Satirische Elemente in Cervantes "La Galatea"


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Kunstmythos Arkadien und Neuschöpfung Cervantes

2 Satirische Elemente in La Galatea
2.1 Lisandro – el pastor homicida
2.1.1 Mordszene
2.1.2 Ironische Liebesklage
2.2 Elicio – el pastor fino
2.2.1 Zwischen Vernunft und Leidenschaft
2.2.2 Der Liebestod
2.3 Erastro – el pastor rústico
2.3.1 Hierarchische Unterscheidung
2.3.3 Rustikale Einfachheit
2.4 Galatea – la incomparable belleza
2.4.1 Freiheit und Liebesignoranz
2.4.2 Galateas finale Unterwerfung

3 Jenseits bukolischer Grenzen: Maskenfall in Arkadien

1 Kunstmythos Arkadien und Neuschöpfung Cervantes

Arkadien, als antik-römischer Kunstmythos, bildet in unserem Kulturgedächtnis die Gegenwelt zur Umtriebigkeit der eigenen Gesellschaft, zu Krieg, zur Unterdrückung und zu den Zwängen der Kultur. Bevor Vergil Arkadien als eine Kunst- und Seelenlandschaft erschöpfte, existierte die Dichtung des Ästhetisch-Gelungenen, in der über einen friedlichen Ort außerhalb städtischer Wirren, den locus amoenus, den „heiteren Ort“ gesprochen wurde. Vergils Arkadien lässt sich nicht in ein bestimmtes Gebiet einzäunen, sondern nur als Entwurf einer imaginären Landschaft in Versen und Prosa, in Musik oder in Bildern gestalten und durch Kunst vermittelnd erleben. Im Arkadien-Mythos werden oft Traummotive und Erinnerungen an den schwerelosen Anfang des menschlichen Lebens beschrieben. Menschen und Tiere leben dort ohne zivilisatorische Arbeit zusammen. Ihre Existenz beschränkt sich auf ein absichtsloses Dasein mit Gesang und Flötenspiel, in denen die Hirtenliebe ein zentrales Thema darstellt. Obwohl Arkadien oftmals mit Frieden und fehlerlosem Zusammenleben der Menschen beschrieben wird, steht die Hirtenliebe eng in Verbindung mit dem Liebestod. Der Tod, der als klarer Kontrapunkt zu setzen ist, trifft jedoch nicht durch Krieg, Alter oder Krankheit ein, sondern gilt als höchste Lebensintensität im ersten Zusammenleben der Menschen, als ein seelischer Tod, in dem der Liebende sich zurückzieht. Dieses Motiv zieht sich durch die Geschichte bis es im späten 18. Jahrhundert durch die Ruinen-Metapher abgelöst wird.1

Nach antikem Vorbild spielt die novela pastoril im verklärten Niemandsland Arkadiens. Sie gründet nicht auf einem Programm der Wunscherfüllung, sondern auf Verzicht. Die novela pastoril kultiviert Passivität und Leiden an Stelle heroischer Taten. Verantwortlich für das Leiden ist die unglückliche, weil unerwiderte Liebe zu einer adeligen Frau. In der ganz als idyllischer locus amoenus gestalteten Natur, in der sich die Schäfer versammeln, scheinen alle sozialen Konflikte völlig beseitigt und lediglich die unterschiedliche Verteilung von Affekten scheint für Ungleichheit zu sorgen.

Cervantes legte mit La Galatea im Jahre 1585 einen weiteren Meilenstein dieser Gattung. Gemäß der Logik des Prinzips in Arcadia ego, haben Kritiker manifestiert, dass die Schäfererzählung nicht komplett frei von emotionalen Erschütterungen ist. Im Folgenden soll daher auf die satirischen Elemente des Textes eingegangen werden. Es sei bereits jetzt darauf hin gewiesen, dass der Fokus hierbei nur auf die Charaktere der wichtigsten Protagonisten des Werkes liegt und aus Platzgründen kein Anspruch auf Vollständigkeit weiterer satirischer Elemente erhoben werden kann. Die Protagonisten, die sich anfangs nach dem Schema des Arkadientypos richten, nehmen mit zunehmender Zeit durch einige Begebenheiten einen menschlichen Charakter an.

2 Satirische Elemente in La Galatea

Satire, unter Bezugnahme auf die Definition von Metzler, weist in kritischer Absicht auf eine von ihr gemeinte Wirklichkeit als von einer Norm markant abstechend bzw. hinter ihr zurückbleibend hin.2 Meist, aber nicht immer, bedient sich die Satire literarisch-rhetorischer Stilmittel der Indirektheit, wie zum Beispiel der Ironie und Allegorie, und der Übertreibung. Der Ironie liegt eine Unvereinbarkeit zwischen dem, was zu sein scheint und dem, was wirklich ist, und zwischen dem, von dem man glaubt dass es die Wahrheit sei und dem was letztendlich resultiert, zugrunde. Hierbei stehen Erwartung und Realität im Gegensatz. Je größer die Unvereinbarkeit, desto ausgeprägter ist die Intensität der Ironie. Dabei gibt es immer einen Beobachter und ein Opfer, das seine Rolle nicht bemerkt. Der Beobachter amüsiert sich dabei und betrachtet den Fall des Opfers in einem Widersprach oder Unvereinbarkeit.3 Als Beispiel soll hier der im Jahre 1585 erschienene Schäferroman La Galatea von Miguel de Cervantes dienen.

2.1 Lisandro – el pastor homicida

2.1.1 Mordszene

Entgegen der Harmonie, die im Schäferroman herrscht, zeigt sich hier ein Mord vor den Augen Elicios und Erastros. Die beiden singen über ihre Liebe und Bewunderung zu Galatea. Während des Gesprächsverlaufs schaukelt sich die Stimmung durch eine klimaktische Steigerung hoch, sodass sie zuletzt über den Tod als Opferung für Galatea reden. Die ist als Einleitung anzusehen, denn sobald Erastro das Gespräch fortsetzen will, werden sie von einem tatsächlich eintretenden Mord überrascht.

Die Mordszene4 vor den Augen der beiden Schäfer alleine genügt Cervantes nicht, der Harmonie in der novela pastoril zu widersprechen. Er bedient sich einiger Stilmittel, um den Mord zu einer herausstechenden Szene zu gestalten. So verwendet er beim Beschreiben der Situation die Personifikation des cuchillo desnudo en la mano, welche dem Mord an Lebendigkeit verleiht. Durch die Anapher y, die das Geschehen auf semantischer Ebene zu einem Satz verbindet, erzeugt der Autor einen schnelleren Rhythmus ohne Pause in der Lesegeschwindigkeit, der dem Leser den Mord als eine Actionszene wahrnehmen lässt. Zudem baut Cervantes durch die direkte Rede eine Nähe zum Geschehen auf. Die Grausamkeit des Mörders wird durch die Hyperbel der mayor prisa del mundo erzeugt, mit der der Mörder sein Opfer verfolgt. Mithilfe der Litotes un no pequeno und der Tautologie estruendo y ruido verdeutlicht und verstärkt der Autor die grausame Mordszene, die mit Geschrei vor sich geht. Um die Gewichtigkeit des Mordes zu erleichtern, wird die Todeszene am Ende durch den Euphemismus escondió dos veces en el cuerpo verschönert. Auf semantischer Ebene kommt zu einem Widerspruch. Cervantes bedient sich hier eines gehobenen Sprachstils, obwohl der Mord in ein niederes Register eingeordnet werden muss. Color, der eigentlich männliches Geschlecht ist, nimmt im Text weibliches Geschlecht an. Zudem verwendet der Autor den Begriff rostro, was an sich ein gehobenes Wort darstellt und mit Antlitz übersetzt werden kann. Durch diese Opposition erscheint die Mordszene besonders poetisch.

Die herausgearbeiteten Isotopien wie venganza, muerte, sacrifico, violento und cruel verdeutlichen die bewusste Abstandnahme von der idyllischen Schäferwelt. Der Überraschungseffekt im Moment des Mords kann die Wahrnehmung des Lesers deautomatisieren, da sie der Erwartung der Idylle signifkant widerspricht. Violento und cruel beschreiben die Mordszene an sich, aus der ein sacrificio resultiert. Das Motiv für den Mord ist die für die Schäferidylle untypische venganza. Bereits vor der Mordszene, während den Liebesklagen Lisandros, lässt sich die Isotopie des muerte festlegen, jedoch nicht der körperliche, sondern der seelische Tod. Der Schäfer dramatisiert seinen langsamen Liebestod durch immerwährendes Leiden5: „En llanto sempiterno, mi ánima mezquina los años pasara meses y días […]“6 Hilflos vor seinem Elend betrachtet er die Süße seines Todes: „Mejor es que, pensando que soy de ti olvidado, me apriete con mi llaga, hasta que se deshaga con el dolor la vida, que ha quedado en tan extraña suerte, que no tiene por mal el de la muerte.“7

Die Anzahl von Antithesen und Paradoxen in La Galatea trägt dazu bei, ein höheres Drama in das Todesthema zu erzeugen. Lisandro sieht sich selbst in einem Zustand, in dem tiefe Trauer zum Leben erweckt worden ist und das Leben stirbt: „quedó vivir el dolor, muerta la vida.“8 Auch zahlreiche Metaphern und Bilder werden zur Verdeutlichung des Todes verwendet. Mit Leonidas Tod leidet Lisandro: „La gloria se ha deshecho, como la cera al sol o niebla al viento; y toda mi ventura cierra la piedra de tu sepultura.“9 Lisandro als pastor homicida ist eine Figur, die den Tod von dem Bereich der Abstraktion entfernt und ihm ein klares, definiertes Bild verleiht.10

2.1.2 Ironische Liebesklage

In seiner Liebesklage nach dem Mord personifiziert der Autor den feigen und furchtsamen Arm, die Toten, Crisalvo und Leonida, sowie die Seele Lisandros als Ansprechpartner dessen. Die Klage verdeutlicht somit die Verzweiflung Lisandros. Cervantes Verweis auf den Körper als ein Gefängnis der Seele ist eines der ältesten und meist verwendeten Ausdrücke, die mit dem Tod verbunden sind. Lisandro spricht von seiner „apasionada ánima“ als Geisel für „la pesada carga deste miserable cuerpo“ und sehnt sich nach der Freiheit seiner „alma venturosa“ von dem „humano velo“.11 Er möchte sich mit der im Himmel residierenden Schäferin vereinen und in Gemeinschaft mit anderen guten Seelen verweilen. Die Vergöttlichung seiner Liebe gilt als traditionelles Motiv eines Schäfers. Darüber hinaus sieht Lisandro den Tod als einen Neuanfang an. In seiner Klage bedient sich Cervantes jedoch eines weiteren satirischen Elements, dem der Ironie. Lisandro, der im Unklaren darüber ist, selbst durch den Mord vom rechten Weg abgekommen zu sein, wünscht sich in der himmlischen Gemeinschaft im Beisein von Leonida zu residieren. Hierbei kommt es zu einer Opposition zwischen seinem guten Wunsch und der kriminellen Aktion durch die Rache, die in seinem Herzen wohnte. Die Ironie wird durch Lisandros Verurteilung gegenüber der Rachsucht Crisalvos einige Strophen zuvor verstärkt. Sie nimmt nicht nur der Protagonist und der Leser wahr, sondern auch der neugierige Elicio, der hinter den „espinozas zarzas… conoció claramente que aquél era pastor homicida […]“12 und als Beobachter der Ironie gilt.13

2.2 Elicio – el pastor fino

2.2.1 Zwischen Vernunft und Leidenschaft

Am Anfang der Novelle erscheint Elicio als anmutiger, verliebter Schäfer, der einen großen Charakter vorweisen kann und sich der Intelligenz bedient, was mit der rauhen Einfachheit des Schäfers Erastros kontrastiert. Während hingegen Erastros Verhalten sich an Gewalt orientiert, bedient sich Elicio seines Verstandes und der Vernunft. Dank seiner Denk- und Verhaltensweise in Bezug auf Fragen über die Liebe wird Elicio als klassische Norm eines verliebten Schäfers dieser Gattung angesehen. Doch auch der pastor fino begibt sich in die Fänge der Satire.14 Als der unglückliche Mireno gerade dabei ist, Silvera in den Armen von Daranio zu verlieren, rät ihm Elicio: „Confuso me tienes, oh, Mireno […] de ver los extremos que haces por lo que Silveria ha hecho, sabiendo que tiene padres a quienes ha sido justo haber obedecido […]“15 und er dehnt den Gedanken der kindlichen Gehorsam aus:

No debes acabar tu vida […] pues podría ser que la mudanza de Silveria no estuviese en la voluntad, sino en la fuerza de la obediencia de sus padres; y si tú quisiste limpia y honestamente doncella, también la puedes querer ahora casada correspondiendo ella ahora como entonces a tus buenos y honestos deseos.16

Am Ende des Werkes gerät Elicio in eine ähnliche Situation wie Mireno, jedoch macht er sich nicht diesen Gedankengang zu Nutze, sondern tauscht seine klassische Art ironischerweise gegen Leidenschaft und Gewalt ein. Als er erfährt, dass der Portugiese kommt, um Galatea zu heiraten und dies dem Wunsch ihres Vaters entspricht, handelt Elicio unbedacht und stürzt sich in einen Tatendrang, um die Freiheit Galateas zu schützen. Hierfür stellt er einen dreiteiligen Plan auf. Seine Lage erscheint doppelt ironisch, wenn man sich an das vorher Gesagte von Elicio erinnert: „Y de aquí adelante […]“ sagt er zu Erastro „[…] no dejes por mi respeto de querer a Galatea, que no soy de tan ruin condición, que, ya que a mí me falta ventura, huelgue de que otros no la tengan.“17

Mit der Persönlichkeitsveränderung am Ende der Novelle tritt auch eine Veränderung in Ton und Stimmlage des Erzählverhaltens ein. Die ruhige, pastorale Welt, die als Zeuge der stürmischen Liebesgeschichte dient, tauscht sein statisches und passives Auftreten ein und mobilisiert sich selbst. Elicio wird hierbei zum Protagonisten. Durch den Briefaustausch, der zwischen Galatea und Elicio stattfindet, in der sie ihn um Hilfe bittet, lassen sie das Pastorale hinter sich und betreten ein neues Terrain, das der Ritterwelt. Elicio wird trotz seiner Schäferkleidung zum Ritter, der eine junge, hilflose Dame rettet, die wunderschöne Galatea, die zum Opfer des sinrazón ihres Vaters wurde. Der Figurenwandel bringt zudem einen Wandel in der Expressivität. Cervantes beschleunigt hierbei das Erzähltempo indem er konstante gleichklingende Sätze mit verkürzten Äußerungen, in denen Verben dominieren ersetzt und somit ein Stakkato im Erzählfluss erzeugt. Elicio wird in seinem Redeverhalten viel aktiver und reizbarer. Im Liebesgedicht verlässt er die petrarkische Klage und die Esoterik des mystischen Neoplatonismus für die Action-Metaphorik der byzantinischen Romanze.18 Er hält sich selbst für einen peregrino de amor, im See der Liebe sich befindend, und er verspricht, Bitten, Opfer und Anerkennung dem Liebesgott gegenüber zu bringen, um die Macht und die Güte Gottes zu erreichen, die letztendlich Elicio und seine Liebe retten sollen.

[...]


1 Brandt (2005: 11-13)

2 Vgl. Trebes (2006: 678)

3 Vgl. Cabrera (1991: 9-10)

4 Vgl. Cervantes (2010: 29-31)

5 Vgl. Damiani (1985: 56)

6 Vgl. Cervantes (2010: 32)

7 Vgl. Cervantes (2010: 33)

8 Vgl. Cervantes (2010: 31)

9 Vgl. Cervantes (2010: 32)

10 Vgl. Damiani (1985: 61-62)

11 Vgl. Damiani (1985: 63)

12 Vgl. Cervantes (2010: 31)

13 Vgl. Cabrera (1991: 10)

14 Vgl. Cabrera (1991: 10-11)

15 Vgl. Cervantes (2010: 127)

16 Vgl. Cervantes (2010: 127)

17 Vgl. Cervantes (2010: 26)

18 Vgl. Cox (1974: 11-12)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Satirische Elemente in Cervantes "La Galatea"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
En el fin del mundo. Zur Poetik der Peripherie im siglo de oro
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V284964
ISBN (eBook)
9783656850403
ISBN (Buch)
9783656850410
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
satirische, elemente, cervantes, galatea
Arbeit zitieren
Lisa Knaub (Autor), 2014, Satirische Elemente in Cervantes "La Galatea", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284964

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