Während das hochentwickelte Berufsrecht der Steuerberater den Berufsangehörigen in Deutschland einen engen Rahmen der Berufsausübung vorgibt, stellt sich darüber hinaus oft die Frage, wie mit den Beratungssachverhalten umgegangen werden muss, die zwar innerhalb des Legalen stattfinden, aber dennoch moralisch fragwürdig sein können. Pestke hat kürzlich ein Plädoyer für die erneute und detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema der Berufsethik der Steuerberater gehalten und fragt nach Ansicht des Verfassers zurecht: „Wie ist es dort, wo es keine geschriebenen, verbindlichen Regeln mehr gibt? Ist alles gut, nur weil es erlaubt ist?“.
Dass nicht nur der Berufsstand der Steuerberater ethischen Fragen ausgesetzt ist, zeigt sich auch durch die in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch hinterfragten Handlungen der Freien Berufe. Das Thema der Berufsethik scheint heutzutage Konjunktur zu haben. Vergleicht man die Anzahl der Beiträge zur Berufsethik, ist der Berufsstand der Anwälte nach Ansicht des Verfassers zumindest quantitativ weiter in der Diskussion fortgeschritten als der Berufsstand der Steuerberater. Letztere haben sich jedoch bereits im Jahr 2006 ein eigenes Leitbild gegeben und im Jahr 2007 eine Berufsrechtstagung zum Thema Berufsethik veranstaltet. In den vergangenen beiden Jahren wurden bereits zwei Steuerberatertage im Erzbistum Paderborn veranstaltet, die ausdrücklich sozialethische Themen wie Steuergerechtigkeit oder die Berufsethik thematisierten.
Gerade auch vor den noch darzulegenden Deregulierungsbestrebungen der Europäischen Union auf dem Gebiet der Freien Berufe scheint eine Beschäftigung mit der Berufsethik der Freien Berufe - und hier der Steuerberater im Speziellen - geboten. Die vorliegende Arbeit möchte daher Eckpunkte für eine erneute und vertiefte Auseinandersetzung mit der Berufsethik der Steuerberater herausarbeiten und sich dabei auch auf den Ethikdiskurs der Anwaltschaft beziehen, dem nach Auffassung des Verfassers wertvolle Schlussfolgerungen für die Berufsethik der Steuerberater entnommen werden können.
1. Einführung
2. Vorbemerkungen
2.1 Das Verhältnis von Moral, Ethik und Recht
2.2 Die Stellung der Freien Berufe in der Gesellschaft
3. Eckpunkte einer gelungenen Berufsethik der Steuerberater
3.1 Zum Ethikdiskurs der Anwaltschaft
3.2 Implikationen für die Berufsethik der Steuerberater
3.2.1 Berufspflichten als Basis der Berufsethik
3.2.2 Ethische Leitlinien als Mittel des Vertrauensaufbaus in Expertensysteme
3.2.3. Kodifizierung des Ethikdiskurses
3.2.4 Besinnung auf das Berufsproprium
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Notwendigkeit und Gestaltung einer fundierten Berufsethik für den Berufsstand der Steuerberater. Ziel ist es, unter Bezugnahme auf den Ethikdiskurs der Anwaltschaft Ansatzpunkte zu erarbeiten, die über rein gesetzliche Pflichten hinausgehen und Steuerberatern Orientierung in ethischen Grauzonen der Beratung bieten.
- Verhältnis von Moral, Ethik und Recht
- Rolle der Freien Berufe in der modernen Gesellschaft
- Übertragbarkeit des Ethikdiskurses der Anwaltschaft auf Steuerberater
- Vertrauensaufbau durch ethische Leitlinien und Kodifizierung
- Bedeutung der Gemeinwohlorientierung im Rahmen des steuerberatenden Berufs
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Ethische Leitlinien als Mittel des Vertrauensaufbaus in Expertensysteme
Da Menschen in der heutigen immer komplexer werdenden Welt notwendigerweise auf vielen Gebieten Laien sind, sind sie ständig auf sog. Expertensysteme angewiesen, die sie zur Komplexitätsreduktion mit der Wahrung ihrer eigenen Interessen beauftragen können. Expertensysteme wie die beratenden Freien Berufe sind daher regelmäßig von Informationsasymmetrien zwischen Beratern und Beratenen gekennzeichnet. Insofern Laien teilweise existenzielle Probleme auf Freie Berufe wie Ärzte, Rechtsanwälte oder Steuerberater übertragen, müssen sie sich auf die fachliche Qualität und die Integrität des Berufsträgers verlassen können. In diesem Zusammenhang ist die Vertrauensfrage das „Kernproblem“ der Freien Berufe; der Beratene muss dem Berater vorab Vertrauen schenken, dass seine Vorstellungen oder Interessen vom Berater stellvertretend gewahrt werden. Vertrauen hat insoweit eine entlastende Funktion.
Dennoch ist die Vertrauenshandlung eine „riskante Vorleistung ohne explizite Sicherungsmaßnahmen“. Freie Berufe müssen sich daher so disponieren, dass bei den potentiellen Mandanten Vertrauenswürdigkeit entsteht. Manche Kommentatoren werben für die Abgabe eines generalisierten Versprechens in Form eines Leitbilds als Mittel des Vertrauensaufbaus in die jeweiligen Expertensysteme. Fehlt ein solcher Verhaltenskodex, können sich potentielle Vertrauensgeber nicht von vornherein auf die Qualität und Integrität des Expertensystems verlassen; die „Suchkosten“ der Laien steigen.
Sauter hat das Vertrauensmodell noch um eine weitere Komponente erweitert: Indem er auf den Missbrauch des Vertrauens nicht angewiesen ist, verhält sich der wirtschaftlich unabhängige Berufsträger im Rahmen des Mandats „quasi-altruistisch“ und baut dadurch beim Beratenen „Sozialkapital“ auf. Erweist sich der Berufsträger des Vertrauens würdig, führt das angesammelte Sozialkapital dazu, dass „die Identität des Professionals wesentlich“ wird; „er ist nicht mehr beliebig … austauschbar“; das Sozialkapital stärkt die Kundenbindung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit einer tiefergehenden Berufsethik für Steuerberater jenseits der rein gesetzlichen Regelungen und begründet die Relevanz des Themas angesichts zunehmender gesellschaftlicher Kritik.
2. Vorbemerkungen: Dieses Kapitel klärt die begrifflichen Grundlagen zwischen Moral, Ethik und Recht sowie die gesellschaftliche Stellung der Freien Berufe als wissensbasierte Dienstleister mit Gemeinwohlverantwortung.
3. Eckpunkte einer gelungenen Berufsethik der Steuerberater: Der Hauptteil analysiert, wie der Diskurs der Anwaltschaft als Vorbild dienen kann und welche Rolle Berufspflichten, ethische Leitlinien und das Berufsproprium für eine ethische Steuerberatung spielen.
4. Fazit und Ausblick: Die Arbeit schließt mit der Forderung, dass eine gelebte Berufsethik essenziell für den Erhalt der Privilegien der Freien Berufe ist und fordert eine ehrliche Debatte, die über triviale Floskeln hinausgeht.
Schlüsselwörter
Berufsethik, Steuerberater, Freie Berufe, Anwaltschaft, Vertrauen, Gemeinwohl, Leitbild, Berufspflichten, Expertensysteme, Informationsasymmetrie, Sozialkapital, Mandantenorientierung, Berufsproprium, Ethikdiskurs, moral best practice.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit behandelt die Entwicklung einer zeitgemäßen Berufsethik für Steuerberater in Deutschland, um den hohen Anforderungen an den Berufsstand gerecht zu werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Ethik und Recht, die besondere Vertrauensstellung in Freien Berufen sowie die Balance zwischen Mandanteninteressen und Gemeinwohlverantwortung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ausgehend vom Ethikdiskurs der Anwaltschaft Ansatzpunkte zu identifizieren, wie Steuerberater in Grauzonen der Beratung verantwortungsvoll und ethisch fundiert handeln können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse, indem sie den fachwissenschaftlichen Diskurs (insb. aus der Anwaltschaft und der Wirtschafts- und Unternehmensethik) auf den steuerberatenden Beruf überträgt und kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden rechtliche Grundlagen, die Rolle von Leitbildern als Vertrauensanker, die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Dialogs und die Besinnung auf das spezifische Berufsproprium des Steuerberaters diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Berufsethik, Gemeinwohl, Vertrauen, Freie Berufe, Leitbild und Berufspflichten sind die zentralen Begriffe der Untersuchung.
Wie kann ein Leitbild den Vertrauensaufbau unterstützen?
Ein Leitbild kann als generalisiertes Versprechen gegenüber Mandanten fungieren und die „Suchkosten“ für Laien reduzieren, da es ein gewisses Maß an Qualität und Integrität des Berufsträgers nach außen signalisiert.
Warum ist der Verweis auf das „Berufsproprium“ für Steuerberater wichtig?
Der Rückgriff auf das eigene Proprium als Organ der Steuerrechtspflege hilft Steuerberatern, den Zwiespalt zwischen einseitiger Mandantenorientierung und ihrer neutralen Stellung zwischen Staat und Steuerzahler ethisch zu überbrücken.
- Citar trabajo
- Christian Baltes (Autor), 2014, Die Berufsethik der Steuerberater, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284565