Verfolgt man die heutigen Debatten über „Globalisierung“, „Zivilgesellschaft“, „Umbau des Sozialstaats“/„schlanken Staat“ und „Eigenverantwortung“, so hat es den Anschein, als ob diese völlig neuartig und in dieser Form noch nie da gewesen seien. Eine etwas tiefergehende Beschäftigung mit früheren Geschichtsepochen erweckt jedoch eher den Eindruck, dass manche Diskussionen und Diskurse mit einer gewissen Zwanghaftigkeit dem Anschein nach immer wieder neu aufgelegt werden.
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fanden solche Debatten und Diskussionen ebenfalls statt, allerdings mit einer Zuspitzung, die von den Anfängen des späten 18. Jahrhun-derts und den heutigen Debatten weit entfernt war; in diesen Zei-ten wurden von Sozialmedizinern, Psychiatern, Hygienikern, Politikern et cetera Überlegungen dahingehend angestellt, wie man mit Mitteln der „Eugenik“ „sozial schwache“ Bevölke-rungselemente, wie man heute sagen würde, die „Kranken“, „Krüppel“, „Minderwertigen“ und „Irren“, am besten durch geeignete Maßnahmen an ihrer Reproduktion und weiteren Vermehrung hindern könne. Dies war aber nur das Vorspiel für das Vorgehen des Nationalsozialismus, der im Namen der „Euthanasie“ und des „gesunden Volkskörpers“ systematische Massenmorde und Zwangssterilisationen an Behinderten, „Asozialen“, Geisteskranken und nicht zuletzt auch Kriegsversehrten beging.
Die Frage ist nun, ob die „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten lediglich eine radikalisierte Variante der vorherge-henden „Eugenik“-Debatte und sozialdarwinistischer Strömungen seit dem 19. Jahrhundert darstellen oder ob das eine mit dem anderen nur bedingt etwas oder gar nichts zu tun hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Ideengeschichtliche Voraussetzungen der Euthanasie und der „Rassenhygiene“ unter dem übergreifenden Aspekt der „Biopolitik“ nach Michel Foucault
1.1 Zum Begriff der „Biopolitik“ beziehungsweise der „Biomacht“ nach Michel Foucault
1.1.1 Zur Einführung: Das Motiv der Fürsorge – umstritten von Anfang an
1.1.2 Analyse von Biomacht/-politik nach Michel Foucault
1.1.3 Fragmentierung und Parzellierung
1.1.4 Analyse der Euthanasie als Bestandteil der Biopolitik
1.2 Darwinismus und Sozialdarwinismus
1.3 Der „Defizit“-Diskurs und die „erlernte Hilflosigkeit“
1.4 Eugenik und „Rassenhygiene“
1.5 Euthanasie und Zwangssterilisationen
2. Konkretisierung: Euthanasie und rassenhygienische Maßnahmen der Nationalsozialisten in der Praxis 1933-1945 am Beispiel der Krankenhäuser und Psychiatrien Oldenburgs
2.1 Einleitende Problemcharakterisierung
2.2 Die psychiatrische Anstalt Wehnen
2.2.1 Logik der Radikalisierung
2.2.2 Die Entwicklung von Wehnen
2.3 Kloster Blankenburg
2.3.1 Einleitendes
2.3.2 Das Pflegeheim Kloster Blankenburg als Teil der „Rassenhygiene“-Politik
2.3.3 Die wechselvolle Geschichte von Blankenburg
2.3.3.1 Blankenburg in den frühen 1930er Jahren
2.3.3.2 Blankenburg während des 2. Weltkrieges – Der „Kindertransport“
2.3.4 „Umwidmung“ von Kloster Blankenburg und die Zwangsarbeiter
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Umsetzung nationalsozialistischer „Biopolitik“ am Beispiel von Krankenhäusern und Psychiatrien in Oldenburg. Ziel ist es, die Einbindung dieser Einrichtungen in die Maßnahmen zur systematischen Erfassung und Vernichtung von als „lebensunwert“ stigmatisierten Menschen zu rekonstruieren und als radikalisierte Konsequenz biologistischer Diskurse zu begreifen.
- Ideengeschichtliche Fundierung der Euthanasie durch Sozialdarwinismus und Eugenik.
- Analyse des „Biomacht“-Konzepts nach Michel Foucault.
- Rolle des „Defizit“-Diskurses in der Behindertenhilfe und Sozialen Arbeit.
- Konkrete Praxis des Krankenmordes und der Zwangssterilisation in Oldenburg.
- Die Funktion von Anstalten wie Wehnen und Kloster Blankenburg als Tatorte nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.
Auszug aus dem Buch
1.1.2 Analyse von Biomacht/-politik nach Michel Foucault
Michel Foucault (1926-1984), der von 1970 an bis zu seinem (Aids-)Tod im Jahre 1984 am Collège de France in Paris lehrte und dort einen Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme inne hatte, befasste sich seit „Überwachen und Strafen“ (1976) und noch mehr in „Sexualität und Wahrheit 1“ (1977) mit dem Phänomen der Macht. Macht war für ihn – etwa im Unterschied zu Max Weber – nicht bloß etwas den von der Macht „Unterworfenen“ Äußerliches, die mit repressiven Maßnahmen zur Verhaltenskonformität gezwungen werden, sondern etwas, das den gesamten „Gesellschaftskörper“ (Foucault) durchzog und folglich auch durch die Körper hindurchging, wie er es zum Beispiel am Gefängnis als „totaler Institution“ (Goffman) illustrierte. Macht war für ihn nicht nur eine negative Instanz der Unterdrückung und Unterwerfung – dies ist bloß ein Teilaspekt, und bei Weitem nicht der wichtigste -, sondern eine Wirkung, eine Kraft, eine Energie, die als Positivität eine Verkettung zwischen den vergesellschafteten Individuen bildete.
Sie ist somit, in den Worten Thomas Lemkes, nichts anderes als ein „gesellschaftliches Verhältnis“ zwischen den (Gesellschafts-)Subjekten. Die Macht ist einerseits diffus, andererseits „überall da“, sie wirkt indirekt und doch direkt, stellt ein Möglichkeitsfeld von Handlungsoptionen dar, „sie stachelt an, gibt ein, lenkt ab, erleichtert und erschwert, erweitert und begrenzt…“ Sie ist also weit mehr als ein bloßes Unterdrückungsverhältnis zwischen den Beherrschten und den Herrschern. Im Unterschied zu früheren Forschungen, in denen er sich lediglich mit der Wirkung der Diskurse befasste, ging es dem späten Foucault um die Analyse der „Dispositive der Macht“, also um Handlungspraktiken und -optionen im weitesten Sinne, die Wirkung(en) innerhalb des Gesellschaftskörpers entfalten (z. B. das „Sicherheitsdispositiv“).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ideengeschichtliche Voraussetzungen der Euthanasie und der „Rassenhygiene“ unter dem übergreifenden Aspekt der „Biopolitik“ nach Michel Foucault: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Biopolitik und zeigt auf, wie rassistische und eugenische Diskurse eine radikale Entwertung menschlichen Lebens vorbereiteten.
2. Konkretisierung: Euthanasie und rassenhygienische Maßnahmen der Nationalsozialisten in der Praxis 1933-1945 am Beispiel der Krankenhäuser und Psychiatrien Oldenburgs: Der Hauptteil analysiert die praktische Anwendung dieser Ideologie in den oldenburgischen Einrichtungen, wobei die Rolle der Medizinalbürokratie und spezifischer Anstalten detailliert untersucht wird.
Schlüsselwörter
Biopolitik, Biomacht, Euthanasie, Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Sozialdarwinismus, Eugenik, Psychiatrie, Wehnen, Kloster Blankenburg, Krankenmord, Zwangssterilisation, Defizit-Diskurs, Historische Aufarbeitung, Oldenburg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Hintergründe und die praktische Umsetzung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik an behinderten und kranken Menschen am regionalen Beispiel Oldenburgs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die ideologische Herleitung durch den Sozialdarwinismus, die Entwicklung der NS-Euthanasie sowie die Rolle der Oldenburger Anstalten Wehnen und Kloster Blankenburg als Orte der Selektion und des Mordes.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit hinterfragt, ob die Euthanasie-Verbrechen eine radikalisierte Variante vorheriger eugenischer Debatten darstellen und wie sich diese Denklogik in lokalen medizinischen Institutionen konkret manifestierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende historische Analyse, die sowohl diskursanalytische Ansätze (nach Foucault) als auch die empirische Aufarbeitung von Akten und institutionellen Abläufen in Oldenburger Einrichtungen integriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Konkretisierung der rassenhygienischen Maßnahmen zwischen 1933 und 1945 sowie die spezifische Rolle der Psychiatrie Wehnen und des Klosters Blankenburg als Sonderkrankenhäuser im Kontext der „Aktion Brandt“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Biopolitik, Euthanasie, Rassenhygiene, Sozialdarwinismus, Anstaltsmord, Psychiatrie und historische Aufarbeitung definiert.
Warum ist das Beispiel der Anstalt Wehnen für die Forschung so wichtig?
Wehnen gilt als „Hungermord-Klinik“, deren Sterblichkeitsraten bereits lange vor der offiziellen T-4-Aktion drastisch anstiegen, was auf ein eigenes Euthanasiekonzept der Anstaltsleitung hindeutet.
Welche Rolle spielte das Kloster Blankenburg während des Krieges?
Das Kloster Blankenburg wurde im Zuge der „Aktion Brandt“ umgewidmet, diente als Deportationsort für Patienten und später als geplante Tuberkuloseklinik, die jedoch in der Praxis vor allem eine Sterbestätte für Kranke und Zwangsarbeiter war.
- Arbeit zitieren
- Eva Schürmann-Lanwer (Autor:in), 2014, Die Umsetzung nationalsozialistischer „Biopolitik“ in Oldenburger Krankenhäusern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284987