„Mindestlohn, im engeren Sinne eine gesetzliche, im weiteren Sinne auch eine durch Tarifvertrag festgelegte Untergrenze für den von privaten Unternehmen, öffentlichen und sonstigen Arbeitgebern zu zahlenden Lohn.“ In 21 EU-Staaten gibt es ihn bereits. Luxemburg liegt an der Spitze mit 11,10 € pro Stunde, in Bulgarien hingegen sind es nur 0,95 €. Dazwischen liegen Länder wie Belgien, Irland, Polen oder Tschechien. Lediglich Deutschland ist in der Tabelle der gesetzlichen EU-Mindestlöhne nicht zu finden. Noch nicht! Denn „[...] Ab 01. Januar 2017 wird niemand in Deutschland weniger als 8,50 € pro Stunde verdienen“, sagt die neue Arbeitsministerin Andrea Nahles. Auch im Koalitionsvertrag ist die Einführung schon fest verankert (siehe Anlage 1).
Doch warum erst jetzt? Wieso wurde der Mindestlohn nicht schon früher eingeführt, obwohl seit vielen Jahren darüber gesprochen wird? Hintergrund sind die Befürchtungen der Ökonomen, dass durch den Mindestlohn Arbeitsplätze verloren gehen, da Unternehmen Arbeitsplätze „outsourcen“ um Kosten zu sparen. Weiterhin würde die Schwarzarbeit gefördert werden, gerade auch weil Arbeiter aus den neuen EU-Ländern Rumänien, Bulgarien und Ungarn zu jeden Preis Arbeit annehmen. Die Arbeitgeberverbände schließen einen Mindestlohn zwar nicht aus, erwarten aber Flexibilität, z.B. bei der Berücksichtigung einzelner Berufssparten, sowie lokalen Gegebenheiten. Dem entgegen steht der Unmut vieler Arbeitnehmer über Löhne, die nicht ausreichen, um die Existenz zu sichern.
Inhaltsverzeichnis
1 Bedeutung der Mindestlohnpolitik
2 Theoretische Ansätze
2.1 Neoklassik
2.1.1 Das Standardmodell
2.1.2 Zweisektorenmodell
2.1.3 Monopson
2.2 Keynesianismus
3 Mindestlöhne in Europa
3.1 Statistischer Überblick über die Mindestlöhne in Europa
3.2 Struktur in der Niederlande
4 Das deutsche Tarifsystem
5 Juristische Aspekte
5.1 Arbeitnehmer-Entsende- und Arbeitnehmerüberlassungsgesetz
5.2 Gesetz über die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen
6 Der Mindestlohn in Deutschland
6.1 Gesellschaftliche Debatte
6.1.1 Arbeitgeberverbände
6.1.2 Arbeitnehmerverbände/ Gewerkschaften
6.1.3 Politische Parteien
6.2 Alternativen zum Mindestlohn
6.2.1 Kombilohn
6.2.2 Investivlohn
6.2.3 Workfare
7 Gegenüberstellung der Mindestlohnarten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine fundierte Analyse darüber zu erstellen, ob die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns arbeitspolitisch für Deutschland sinnvoll ist. Dabei wird untersucht, in welcher Form eine Umsetzung erfolgen sollte und welche ökonomischen sowie sozialen Auswirkungen zu erwarten sind.
- Analyse theoretischer Arbeitsmarktmodelle im Kontext von Mindestlöhnen
- Internationaler Vergleich der Mindestlohnpolitik, insbesondere am Beispiel der Niederlande
- Darstellung der aktuellen Situation des deutschen Tarifsystems und der Niedriglohnproblematik
- Diskussion der gesellschaftlichen Debatte zwischen Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und politischen Parteien
- Evaluierung von Alternativkonzepten wie Kombilöhnen, Investivlohn und Workfare-Modellen
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Das Standardmodell
Für die Analyse der Mindestlohneinführung wird das neoklassische Standardmodell häufig als Referenzmodell verwendet. Es ist ein mikroökonomisches Modell, welches durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Ziel ist immer ein Gleichgewicht dieser zwei Faktoren zu erreichen. Hierfür ist der sogenannte Gleichgewichtspreis entscheidend, der sich aus dem Lohn als Preis für den Faktor Arbeit ergibt. Für das Arbeitsmarktmodell, das mit dem Angebot bzw. der Nachfrage auf dem Gütermarkt vergleichbar ist, gelten folgende Annahmen:
• Vollständige Konkurrenz
• Keine Wettbewerbsbeschränkungen
• Flexible Reallöhne
• Vollkommene Information
• Vertragsfreiheit
• Homogenität aller Arbeitsplätze sowie aller Anbieter des Faktors Arbeit.
Wenn diese Annahmen zutreffen und sich die Marktteilnehmer im Sinne des homo oeconomicus (Arbeitgeber betreiben Gewinnmaximierung und Arbeitnehmer Nutzenmaximierung) rational verhalten, stellt sich immer ein Gleichgewicht am Arbeitsmarkt ein.
Der Arbeitnehmer als Anbieter seiner Arbeitskraft teilt seine Zeit zwischen Arbeit und Freizeit. Sein Ziel ist es den Grenznutzen zu erfüllen. Aus diesem Grund wird die Freizeit solange durch Arbeit ersetzt, bis der zusätzliche Nutzen des Einkommens der entgangenen Freizeit entspricht. Je höher der Reallohn ist, desto höher ist das Arbeitsangebot, da der Faktor Freizeit dadurch entwertet wird. Somit entsteht die Arbeitsangebotskurve mit einer positiven Steigung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Bedeutung der Mindestlohnpolitik: Einleitung in die Definition des Mindestlohns, Darstellung der aktuellen Relevanz in Deutschland und Erläuterung der Motivation sowie Zielsetzung der vorliegenden Arbeit.
2 Theoretische Ansätze: Untersuchung der ökonomischen Wirkungsweisen von Mindestlöhnen anhand neoklassischer Standardmodelle, Zweisektorenmodellen und Monopsontheorien sowie des Keynesianismus.
3 Mindestlöhne in Europa: Statistischer Vergleich der europäischen Mindestlohnsysteme und detaillierte Betrachtung der regulatorischen Struktur in den Niederlanden.
4 Das deutsche Tarifsystem: Analyse der Grundlagen der deutschen Tarifautonomie, der Rolle von Tarifverträgen und der zunehmenden Herausforderungen durch schwindende Tarifbindung.
5 Juristische Aspekte: Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes (AEntG) und des Gesetzes über die Festsetzung von Mindestarbeitsbedingungen.
6 Der Mindestlohn in Deutschland: Detaillierte Darstellung der gesellschaftspolitischen Debatte zwischen den Interessengruppen sowie eine detaillierte Analyse möglicher Alternativen wie Kombilohn, Investivlohn und Workfare.
7 Gegenüberstellung der Mindestlohnarten: Fazit und Reflexion der Kernaussagen unter Abwägung der verschiedenen Konzepte für die Zukunft der deutschen Arbeitsmarktpolitik.
Schlüsselwörter
Mindestlohn, Arbeitsmarktpolitik, Deutschland, Neoklassik, Keynesianismus, Tarifautonomie, Niedriglohnsektor, Beschäftigungseffekte, Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Kombilohn, Investivlohn, Workfare, Mindestarbeitsbedingungen, Armutsbekämpfung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit analysiert kritisch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland und bewertet dessen arbeitsmarktpolitische Sinnhaftigkeit.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Arbeit ab?
Die Themen umfassen theoretische ökonomische Erklärungsmodelle, internationale Vergleiche (speziell Niederlande), die deutsche Tarifstruktur sowie die verschiedenen Ansichten der gesellschaftlichen Akteure.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob ein gesetzlicher Mindestlohn arbeitspolitisch sinnvoll für Deutschland ist und in welcher Form (flächendeckend oder branchenspezifisch) er implementiert werden sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine theoretische Analyse anhand mikroökonomischer Modelle sowie eine literaturbasierte Auswertung der aktuellen politischen Debatte und bestehender Praxisbeispiele.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Lohnbildung, eine internationale Bestandsaufnahme, eine Analyse des deutschen Tarifsystems und eine ausführliche Diskussion von Alternativmodellen zum Mindestlohn.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Mindestlohn, Tarifautonomie, Niedriglohnsektor, Beschäftigungseffekte, sowie spezifische Fördermodelle wie Kombilohn und Workfare.
Warum wird das niederländische Modell besonders hervorgehoben?
Die Niederlande dienen als praktisches Beispiel für ein System, das einen gesetzlichen Mindestlohn mit einer starken Tarifbindung kombiniert und somit als Referenz für die deutsche Diskussion dient.
Wie positioniert sich die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)?
Die BDA lehnt einen gesetzlichen Mindestlohn strikt ab, da sie eine Gefährdung von Arbeitsplätzen und eine Schwächung der Tarifautonomie befürchtet.
Welche Kritik äußert die IG Metall an der geplanten Mindestlohnkommission?
Die IG Metall befürchtet, dass Empfehlungen der Kommission als allgemeine Lohnleitlinien missverstanden werden könnten und somit den Spielraum für eigenständige, branchenspezifische Tarifverhandlungen einschränken.
- Quote paper
- Patricia Seitz (Author), 2014, Die kritische Analyse eines Mindestlohnes für die Arbeitsmarktpolitik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284606