Jürgen Habermas. Glaube und Wissen


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Habermas und seine intellektuelle Bedeutung für Deutschland

3. Habermas‘ Verbindung zur Religion

4. Glaube und Wissen
4.1 Friedenspreisrede 2001
4.2 Weiterungen

5. Habermas und Ratzinger

6. Fazit

7. Literatur

1. Vorwort

„Weltmacht Habermas“1, „Herr der Großdebatten“2, „das leuchtende Beispiel eines Mannes, der die Rolle des Bürgers und die des Philosophen in überragender Weise vereint“3 – zum 80. und 85. Geburtstag von Jürgen Habermas überschlugen sich die deutschen Feuilletons in ihren Schlagzeilen, um den Frankfurter Philosophen und Soziologen zu würdigen. Er gilt als der führende philosophische Kopf Deutschlands und ist zum allseits anerkannten bundesrepublikanischen Großintellektuellen geworden.

Jürgen Habermas steht in der Tradition der sogenannten Kritischen Theorie der Frankfurter Schule (Max Horkheimer, Theodor Adorno, Herbert Marcuse) und ist der profilierteste Repräsentant der marxistisch geprägten Diskurstheorie.4 In seinem breiten wissenschaftlichen Werk hat er über die Jahrzehnte die „Theorie des kommunikativen Handelns“5 entwickelt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeichnete Habermas im Jahr 2001 mit seinem renommierten Friedenspreis aus und ehrte ihn „als den Zeitgenossen, der den Weg der Bundesrepublik Deutschland ebenso kritisch wie engagiert begleitete […] und der von einer weltweiten Leserschaft als der prägende deutsche Philosoph der Epoche wahrgenommen wird“.6

In seiner Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche überraschte Habermas die Öffentlichkeit und irritierte nicht wenige mit seinem Plädoyer, die Stimme der Religion ernst zu nehmen und Glaubensüberzeugungen in öffentlichen Debatten zu berücksichtigen. Dass die Akzeptanz – mehr noch Bewunderung – für diesen Ethiker des Diskurses heute so umfassend ist, dazu hat nicht zuletzt dessen Reverenz gegenüber der Religion beigetragen. Als Vertreter der Kritischen Theorie ging Habermas noch in den 1980er Jahren davon aus, dass in der Zeit des kommunikativen Handels die Religion sich der Vernunft ergeben werde. Nach dem Wegbrechen des Kommunismus‘ und nicht zuletzt angesichts allgegenwärtiger religiöser und kultureller Konflikte rief er jedoch das „postsäkulare Zeitalter“ aus, in dem die Religion eben nicht einfach verschwindet.

Welchen Stellenwert gibt Habermas im Verhältnis von Glauben und Wissen der Religion? Wie wichtig ist sie für die von ihm so nachdrücklich vertretene Diskurstheorie? Wie hat die Religion ihn, und wie hat er die Theologie beeinflusst? Diese Fragen soll die vorliegende Hausarbeit anhand einiger ausgewählter Beispiele beantworten.

2. Habermas und seine intellektuelle Bedeutung für Deutschland

Als Philosoph und Soziologe, Kulturwissenschaftler und Homo Politicus prägt Jürgen Habermas seit Jahrzehnten die öffentliche Debatte in der Bundesrepublik wie wahrscheinlich kein Zweiter. Unentwegt engagiert er sich in politischen Diskussionen und praktiziert so die von ihm vertretene Diskurstheorie.

Habermas studierte Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn. 1954 promovierte er mit dem Thema „Das Absolute in der Geschichte. Eine Untersuchung zu Schellings Weltalterphilosophie“ und arbeitete danach als freier Journalist. Ab 1964 war er ordentlicher Professor für Soziologie und Philosophie an der Universität in Frankfurt als Nachfolger Max Horkheimers. 1971 wechselte er als Direktor des Max-Planck-Instituts nach Starnberg. 1983 kehrte er als Professor mit dem Schwerpunkt Sozial- und Geschichtsphilosophie nach Frankfurt zurück.7

Jürgen Habermas ist ein ungewöhnlich produktiver Autor, der seine Theorien in wichtigen Aspekten immer wieder revidiert, korrigiert oder weiterentwickelt. „Gewiss, auch andere Philosophen haben Meilensteine hervorgebracht; aber niemand hat einen solch überragenden Einfluss auf die gesamte Disziplin erlangt wie Habermas, von seinem Einfluss auf die nichtphilosophische Welt ganz zu schweigen“, schrieb der New Yorker Rechtsphilosoph Ronald Dworkin anlässlich Habermas‘ 80. Geburtstag.8

Als Habermas vor fünf Jahren den Soziologen Ralf Dahrendorf zu dessen 80. Geburtstag würdigte, beschrieb er an einer Stelle im Grunde sich selbst: „Dahrendorf betreibt auch das akademische Geschäft als Homo politicus. Er lebt, denkt und schreibt aus der Erfahrung einer deutschen Generation, die sich dadurch definiert, dass sie zu der Epochenschwelle von 1945 nicht nicht Stellung nehmen konnte.“9 Habermas spezialisiert sich nicht, schließt keine Gebiete aus, er integriert Forschung, Philosophie sowie persönliche, politische Erfahrungen in seine Argumentationen und Theorien – und vor allem: Er mischt sich ein.

Grundlegend für Habermas‘ Werk ist die Theorie des kommunikativen Handelns, die er als unerlässlichen Bestandteil für eine funktionierende Demokratie betrachtet. „In den bestehenden politisch-gesellschaftlichen Diskursen“ erkennt Habermas „Zwänge, denen die Diskursteilnehmer unterliegen: Natur, Gott und Tradition“.10 Diese Zwänge seien „von der herrschenden Gruppe konstruiert“11. Im Gegensatz dazu sieht sein Ansatz einen herrschaftsfreien Diskurs vor, in dem gleichberechtigte Bürger eine Einigung über Normen und Richtlinien erreichen. Diese Diskursethik trägt stark normative Züge und soll als Verfahren dienen, Aussagen und Normen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Normative Geltung könne nur noch über den Weg der Zustimmung erreicht werden.12 Die Bürger – als Öffentlichkeit – sind der zentrale Punkt der Diskursethik, sie müssen sich getrennt von Staat und Ökonomie zusammenschließen. Jeder Bürger soll den gleichen Zugang zur öffentlichen Debatte haben und kann an der Regelsetzung mitwirken13, denn die Demokratie, so Habermas, „verwirklicht sich erst in einer Gesellschaft mündiger Menschen“14.

Damit dieser Diskurs gelingt, setzt Habermas auf die Vernunft. Der Mensch sei für seine moralische Entwicklung selbst verantwortlich, und die letztlich alleinige Triebfeder für moralisches Handeln sei die Vernunft. Vernunft ist laut Habermas ein sozialer und kommunikativer Prozess: Jede vernünftige Kommunikation basiert auf moralischen Grundsätzen; wer vernünftig kommunizieren will, muss auch moralisch sein. Dabei ist es wichtig, dass ein funktionierender Diskurs stets unterschiedliche Ansichten und Geltungsansprüche einbezieht. Die unterschiedlichen Positionen müssen gehört, verhandelt und ein gemeinsamer Konsens muss gefunden werden. „Der Begriff des kommunikativen Handelns nötigt dazu, die Aktoren auch als Sprecher und Hörer zu betrachten, die sich auf etwas in der objektiven, sozialen oder subjektiven Welt beziehen und dabei gegenseitig Geltungsansprüche erheben, die akzeptiert oder bestritten werden können.“15

Diese Geltungsansprüche spricht Habermas allen gesellschaftlichen Gruppen zu und betrachtet es als unumgänglich, diese in soziale, gesellschaftliche und politische Entscheidungen mit einzubeziehen. In seinen öffentlichen Stellungnahmen nimmt der Frankfurter Philosoph seit vielen Jahren die Gentechnik in den Blick und plädiert dabei für Regeln, bei deren Formulierung auch die Standpunkte von Religionsgemeinschaften Berücksichtigung finden sollten, denn „[m]oralische Empfindungen, die bisher nur in religiöser Sprache einen hinreichend differenzierten Ausdruck besitzen, können allgemeine Resonanz finden, sobald sich für ein fast schon Vergessenes, aber implizit Vermisstes eine rettende Formulierung einstellt“.16

3. Habermas‘ Verbindung zur Religion

Jürgen Habermas hat sich in seinen Theorien, Schriften und Vorträgen immer wieder auf die Religion und ihre Rolle in der Gesellschaft bezogen. Dabei bezeichnet er „sich zwar wie Max Weber als ‚religiös unmusikalisch‘, ist aber“, so der Gießener Professor für Theologische Ästhetik, Eckhard Nordhofen, „postsäkular nett zum Orchester, denn er kann allerhand positive Funktionen der Religion erkennen. […] Sie hat eine Sinnstiftungsfunktion und verschafft dem öffentlichen Diskurs eine moralische Basis.“17

Ein „religiös unmusikalischer“ Philosoph also, ein Wissenschaftler, ein Mann, der von sich sagt, er sei ein maximaler Agnostiker, der keine religiösen Anliegen vertrete, und sich gleichzeitig so intensiv mit Religion und ihrer Bedeutung in unserer heutigen Welt beschäftigt. Um welche Aspekte geht es ihm dabei vor allem?

Themen wie Gentechnik und globale Gerechtigkeit haben Habermas im Laufe der Jahre immer stärker veranlasst, sich mit religiösen Fragen zu befassen und eigene zu stellen: „Müsste nicht der erste Mensch, der einen anderen Menschen nach eigenem Belieben in seinem natürlichen Sosein festlegt, auch jene gleichen Freiheiten zerstören, die unter Ebenbürtigen bestehen, um deren Verschiedenheit zu sichern?“18

Habermas bezieht sich in seiner Auseinandersetzung mit Glaube und Religion auf Aussagen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), wonach viele Grundbegriffe der Philosophie zwar dem Namen nach auf griechische Ursprünge zurückgehen, sie aber ihrem sprachlichen Gehalt nach aus jüdischen und christlichen Überlieferungen stammen. Schon allein aus diesem Grund müsse der Philosophie „daran gelegen sein, ihr Verhältnis nicht nur zu den Wissenschaften, sondern auch zu den vital gebliebenen religiösen Überlieferungen zu klären“19.

„Es besteht eine eigentümliche Dialektik zwischen dem philosophisch aufgeklärten Selbstverständnis der Moderne und dem theologischen Selbstverständnis der grossen Weltreligionen, die als das sperrigste Element aus der Vergangenheit in diese Moderne hineinragen.“20 Und wie will Habermas diese komplizierte Beziehung gestalten? „Die religiöse Seite muss die Autorität der ‚natürlichen‘ Vernunft, also die fehlbaren Ergebnisse der institutionalisierten Wissenschaften und die Grundsätze eines universalistischen Egalitarismus in Recht und Moral, anerkennen. Umgekehrt darf sich die säkulare Vernunft nicht zur Richterin über Glaubenswahrheiten aufwerfen.“21

Glaube und Wissen seien zwei kontroverse, aber sich auch bedingende Faktoren. Sich mit ihnen auseinanderzusetzten, ist für Habermas ein maßgeblicher Prozess in der Entwicklung der säkularen Gesellschaft. „Das Motiv meiner Beschäftigung mit dem Thema Glauben und Wissen ist der Wunsch, die moderne Vernunft gegen den Defaitismus, der in ihr selber brütet, zu mobilisieren. Mit dem Vernunftdefaitismus, der uns heute sowohl in der postmodernen Zuspitzung der ‚Dialektik der Aufklärung‘ wie im wissenschaftsgläubigen Naturalismus begegnet, kann das nachmetaphysische Denken alleine fertig werden. Anders verhält es sich mit einer praktischen Vernunft, die ohne geschichtsphilosophischen Rückhalt an der motivierenden Kraft ihrer guten Gründe verzweifelt, weil die Tendenzen einer entgleisenden Modernisierung den Geboten ihrer Gerechtigkeitsmoral weniger entgegenkommen als entgegenarbeiten.“22

[...]


1 DIE ZEIT, 10.6.2009. Habermas selbst hat dieses Etikett als „schlechten Witz“ bezeichnet. Siehe: Rheinische Post, 18.6.2014

2 DIE ZEIT, 12.6.2014

3 Der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor in der Süddeutschen Zeitung, 18.6.2009

4 Vgl. Horster, Detlef: Jürgen Habermas – Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2010, S.13f., und: Massing, Peter, und Gotthard Breit, . Demokratietheorien: Von der Antike bis zur Gegenwart. Texte und Interpretationshilfen. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag, 2002, S.255f.

5 So der Titel seines 1981 erschienenen Hauptwerks

6 Aus dem Text der Urkunde, im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, Nr. 83, vom 16.10.2001

7. Brunkhorst; Kreide; Lafont (Hrg.): Habermas Handbuch | Leben – Werk – Wirkung Stuttgart: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2009, S.383 | künftig: Brunkhorst; Kreide; Lafont (2009)

8 Dworkin, Ronald in DIE ZEIT,10.6.2009

9 So der Historiker Rudolf Walther in der TAZ, 13.6.2009

10 Bevc, Tobias: Politische Theorien - Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2007, S.288 |Künftig: Bevc (2007)

11 Ebd. S.288

12 Vgl. Bevc (2007), S.286-288

13 Vgl. Bevc (2007), S.295

14 Habermas, Jürgen: Kultur und Kritik. Verstreute Aufsätze - Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973, S.12

15 Habermas Jürgen: Vorstudie und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns - Frankfurt/Main: Suhrkamp 1984, S.588. In: Bevc, Tobias: Politische Theorien - Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2007, S.292

16 Habermas Jürgen : Glaube und Wissen – Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001 - Frankfurt/Main: Edition Suhrkamp, 2002, S. 29 | künftig: Habermas (2002): Glaube

17 Nordhofen, Eckhard: Was zum Himmelschreit im Tagespiegel, 14.6.2009 | künftig: Nordhofen (2009)

18 Habermas (2002): Glaube, S. 31

19 Jürgen Habermas im Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 14.6.2014: Im Sog der Gedanken |künftig: Habermas (2014): Gedanken

20 Habermas, Jürgen: Ein Bewusstsein von dem, was fehlt in Neue Züricher Zeitung, 10.2.2007 | künftig: Habermas (2007), NZZ

21 Habermas (2007): NZZ

22 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Jürgen Habermas. Glaube und Wissen
Hochschule
Fachhochschule Potsdam  (Kulturarbeit)
Veranstaltung
Kult, Kultur und Religion
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V284797
ISBN (eBook)
9783656847977
ISBN (Buch)
9783656847984
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jürgen, habermas, glaube, wissen
Arbeit zitieren
Ina Pappert (Autor:in), 2014, Jürgen Habermas. Glaube und Wissen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284797

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