Steuert die Sozialraumorientierung in der Behindertenhilfe zum Erfolg von Inklusion bei?
Inklusion steht unter anderem für die gleichberechtigte Partizipation aller Menschen unter strikter Berücksichtigung ihrer Autonomie und unter Anerkennung der Vielfalt des menschlichen Seins, sodass auf Basis gemeinsamer Interessen ein Austausch auch mit nichtbehinderten Bürgern stattfinden kann. Um diesen Sachverhalt näher zu erläutern, wird in einem ersten Schritt auf das Thema ‚Inklusion‘ eingegangen: was sind zentrale Zielstellungen, was wird gefordert, wo liegen Grenzen? Und was unterscheidet sie von Integration? Auf diese Weise bekommt die Leserin nicht nur einen ersten Eindruck der Thematik, mit Blick auf die Fragestellung kann auf diese Weise außerdem klar zwischen den Kapiteln verglichen werden, um im Anschluss ein adäquates Fazit ziehen zu können. Der Übersicht halber wird zudem im Folgenden unter Inklusion hauptsächlich die Integration von Menschen mit Behinderung verstanden.
Inklusion ist seit Rechtsgültigkeit der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen am 01.01.2009 Menschenrecht in Deutschland. Die UN-Konvention konkretisiert die Ziele nach Selbstbestimmung und Teilhabe und fordert in diesem Zuge mehr Partizipation und Inklusion in der Gesellschaft.
Auch die Sozialraumorientierung trat zu diesem Zeitpunkt und in Bezug zu den Zielformulierungen der Konvention immer häufiger in der Behindertenhilfe in Erscheinung. Was die Thematik aktuell und interessant macht, ist nicht nur die Neuentdeckung in der behindertenpolitischen Diskussion, sondern auch die Kontroversen, die mit einer sozialräumlichen Orientierung einhergehen. Während die einen von einem kommunalen Sparvorhaben sprechen, sehen die anderen darin eine Innovation, die die Kraft hat Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren, das Selbsthilfepotential zu stärken und auf diese Weise sogar dafür zu sorgen, dass immer weniger Menschen zum „Fall“ werden.
Um auf die gesamte Breite dieses Ansatzes eingehen zu können, wird in einem nächsten Schritt das Fachkonzept Sozialraumorientierung vorgestellt. Neben den zentralen Prinzipien und den Ebenen, wird an manchen Stellen ebenfalls auf die oben angesprochenen Kritikpunkte eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inklusion
2.1. Das Vorhaben „Inklusion“ und seine Forderungen
2.2. Macht Inklusion Integration überflüssig?
3. Ein Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit
3.1. Von der Gemeinwesenarbeit, Stadtteilarbeit und Sozialraumorientierung
3.2. Das Fachkonzept Sozialraumorientierung
3.2.1. Orientierung an Interessen und am Willen
3.2.2. Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe
3.2.3. Konzentration auf die Ressourcen der Menschen und des Sozialraums
3.2.4. Sozialräumliche Arbeit ist zielgruppen- und bereichsübergreifend angelegt
3.2.5. Kooperation und Koordination
3.3. Ebenen der Sozialraumorientierung – „Ein Modell zwischen Lebenswelt und Steuerung“
3.3.1. Fallspezifisches Arbeiten
3.3.2. Fallübergreifendes Arbeiten
3.3.3. Fallunspezifisches Arbeiten
3.3.4. Flexible Organisationen
3.3.5. Raumbezogene Steuerung
3.4. Der Sozialraum
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, den Beitrag des Fachkonzepts der Sozialraumorientierung zur Inklusion von Menschen mit Behinderung zu untersuchen und kritisch zu bewerten.
- Grundlagen des Inklusionsbegriffs und Abgrenzung zur Integration
- Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit hin zur Lebensweltorientierung
- Die Prinzipien des Fachkonzepts Sozialraumorientierung
- Methodische Arbeitsebenen und organisatorische Steuerungsformen
- Sozialraum als Ressourcenfeld für die Teilhabe behinderter Menschen
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Orientierung an Interessen und am Willen
Diese Forderung steht nicht grundlos an erster Stelle; sie macht das Potential des Fachkonzepts aus und bildet den Grundstein eines hochgradig personenbezogenen Ansatzes, deren restliche Prinzipien sinngemäß darauf aufbauen (vgl. Fehren 2011, S. 443).
Auch für die Behindertenhilfe handelt es sich bei diesem Grundsatz um einen wichtigen Impuls, der die Forderung nach mehr Selbstbestimmung in der Inklusionsdebatte für Menschen mit Behinderung unterstreicht. Bei der Entwicklung und Umsetzung behindertenspezifischer Leistungen bedeutet dies einerseits, dass stets am individuellen Klientenwillen bzw. –leben angesetzt werden muss. Andererseits ist es von großer Bedeutung den Menschen mit Behinderung immer entlang seiner Lebensumwelt und seiner sozialen Zusammenhänge zu betrachten und nicht mehr die Institution als Orientierungs- und Identifikationspunkt zu sehen.
An dieser Stelle darf nicht vergessen werden, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Wille und Wunsch bzw. Bedarf ist. Ein Wunsch ist ein Verlangen, das jemand empfindet und äußert, dessen Erfüllung der Wünschende aber in die Hände anderer legt. Der Wille hingegen, befähigt den Menschen aus eigener Kraft und Aktivität entschlossen etwas zu erreichen (vgl. Hinte 2007, S. 106).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Inklusion ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Beitrag der Sozialraumorientierung für die Behindertenhilfe.
2. Inklusion: Dieses Kapitel erläutert das Konzept der Inklusion, seine Forderungen und zieht eine differenzierte Abgrenzung zum Integrationsbegriff.
3. Ein Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit: Hier wird der Wandel von einer defizitorientierten Sozialarbeit hin zu einem Ansatz beschrieben, der den Willen und die Ressourcen der Klienten in den Mittelpunkt stellt.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Sozialraumorientierung ein vielversprechendes, wenn auch forderndes Konzept für die Inklusionspraxis darstellt.
Schlüsselwörter
Sozialraumorientierung, Inklusion, Behindertenhilfe, Lebenswelt, Selbstbestimmung, Teilhabe, Empowerment, Ressourcenorientierung, Sozialarbeit, Gemeinwesenarbeit, Fachkonzept, Fallarbeit, Neue Steuerung, Integration, Paradigmenwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, inwieweit das Fachkonzept der Sozialraumorientierung dazu beitragen kann, Inklusion für Menschen mit Behinderung in der Praxis erfolgreich umzusetzen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind der theoretische Wandel der Inklusionsdebatte, die Prinzipien der Sozialraumorientierung und deren Anwendung auf die Unterstützung von Menschen mit Behinderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Mehrwert einer sozialraumorientierten Arbeitsweise für die Inklusion zu vergleichen und zu prüfen, ob dieser Ansatz ein effektives Instrument für eine gleichberechtigte Teilhabe bietet.
Welche methodische Ausrichtung wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer wissenschaftlichen Literaturanalyse verschiedener fachlicher Konzepte zur Sozialraumorientierung und deren kritischer Reflexion im Kontext der Behindertenhilfe.
Was ist der Kern des Hauptteils?
Im Hauptteil werden die Prinzipien der Sozialraumorientierung sowie deren verschiedene methodische Arbeitsebenen detailliert vorgestellt und auf die Behindertenhilfe übertragen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sozialraumorientierung, Inklusion, Selbstbestimmung und der Fokus auf die Ressourcen der Klientinnen und Klienten anstelle einer Defizitorientierung.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Wunsch und Wille?
Der Wille wird als aktive Kraft zur Selbstbehauptung definiert, während ein Wunsch als passives Verlangen verstanden wird, dessen Erfüllung man anderen überlässt.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Integration und Inklusion eine Rolle?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Inklusion ein Recht auf Zugehörigkeit einfordert und Dekategorisierung anstrebt, während Integration oft an einer "Wir-gegen-die"-Logik festhält.
Welche Kritik an der Sozialraumorientierung wird erwähnt?
Kritiker befürchten, dass das Konzept als "Sparprogramm" für Kommunen missbraucht werden könnte, statt tatsächlich die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.
Was ist die Schlussfolgerung der Autorin?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Fachkonzept sehr wohl zur Inklusion beiträgt, da es die Autonomie der Betroffenen stärkt, warnt aber vor der Mühe und Zeit, die ein solcher institutioneller Umbau erfordert.
- Arbeit zitieren
- Annkristin Plaggenborg (Autor:in), 2014, Leistet das Fachkonzept Sozialraumorientierung einen Beitrag zur Inklusion von Menschen mit Behinderung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284927