Platons Dialog „Kratylos“ gilt als die älteste vollständig überlieferte Schrift aus dem europäischen Raum, die sich mit Sprachphilosophie auseinandersetzt. Aus ihr erfahren wir, welche sprachphilosophischen Positionen dem damaligen Athen bereits bekannt waren und sie lässt Spekulationen darüber zu, wie Platon selbst über ebendiese Standpunkte dachte. Den Ausgangspunkt des Dialogs bildet die Beschäftigung mit der Frage, ob Namen durch Konvention festgelegt werden oder ob ihnen eine natürliche Richtigkeit zugrunde liegt. Die Auseinandersetzung mit diesen Positionen eröffnet weitere Fragen, die im Dialog behandelt werden. So setzt sich Platon bzw. sein literarischer Sokrates weiterhin mit den Fragen auseinander, inwiefern Namen überhaupt Dinge repräsentieren können, was von den Dingen durch Namen abgebildet werden sollte und wie etymologische Verfahren vor diesem Hintergrund einem Erkenntnisgewinn über die Dinge zuträglich sein können. Dies wiederum führt schließlich zu der Frage, wie das Sein selbst beschaffen ist, ob es als etwas ständig Fließendes im heraklitischen Sinne zu begreifen sei oder ob den seienden Dingen unveränderliche Ideen zugrunde liegen. Die vorliegende Arbeit wird sich an der Ausgangsfrage orientierend mit Platons Suche nach einer sinnvollen Theorie bei der Bildung und Zuordnung von Namen beschäftigen. Es soll hierbei der Frage nachgegangen werden, worin Platon ein Kriterium für die Richtigkeit von Worten sah und ob er hierbei den zeitgenössischen sprachphilosophischen Positionen etwas abgewinnen konnte. In einem ersten Schritt werden die Standpunkte zur Sprachphilosophie vor und zu Platons Zeit vorgestellt, die er im Dialog „Kratylos“ in zwei grundsätzlich gegenüberstehende Positionen bündelte. In einem weiteren Schritt wird gezeigt, inwiefern Platon sich mit ihnen auseinandersetzte. Hierbei wird auch Platons Ideenlehre als Möglichkeit zur Beantwortung der Fragestellung in Betracht gezogen und der Dialog „Kratylos“ auf mögliche Hinweise zur Ideenlehre hin untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zeitgenössische Einflüsse auf Platons Sprachphilosophie
3. Platons Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Auffassungen
3.1 Zur Konventionstheorie
3.2 Zur Theorie von der natürlichen Richtigkeit der Benennungen
3.2.1 Zu den Ansichten Homers
3.2.2 Das etymologische Verfahren und die Lehre Heraklits
3.2.3 Die Ideenlehre und die Benennung von Dingen
3.3 Zusammenführung beider Thesen
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Platons Sprachphilosophie anhand des Dialogs „Kratylos“, insbesondere die Frage nach dem Kriterium für die Richtigkeit von Worten und die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Positionen.
- Vergleich zwischen Konventionstheorie und natürlicher Richtigkeit von Benennungen
- Analyse des Einflusses von Homer und Heraklit auf Platon
- Die Rolle des Gesetzgebers (nomothétes) bei der Wortbildung
- Die Verbindung zwischen der Ideenlehre und der Benennung von Dingen
- Die Funktion von Sprache als Werkzeug für den Erkenntnisgewinn
Auszug aus dem Buch
3.3 Zusammenführung beider Thesen
Nach den bisherigen Ausführungen scheint alles darauf hinauszulaufen, dass Sokrates Kratylos´ These von der natürlichen Richtigkeit der Worte zustimmen würde. Doch wird auch dessen These zumindest noch einer Präzisierung unterzogen. Kratylos stimmt Sokrates darin zu, dass die Worte das Sein bzw. die Wirklichkeit abbilden sollten.28 Doch wird er alsbald dahingebracht, sich darauf zu versteifen, dass es lediglich richtige und keine falsche Worte geben kann, da falsch zugeordnete Namen nur scheinbare Gültigkeit besitzen. Es gebe für Kratylos also keine besser oder schlechter gebildeten Namen, da nur diese, die in ihrer Lautgestalt das Sein vollständig richtig abbilden als Benennungen bezeichnet werden dürften.29 Sokrates bringt Kratylos schließlich zu der Erkenntnis, dass es doch bessere und schlechtere Lautbildungen geben muss, da eine perfekte Abbildung eines Dings bedeuten würde, dass es in der Folge ein zweites Mal in genau der gleichen Form existieren würde. Dies wiederum widerspricht sich mit dem auch von Kratylos bestätigtem Umstand, dass das Wort und das durch das Wort bezeichnete Ding nicht identisch seien.30 Das Kriterium von Richtigkeit, das vom nomothétes bei der Wortbildung zu berücksichtigen ist, bestehe also vielmehr darin, „die Grundzüge des Dinges“31 abzubilden als das Ding zu verdoppeln. Weil die gebildeten Wörter auf diese Weise mal besser, mal schlechter in Beziehung zum Wesen des seienden Dings gestellt sind, bedarf es für eine erfolgreiche sprachliche Kommunikation einer gewissen Konvention und Übereinkunft bei der Verwendung von Worten.32 Durch diese Einsicht muss Kratylos schließlich auch ein Stück weit auf Hermogenes These eingehen, so wie letzterer im ersten Teil des Dialogs an Kratylos´ Ansicht herangeführt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den Dialog „Kratylos“ als Ausgangspunkt der Untersuchung vor und definiert die Fragestellung bezüglich der Richtigkeit von Worten.
2. Zeitgenössische Einflüsse auf Platons Sprachphilosophie: Dieses Kapitel beleuchtet Einflüsse von Dichtern wie Homer sowie von Heraklit auf Platons sprachphilosophisches Denken.
3. Platons Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Auffassungen: Der Hauptteil untersucht die Auseinandersetzung Platons mit der Konventionstheorie und der Theorie der natürlichen Richtigkeit, unter Einbezug der Ideenlehre.
3.1 Zur Konventionstheorie: Hier wird Hermogenes' Standpunkt diskutiert, dass Sprache auf Vertrag und Übereinkunft basiert.
3.2 Zur Theorie von der natürlichen Richtigkeit der Benennungen: Dieser Abschnitt analysiert das Kriterium der natürlichen Sprachrichtigkeit durch verschiedene historische und philosophische Ansätze.
3.2.1 Zu den Ansichten Homers: Untersuchung der ironischen Auseinandersetzung mit der homerischen Vorstellung von Götternamen.
3.2.2 Das etymologische Verfahren und die Lehre Heraklits: Erläuterung, warum Platon das etymologische Verfahren als unzureichend für ein Erkenntniskriterium ansieht.
3.2.3 Die Ideenlehre und die Benennung von Dingen: Darstellung der Bedeutung der Ideenlehre für eine objektive Richtigkeit von Namen.
3.3 Zusammenführung beider Thesen: Synthese der Standpunkte, die zu dem Ergebnis führt, dass Sprache sowohl eine Orientierung am Wesen der Dinge als auch Konvention erfordert.
4. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass für Platon sowohl das Wesen der Dinge als auch die praktische Konvention für die Richtigkeit von Worten entscheidend sind.
Schlüsselwörter
Platon, Kratylos, Sprachphilosophie, Konventionstheorie, natürliche Richtigkeit, Benennungen, nomothétes, Ideenlehre, Heraklit, Panta-rhei-Lehre, Etymologie, Dialektik, Ontologie, Sprechen, Wesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Platons Sprachphilosophie im Dialog „Kratylos“, wobei der Fokus auf der Untersuchung der Richtigkeit von Worten und Namen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Gegenüberstellung von Konventionstheorie und natürlicher Richtigkeit sowie die Rolle der Ideenlehre bei der Benennung von Objekten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, worin Platon ein Kriterium für die Richtigkeit von Worten sah und wie er die zeitgenössischen sprachphilosophischen Positionen bewertete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse des platonischen Dialogs „Kratylos“ unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Konventionstheorie, der natürlichen Sprachrichtigkeit, der Rolle Homers und Heraklits sowie die Integration der Ideenlehre in die Theorie der Wortbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sprachphilosophie, Platon, Konventionstheorie, natürliche Richtigkeit und Ideenlehre charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Figur des nomothétes bei Platon?
Der nomothétes ist der Gesetzgeber oder Wortbildner, der nach Platon bei der Namensgebung die Idee des Dings berücksichtigen sollte, um eine angemessene Abbildung zu gewährleisten.
Warum hält Platon etymologische Verfahren für unzureichend?
Da Platon zeigt, dass dieselben Worte sowohl auf Bewegung als auch auf Stillstand zurückgeführt werden können, disqualifiziert er die Etymologie als verlässliches Kriterium für die objektive Richtigkeit von Namen.
Wie integriert Platon die Ideenlehre in seine Sprachauffassung?
Platon sieht das Wort als Werkzeug, dessen Form sich am Urbild (der Idee) des zu bezeichnenden Gegenstands orientieren sollte, wobei die konkrete lautliche Ausgestaltung konventionell geprägt sein kann.
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- B.Ed. Christoph Hendrichs (Autor), 2013, Eine Analyse von Platons Ansicht über die Richtigkeit von Worten auf Grundlage des Dialogs "Kratylos", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284183