertretern und weltlichen Herrschern Briefe schrieb, in denen er um Unterstützung gegen Nestorius bat. Zudem verfasste er fünf Bücher „Gegen die Gotteslästerungen des Nestorius“. Das Konzil, das von Kaiser Theodosius II. einberufen wurde, um diese Streitigkeiten beizulegen, war durch Ungerechtigkeiten gegenüber Nestorius gekennzeichnet. So eröffnete Cyrill das Konzil vorzeitig und noch bevor die Bischöfe Antiochiens eintrafen, die sich wohl auf Nestorius' Seite gestellt hätten. Auf diese Weise erreichte er schließlich eine Mehrheit an Stimmen, die sich für eine Absetzung des Nestorius' einsetzten.
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse wirft sich die Frage auf, warum Cyrill bei den Streitigkeiten um die Menschwerdung Jesu Christi derart übereilt und ungerecht handelte. In der vorliegenden Arbeit soll diskutiert werden, ob persönliche und kirchenpolitische Motive sein Handeln beeinflusst haben könnten oder ob sein Handeln mit aufrichtigem Eifer für den Glauben zu erklären ist. Dies wird zum einen auf Grundlage des Werkes „liber heraclidis“ von Nestorius geschehen, in dem er Cyrill aus dem Exil heraus unaufrichtige und inhaltsferne Motive bezüglich der Streitigkeiten unterstellte.
Da dieses Werk als Verteidigungsschrift aus Sicht des verurteilten Nestorius verfasst wurde, werden diese Anklagen anhand anderer Quellen auf ihren Gehalt hin geprüft. Zum anderen stützt sich die Arbeit auf den Briefwechsel, der zwischen Nestorius und Cyrill stattfand, und der Aufschluss über die Ansichten beider Parteien gibt. Es wird untersucht, ob aus den Inhalten des Streits Schlüsse gezogen werden können, die das übereifrige Handeln Cyrills erklären und einen Eifer für den Glauben als Motiv nachweisen können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Persönliche und kirchenpolitische Motive
2.1 Behauptung gegen das „nea roma“ Konstantinopel
2.2 Ablenkmanöver gegen eigene Anklagen
3. Eifer für den Glauben
3.1 Der Gegensatz zwischen Nestorius und Cyrill
3.2 Cyrills christologische Theologie und sein Heilsverständnis
3.2.1 Der Gegensatz der alexandrinischen und der antiochenischen Schule
3.2.2 Cyrills christozentrisches Heilsverständnis
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Beweggründe des Bischofs Cyrill von Alexandrien im theologischen Streit mit Nestorius um die Menschwerdung Jesu Christi. Ziel ist es zu klären, ob Cyrills energisches und teils als ungerecht empfundenes Vorgehen primär durch machtpolitische, persönliche Ambitionen motiviert war oder aus einem aufrichtigen Eifer für den christlichen Glauben entsprang.
- Kirchenpolitische Rivalität zwischen den Patriarchaten Alexandrien und Konstantinopel
- Die Auseinandersetzung um den Titel "Theotokos" (Gottesgebärerin)
- Gegenüberstellung alexandrinischer und antiochenischer Theologie
- Analyse von Nestorius' Verteidigungsschrift "liber heraclidis" und dem Briefwechsel
- Das christozentrische Heilsverständnis als zentrales Motiv
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Gegensatz zwischen Nestorius und Cyrill
Cyrill sah sich zu energischem Handeln gegen Nestorius veranlasst, als dieser bereits kurz nach seinem Amtsantritt als Patriarch von Konstantinopel öffentlich gegen den unter Christen weit verbreiteten Begriff „theotokos“ predigte. Nestorius hielt diese Bezeichnung für unwahr, da „nur Gott Vater […] Gott hervorgebracht [habe]“ und Gott zudem nicht neun Monate hätte wachsen, gewickelt werden, leiden und sterben müssen. Die Einheit zwischen Gott und dem Menschen sei demnach rein äußerlich zu verstehen, nämlich der menschliche Körper Jesu als Tempel der in ihm wohnenden Gottheit. Cyrill reagierte, als die Inhalte der Predigten des Nestorius Alexandrien erreichten und warnte wie oben bereits erwähnt die alexandrinischen Mönche davor, ihnen zu folgen. Außerdem richtete er gegen Ende des Sommers 429, zu Beginn des Jahres 430 und im November 430 Briefe an Nestorius, in denen er ihn um Stellungnahme bat und ihn unter Darlegung seiner eigenen Auffassung zum Wesen Christi zum rechten Glauben ermahnte. Vor allem aus dem zweiten und dem dritten Brief, sowie aus einer Antwort des Nestorius auf den zweiten Brief lassen sich Schlüsse auf ihr gegensätzliches christologisches Denken ziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert den historischen Kontext des Konzils von Ephesus 431 und stellt die Forschungsfrage nach den Motiven Cyrills im Streit mit Nestorius.
2. Persönliche und kirchenpolitische Motive: Dieses Kapitel prüft, ob kirchenpolitische Rivalitäten und der Wunsch nach Ablenkung von eigenen Anklagen Cyrills Handeln maßgeblich beeinflusst haben könnten.
3. Eifer für den Glauben: Hier wird analysiert, inwiefern der theologische Kernstreit und Cyrills tief verwurzeltes heilsgeschichtliches Denken sein Verhalten gegenüber Nestorius erklären.
4. Schluss: Die Zusammenfassung kommt zu dem Ergebnis, dass trotz möglicher machtpolitischer Hintergründe der Eifer für den Glauben und die Sorge um das christliche Heilsverständnis zentrale Antriebsfedern Cyrills waren.
Schlüsselwörter
Cyrill von Alexandrien, Nestorius, Konzil von Ephesus, Theotokos, Christologie, Menschwerdung Jesu, Alexandrinische Schule, Antiochenische Schule, Heilsverständnis, Kirchenpolitik, Kirchengeschichte, Konstantinopel, Gottessohnschaft, Glaube, Libellus Heraclidis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Motive hinter dem Vorgehen von Cyrill von Alexandrien gegen den Patriarchen Nestorius im Kontext der christologischen Streitigkeiten des 5. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die kirchenpolitischen Spannungen zwischen den Patriarchaten, die theologische Debatte um die Gottessohnschaft Marias sowie die unterschiedlichen christologischen Denkschulen der Antike.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob Cyrills Vorgehen gegen Nestorius primär machtpolitisch motiviert war oder ob ein aufrichtiger Eifer für die Bewahrung des wahren Glaubens als Hauptgrund anzusehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine quellenkritische Analyse, insbesondere den Briefwechsel zwischen Cyrill und Nestorius, sowie die Auswertung des Werkes „liber heraclidis“ unter Berücksichtigung der Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung persönlicher Motive, wie Rivalitäten zu Konstantinopel, und die tiefgehende Erörterung der christologischen Differenzen zwischen der alexandrinischen und antiochenischen Tradition.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen zählen Christologie, Theotokos-Streit, Heilsgeschichte, Cyrill von Alexandrien und die Konzilsgeschichte des 5. Jahrhunderts.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „liber heraclidis“?
Das Werk wird als Verteidigungsschrift des verurteilten Nestorius gewürdigt, dessen Anklagen gegen Cyrill jedoch durch den Vergleich mit anderen Quellen einer kritischen Prüfung unterzogen werden.
Warum ist das Heilsverständnis für Cyrills Motive entscheidend?
Weil für Cyrill die Lehre des Nestorius die göttliche Liebe und die Solidarität Gottes mit den leidenden Menschen infrage stellte, was für ihn den Kern der christlichen Heilsbotschaft berührte.
- Citation du texte
- B.Ed. Christoph Hendrichs (Auteur), 2012, Cyrills Motive im Streit mit Nestorius um das Wesen Jesu Christi (431 n.Chr.), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284181