Empowerment-Konzepte bei Menschen mit geistiger Behinderung


Akademische Arbeit, 2004
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Empowerment-Konzept
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Historische Skizzen
2.3. Zentrale Aspekte

3. Ebenen und Bezugwerte
3.1. Individuelle Ebene - Autonomie und Selbstbestimmung
3.2. Gruppen- und Organisationsebene - Partizipation
3.3. Strukturebene – Verteilungsgerechtigkeit

4. Widersprüche, Handlungsparadoxien und Machtverhältnisse

5. Konsequenzen für professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit
5.1. Werte, Einstellungen und Bereitschaft der Mitarbeiter
5.2. Zur Rolle der professionellen Helfer

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis und weiterführende Literatur

1. Einleitung

Das erkenntnisleitende Interesse, mich im Rahmen dieser Arbeit mit den Themen Empowerment auseinanderzusetzen, resultiert aus meinen beruflichen und persönlichen Erfahrungen als Mitarbeiter in einem Ferienprojekt für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit geistiger Behinderung. Empowerment ist zurzeit eines der dominierenden Themen der Sonder- und Heilpädagogik.

In dieser Arbeit gebe ich deshalb einen Überblick über die Hauptaspekte und Forderungen des Empowerment-Konzeptes, innerhalb dessen die angestrebte Verwirklichung des Selbstbestimmungsgedankens sowohl auf persönlicher als auch auf struktureller Ebene eine wesentliche Rolle spielt. Hierfür wird zuerst der Begriff „Empowerment“ näher bestimmt sowie auf seine Entstehungsgeschichte und auf die wichtigsten Aspekte näher eingegangen. Anschließend beschäftige ich mich mit den verschiedenen Ebenen und Bezugswerten des Empowerments und schließe diese Arbeit mit dem Verweis auf die aktuelle Diskussion um das Empowerment in der deutschen Heilpädagogik ab.

2. Das Empowerment-Konzept

2.1. Begriffsbestimmung

Der Begriff „Empowerment“ stammt aus den USA und kann wörtlich übersetzt werden mit Selbstbefähigung oder auch Selbstermächtigung.[1] Damit bezeichnet werden Entwicklungsprozesse, in deren Verlauf Menschen ihre Ressourcen in einer Art und Weise aktivieren und nutzen können, um ein nach eigenen Maßstäben ´besseres` Leben führen zu können.[2]

Eine bloße Übersetzung ist allerdings unzureichend. Es besteht die Gefahr, den Begriff mit der in der sozialen Arbeit verbreiteten „(Leer)-Formel“ (vgl. GALUSKE 2000, S.264) von der „Hilfe zur Selbsthilfe“ gleichzusetzen, die in der Praxis im Grunde auf die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit als Grundlage einer eigenfinanzierten Lebensführung reduziert wird, gleichzusetzen und dadurch wesentliche Merkmale und Zusammenhänge des Empowerment-Konzeptes unberücksichtigt zu lassen.[3] Zudem ist diese Begriffsübersetzung offen für widersprüchliche Interpretationen und ideologische Instrumentalisierungen. HERRIGER beschreibt den Empowerment-Begriff in diesem Zusammenhang als „Begriffsregal, das mit unterschiedlichen Grundüberzeugungen, Werthaltungen und moralischen Prämissen aufgefüllt werden kann.“ (HERRIGER 1997, S.11).

Demzufolge ist die vorhandene Anzahl von Beschreibungsversuchen in der Fachliteratur beachtlich. Um zu verdeutlichen, dass verschiedene Aspekte eine Rolle spielen, habe ich im Folgenden eine beispielhafte Auswahl unterschiedlicher Sichtweisen und Definitionen zusammengestellt:

„Empowerment beschreibt ein Spektrum von politischen Aktivitäten, das vom individuellen Widerstand bis hin zu kollektiven politischen Widerstandsbewegungen reichen kann, die die basale Machtstruktur einer Gesellschaft zu verändern suchen. Eine solche Definition untersucht Empowerment als einen Prozess, der (…) darauf ausgerichtet ist, die Strukturen und Verteilungen von Macht in einem spezifischen kulturellen Kontext zu verändern“ (BROWNE 1995, S.359 zit. n. HERRIGER 1997, S.13)

„Empowerment ist (…) als ein Prozess zu betrachten, in dem Menschen, Organisationen oder Gemeinschaften ihren ökologischen und sozialen Lebensraum gestalten und so mit einschränkenden Bedingungen und problematischen Situationen kreativ und ihren Bedürfnissen gemäß umgehen lernen. Der Blickwinkel richtet sich hier gezielt auf die Ressourcen und Stärken der Menschen, auf ihre Potentiale zur Lebensbewältigung und –gestaltung – auch unter den eingeschränkten Bedingungen des Mangels oder vor dem Hintergrund vielfältiger persönlicher und sozialer Defizite“ (STARK 1996, S.107 f. zit. n. HERRIGER 1997, S. 14)

„Empowerment meint den Prozess, innerhalb dessen Menschen sich ermutigt fühlen, ihre eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, ihre eigenen Kräfte und Kompetenzen zu entdecken und ernst zu nehmen und den Wert selbsterarbeiteter Lösungen schätzen zu lernen“… Empowerment-Prozesse vollziehen sich in der Regel im Kontext eines „solidarischen Unterstützungszusammenhangs“, der die potentielle Einsamkeit überwindet, in dem Erfahrungen mit adäquaten Bewältigungs- und Normalisierungsstrategien ausgetauscht werden, in dem ein Stück Unabhängigkeit von der übermächtigen Expertenseite, Vertrauen in die eigene Stärke und Kompetenz gewonnen werden kann…“ (KEUPP 1992, S.149 und 152 zit. n. HERRIGER 1997, S. 15)

„Psychosoziale Arbeit im Sinne des Empowerment-Ansatzes muss Bedingungen bereitzustellen versuchen, die es Menschen ermöglichen, sich ihrer ungenutzten, vielleicht auch verschütteten Ressourcen und Kompetenzen (wieder) bewusst zu werden, sie zu erhalten, zu kontrollieren und zu erweitern, um ihre Leben selbst zu bestimmen und ohne expertendefinierte Vorgaben eigene Lösungen für Probleme zu finden“ (WEIß 1992, S. 162 zit. n. HERRIGER 1997, S.16)

Angesichts einer Fülle an verschiedenen Definitionen und Interpretationen erscheint es schwierig, ein kollektives Verständnis von Empowerment entwickeln und es für die psychosoziale Praxis handhabbar machen zu können. Um eine erste Ordnung in der Unübersichtlichkeit verschiedener Definitionsangebote zu schaffen, hat HERRIGER vier begriffliche Zugänge zu einer Definition von Empowerment herausgearbeitet:[4]

Empowerment zielt darauf ab, dass sich Menschen bzw. Gruppen aus dem Zustand einer relativen Machtunterlegenheit zu befreien und so ihren Einfluss auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene vergrößern.[5] Dieser Aspekt bezieht sich also auf eine Umverteilung von politischer Macht durch die Emanzipation von Gruppen und Menschen.[6]

Ein weiterer, lebensweltorientierter Zugang bezieht sich nicht hauptsächlich auf die politische Ebene, sondern verweist auf die grundsätzlich vorhandenen Stärken und Ressourcen von Menschen, um ihren Alltag zu organisieren, Krisen zu bewältigen und ein relativ autonomes Leben zu führen. Durch ihre Kompetenz und Durchsetzungskraft organisieren und gestalten die Menschen ihren Alltag aus eigener Kraft.

In einem reflexiven Sinn ist Empowerment ein Prozess, in dem sich die „ohnmächtigen“ Betroffenen selbständig Macht, Kraft und Gestaltungsvermögen aneignen, um sich von bestimmten Abhängigkeiten zu lösen. Infolgedessen regeln Randgruppen der Gesellschaft ihre Angelegenheiten selbst, werden sich ihrer Fähigkeiten bewusst, entwickeln eigene Kräfte und nutzen soziale Ressourcen.[7] Betont wird in diesem Aspekt der Selbsthilfe die aktive Selbstorganisation der Betroffenen, z.B. in Form von Selbsthilfegruppen oder Unterstützungsnetzwerke.

Ein weiterer Zugang zum Verständnis von Empowerment eröffnet sich in pädagogischer Hinsicht. Im Mittelpunkt steht das Ermöglichen, die Unterstützung und Förderung von Selbstbestimmung durch die bedarfsorientierte Bereitstellung von Ressourcen für ein gelingendes Lebensmanagement. Folglich richtet sich diese Sichtweise an die Mitarbeiter psychosozialer Dienste, deren Aufgabe darin bestehen soll, Prozesse der Selbstgestaltung aktiv zu fördern und zu ermöglichen.[8]

Diese begrifflichen Zugänge umfassen bereits verschiedene Dimensionen und machen dabei auch deutlich, dass in diesem differenzierten Verständnis von Empowerment nicht nur ideologische Überzeugungen und Leitlinien im Mittelpunkt stehen, sondern auch Ansätze für die Praxis abgeleitet werden können. Um eine handhabbare Arbeitsdefinition entwickeln und die Bedeutung des Empowerment fassen zu können, halte ich es für hilfreich, die geschichtliche Entstehung und bisherigen Entwicklung von Empowerment-Bewegungen rückblickend zu betrachten.

2.2. Historische Skizzen

Die Civil-Rights-Bewegung:

Die Frage nach dem Ursprung des Begriffes Empowerment als Handlungsmodell für die pädagogische und soziale Arbeit wird in der gängigen Fachliteratur übereinstimmend mit einem ersten Auftauchen in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (civil-rights-Bewegung) der 50er und 60er Jahre beantwortet. Die schwarze Minderheitsbevölkerung kämpfte zu dieser Zeit in Form selbstorganisierter und gewaltfreier Initiativen für soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und demokratische und politische Partizipation.[9]

Dieser erstmalig organisierte Widerstand in den 40er Jahren richtete sich gegen die offen-rassistische Politik und Alltagspraxis der Vereinigten Staaten. Als erstes Zeichen eines kollektiven Selbstbewusstseins von Menschen mit dunkler Hautfarbe wird gerne der ´Marsch nach Washington` herangezogen. Dabei wurde für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes und für Mindeststandards in der Sicherheit von Arbeitsverhältnissen demonstriert. Mitte der 50er Jahre folgten direkte Aktionen gewaltfreien Widerstandes z.B. durch „zivilen Ungehorsam“ in Form von Sitzblockaden oder dem Besetzen von Ämtern und verschiedene Programme zur Bewusstseinsbildung und Aufklärung, mit dem Ziel, Schwellen abzubauen und Zugänge zu schaffen, z.B. durch Recht auf Bildung, Gesundheitssicherung und der Teilnahme an Wahlen.[10]

Diese Aktionen dienten in der nachfolgenden Zeit als Vorbild auch für andere Randgruppen und soziale Bewegungen wie z.B. die Frauenrechtsbewegung, aus der dann verschiedene Selbsthilfegruppen hervorgingen, die soziale Netzwerke nutzten und neben einer lokalen Orientierung auch überregional ausgerichtet waren. Sie initiierten selbstorganisierte Hilfen und Dienstleistungen, soziale Nähe, Gemeinschaft und die Ausübung von politischer Einflussnahme. Die Betroffenen sollten kritische Konsumenten sozialer Dienstleistungen sein und aufgrund ihrer Erfahrungen als Experten in eigener Sache gelten.

Die Independent-Living-Bewegung:

Mit der ´independent-living-Bewegung` entstand in den 70er Jahren die erste Selbstbestimmt-Leben-Bewegung von Menschen mit (körperlichen) Behinderungen. Sie forderten eine Veränderung von Umwelt- und Rahmenbedingungen und architektonisch bedingten Barrieren sowie den Abbau sozialer Ausgrenzung und Benachteiligung durch Fremdbestimmung in allen Lebensbereichen und damit ein höchstmögliches Maß an Selbstbestimmung und autonomer Lebensgestaltung.[11]

Es ist unbestritten, dass diese Bewegung für Menschen mit Behinderung in Bezug auf die Anerkennung von Menschen- und Bürgerrechten, gesellschaftliche Integration und Partizipationsmöglichkeiten beachtliche Erfolge verzeichnen konnte, was mitunter aus einem ungewöhnlich hohen Maß an Zuspruch und Solidarität durch renommierte amerikanische Fachwissenschaftler begründet werden kann. Diese Kooperation zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professioneller Fachwelt hat dazu geführt, dass Empowerment in der amerikanischen sozialen Arbeit und Sonderpädagogik heute ein fester und nicht mehr wegzudenkender Bestandteil geworden ist.[12] Zentral bei der praktischen Umsetzung des Selbstbestimmt-Leben-Konzepts ist ein Dienstleistungsverständnis, nach dem die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen im Vordergrund stehen und sie im Rahmen einer angebotenen Auswahl verschiedener Dienstleistungen selbst darüber entscheiden, welche davon sie in Anspruch nehmen möchten.[13]

Auch amerikanischen Ursprungs ist die so genannte Gemeindepsychologie, deren Ziel es ist, Hilfsangebote für die maßgeschneiderte Nutzungsmöglichkeit von lebensweltlichen (materiellen, sozialen und kulturellen) Ressourcen bereitzustellen. Im Mittelpunkt stehen Gemeindenähe, Netzwerkförderung und demokratische Partizipation.[14]

Eingebunden in die Bürgerrechtsbewegung entwickelte sich ein Verständnis, wonach Empowerment ein Prozess der Selbstbemächtigung ist, in dem sich Menschen durch kollektive politische Selbstorganisation (Entscheidungs-) Macht verschaffen, um soziale Ungleichheiten auszuräumen. Es geht also aus dieser Sicht um die (Wieder)Herstellung einer politisch ausgerichteten Selbstbestimmung. Jüngere Bewegungen wie die independent-living-Bewegung gehen in ihrem Empowerment-Verständnis noch einen Schritt weiter und verstehen es als tragfähiges Handlungskonzept für eine verberuflichte Soziale Arbeit mit dem Ziel die Selbstgestaltungskräfte anzuregen, zu unterstützend und fördernd zu begleiten und die nötigen Ressourcen dazu bereitzustellen.

[...]


[1] vgl. THEUNISSEN 2002(a), S.178

[2] vgl. HERRIGER 1997, S.11

[3] vgl. GALUSKE 1998, S.264

[4] vgl. HERRIGER 1997, S. 12

[5] vgl. THEUNISSEN 2002(a), S. 178

[6] vgl. HERRIGER 1997, S.12

[7] vgl. THEUNISSEN 2002(a), S.178

[8] vgl. HERRIGER 1997, S. 15

[9] vgl SOLOMON 1976 in THEUNISSEN 2002 (a), S.178

[10] vgl. HERRIGER 1997, S. 20 f.

[11] vgl. THEUNISSEN/PLAUTE 1995 in HERRIGER 1997, S. 26 fff.

[12] vgl. THEUNISSEN 2002(a), S. 178

[13] vgl. OSBAHR 2000, S. 138 f.

[14] vgl. HERRIGER 1997, S. 31

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Empowerment-Konzepte bei Menschen mit geistiger Behinderung
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V284728
ISBN (eBook)
9783656843108
ISBN (Buch)
9783656906520
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empowerment, geistige Behinderung, Heilpädagogik
Arbeit zitieren
Mark Ormerod (Autor), 2004, Empowerment-Konzepte bei Menschen mit geistiger Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284728

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