Wie schon bei Claß beschränkt sich die Analyse des Sündenbegriffes im Werk Bonhoeffers in dieser Untersuchung aus Umfangsgründen auf das Buch Schöpfung und Fall, was folglich eine umfassende Behandlung der Thematik unter möglicher Entwicklung des Sündenbegriffes im Werk Bonhoeffers ausschließt.
Herausforderung dieser Untersuchung ist zudem, dass es sich bei Schöpfung und Fall nicht um eine systematische Abhandlung zum Thema Sünde handelt, sondern um eine theologische Auslegung von Gen 1-3. Aufgabe wird es demzufolge sein aus dem exegetischen Werk einen systematischen Beitrag zur Sündenlehre Bonhoeffers abzuleiten. Da Bonhoeffer stark mit dem politischen Geschehen seiner Zeit verflochten war wird in einem ersten Kapitel der Bezug von Schöpfung und Fall und damaligen politischen Verhältnissen untersucht. Im zweiten Kapitel geht es um die Hermeneutik Bonhoeffers in Schöpfung und Fall. Zwei Gründe rechtfertigen dies: Zum einen stellt die von Bonhoeffer benutzte Methode ein relativ starkes Novum im Vergleich zur üblichen Auslegungsmethode seiner Zeit dar. Zum anderen mutet Bonhoffers Hermeneutik aus evangelischer Sicht z.T. recht fragwürdig an. Aussagen wie, Gen 1-3 sei als „Märchen“ zu verstehen sind Anlass genug um Bonhoeffers Hermeneutik kritisch zu reflektieren.
Die Kapitel drei bis fünf folgen dann in ihrer inhaltlichen Anordnung dem Verlauf der Sündenfallgeschichte: „Die Schöpfung vor dem Fall“, „Der Sündenfall“ und „Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen der Sünde.“
Abschließend erfolgt eine zusammenfassende Darstellung und kritische Würdigung dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
0.1. Hinführung
0.2. Gegenstand und Ziel der Untersuchung
0.3. Stand der Forschung zu Schöpfung und Fall
1. Schöpfung und Fall und Politik
2. Methode und Hermeneutik in Schöpfung und Fall
2.1. Methode: Theologische Auslegung in Schöpfung und Fall
2.2. Hermeneutik: Spannung zwischen Bibelzentrismus und Bibelkritik
3. Die Schöpfung vor dem Fall
3.1. Der Anfang oder die Notwendigkeit des Hörens des biblischen Zeugnisses
3.2. Unbedingte Schöpfung
3.3. Die Erschaffung des Menschen
3.3.1. Das Problem der zwei Schöpfungsberichte
3.3.2. Imago Dei als relatio relationalis
3.3.3. Imago Dei: Leiblichkeit des Menschen
3.3.4. Das Gebot Gottes: Grenze und Mitte des Menschen
3.3.5. Der Mitmensch als die leibliche Vergegenwärtigung der Grenze
4. Der Sündenfall
4.1. Die fromme Frage der Schlange
4.2. Sicut-Deus Verheißung : Der Mensch zwischen Gottes Wahrheit und der der Schlange
4.3. Der Sündenfall als Schuld des Menschen die ganze Schöpfung betreffend
5. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen der Sünde
5.1. Sicut Deus: Das zerstörte Verhältnis des Menschen zu sich selbst
5.1.1. bAj und [r;: Die Entzweiung des menschlichen Wissens
5.1.2. Auf sich gestellt sein
5.1.3. Verfluchte Existenz: verzweifelter Durst nach Leben
5.2. Zerstörung der Beziehung des Menschen zu Gott
5.2.1. Neues Sein für Gott durch Zurückgehen hinter sein Wort
5.2.2. Die Funktion des Gewissens als Flucht vor Gott
5.3. Störung der zwischenmenschlichen Beziehungen
5.3.1. Die neu empfundene Begrenzung durch den Mitmenschen
5.3.2. Sexualität als Ausdruck von Sucht, Mißtrauen und der Verdichtung des sicut-Deus-Seins
5.3.3. Die Gewaltdimension der Sünde im Mord Kains: gesteigertes sicut-deus-Sein aus Verzweiflung über die gestörte Gottesbeziehung
5.4. Störung der Beziehung des Menschen zur nichtmenschlichen Kreatur
5.5. Der Mensch zwischen Fluch und Verheißung
5.5.1. Die Beziehung des Menschen zu Gott: Kampf um das Wort
5.5.2. Die Beziehung von Mann und Frau
5.5.3. Die Beziehung des Menschen zur Natur / Arbeit
5.5.4. Die Beziehung des Menschen zum Tod
5.5.5. Gottes Erhaltungsordnungen
5.6. Ausblick: Die christologische Wiederherstellung
6. Zusammenfassung und kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, aus Dietrich Bonhoeffers exegetischem Werk „Schöpfung und Fall“ einen systematischen Beitrag zu seiner Sündenlehre abzuleiten. Dabei wird untersucht, wie Bonhoeffer Gen 1-3 auslegt und inwieweit diese Interpretation als systematischer Entwurf für ein Verständnis der Sünde als Bruch der Beziehung zu Gott und als eigenmächtige Lebensführung dienen kann.
- Politische Implikationen und der Autoritätsbegriff in „Schöpfung und Fall“
- Hermeneutik und das Spannungsverhältnis zwischen Bibelzentrismus und Bibelkritik
- Anthropologisch-theologische Analyse von „Mitte“ und „Grenze“ des Menschen
- Struktur des Sündenfalls als Entzweiung der menschlichen Existenz
- Die christologische Neubegründung der Schöpfungslehre
Auszug aus dem Buch
Die Schöpfung vor dem Fall
Bonhoeffer beginnt seine theologische Auslegung zu Gen 1,1-3 mit der mehr dogmatischen-philosophischen als exegetischen Frage nach dem Anfang. Relativ ausführlich bespricht er das Thema der Unmöglichkeit des Menschen, den Anfang zu denken. Er kann hinter den biblischen Anfang „am Anfang schuf Gott“ nicht zurückgehen.
Der Mensch kann den Anfang deswegen nicht denken, da der Anfang das Unendliche ist, der Mensch aber das Unendliche nur als Endloses, also das Anfangslose denken kann. Auch ist der Anfang die Freiheit, der Mensch jedoch kann die Freiheit immer nur von der Notwendigkeit her denken.
Das menschliche Denken befindet sich so in einem Ring. Es hält sich selbst für das eigentlich Anfängliche verwickelt sich aber doch nur in einen circulus vitiosus, da es sich dort, wo es sich als das Anfängliche setzt zum Gegenstand seiner selbst macht. So kommt es, dass im Bezug auf den Anfang lediglich verblendete Erkenntnis möglich ist. Die Lehre vom circulus vitiosus hängt eng mit der Sünden und Urstandslehre zusammen: Einerseits setzt die Sündenlehre die Urstandslehre als notwendig voraus, anderseits problematisiert sie deren Möglichkeit, da die Sünde die Möglichkeit der Erkenntnis dieser ursprünglichen Welt zerstört. Aus dem circulus vitiosus führt allein die Christologie heraus, da Christus die Macht der Sünde gebrochen hat.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in die Person Dietrich Bonhoeffers, die Themenfindung der Thesis und Darstellung der forschungsgeschichtlichen Ausgangslage.
1. Schöpfung und Fall und Politik: Analyse der politischen Implikationen der Vorlesung im Kontext der nationalsozialistischen Machtübernahme und Bonhoeffers Kritik am Autoritätsbegriff.
2. Methode und Hermeneutik in Schöpfung und Fall: Untersuchung von Bonhoeffers theologischer Auslegungsmethode und der Spannung zwischen historisch-kritischer Forschung und existenziellem Bibelzentrismus.
3. Die Schöpfung vor dem Fall: Systematische Betrachtung der Urstandslehre mit Fokus auf die Ebenbildlichkeit, die Leiblichkeit des Menschen sowie die Begriffe Mitte und Grenze.
4. Der Sündenfall: Analyse der Sündenfallgeschichte als Akt der Entzweiung und die Rolle der Schlange als Werkzeug des Bösen, das den Menschen zur Selbsterhöhung verführt.
5. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen der Sünde: Eingehende Diskussion der zerstörten Relationen des Menschen zu sich selbst, zu Gott, zum Mitmenschen und zur nichtmenschlichen Kreatur.
6. Zusammenfassung und kritische Würdigung: Synthese der Ergebnisse sowie kritische Reflektion der hermeneutischen Ansätze Bonhoeffers.
Schlüsselwörter
Dietrich Bonhoeffer, Schöpfung und Fall, Sünde, Sündenlehre, Imago Dei, Sicut-Deus, Hermeneutik, Christologie, Ethik, Anthropologie, Mitte, Grenze, Schöpfungsordnungen, Erhaltungsordnungen, Urstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Dietrich Bonhoeffers Werk „Schöpfung und Fall“ aus dem Jahr 1933, um daraus systematische Einsichten in sein Sündenverständnis und seine Auslegung der Schöpfungsgeschichte zu gewinnen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Existenz vor und nach dem Sündenfall, die Bestimmung des Menschen als Ebenbild Gottes (imago dei) sowie die Analyse der Entfremdung des Menschen von Gott, sich selbst und seinem Mitmenschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aus einer exegetischen Vorlesung heraus einen systematischen theologischen Beitrag zur Sündenlehre zu extrahieren und Bonhoeffers spezifische Hermeneutik zu reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematisch-theologische Analyse, die Bonhoeffers Exegese in den Kontext seiner weiteren theologischen Schriften und zeitgenössischer philosophischer Strömungen stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Schöpfung vor dem Fall, den Sündenfall selbst und die daraus resultierenden Konsequenzen für die menschliche Existenz, einschließlich der Erhaltungsordnungen Gottes.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „Sicut-Deus“ (Gott-sein-wollen), die „analogia relationis“ (Ebenbildlichkeit als Beziehung), die „Mitte“ und „Grenze“ menschlicher Existenz sowie die „Erhaltungsordnungen“.
Wie bewertet Bonhoeffer die „fromme Frage“ der Schlange?
Bonhoeffer sieht darin das „Urböse“, da sie den Menschen dazu verleitet, sich selbst zum Richter über Gottes Wort zu machen und sich somit über den Schöpfer zu erheben.
Warum ist das Gewissen laut Bonhoeffer bei Adam nach dem Fall eine „Flucht vor Gott“?
Das Gewissen ist für den sündigen Menschen keine ungetrübte Stimme Gottes, sondern fungiert als Abwehrmechanismus, der den Menschen in seiner Flucht vor der Wahrheit Gottes zu rechtfertigen versucht.
Was versteht Bonhoeffer unter der „Gewaltdimension“ der Sünde bei Kain?
Bonhoeffer deutet Kains Mord als Ausdruck seines Hasses gegen Gott, der aus der Verzweiflung über seine gestörte Gottesbeziehung resultiert, welche er im Vergleich zu Abel wahrnimmt.
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- Daniel Steffen Schwarz (Author), 2006, Das Sündenverständnis Dietrich Bonhoeffers in "Schöpfung und Fall", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284905