Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
Nahezu jeder Aufenthalt in einem urbanen Ballungsgebiet dokumentiert in aller Deutlichkeit die Probleme, die mit der derzeitigen Bewältigung des Verkehrsaufkommens vorwiegend durch motorisierten Individualverkehr (im Folgenden: MIV) verbunden sind: Verkehrsstaus, Lärmbelastung, Abgasemissionen, Unfallopfer und Raumverbrauch sind die sichtbarsten Kosten, mit denen Mobilität in der Form des MIV erkauft wird. Ressourcenverzehr, Bodenversiegelung und Erosion des innerstädtischen Einzelhandels zugunsten autogerechter Einkaufszentren im Umland sind als weniger sichtbare Konsequenzen zu nennen.
Die öffentliche Hand1 verfügt über Instrumente, dieser Problematik zu begegnen: Öffentlicher Personennahverkehr (im Folgenden: ÖPNV), Förderung des nichtmotorisierten Verkehrs (auch zu Lasten des MIV) und verkehrsreduzierende Raumplanung können als Bausteine einer zukunftsfähigeren Verkehrspolitik betrachtet werden. Jedoch kann die öffentliche Hand die Verkehrsprobleme weder im Alleingang, noch gegen den Widerstand der Bevölkerung lösen.
Das Automobil erfreut sich, wie in Kapitel 2 beschrieben, in allen Verkehrsbereichen – Beruf, Geschäft, Ausbildung, Einkauf, Freizeit, Urlaub – vor allem aufgrund seiner Flexibilität größter Beliebtheit. Will man die sich daraus ergebenden langfristig verheerenden Konsequenzen nicht mit striktem Dirigismus bekämpfen, sind neben einem Mindestmaß an restriktiven Maßnahmen vor allem Alternativen gefragt, die ein Umsteigen auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel attraktiv machen. Hier sind neben der öffentlichen Hand vor allem Unternehmen mit ihrer Innovationskraft und ihrer Fähigkeit, aus Eigeninteresse die Bedürfnisse von Kunden optimal zu befriedigen, gefordert.
Eine solche Innovation aus der Privatwirtschaft stellt das im Frühjahr 2000 in München eingeführte stationsunabhängige Fahrradverleihsystem Call A Bike dar. Dieses kann, wie in Kapitel 3 dargestellt, als eigenständiges Transportmittel und zusätzlich in Kombination mit anderen Verkehrsmitteln (ÖPNV, Bahn, MIV) helfen, die zahlreichen ökologisch besonders schädlichen Kurzstrecken per Automobil im Stadverkehr zu verringern.
Ziel der Arbeit ist es, dem Unternehmen Möglichkeiten zur Expansion des Systems in weitere Zielmärkte aufzuzeigen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Attraktivität von Zielmärkten und den strategischen Optionen, die dem Unternehmen zur Erschließung dieser offen stehen...
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
2 Realisierung von Mobilität im Personenverkehr
2.1 Personenverkehr in Deutschland
2.1.1 Verkehrsaufkommen und Verkehrsleistung
2.1.2 Verteilung auf Verkehrsträger
2.1.3 Fahrtenanlässe
2.1.4 Regionale Verteilung des Verkehrs
2.2 Negative Auswirkungen der Verkehrsentwicklung
2.2.1 Globale Umweltauswirkungen
2.2.2 Umweltauswirkungen im Stadtbereich
2.2.3 Externe Kosten des Straßenverkehrs
3 Das Fahrradverleihsystem Call A Bike
3.1 Die Dienstleistung von Call A Bike
3.1.1 Nutzungsanlässe
3.1.2 Vergleich des Angebotes mit Mobilitätsalternativen
3.1.3 Einstellung von (potentiellen) Kunden zu Call A Bike
3.1.4 Die Zielgruppe von Call A Bike
3.1.5 Relevanz der ökologischen Verhaltenslücke
3.2 Möglichkeiten zur Steigerung der Dienstleistungsqualität
3.2.1 Erleichterung des Einstiegs
3.2.2 Vereinfachung von Entleihung und Rückgabe
3.2.3 Pflege von Stammkunden
3.2.4 Erweiterung des Entleihungsgebietes
3.3 Wirtschaftliche Tragfähigkeit des Konzeptes
3.3.1 Kosten-und Erlösstruktur
3.3.2 Deckung der Absatzprognosen im Pilotmarkt München
3.3.3 Zulässigkeit von Rückschlüssen auf die Tragfähigkeit
3.4 Alternative Fahrradverleihsysteme
3.4.1 CityBike
3.4.2 Witte Fietsen
3.4.3 Verhältnis zwischen City Bike und Call A Bike
4 Attraktivität von Zielmärkten
4.1 Attraktivität von Zielmärkten als komplexes System
4.2 Modellentwicklung durch qualitative Forschung
4.2.1 Forschungsinstrument Expertengespräch
4.2.2 Auswahl der Gesprächspartner
4.2.3 Entstehen der Einzelmodelle
4.3 Identifizierte Einflußfaktoren
4.3.1 Unstrittige Faktoren
4.3.2 Strittige Faktoren
4.3.3 Weitere Faktoren
4.4 Gesamtmodell
4.5 Rückschlüsse aus dem Modell
5 Strategische Optionen der regionalen Expansion
5.1 Mögliche Formen der Expansion
5.1.1 Lizenzvergabe
5.1.2 Franchising
5.1.3 Strategische Allianzen
5.1.4 Kooperation mit öffentlichen Institutionen
5.2 Geschwindigkeit der Expansion
5.3 Handlungsempfehlung zur Expansion
6 Zusammenfassung und Ausblick
6.1 Zusammenfassung
6.2 Ausblick
6.2.1 Öffentlicher Personennahverkehr
6.2.2 Förderung des Rad- und Fußverkehrs
6.2.3 Raumplanung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die strategischen Optionen und die Attraktivität von Zielmärkten für das stationsunabhängige Fahrradverleihsystem "Call A Bike", um das Unternehmen bei der regionalen Expansion zu unterstützen und dessen ökonomische Tragfähigkeit zu verbessern.
- Analyse der aktuellen Verkehrssituation und deren negativer Umweltauswirkungen in Deutschland.
- Detaillierte Untersuchung des Fahrradverleihsystems "Call A Bike" und dessen Dienstleistungsqualität.
- Entwicklung eines Modells zur Bewertung der Attraktivität potenzieller Zielmärkte mittels qualitativer Forschung.
- Erörterung strategischer Expansionsmöglichkeiten wie Lizenzvergabe, Franchising und strategische Allianzen.
- Formulierung von Handlungsempfehlungen für die Expansion unter Berücksichtigung der Sicherstellung der Dienstleistungsqualität.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Dienstleistung von Call A Bike
Call A Bike bietet Privatkunden gegen bargeldlose Bezahlung eine Fahrradfahrt von A nach B mit beliebig vielen Pausen an. Diese Dienstleistung wurde wie folgt umgesetzt:
Ein Kunde sieht ein Fahrrad von Call A Bike (i.F. „Callbike“) und erkennt am grünen Blinken des Schlosses, daß es verfügbar ist. Er ruft eine gebührenfreie Telefonnummer an und spricht, ähnlich dem System von Mailboxen im Mobilfunk, mit einer Computerstimme oder einem Mitarbeiter im Call Center.
Nach Nennung von Kundennummer und Bike-Nummer erhält er den Öffnungscode für das Schloß. Mit diesem kann er das Schloß öffnen, losfahren und während der Entleihdauer beliebig oft (z.B. beim Einkaufen) wieder verschließen. Ist ein Callbike defekt, kann der Kunde es abstellen und ohne Gebühren gegen ein anderes Callbike eintauschen.
Bei Ankunft am Zielort verschließt er das Fahrrad nach Möglichkeit an einem festen Gegenstand und wählt am Schloß die Option Rückgabe. Daraufhin ist das Schloß nicht mehr mit dem alten Code zu öffnen, es erscheint ein Quittungscode. Dieser wird beim Rückgabeanruf durchgegeben, wodurch die Rückgabe für Call A Bike bestätigt ist. Der Kunde erfährt den Preis der beendeten Fahrt, seinen aktuellen Kontostand und wird verabschiedet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit: Diese Einführung thematisiert die Probleme des motorisierten Individualverkehrs und das Ziel, Call A Bike als nachhaltige Alternative zu etablieren.
2 Realisierung von Mobilität im Personenverkehr: Das Kapitel analysiert die Strukturen und negativen Auswirkungen des Personenverkehrs in Deutschland sowie die ökologischen Herausforderungen.
3 Das Fahrradverleihsystem Call A Bike: Hier wird das Call A Bike System detailliert vorgestellt, inklusive seiner Dienstleistung, Wirtschaftlichkeit und des Vergleichs mit anderen Fahrradverleihmodellen.
4 Attraktivität von Zielmärkten: Dieses Kapitel erläutert die Modellentwicklung zur Identifikation attraktiver Zielmärkte mithilfe qualitativer Experteninterviews.
5 Strategische Optionen der regionalen Expansion: Das Kapitel diskutiert verschiedene Expansionsmöglichkeiten und gibt konkrete Handlungsempfehlungen für das Unternehmen.
6 Zusammenfassung und Ausblick: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und einem Ausblick auf die Rolle von Fahrradverleihsystemen in einer zukunftsfähigen Verkehrspolitik.
Schlüsselwörter
Call A Bike, Fahrradverleihsystem, urbane Mobilität, Zielmarktanalyse, Verkehrsplanung, ökologische Nachhaltigkeit, strategische Expansion, Personenverkehr, Dienstleistungsqualität, Stadtentwicklung, motorisierter Individualverkehr, Intermodalität, Fahrradkultur, Expansionsstrategie, Expertengespräch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht das stationsunabhängige Fahrradverleihsystem "Call A Bike" und analysiert, unter welchen strategischen Voraussetzungen eine erfolgreiche Expansion in weitere regionale Märkte möglich ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Verkehrssituation, der Untersuchung des spezifischen Geschäftsmodells von Call A Bike, der Identifikation von Erfolgsfaktoren für neue Standorte sowie der Entwicklung von Expansionsstrategien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, dem Unternehmen konkrete Möglichkeiten und Strategien aufzuzeigen, um das System erfolgreich in weiteren Städten einzuführen und dabei langfristige Rentabilität zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Zur Entwicklung eines Modells für die Attraktivität von Zielmärkten wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, der auf einer Reihe von Experteninterviews mit Fachleuten aus den Bereichen Verkehr, Umweltmanagement und Marketing basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die verkehrspolitischen Rahmenbedingungen, dann das System Call A Bike und dessen Dienstleistungsqualität analysiert. Anschließend wird ein komplexes Attraktivitätsmodell für Zielmärkte hergeleitet und schließlich verschiedene Expansionsformen wie Lizenzvergabe und strategische Allianzen diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Call A Bike, urbane Mobilität, Zielmarktanalyse, ökologische Nachhaltigkeit, strategische Expansion und Dienstleistungsqualität.
Warum ist die "ökologische Verhaltenslücke" für Call A Bike relevant?
Die ökologische Verhaltenslücke beschreibt die Diskrepanz zwischen dem Wissen um Umweltschäden und dem tatsächlichen Handeln. Für Call A Bike bedeutet dies, dass das System nicht nur als "ökologisches Produkt" vermarktet werden darf, sondern vor allem durch konkrete Produktvorteile wie Komfort und Zeitersparnis überzeugen muss, um Kunden zu gewinnen.
Welche Rolle spielt die Stadtverwaltung bei der Expansion?
Die Stadtverwaltung fungiert als wichtiger strategischer Partner. Eine kooperative Einstellung gegenüber dem Fahrradverkehr, die Tolerierung der Nutzung öffentlicher Flächen und der Abbau administrativer Hemmnisse sind entscheidend für den Erfolg und die Schnelligkeit der Expansion.
- Quote paper
- Wilhelm Meinhold (Author), 2001, Die regionale Expansion von Call A Bike: Strategische Optionen und Attraktivität von Zielmärkten eines fahrradbasierten Mobilitätssystems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28428