Die 'wohlgeordnete' Republik in der Staatstheorie Machiavellis


Hausarbeit, 2004

18 Seiten, Note: 1 (sehr gut)


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Voraussetzungen zum Verständnis von Machiavellis Staatstheorie
2.1 Verwendete Begrifflichkeiten und Geschichtsphilosophie Machiavellis
2.2 Das pessimistische Menschenbild

3 Das Ideal der „wohlgeordneten“ Republik
3.1 Die innere Organisation der „idealen“ Republik
3.2 Militärische und politische Mittel zur Expansion und Erhaltung der Freiheit
3.3 Der Aufstieg und Niedergang eines Staates
3.3.1 Korruption – die Ursache des Untergangs der politischen Ordnung
3.3.2 Die Zurückführung einer „città corrotta“ zu ihrer ursprünglichen Ordnung durch den uomo virtuoso

4 Schlussbetrachtungen

5 Literaturverzeichnis
5.1 Werke
5.2 Literatur

Die Hausarbeit folgt den Regeln der neuen Rechtschreibung

1 Einleitung

Niccolò Machiavelli (1469-1527) gelang, was nur wenige Philosophen erreichten – nach nunmehr fast fünfhundert Jahren ist sein Name immer noch aktuell. Die Kennzeichnung eines Politikers als „machiavellistisch“, stellt diesen als skrupellosen Machtmenschen bloß – ob das Machiavellis tatsächliche Auffassung widerspiegelt bleibt zweifelhaft.[1] Zwar ist die lange Zeit betriebene schwarz - weiß Interpretation seiner Werke verschwunden, doch assoziieren die Menschen den Florentiner nach wie vor eher mit rücksichtslosem Machtstreben als mit einem Verfechter des Republikanismus. Machiavellis Ruf als „Vater“ der modernen Politikwissenschaften[2] basiert im Wesentlichen auf seinen Werken „Il Principe“ (1513, veröffentlicht 1532)[3] und „Discorsi sopra la prima deca ti Tito Livio“(ca. 1513 – 1519[4], veröffentlicht 1531)[5]. In einem zerrütteten und in verschiedene Staaten aufgesplitterten Italien der Renaissance versuchte Machiavelli durch seine Schriften die politische Neuordnung des Landes voranzutreiben. „Il Principe“ appellierte an die Fürsten, den neuen Staat in Italien zu schaffen, während die „Discorsi“ seine Überlegungen über Aufbau, Organisation, Erweiterung und Wiederherstellung einer Republik zusammenfassten.

In die Politik der Stadt Florenz involviert, erlebte er die Unbeständigkeit des politischen Erfolges. Die Karriere Machiavellis hing eng mit dem Schicksal seiner Heimatstadt zusammen. 1494 musste Florenz vor Karl VIII. kapitulieren, die über einen langen Zeitraum regierenden Medicis wurden abgesetzt und der Bußprediger Savonarola errichtete für vier Jahre eine geradezu revolutionär-demokratische Republik, ehe er 1498 zunehmend an Rückhalt verlor, was zu seiner Hinrichtung führte. Im selben Jahr begann Machiavellis politische Laufbahn. Er wurde zum Sekretär der „Zweiten Kanzlei“, einer Art Kriegs- und Außenministerium, und kurz darauf zum Sekretär des „Rates der Zehn“, der Regierung der Stadt, ernannt. Ein Jahr darauf startete seine diplomatische Laufbahn, die ihn zum Hof des französischen Königs Ludwig XII., zu Cesare Borgia nach Rom und an den kaiserlichen Hof Maximilian I. führte. Machiavelli baute die Volksmiliz in Florenz auf, mit der er 1509 seinen größten politischen Erfolg errang – die Unterwerfung der Stadt Pisa. Mit dem Untergang der Republik Florenz 1512 war auch sein eigener verbunden. Die zurückgekehrten Medicis verbannten ihn aus seiner Heimatstadt. Das notgedrungene Exil nutzte er zur Niederschrift seiner politischen Überzeugungen, ehe er 1526 die lang ersehnte Chance bekam, wieder ein politisches Amt zu bekleiden. Kurz darauf beendete ein wiederholter Machtwechsel seine letzte staatliche Tätigkeit. Vergrämt über den Ausschluss aus der Politik der neuen Republik, verstarb Machiavelli 1527.[6]

Der überzeugte Patriot und Republikaner sah seine Aufgabe darin, seiner Stadt als Politiker zu dienen. Als ihm dies durch die Verbannung verwährt wurde, vollbrachte er seine eigentliche, von der Nachwelt gerühmte Leistung – die Niederschrift seiner politischen Überzeugungen.

Die Hausarbeit rückt den weniger bekannten Teil seiner Arbeit in den Mittelpunkt der Betrachtungen – seine Idee zum Aufbau der idealen Staatsordnung, der Republik. Dabei werden die Fragen verfolgt: Worin sah Machiavelli die Vorteile der Republik gegenüber einer Alleinherrschaft? Was führte seiner Meinung nach zum politischen Erfolg beziehungsweise Misserfolg? Inwieweit beeinflusste sein pessimistisches Menschenbild die Staatstheorie? Welche Mittel und Wege sind zur Stabilisierung des Staates und zur Durchsetzung der Staatsräson erlaubt?

Zum Verständnis seiner Staatstheorie wurden eine Erläuterung der wichtigsten in seinen Werken verwendeten Begriffe sowie sein Menschenbild im Zusammenhang mit dem Kreislauf der Verfassungen vorangestellt. Anschließend wendet sich die Hausarbeit dem Aufbau und den Zielen einer „wohlgeordneten“ Republik zu, ihrem Niedergang und der Möglichkeit ihrer Errichtung. Das Schlusswort bildet ein kurzes Resümee seiner politischen Staatstheorien.

Auf Grund des begrenzten Umfanges kann der eigentlich unerlässliche Bezug auf die geschichtliche Epoche nur im sehr geringen Ausmaße erfolgen.

Neben dem Studium von Machiavellis Werken „Der Fürst“ und „Discorsi“ entstand diese Hausarbeit im besonderen Maße auf der Grundlage der Sekundärliteratur von Herfried Münckler[7], Wolfgang Kersting[8] sowie Maurizio Viroli[9].

2 Voraussetzungen zum Verständnis von Machiavellis Staatstheorie

2.1 Verwendete Begrifflichkeiten und Geschichtsphilosophie Machiavellis

Unumgänglich bei der Auseinandersetzung mit Machiavellis Staatsverständis ist die Erläuterung der von ihm verwendeten Begriffe. Im besonderen Maße rücken virtù und fortuna in den Mittelpunkt der Betrachtungen, da Machiavelli das politische Handeln als eine Auseinandersetzung der virtù mit fortuna interpretiert.

Diesner charakterisiert virtù wie folgt: „Sie ist alles Leben und dem gesamten Kosmos durchwaltende Kraft, durch die der Mensch vorrangig sein Dasein trägt und sich im großen und wie im kleinen behauptet und zur Geltung bringt.“ Zwar umspannt sie die ganze Welt, jedoch in unterschiedlich starker Ausprägung, je nach Volk und Zeit.[10] Virtù umfasst den Inbegriff all dessen, was geeignet ist, die Lebensfähigkeit und Stabilität des Staates zu gewährleisten, wobei die Erscheinung von der jeweiligen Situation abhängig ist. In der militärischen Ausrichtung steht sie für Mut, Tapferkeit, Entschlusskraft und Durchhaltevermögen. Als politische Tüchtigkeit beschreibt sie Eigenschaften, die für den Herrschaftserwerb beziehungsweise für den Herrschaftserhalt unumgänglich sind.[11] Dabei kann virtù als politische Energie innerhalb der menschlichen Natur gelehrt und erlernt werden.

Fortuna, die Schicksalsmacht, die Menschen heute steigen und morgen fallen lässt, ist weder berechenbar, noch sind ihre Ziele erkennbar. Sie entspricht der mythologisch dargestellten Differenz zwischen den Intentionen menschlichen Handelns und deren Folgen und Ergebnisse. Doch durch die von Machiavelli betriebene Entmystifizierung des Begriffes, stößt er auf menschliches Versagen, während andere der Schicksalsgöttin Schuld geben. Als Inbegriff der politischen Variablen entzieht sie sich jeglicher Kalkulation. Trotzdem müssen sich die Menschen nicht kampflos ihrem Schicksal ergeben, sondern können darauf einwirken.[12] Einerseits bleibt die eine Hälfte eine nicht beeinflussbare Notwenigkeit, doch ist die andere Seite den Angriffen von virtù ausgesetzt. Lieber „stürmisch als besonnen“[13] sollten die Menschen gegen fortuna ankämpfen, dabei aber ihre Handlungsweisen der Zeit anpassen. Denn nur wer die Zeitverhältnisse mit in Betracht zieht – das Handeln qualità de` tempi erfolgt – kann Ruhm erlangen. Sobald die virtù der fortuna unterliegt, wird der Mensch zum Spielball des Schicksals und zum Opfer necessitàs.

Mit Hilfe necessitàs („von den Umständen ausgehender Zwang“) stellte Machiavelli den Zusammenhang in der Geschichte her. Damit entsagte er sowohl dem im Mittelalter praktizierten Glauben an die providentia Dei („göttliche Vorhersehung“) als auch dem in der Renaissance üblichen fortuna Kult. Durch die Kombination der Erkenntnis der necessità und der Handlungskompetenz der virtù sah Machiavelli die Umstände für die staatliche Selbsterhaltung gegeben. Münckler fasste den necessità – Gedanken in folgender Formel zusammen: „Beherrschbarkeit der Geschichte durch Erkenntnis ihrer Gesetzmäßigkeit.“[14]

Sobald die Staatsführung und die Bürger nicht den Zeitgeist erkennen und über genügend virtù verfügen, um fortuna zu widerstehen, bleibt der Zyklus der Geschichte unaufhaltsam.

Bei der Annahme des ewigen Kreislaufs von Ordnung und Verfall greift Machiavelli im Wesentlichen auf die Interpretation des griechischen Philosophen Polybios zurück, der die zyklische Umwälzung politischer Formen durch die Ordnung der Natur bestimmt sah. Den Kreislauf der sechs Verfasssungsformen sah er wie folgt: Anfangs „bildet sich auf natürlichem Wege und ohne Zutun die Alleinherrschaft heraus, auf sie folgt…durch ordnendes Eingreifen…das Königtum. Wenn dieses in die ihm von der Natur nahe liegenden Fehler verfällt, das heißt zur Tyrannis entartet, entsteht wiederum aus ihrem Sturz die Aristokratie. Wenn diese, wie es in ihrer Natur liegt, zur Oligarchie abgeleitet und das aufgebrachte Volk für die Untaten der leitenden Männer Rache nimmt, kommt es zur Demokratie. Der Übermut und die Zügellosigkeit des Volkes wiederum führt zur Ochlokrati e.“[15] Machiavelli zweifelt stark an, dass ein Staat diesen Kreislauf mehrmals durchlaufen könnte, „denn kaum ein Staat besitzt so viel Lebenskraft, dass er solche Umwälzungen mehrmals durchmachen kann, ohne zugrunde zu gehen.[16]

Dabei ist der Geschichtszyklus keineswegs pessimistisch zu verstehen, sondern bietet nach Machiavellis Meinung durch die Entdeckung der Gesetzmäßigkeit Möglichkeiten der Kontrolle und somit bei einem erfolgsversprechenden Eingriff die Aussicht, fortuna abzuwenden. Wenigstens für einen gewissen Zeitraum besteht die Chance zur Stabilisierung auf dem Höhepunkt der Macht, sobald die spezifischen Bedingungen in Betracht gezogen werden.[17]

[...]


[1] Münckler, Herfried: Machiavelli – Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz. Frankfurt am Main 1984. S. 9.

[2] Taylor, Quentin P.: The Other Machiavelli - Republican Writings by the Author of “The Prince”. Boston 1988. S. VII.

[3] Machiavelli, Niccolò: Il Principe – Der Fürst / Italienisch-Deutsch. Stuttgart 1986.

[4] Über den Zeitpunkt der Beendigung des Werkes gibt es verschiedene Auffassungen. König datiert die „Discorsi“ bis in die 1520er Jahre hinein. Vgl. dazu: König, Renè: Niccolò Machiavelli – Zur Krisenanalyse einer Zeitenwende. München, Wien 1979. S. 220.

[5] Machiavelli, Niccolò: Discorsi. Leipzig, Frankfurt am Main 2000.

[6] Dechering, Jens: Niccolo Machiavelli - Biographie

[7] Münckler, Herfried: Machiavelli – Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus

der Krise der Republik Florenz. Frankfurt am Main 1984.

[8] Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli. München 1988.

[9] Viroli, Maurizio: Machiavelli. New York 1998.

[10] Diesner, Joachim: Virtù, Fortuna und das Prinzip Hoffnung bei Machiavelli. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1. Philologisch-historische Klasse. Göttingen 1993. S. 178.

[11] Kersting, S. 114.

[12] Münckler, 1984, S. 302.

[13] Fürst, XXV, S. 199.

[14] Münckler, 1984, S. 249.

[15] Polybios: Geschichte – Gesamtausgabe in zwei Bänden. Eingeleitet und übertragen von Hans Drexler. Bd. 1. Buch 6. 2. Aufl. Zürich 1978. S. 528.

[16] Discorsi, I.2, S. 23.

[17] Münckler, 1984, S. 267 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die 'wohlgeordnete' Republik in der Staatstheorie Machiavellis
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Note
1 (sehr gut)
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V28492
ISBN (eBook)
9783638302531
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Republik, Staatstheorie, Machiavellis
Arbeit zitieren
Corinna Schulz (Autor:in), 2004, Die 'wohlgeordnete' Republik in der Staatstheorie Machiavellis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28492

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