Taktische Medien versus Strategische Medien: Gemeinsamkeiten und Unterschiede


Bachelorarbeit, 2009

47 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Subversion zwischen Kunst und Politik

3. Taktische und Strategische Medien
1.1. Entstehung des Begriffs der Taktischen Medien
1.2. Taktik- und Strategieverständnis I
1.3. Strategische Medien
1.4. Taktische Medien
1.5. Grundlegende Prinzipien Taktischer Medien

4. Utopie

5. Gemeinsamkeiten
1.1. Raum, Macht und Wahrheit
1.2. Mainstream
1.3. Hybridität

6. Abschließende Überlegungen
1.1. Strategie- und Taktikverständnis II
1.2. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

BBC World Interview mit "Jude Finsterra" vom 03.12.2004

Plagiat der New York Times vom 12.11.2008

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„The idea of tactical media is the harbinger of a question both necessary and timely: how is it possible to make media otherwise, media that expresses its solidarity with the humiliated thoughts and incomprehensible desires of those who seem doomed to silence, media that does not mirror the strategic power of the mainstream by lapsing into a self-certain propaganda identical to itself and blind to its own history.“ (Richardson, The language of tactical media)

1. Einleitung

Am 21. März diesen Jahres wurden Passanten in ganz Deutschland mit einer kostenlosen Sonderausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT überrascht. Das überraschende daran: die Ausgabe trug nicht das aktuelle Datum, sondern war auf den 1. Mai 2010 datiert. Die falsche Zeit berichtet aus der Zukunft. Darunter Artikel über Sanktionsmaßnahmen gegen Klimasünder und Finanzhaie, Berichte über den erfolgreichen Kampf gegen Hunger und Bildungsarmut. Nachrichten aus einer besseren Welt. Verantwortlich für dieses Plagiat war die Aktivistengruppe Attac, die, so möchte man meinen, eine vollkommen neuartige Form des Aufbegehrens geschaffen haben.

Jedoch ist diese Art der Intervention kein Einzelfall. Immer wieder wird von solchen maulwurfsartigen Angriffen auf Medien berichtet. Als Begriff für dieses Konzept wurde in den 1990er Jahren in Anlehnung an Michel de Certeau, der Begriff der »Taktischen Medien« geprägt. Taktische Medien werden von Aktionisten verschiedenster Disziplinen genutzt, um sich kurzzeitig deren Pendent, Strategische Medien wie DIE ZEIT, anzueignen, sie zu unterwandern und mit alternativen Botschaften zu füllen. „Taktische Medien sind Oppositionskanäle, die ihren Weg finden, aus dem subkulturellen Ghetto auszubrechen. [...] Typische Helden sind der nomadische Medienkrieger, der Prankster, Hacker, Rapper, Jammer und der Camcorder-Kamikaze. Sie sind die fröhlichen Negativen, immer auf der Suche nach Möglichkeiten den Feind zu behindern.“[1]

Vor dem Hintergrund dieses Konzepts soll die vorliegende Bachelorarbeit insbesondere Antworten auf folgende Fragen liefern:

- Was sind Taktisch Medien bzw. Strategische Medien genau?
- Welche Unterschiede gibt es? Welche Gemeinsamkeiten?
- Welche Arten von Aneignung der Medien gibt es?
- Was versteht sich unter dem Begriff Identity Correction ?

Das Phänomen der Taktischen Medien soll dabei speziell mit Blick auf die Aktionen von den allgemein als Netzaktivsten bezeichneten Bewegungen (z.b. Attac, The Yes Men oder dem Critical Art Ensemble) untersucht werden. Konzepte anderer »Strömungen«, wie die der Adbusters werden dabei Außen vor gelassen.

Um die genannten Fragen zu klären, wird zunächst das dem Phänomen zu Grunde liegende Taktik- bzw. Strategieverständnis genauer beleuchtet. Anschließend werden Taktische und Strategische Medien getrennt voneinander untersucht und auf Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede hin analysiert. Ziel ist es, inhaltliche Abweichungen, die möglicherweise seit der begrifflichen Schöpfung entstanden sind, herauszuarbeiten und zu überprüfen ob die begriffliche Umschreibung überhaupt noch auf die aktuellen Ausformungen Taktischer und Strategischer Medien zutrifft.

2. Subversion zwischen Kunst und Politik

Wir wollen sehen, ob darin der Sinn der subversiven Theorie liegt: Im Nachdenken über schlechte Zustände und um die Einsicht in die Notwendigkeit der Umwälzung, im Entwurf des Neuen. (Agnolli) [2]

Subversion ist immer noch ein zentraler Begriff um politisch-radikale und künstlerisch-avantgardistische Strategien zu beschreiben.[3] Subversion als Technik, die sich Aktivisten, Hacker und Cultural Jammer immer wieder zu Eigen machen. Mittels subversiver Methoden werden tradierte Denkmuster und die ökonomische Hegemonie - erdbebenartig und aus dem eigenen Inneren heraus - aufgerüttelt. Aufrütteln bedeutet in diesem Fall: Der Schwächere lässt den Gegner durch Kritik in Form von Negation auflaufen. Subversion als Mittel um Inkonsistenzen in den Aussagen und Handlungen des Gegners offenzulegen und ihn in seiner Glaubwürdigkeit zu diskreditieren: „Subversion ist stets nicht nur einfacher Protest, sondern immer auch eine körperlich-ästhetische Taktik um die Verhältnisse zu zwingen, sich zu offenbaren und in ihrer ganzen Falschheit zu erstrahlen.“[4]

Bei dem Versuch das Konzept Subversion konkret zu erfassen wird schnell deutlich, dass es sich in keiner eindeutigen Disziplin bewegt: „Für Kunsttheorie zu viel Politik, für sozialen Aktivismus zu viel Theorie, für politische Theorie zu viel Kunst.“[5] In erster Linie erinnert es wohl an die avantgardistischen Kunstbewegungen, die sich „seit jeher als subversive Bewegungen verstanden, die auf unorthodoxe Weise ihre eigenen kulturellen Wertsysteme leben und gegenüber der herrschenden Kultur als Gegenmodell propagieren wollten“[6]. Die Formierung dieser Bewegung basiert meist „auf einer für universell gehaltenen, bloß gegenwärtig von den meisten Menschen unterdrückten widerständigen Haltung“[7]. Nur wenn jenen Unterdrückern immer wieder aufgezeigt wird, welchen Zwängen sie ausgesetzt sind, kann ein allgemeines Bewusstsein darüber erlangt und ein kollektiver Akt der Befreiung erfolgen. In diesem Zusammenhang formte die Situationistische Internationale das Stilmittel des d é tournement. Dabei werden bereits existierende kulturelle Formen, die zur Aufrechterhaltung des herrschenden Systems beitragen, verfremdet und umgedeutet.

Die fehlende Greifbarkeit von Subversion spiegelt sich in seiner Ausgestaltung wieder, die sich in unterschiedlichen Kunstformen und Kontexten bewegt. So spielt es immer eine Rolle mit welchen Bedeutungen und Inhalten Subversion in einem spezifischen Moment aufgeladen wird. Thomas Ernst formulierte diesbezüglich vier Bedeutungsfeldern von Subversion:[8]

- Politisch-revolutionäre Subversion
- Künstlerisch-avantgardische Subversion
- Minoritäre bzw. Untergrund-Begriff der Subversion
- Dekonstruktivistische Subversion.

Taktische Medien bedienen sich ebenfalls dieser Bedeutungsfelder, die jedoch selten in isolierter Form vorkommen. Viele Bewegungen bedienen sich je nach Kontext an Mitteln und Methoden aus mehreren Bedeutungsfeldern.

Dies soll keinen theoretischen Diskurs über die Subversion darstellen. So erklärte u.a . Johannes Agnoli, dass sich keine Definition oder gar klare Theorie für Subversion bestimmen lässt. „Dass es keine wahre, keine definitive Subversion gibt, liegt an der Sache selbst, die sich nicht und niemals in sich abschließt. Subversion findet im Vorfeld revolutionärer Bewegungen statt, und sie kennt so viele Gestalten, wie es Wege zur Revolution gibt.“[9] In diesem Zusammenhang kann jedoch ein Wesensmerkmal erwähnt werden, dass Subversion in all ihrer Vielfältigkeit, immer mit einschließt: Der Ausbruch aus der reinen gedanklichen Welt des Umsturzes mittels praktischer Negation, also den Handlungsakt, der einen bestehenden Zustand verneint und verändert.[10]

Allein, im Verborgenen blüht sie nicht. [...] Subversion will sich enträtseln lassen, ins Offene treten.[11] (Johannes Agnoli)

Im nächsten Schritt sollen zunächst die Ursprünge des Konzepts der Taktischen Medien, dem die Subversion zugrunde liegt, genauer beleuchtet werden.

3. Taktische und Strategische Medien

1.1. Entstehung des Begriffs der Taktischen Medien

Tactical media are media of crisis, criticism and opposition. (Lovink/Garcia)[12]

Um zu verstehen, wie der Begriff der Taktischen Medien entstand, muss zunächst ein Blick auf die Geschichte des Bedeutungsfeldes der politisch-revolutionären Subversion geworfen werden. In diesem Zusammenhang fällt oftmals das Schlagwort Guerilla. Guerilla , aus dem spanischen entlehnt, bedeutet ursprünglich Kleinkrieg[13] und beschreibt in der Militärsprache eine kleine, eigenständig operierende Kampfgruppe, die den Gegner mit taktischen Angriffen – meist aus dem Hinterhalt und in Form eines Überraschungsmoment – schwächen soll, um dem Haupttrupp einen Vorteil zu verschaffen. Diesen Begriff haben auch politisch-revolutionäre Gruppen wie die zapatistische Freiheitsbewegung um die Guerilla EZLN (Ej é rcito Zapatista de Liberaci ó n Nacional) für sich vereinnahmt, die 1994 erstmals in Erscheinung trat, um sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung Mexikos einzusetzen. Die Bezeichnung Guerilla wurde dabei bewusst gewählt: „Von Guerilla statt von Gemeinschaft zu sprechen, zielt schließlich darauf, alles Urwüchsige und den sozialen Verhältnissen als vorausgehend Gedachte, aus den Konstitutionsbedingungen des Organisationsmodells auszuklammern.“[14] Wie sich im späteren Verlauf noch zeigen soll, ist dieses Beispiel für eine Kampfbewegung sehr treffend, da das übergeordnete Ziel der Guerilla EZLN, im Gegensatz zu anderen Guerillagruppen , nicht die Übernahme der Macht war, sondern vielmehr eine Einflussnahme auf die herrschende Ordnung durch gezielte Angriffe. Charakteristisch für das vorgehen der Guerilla allgemein ist, dass sie nicht den direkten Kampf suchen, sondern gezielte Angriffe vornehmen. Das heißt, sie greifen nur dann an, wenn sie den Gegner in einem schwachen Moment erwischen. Dies gelingt ihnen durch hohe Mobilität und Flexibilität. Jedoch ist schwer vorstellbar, dass eine kleine Kampftruppe allein einen Umsturz erwirken kann. Ein solcher Guerillakampf kann nur dann erfolgreich sein, wenn er eine breite Unterstützungsbasis in der Bevölkerung hält, die die Unzufriedenheit der Guerilla in Bezug auf das herrschende System teilt. Der chinesische Parteiführer Mao Tse-Tsung, der ebenfalls von Guerillataktiken gebrauch machte, beschrieb diese Voraussetzung mit einer Metapher: Der Guerillakämpfer muss sich im Volk bewegen, wie ein Fisch im Wasser.[15] Wie lässt sich jedoch das Konzept der Guerilla auf die Medien übertragen?

In diesem Zusammenhang muss zunächst eine weitere Entwicklung genannt werden: In den USA hatte sich bereits in den 1960ern unter Marketingexperten, im Zuge der Diskussion um die im Vietnam-Krieg angewandte Guerilltaktiken, der Begriff des Guerilla-Marketing etabliert, wodurch der Begriff Einzug in den Bereich der Kommunikation hält.

Tactics recycled the Situationist idea of detournement. (Richardson)[16]

Taktische Medien sind eine Art post-1989er Phänomen, die zunächst in der Begriffsbezeichnung des »taktisches Fernsehen« während der Vorbereitungen zur ersten Next Five Minutes -Konferenz (N5M) aufkamen. N5M begreift sich als Kunst, Politik und Medien-Festival von und für Medienkünstler und –aktivsten.[17] Der niederländische Medientheoretiker und Kritiker Geert Lovink war Mitorganisator der N5M Konferenzen 1-3 und maßgeblich an der Verbreitung des Begriffs der Taktischen Medien beteiligt. Gemeinsam mit dem Journalisten David Garcia schrieb er The ABC of Tactical Media. Darin nennen sie als Beweggrund für die Einführung des neuen Begriffs insbesondere die Einschränkung durch bisherige begriffliche Dichotomien: „In fact we introduced the term tactical to disrupt and take us beyond the rigid dichotomies that have restricted thinking in this area for so long, dichotomies such as amateur vs. professional, alternative vs. mainstream. Even private vs. public.“[18] Doch warum wurde gerade der Begriff der Taktik gewählt um bisherige Dichotomien aufzulösen? Entscheidend war, dass Medienkünstler und Netzaktivisten schon lange vor Prägung des Begriffs die Taktiken der Guerilla für ihre eigenen Handlungskontexte gebrauchten. Kernmedien der Subversion waren zunächst die damals neuartigen Medien TV und Video. So hatte z.B. der Künstler Chris Burden mit Aktionen wie seinem »TV Hijack« auf sich aufmerksam gemacht. 1972 nahm er während eines Talkshowinterviews die Moderatorin vor laufenden Kameras als Geisel. Mit einem Messer an ihrer Kehle, drohte er die Moderatorin umzubringen, wenn die Aufnahmen unterbrochen würden.[19] Hauptthema dieser Zeit war „inwieweit Technologien zur sozialen Konditionierung eingesetzt werden, die sich in Begrenzungen, Beschränkungen, Überwachung und Kontrolle des Zugangs äußert.“[20] An diesem Beispiel des »TV Hijack« sind bereits Ähnlichkeiten mit den Taktiken der Guerilla erkennbar. Burden unterwanderte das feindliche Medium – in diesem Fall das Massenmedium Fernsehen als solches –und nutze das Überraschungsmoment für dessen gezielte Attacke. Denn ein Ziel war es, durch Subversion und Dekonstruktion alternative Medien als Gegenpart zu den Massenmedien zu produzieren. Dies betrifft besonders auch die alternative Verwendungsweise von Medien, bei der individuelle Formen des Zugangs und Umgangs gewählt werden.[21] Ganz i. S. von Roland Barthes vielzitiertem Ausspruch »Ist es nicht besser die Zeichen zu entstellen anstatt sie zu zerstören?“[22]. „In den 1980er Jahren wird jedoch klar, dass das Medium Video die in es gesetzten Hoffnungen alternativer Medienkanäle nur zu einem geringen Maß hat erfüllen können.“[23] Die Auseinandersetzung mit der Technologie sollte vor allem durch das Subvertieren technologischer Strukturen Gegen-Diskurse in der Gesellschaft generieren, was jedoch nicht umfassend gelang.[24] Obwohl sich der Netzaktivismus der 1990er inhaltlich an den gesellschaftskritischen Projekten der 1970er und 1980er Jahre anschließt und die Subversion als Leitidee adaptiert wurde, stehen diesen nun, mit der Entwicklung und Verbreitung digitaler Medien und des Internets erstmals technische Strukturen für eine globale Kommunikation zur Verfügung.[25] Vor diesem Hintergrund wird der Begriff der Taktischen Medien hauptsächlich – aber nicht nur - mit den Aktionen der Netzaktivisten und den digitalen Medien in Verbindung gebracht in deren Entwicklungsphase der Begriff gebildet wurde. So fanden sich 1996 italienische Medienaktivisten, die sich auch mit Themen der Zapatista beschäftigten, zur Tactical Media Crew zusammen und weiteten dadurch das bereits bekannte Etikett des »taktischen« auf die volle Bandbreite der Medien aus.[26]

Vor dem Hintergrund der Einführung dieses neuen Terminus stellt sich nun die Frage ob die Bezeichnung der Taktischen Medien überhaupt treffend gewählt ist oder vielleicht gar nicht so präzise ist, wie er auf den ersten Blick erscheint? Darüber hinaus ruft er erneut eine Dichotomie hervor aus der sich ebenfalls gegenseitig ausschließende Strukturen ergeben: Taktische versus Strategische Medien. Diesbezüglich soll im Weiteren zunächst das Konzept dieser Dichotomie und dem zu Grunde liegenden Strategieverständnis vorgestellt werden.

1.2. Taktik- und Strategieverständnis I

Um zu verstehen durch welche Brille das Konzept der Taktischen Medien gesehen wurde als es entstand, muss geklärt werden, auf welchem Taktik- bzw. Strategieverständnis es aufbaut. Dies bringt uns zurück zu den beiden bereits angeschnitten Themenfelder der Subversion und des Bildes vom Guerillakampf. So finden sich zum Thema Taktische Medien in den Erklärungsansätzen der Netzaktivisten immer wieder Bezüge zu den theoretischen Ausführungen über Taktik und Strategie aus Michel de Certeaus Buch Kunst des Handelns. So wurden auch Lovink und Garcia buchstäblich in ihrer Begriffsfindung von de Certeau inspiriert und beziehen sich in ihrem The ABC of Tactical Media ausdrücklich auf ihn.

De Certeau beschreibt in seinem Buch eine Art Guerillakämpfe, die auf der Ebene der Sprache stattfinden. Diesbezüglich stellt er die Praktiken der Konsumenten, die alltäglich mit vorgefertigten (Sprach-)Produkten umgehen müssen, denen der Unternehmen gegenüber, die diese produzieren. Nach de Certeau besteht das Problem der Konsumenten im Alltag darin, dass sie im Umgang mit Produkten, Medien und dem städtischen Raum zu Passivität und Anpassung verdammt sind. Jedoch stellt er fest, dass sie sich einer List bedienen um dieses Problem auf ihre Art zu lösen. Konsumenten sind Taktiker, die innerhalb des Systems der Strategen (z.B. ein Unternehmen o. eine Institution), durch eine eigene Umgangsweise mit deren Produkten, auf unsichtbare Art und Weise selbst einen zweiten Akt der Produktion leisten.[27] „Unsichtbar, da die totalitärer werdende Verbreitung dieser Systeme den "Konsumenten" keinen Platz mehr lässt, um deutlich zu machen, was sie mit den Produkten machen “ . [28] Durch diesen Akt der zweiten Produktion bleibt der Konsument nicht mehr nur Empfänger, sondern verleiht dem Konsum eine zweite Ebene in der er selbst zum Akteur wird. Diese Umgangsweise mit einem aufgezwungenen System, ist nach de Certeau „durch das Fehlen von etwas Eigenem bestimmt [...]. Die Taktik hat nur den Ort des Anderen. Sie muß mit dem Terrain fertigwerden, das ihr so vorgegeben wird, wie es das Gesetz einer fremden Gewalt organisiert.“[29] Dieser Aspekt des Wucherns im fremden, herrschenden System wurde bereits im Kapitel Subversion angeschnitten. Dabei spielten jedoch insbesondere die Künstler die Rolle der Revolutionäre. De Certeau geht in seinen Ausführungen hingegen auf den Konsument als solchen ein, und meint damit allgemein den Menschen, der sich in der Routine des Alltags aufhält.

Um das Alltagsleben zu individualisieren, hat der Konsument Taktiken entwickelt sich die Dinge zu Eigen zu machen. Dadurch lehnt er die auferlegte Ordnung nicht ab, sondern unterwandert sie durch eine Umgangsweise, die so von dieser nicht intendiert war. So entflieht er dieser Ordnung ohne Sie zu verlassen.[30] „Mit Gegenständen oder Aktivitäten verknüpfte Versprechen, Mythen und Geschichten werden somit nicht einfach planbar übernommen, sondern aktiv mit eigenen Konnotationen belegt und abhängig vom jeweiligen Bezugsfeld und dort vorherrschenden Zielen erzeugt, verhandelt, gefördert oder (ironisch) verwendet.“[31] De Certeau beschreibt die Anwendung dieser Taktiken als Spiel, welches Konsumenten im vom Strategen vorgegebenen Raum spielen.[32] Dabei sind sie angewiesen auf die eigene Flexibilität und Kunstfertigkeit, mit der sie sich im Raum des anderen bewegen, sowie auf die Gelegenheiten bei denen sich Lücken im Überwachungssystem der Produzenten auftun. Nur dann können sie ihre Taktiken anwenden. Die Taktik „wildert darin und sorgt für Überraschungen. Sie kann dort auftreten, wo man sie nicht erwartet. Sie ist die List selber.“[33] Dieser Aspekt des Abwartens auf den günstigen Moment, um dann gezielte Angriffe auf den Gegner zu starten, erinnert stark an die bereits erwähnten Methoden der Guerillakämpfer. Und so wundert es nicht, dass de Certeau in seinen Ausführungen von einer „ kriegswissenschaftlichen Analyse“[34] spricht. Jedoch ist es gerade die Mischung aus Spiel und Kampf, mit der er die Stärke der Taktiker beschreibt: „gelungene Tricks des "Schwachen" in der vom "Starken" etablierten Ordnung, die Kunst, im Bereich des Anderen "Coups zu landen", Jagdlisten, polymorphe und taktisch geschickte Beweglichkeit, poetische und kriegerische Glücksfälle.“[35]

[...]


[1] Lovink, Dark fiber - auf den Spuren einer kritischen Internetkultur, 232.

[2] Agnoli, Subversive Theorie. "Die Sache selbst" und ihre Geschichte. Eine Berliner Vorlesung., 14.

[3] Vgl. Ernst, SUBversionen, 11

[4] Terkessidis, “Karma Chamäleon. Unverbindliche Richtlineine für die Anwendung von subversiven Taktiken früher und heute.,” 31.

[5] Kastner, Transnationale Guerilla, 10.

[6] Düllo, Liebl, und Kiel, “Cultural hacking,” 15.

[7] Kastner, Transnationale Guerilla, 33.

[8] Ernst, SUBversionen, 13.

[9] Agnoli, Subversive Theorie. "Die Sache selbst" und ihre Geschichte. Eine Berliner Vorlesung., 19 [Hervorhebung im Original].

[10] Vgl. Kastner, Transnationale Guerilla, 32.

[11] Agnoli, Subversive Theorie. "Die Sache selbst" und ihre Geschichte. Eine Berliner Vorlesung., 19.

[12] Lovink und Garcia, “The ABC of Tactical Media.”

[13] Kluge und Seebold, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 377.

[14] Kastner, Transnationale Guerilla, 8.

[15] Nöllke, Anekdoten, Geschichten, Metaphern für Führungskräfte, 232.

[16] Richardson, “The Language of Tactical Media,” 347.

[17] Vgl. Lovink, Dark fiber - auf den Spuren einer kritischen Internetkultur, 223

[18] Lovink und Garcia, “The ABC of Tactical Media.”

[19] Vgl. Daniels, “Fernsehen – Kunst oder Antikunst? Konflikte und Kooperationen zwischen Avantgarde und Massenmedium in den 1960er / 1970er Jahren.”

[20] Arns, “Soziale Technologien. Dekonstruktion, Subversion und die Utopie einer demokratischen Kommunikation.”

[21] Vgl. Ebd

[22] Bogusz, “Geheimnisse retten,” 71.

[23] Arns, “Soziale Technologien. Dekonstruktion, Subversion und die Utopie einer demokratischen Kommunikation.”

[24] Vgl. Ebd

[25] Vgl. Ebd

[26] Vgl. Lovink, Dark fiber - auf den Spuren einer kritischen Internetkultur, 241

[27] Vgl. Certeau, Kunst des Handelns, 13.

[28] Ebd. [Hervorhebung im Original].

[29] Ebd., 89.

[30] Vgl. Ebd., 14

[31] Richard, Ruhl, und Wolff, “Konsumguerilla,” 10.

[32] Vgl. Certeau, Kunst des Handelns, 60

[33] Ebd., 89.

[34] Ebd., 20 [Hervorhebung im Original]

[35] Ebd., 94 [Hervorhebung im Original]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Taktische Medien versus Strategische Medien: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Hochschule
Universität der Künste Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
47
Katalognummer
V284331
ISBN (eBook)
9783656846550
ISBN (Buch)
9783656846567
Dateigröße
872 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Strategie, Strategische Planung, Taktische Medien, Strategische Medien, Michel de Certeau, The Yes Men, Identity Correction, Subversion, Henry Mintzberg, Hybridität, Kunst des Handelns, Johannes Agnoli, Luther Blissett, Geert Lovink, Cultural Hacking, Franz Liebl, GWK, UdK, Strategieverständnis, Taktikverständnis, Utopie, Zukunftsszenarien
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Deniz Ficicioglu (Autor), 2009, Taktische Medien versus Strategische Medien: Gemeinsamkeiten und Unterschiede, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284331

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