Die Sprachlosigkeit mit dem das Kreuz heute oft konfrontiert ist, gilt es im Religionsunterricht nicht einfach stehen zu lassen. Gerade weil dem Thema heute in Gesellschaft, Kirche und Religionsunterricht oft mit Unverständnis begegnet wird, muss man sich tiefergehend mit ihm beschäftigen, um den Schülerinnen und Schülern wieder deutlich zu machen, was in den Deutungen vom Kreuzestod tatsächlich steckt. Man darf sie hier nicht mit ihren Fragezeichen zurücklassen: „Warum musste Jesus sterben?“, „Ist Gott so grausam?“, „Warum hängt man ein Kreuz als Zeichen der Hoffnung auf, wo es doch ein Folterinstrument war?“ Man muss in diesem Zusammengang neue Antworten und alternative Deutungen finden, um neue Perspektiven zum Thema zu eröffnen. Wenn die Schülerinnen und Schüler dann selbst mit solchen Fragen konfrontiert werden, sollten sie zumindest Auskunft geben und ihren Standpunkt reflektieren können. Sie sollten das Kreuz als Symbol in ihrer Umwelt sensibel wahrnehmen lernen in seinen vielen Facetten verstehen können.
Dies ist auf verschiedenen Wegen und mit unterschiedlichen Methoden möglich. Der hier exemplarisch nachgezeichnete Unterrichtsweg ist nur einer der vielen Möglichkeiten, wie in der genaueren Betrachtung und Erarbeitung des Themas deutlich wird. Hier müssen Lehrerinnen und Lehrer selbst entscheiden welchen Weg sie mit ihren Schülern gemeinsam gehen wollen, um das Thema zu erarbeiten. Der fächerübergreifende oder -verbindende Unterricht kann hier eventuell einen entscheidenden Beitrag für einen spannenden und meist neuen Zugang leisten, da er eine einseitige Herangehensweise verhindert und neue Perspektiven für alle beteiligten Fächer eröffnet.
Inhaltsverzeichnis
1. Orientierung
1.1 Was will ich, dass meine Schüler lernen?
1.2 Einbettung in den Bildungsplan
2. Fächerübergreifender Unterricht – Chancen und Probleme
2.1 Warum überhaupt fächerübergreifend arbeiten?
2.2 Probleme und Lösungen
3. Theologische Entfaltung
3.1 Christologie – Sünde und Sühne, das Kreuz als Erlösung
3.1.1 Probleme mit der Rede vom Kreuz
3.1.2 Jesu Leiden und Sterben - biblische Deutungen und ihre Konsequenzen
3.1.3 Wofür braucht man die Rede vom Kreuz?
3.2 „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ (BWV 56) – Kreuzestod und Erlösung in Bachs Kantaten
3.2.1 Der ästhetische Zugang im Religionsunterricht
3.2.2 Theologie und Musik bei Bach
3.2.3 „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ (BWV 56)
4. Didaktischer Übergang
4.1 Vorüberlegungen und Auswahl: Worauf richtet sich mein Unterricht?
4.2 Lernschritte
4.3 Stoffverteilungsplan
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit reflektiert die didaktische Herausforderung, das zentrale christliche Thema des Kreuzestodes Jesu im Religionsunterricht der Oberstufe sprachfähig zu vermitteln. Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Jugendliche trotz Distanz zur traditionellen Opfer- und Sühneterminologie einen authentischen Zugang zu dieser zentralen Gottes- und Heilsbotschaft finden können.
- Fächerübergreifender Ansatz zwischen Religionslehre und Musikpädagogik
- Systematisch-theologische Analyse des Kreuzesgeschehens und der Sündenproblematik
- Einsatz ästhetischer Zugänge am Beispiel von Johann Sebastian Bachs Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ (BWV 56)
- Herausarbeitung der Bedeutung von Leidens- und Hoffnungsmotiven in der Lebenswelt von Jugendlichen
- Entwicklung eines didaktischen Konzepts inklusive Stoffverteilungsplan
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Probleme mit der Rede vom Kreuz
Am Kreuz verdichtet sich eine für Christen entscheidende Gotteserfahrung. Diese nachzuvollziehen scheint heute aber schwierig geworden zu sein. Die Hauptkritik bezieht sich auf die verwendeten Begrifflichkeiten, wie Stellvertretung, Opfer und Sühne und die damit in Verbindung stehenden Aussagen. Auch dass die frühen Christen überhaupt auf die Dimensionen des Alten Testaments zurückgriffen, erscheint oft nicht mehr verständlich, weil diese schon damals sozusagen „veralteten“ Sprachformen das Geschehen am Kreuz doch in keiner Weise adäquat wiedergeben könnten.
Es ist moralisch verabscheuungswürdig zu behaupten, Gottvater habe das Selbstopfer seines Sohnes verlangt, um die Waagschale der Gerechtigkeit ins Gleichgewicht zu bringen. Ein Gott, der durch Schmerzen, Verzweiflung und gewaltsam Tod bestraft, ist nicht ein Gott der Liebe, sondern ein Sadist und ein Despot. (Julie Hopkins)
Man kann nur zustimmen, dass man Gott nicht so denken kann, dass er das Selbstopfer seines Sohnes als Ausgleich verlangt hat. Bei der Kritik an den Opfer- und Sühnevorstellungen begegnen wir aber schnell dem bereits angesprochenen hermeneutischen Problem. Meist setzen die Verständnisprobleme der Neuzeit an den Vorstellungen von Stellvertretung oder Sühne ein. Hierbei ist das Hauptproblem, dass dies überhaupt keine biblischen Begriffe sind. Was Stellvertretung meint wird in der Bibel durch Wendungen wie zum Beispiel „für uns gestorben“ oder auch durch die Hingabeformeln beschrieben. Das Sühnegeschehen fassen meist kultische Metaphern. Stellvertretung und Sühne sind also historische und nicht biblische Begriffe, die in einem bestimmten Kontext neu ausdrücken sollten, was im Tod Christi passiert. Sie sind also auch mit anderen Verstehenshorizonten unterlegt, weswegen heute oft nicht klar ist, was mit diesen Begriffen ausgesagt werden soll. „Beide Begriffe bezeichnen Sachverhalte unserer und nicht der biblischen Wirklichkeitsauffassung.“ Aber auch die biblischen Aussagen sind in einem bestimmten Kontext gesagt und zu verstehen. Dieses hermeneutische Problem muss klar werden, wenn man über Deutungen des Kreuzestodes spricht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Orientierung: Einführung in die Relevanz der Christologie für den Religionsunterricht und Einbettung in den aktuellen Bildungsplan.
2. Fächerübergreifender Unterricht – Chancen und Probleme: Erörterung der Vorteile und organisatorischen Hürden fächerverbindenden Arbeitens in der gymnasialen Oberstufe.
3. Theologische Entfaltung: Tiefgreifende systematische Untersuchung der Begriffe Sünde, Sühne und Kreuz sowie deren musikalische Vermittlung durch Bachs Kantaten.
4. Didaktischer Übergang: Konkretisierung der Unterrichtsplanung durch didaktische methodische Schritte und einen detaillierten Stoffverteilungsplan.
5. Fazit: Zusammenfassende Reflexion über die Bedeutung einer sprachfähigen Theologie im Kontext des Kreuzesgeschehens.
Schlüsselwörter
Religionsunterricht, Kreuzestod, Christologie, Sühnetheologie, Stellvertretung, Sünde, Fächerübergreifender Unterricht, Johann Sebastian Bach, Kreuzstabkantate, Didaktik, Religionspädagogik, Ästhetischer Zugang, Leidensgeschichte, Gottesbild, Erlösung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das komplexe und oft missverstandene Thema des Kreuzestodes Jesu im Religionsunterricht der Oberstufe angemessen und für Schüler verständlich vermittelt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die systematische Theologie (Christologie, Sündenbegriff), die Fachdidaktik (fächerübergreifender Unterricht) und die ästhetische Erschließung durch musikalische Werke.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, Jugendlichen Wege zu eröffnen, die christliche Rede vom Kreuz als lebensrelevante Botschaft zu begreifen, ohne in veraltete, für sie unverständliche Opfermetaphorik zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine religionspädagogische Reflexion, die biblisch-systematische Analysen mit didaktischen Ansätzen verknüpft und diese an einem konkreten Beispiel (Bach-Kantate) expliziert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die christologische Problematik der Begriffe Opfer und Sühne, setzt sich mit dem Sündenverständnis auseinander und erarbeitet ein Modell zur fächerübergreifenden Einbindung von Bachs Kantate BWV 56.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Christologie, Kreuzestod, fächerübergreifender Unterricht, Sühnetheologie, ästhetischer Zugang und Didaktik.
Warum spielt die Musik von Johann Sebastian Bach in diesem Kontext eine so große Rolle?
Bachs Musik bietet einen ästhetischen Zugang, der emotionale und existenzielle Tiefe vermittelt. Sie ermöglicht Schülern, Leid und Hoffnung musikalisch nachzuvollziehen, wo rein begriffliche Erklärungen an ihre Grenzen stoßen.
Wie wird das Problem der „Opfermetaphorik“ in der Arbeit adressiert?
Die Autorin plädiert dafür, die biblischen Begriffe nicht als starre dogmatische Formeln zu begreifen, sondern ihre ursprüngliche hermeneutische Funktion im Kontext des Heilsgeschehens neu zu erschließen.
Welche Rolle spielt der „Stoffverteilungsplan“ am Ende der Arbeit?
Er dient als praktische Handreichung für Lehrkräfte, um die theoretischen Überlegungen in eine konkrete Unterrichtsreihe zwischen Musik- und Religionsunterricht umzusetzen.
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- Stefanie Bucher (Author), 2014, „Warum musste Jesus sterben?“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284701