Ridley Scotts BLADE RUNNER (USA 1982) reiht sich in eine lange Tradition von Erzählungen ein, die die Kreation künstlichen Lebens thematisieren. Ein Diskurs, der nicht erst in jüngerer Zeit aufkam, denn artifizielle Menschen finden sich nicht nur im Science-Fiction-Kino der Gegenwart, sondern bereits in den Epen der Antike.
So erzählt der römische Dichter Ovid in seinen Metamorphosen von Pygmalion, der eine Frau aus Elfenbein schnitzt, die von der Göttin Venus zum Leben erweckt wird . Der jüdischen Tradition entstammt der Golem, „eine ungestalte, unfertige Lehmfigur, die durch Wortmagie zu einem künstlichen, menschenähnlichen Geschöpf belebt wird“. Die Legende des Golems wurde 1920 von Paul Wegener unter dem Titel DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM filmisch umgesetzt . Besonders um 1800, in der Romantik, finden „Androiden der verschiedensten Art - und mit ganz verschiedenen Funktionen“ Eingang in die Literatur. Dazu gehören E.T.A. Hoffmanns Olimpia in "Der Sandmann" oder auch Jean Pauls hölzerne Ehefrau in Auswahl aus "des Teufels Papieren". Zu den prominentesten Vertretern des frühen Films zählen neben Wegeners „Golem“ Fritz Langs "METROPOLIS" (Deutschland 1926) und "FRANKENSTEIN" (USA 1931) von James Whale .
Eine zentrale Figur, die mit vielen der genannten Beispiele in Verbindung gebracht werden kann, entspringt der griechischen und römischen Mythologie: Prometheus. So trägt Mary Shelleys Roman Frankenstein (1818), Vorlage der gleichnamigen Filmadaption und häufiger Gegenstand der Forschungsliteratur auf diesem Gebiet, den Untertitel Der moderne Prometheus. In dieser Hausarbeit soll daher näher auf den Prometheus-Mythos eingegangen werden. Auf dieser Grundlage findet eine Analyse des Films BLADE RUNNER und des Romans Frankenstein statt, die hinsichtlich der Prometheus-Sage verglichen werden sollen. Kann abschließend auf dieser Basis die Aussage getroffen werden, dass Prometheus als Motiv in Literatur und Film Verwendung findet?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Prometheus-Mythos in der Literaturgeschichte
3 Schöpfer und Geschöpf in Frankenstein und BLADE RUNNER
3.1 Charakteristika der Prometheus-Figuren
3.1.1 Das Scheitern des Schöpfergenies in Frankenstein
3.1.2 Der Vatermord in BLADE RUNNER
3.2 „More human than human“. Menschlichkeit der künstlichen Geschöpfe
3.2.1 Einsamkeit und Bildung der Kreatur in Frankenstein
3.2.2 Erinnerungen und Sterblichkeit der Replikanten in BLADE RUNNER
3.3 Verhältnis von Schöpfer und Kreatur
4 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv des Prometheus-Mythos im Kontext der Erschaffung künstlichen Lebens. Ziel ist es, anhand von Mary Shelleys Roman "Frankenstein" und Ridley Scotts Film "BLADE RUNNER" zu analysieren, inwiefern die prometheische Problematik – das Spannungsfeld zwischen Schöpfergenie und autonomem Geschöpf – als wiederkehrendes literarisches und filmisches Motiv fungiert und welche Auswirkungen dies auf die Identität der beteiligten Figuren hat.
- Historische Herleitung des Prometheus-Mythos in der Literatur.
- Analyse der Schöpfer-Figuren (Viktor Frankenstein vs. Dr. Eldon Tyrell).
- Untersuchung der Menschlichkeit künstlicher Lebensformen durch Bildung und Gedächtnis.
- Vergleich der Schöpfer-Geschöpf-Beziehungen hinsichtlich Hybris und Kontrolle.
- Bewertung des Scheiterns des prometheischen Aktes.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Das Scheitern des Schöpfergenies in Frankenstein
Den Hauptteil des Romans macht die Binnenerzählung Viktor Frankensteins aus. Dieser berichtet dem Erzähler der Rahmenhandlung, Robert Walton, seine Lebensgeschichte. Frankenstein erklärt seine frühesten Erinnerungen mit den Worten:
My mother’s tender caresses and my father’s smile of benevolent pleasure while regarding me, are my first recollections. I was their plaything and their idol, and something better – their child, the innocent and helpless creature bestowed on them by heaven, whom to bring up to good.
Diese „Schilderungen eines nahezu paradiesischen Lebens im Kreise der Familie“ stehen im Kontrast zu Frankensteins späterem Leben, das er in Isolation verbringt: Auf Wunsch des Vaters verlässt er die Heimat in Genf, um sein Studium in Ingolstadt aufzunehmen. Das Wegfallen der Familienidylle wird von Frankenstein durch die Vertiefung in wissenschaftlicher Arbeit kompensiert. Dabei möchte er in noch unerforschte Gebiete vorstoßen: „[M]ore, far more will I achieve: [...] I will pioneer a new way, explore unknown powers, and unfold to the world the deepest mysteries of creation”. Kormann erklärt Frankensteins Forscherdrang mit einem hybriden Streben nach Einzigartigkeit: „Er will sich ein Denkmal setzen in der naturwissenschaftlichen Welt, und er will es nicht mit harmlosen Laborspielen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Tradition des künstlichen Lebens und Vorstellung der zentralen Fragestellung bezüglich des Prometheus-Motivs.
2 Prometheus-Mythos in der Literaturgeschichte: Darstellung der antiken Wurzeln des Mythos bei Hesiod und Aischylos sowie dessen Bedeutung für die moderne Literatur.
3 Schöpfer und Geschöpf in Frankenstein und BLADE RUNNER: Analyse der Parallelen zwischen den literarischen und filmischen Schöpferfiguren und ihren autonomen Schöpfungen.
3.1 Charakteristika der Prometheus-Figuren: Vergleich der Rollen von Viktor Frankenstein und Dr. Eldon Tyrell als moderne Prometheus-Figuren.
3.1.1 Das Scheitern des Schöpfergenies in Frankenstein: Untersuchung der Motive und der Isolation von Viktor Frankenstein sowie der daraus resultierenden katastrophalen Schöpfung.
3.1.2 Der Vatermord in BLADE RUNNER: Analyse der kommerziellen Motivation von Dr. Tyrell und der Rebellion der Replikanten gegen ihren Schöpfer.
3.2 „More human than human“. Menschlichkeit der künstlichen Geschöpfe: Untersuchung der Kriterien, die zwischen Mensch und künstlicher Lebensform unterscheiden.
3.2.1 Einsamkeit und Bildung der Kreatur in Frankenstein: Darstellung der autodidaktischen Entwicklung und des Scheiterns der sozialen Integration der Kreatur.
3.2.2 Erinnerungen und Sterblichkeit der Replikanten in BLADE RUNNER: Analyse der Bedeutung von Gedächtnismedien und der Endlichkeit des Lebens für die Replikanten.
3.3 Verhältnis von Schöpfer und Kreatur: Synthese der Dynamik zwischen Machtanspruch des Schöpfers und der Autonomie des Geschöpfes.
4 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Prometheus-Problematik als Begleiter des Diskurses um künstliches Leben in Kunst und Film.
Schlüsselwörter
Prometheus-Mythos, Frankenstein, BLADE RUNNER, Schöpfung, Künstliches Leben, Hybris, Autonomie, Replikanten, Menschlichkeit, Erinnerung, Identität, Schöpfergenie, Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Rezeption des Prometheus-Mythos in der Literatur und im Film. Dabei wird analysiert, wie das Motiv des Schöpfers, der künstliches Leben erschafft, in Mary Shelleys "Frankenstein" und Ridley Scotts "BLADE RUNNER" verarbeitet wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Schöpfer-Geschöpf-Beziehungen, dem Streben nach menschlicher Autonomie, der Definition von "Menschsein" sowie den Gefahren der wissenschaftlichen Hybris.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Prometheus-Mythos als Motiv fungiert, welches den Diskurs über die Erschaffung künstlicher Lebensformen durch Literatur und Filmgeschichte verbindet.
Welche methodischen Ansätze werden genutzt?
Es handelt sich um eine literatur- und filmwissenschaftliche Vergleichsanalyse, die auf Basis bestehender Forschungsliteratur die Motivstrukturen in den beiden primären Werken gegenüberstellt.
Welche zentralen Aspekte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Schöpferfiguren, die Analyse der künstlichen Geschöpfe hinsichtlich ihrer Menschwerdung (Bildung, Erinnerung) und das abschließende Verhältnis von Schöpfer zu seiner Kreatur.
Welche Keywords charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie "Prometheus-Motiv", "künstliches Leben", "Hybris", "Schöpfer-Geschöpf-Beziehung" und "Identität" beschreiben.
Welche Rolle spielen Fotos für die Replikanten in "BLADE RUNNER"?
Fotos dienen den Replikanten als "Gedächtnismedien", um eine konstruierte Vergangenheit zu belegen und ihre eigene Menschlichkeit gegenüber den Menschen zu legitimieren.
Inwiefern unterscheidet sich das Ende der Prometheus-Figuren in den Werken vom antiken Mythos?
Während Prometheus im antiken Mythos durch göttliche Strafe gefesselt wird, verlieren die modernen Prometheus-Figuren ihre Autonomie durch ihre eigenen Schöpfungen, die sie direkt oder indirekt in den Tod führen.
- Arbeit zitieren
- Dennis Wegner (Autor:in), 2014, Der Prometheus-Mythos als Motiv in Mary Shelleys "Frankenstein, or The Modern Prometheus" und Ridley Scotts "Blade Runner", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284381