Indien in Zeiten der Planwirtschaft


Essay, 2013

8 Seiten

Michael Herrlich (Autor)


Leseprobe

Wissenschaftlicher Essay

Thema:

Die Auswirkungen einer eingeführten und anschließend über Jahrzehnte andauernden Planwirtschaft auf das betroffene Volk und dessen Wohlstandssituation allgemein, am Beispiel Indiens in der Zeit nach 1947 bis zum Beginn der Wirtschaftsreformen Anfang der neunziger Jahre. Ziel ist es dabei eine zentrale These aus dem Werk „Der Weg zur Knechtschaft“ von Friedrich August von Hayek zu überprüfen, bei der er der Meinung ist, dass es ein Trugschluss sei zu glauben, der Staat könne effizienter produzieren als die freien Kräfte des Marktes und somit für mehr Wohlstand sorgen (vgl. Hayek 2009: 67ff).

Fragestellung:

Inwiefern verbesserte oder verschlechterte sich die Wirtschafts- und Wohlstandssituation Indiens nach dem Erlangen seiner Unabhängigkeit in den folgenden Jahrzehnten der Planwirtschaft bis zum Beginn der Wirtschaftsreformen Anfang der neunziger Jahre?

Hypothese:

Wenn es eine Zunahme planwirtschaftlicher Elemente in einer Ökonomie gibt, dann sinken das Wirtschaftswachstum und der Wohlstand der Bevölkerung.

Essay:

Hayek widerspricht in seinem Werk „Der Weg zur Knechtschaft“ der Meinung von Sozialisten und Sozialistinnen, der Staat könne effizienter als die freien Kräfte des Marktes produzieren. Vielmehr ist er der Meinung, dass sich durch den freien Wettbewerb in einer freien Marktwirtschaft für jedes einzelne Individuum mehr Möglichkeiten für ein erfülltes Leben ergeben würden (vgl. Hayek 2009: 67ff). Anhand des Beispiels „Indien nach Erlangen der Unabhängigkeit 1947“, möchte ich diese Aussagen von Hayek überprüfen und der Fragestellung nachkommen, inwiefern sich die Wirtschafts- und Wohlstandssituation Indiens nach dem Erlangen seiner Unabhängigkeit in den folgenden Jahrzehnten der Planwirtschaft bis zum Beginn der Wirtschaftsreformen Anfang der neunziger Jahre verbesserte oder verschlechterte. Meine Hypothese ist dabei, dass wenn es zu einer Zunahme planwirtschaftlicher Elemente in einer Ökonomie kommt, in weiterer Folge das Wirtschaftswachstum und der Wohlstand der Bevölkerung sinken.

Indien wird unabhängig

Indien konnte als Kolonie Großbritanniens zwischen 1914-1947 nur ein sehr geringes Wirtschaftswachstum erzielen. Als das Land 1947 dann unabhängig wurde und ein sozialistischer Staat mit einer Planwirtschaft eingeführt wurde, erreichte man plötzlich ein beträchtlich höheres Wachstum. Während der ersten 15 Jahre nach der Unabhängigkeit erzielte man nämlich jährlich einen BIP-Zuwachs von knapp 4%. Die wirtschaftliche Performance entwickelte sich also eindeutig besser als unter der britischen Kolonialzeit, das rasante Wachstum des BIPs kann durchaus als der größte Erfolg der eingeführten Planwirtschaft angesehen werden, dies bestätigten auch KritikerInnen dieses Systems, wie zum Beispiel der in Bombay geborene indische Ökonom Jagdish Bhagwati (vgl. Manish 2011: 199-202).

Die großangelegten Investitionen der Regierung in den 50er und 60er Jahren transformierten Indien zu einem der am stärksten industrialisierten Länder der Welt. Besonders viel Wert wurde dabei auf die Entwicklung des Landwirtschaftssektors und auf Investitionen in Bewässerungssysteme gelegt. Moderne landwirtschaftliche Methoden, wie die Verwendung von Hochleistungssaatgut und Kunstdünger ließen die Erträge extrem ansteigen. Dadurch wiederum, kam es zu einem vorläufigen Rückgang der Armut und die Lebenserwartung stieg. Großangelegte Landreformen wurden von der Regierung durchgeführt und es kam somit zur Umverteilung von Land, was in den ländlichen Gebieten die schlimmsten Ungleichheiten verringerte. Die Regierung investierte außerdem in die Bildung, was besonders der englischsprachigen Elite zu Gute kam. Alle wichtigen Industrien, wie Eisenbahn und Chemiefabriken waren bis zu den 1980er staatlich kontrolliert. Die Substitution von Importen durch einheimische Produkte war besonders beliebt. Man sollte ausländische Konkurrenten und Konkurrentinnen, die man vom Markt drängte, kopieren. Aufgrund dieser Umstände zog sich auch „IBM“ 1970 aus Indien zurück. Ein Rückzug der zum Aufbau und starken Wachstum der indischen Computer Industrie führte. In den späten 1980ern kamen allerdings die großen Nachteile dieser isolationistischen und sozialistischen Politik auf. Die Inneffizienz der staatlichen Betriebe, fehlende Innovationen und eine sehr hohe Bürokratie verhinderten, dass indische Firmen auf dem Weltmarkt weiter konkurrenzfähig waren und man Wachstumsraten, wie sie zur selben Zeit aus China kamen, erreichen konnte. (vgl. Pilny & Reid 2011: 63-72).

Dass es sich in dieser Phase nur um einen trügerischen Scheinboom handelte bestätigt auch G.P.Manish, der in seinem Text meint, dass der Lebensstandard der Massen stagnierte und in Wahrheit immer schlechter wurde. Die Planungen des Zentralstaates waren nur auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtet und durch wirtschaftliche Fehlstrukturierungen geprägt (vgl. Manish 2011: 206-211).

Der Zentralstaat hatte sich nämlich dazu entschieden, sich auf die Herstellung von Industrieprodukten zu konzentrieren, die woanders viel billiger produziert werden hätten können. Dies wirkte sich vor allem im Baumwollen- und Getreidesektor aus, zwei Güter, die für die Massen immer weniger verfügbar waren und somit zum sinkenden Wohlstand der Bevölkerung in den 70er und 80ern beitrugen. Ein Umstand so Manish, der in einer freien Marktwirtschaft nicht eingetreten wäre (vgl. Manish 2011: 216).

Die Widerlegung der „Mainstream-Transformationstheorie“

Einen anderen Standpunkt vertritt Udoy M. Ghose. Er beschäftigte sich ebenfalls mit Indien in Zeiten der Planwirtschaft. Dabei befasste er sich mit Thesen zur Einführung eines planwirtschaftlichen Systems. Die klassische Mainstream-Transformationstheorie besagt dabei, dass eine enorme Zunahme planwirtschaftlicher Elemente innerhalb einer Ökonomie, die demokratischen Strukturen langsam zerstört und somit zu einem sinkenden Lebensstandard der Bevölkerung führt. Dabei gibt er das Beispiel Indien als Gegenbeweis an. Denn trotz des wachsenden Einflusses der Planwirtschaft in der indischen Volkswirtschaft zwischen 1947-1991, hätte sich die Demokratie verstärkt und der Lebensstandard sei gestiegen (vgl. Ghose 2003: 43-44).

Um diesen Nachweis zu erbringen gibt M Ghose in seinem Buch die Lebensbedingungen der Bevölkerung an, die sowohl vor als auch während der Unabhängigkeit bestanden haben, als auch das steigende Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1947-1991. Auch die steigende Alphabetisierungsrate und Lebenserwartung in dieser Zeit - welche durch den Staat und dessen Maßnahmen gegen aufkommende Hungersnöte entstanden sei - sieht er als Gegenbeweis zur Mainstream - Transformationstheorie. Außerdem zeigt er in seinem Buch, dass in Indien ein breiter gesellschaftlicher Zuspruch bezüglich der Einführung planwirtschaftlicher Elemente bestanden habe (vgl. Ghose 2003: 55-58).

Wie man an den bisherigen Argumenten der Theoretiker/Innen sehen kann, herrscht große Uneinigkeit darüber, ob die Planwirtschaft in Indien nun als Erfolg oder Misserfolg angesehen werden kann. Um zu einem schlüssigen Ergebnis meiner Forschungsfrage zu kommen, möchte ich nun weitere Inhalte von Werken erläutern, die dazu beitragen sollen, mir zu einem endgültigen Ergebnis meiner Forschungsfrage zu verhelfen.

Alan Greenspan versucht in seinem Werk „Mein Leben für die Wirtschaft“ zu erklären, warum Indiens Bruttoinlandprodukt nachdem es 1990 noch gleichauf mit dem chinesischen lag, heute nur noch zwei Fünftel dessen beträgt. Warum ist ein Land, dessen BIP zwischen 19501980 jährlich ca. um 3,5 % stieg also heute noch immer zu den unteren Rängen der Entwicklungsländer zu zählen? Greenspan meint, dass Großbritannien als es 1947 Indien in die Unabhängigkeit entließ zwar sämtliche Kolonialbeamte und -beamtinnen abziehen ließ, aber eine britische Institution hinterließ, die schnell das Herz der Führungskaste eroberte und zwar den fabianischen Sozialismus. Der damalige indische Premierminister Jawaharlal Nehru, ein Jünger von Mahatma Gandhi, fand großen Gefallen an der vernunftbestimmten Klarheit der Fabianer und war der Meinung ein freier Markt schade der Wirtschaft. Dies war der Grund für die folgende Planwirtschaft. Der Sozialismus hatte die indische Wirtschaftspolitik also noch fest im Griff, selbst als Großbritannien sich längst von ihm abgewendet hatte. Nehru gefiel die zentrale Planung, die auf den materiellen Wohlstand aller und nicht einiger weniger abzielt. Als Premierminister verstaatlichte er in Folge alle strategischen Industrien, vor allem Elektrizität und Schwerindustrie. Alle anderen Betriebe ließ er von einem Kader erfahrener Staatsbeamter kontrollieren (vgl. Greenspan 2007: 357-358).

Die allgegenwärtigen Kontrollen durchdrangen bald buchstäblich die gesamte indische Wirtschaft und sorgten dafür, dass man für alles eine Lizenz, Erlaubnis oder einen Stempel benötigte, womit man der eigenen Wirtschaft auf lange Zeit bürokratische Hindernisse in den Weg legte, die bis heute noch immer nicht ganz abgelegt werden konnten. Als Beispiel für ein solches bis heute bestehendes Gesetz nennt Greenspan den Umstand, dass Unternehmen mit mehr als einhundert Beschäftigten, bis auf wenige Ausnahmen, niemanden ohne eine behördliche Genehmigung entlassen dürfen. Durch die liberalisiert angehauchten Reformen, die Manmohan Singh ab 1991 in Indien eingeführt hatte - darunter die niedrigeren Zollschranken, die indischen Unternehmen eine Beteiligung am internationalen Markt ermöglichen - und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung Indiens sieht Greenspan den Beweis dafür, dass eine freie Marktwirtschaft mehr Wohlstand für ein Land und mehr Freiheiten für den und die Einzelne ermöglicht (vgl. Greenspan 2007: 359-360).

Der Schwachpunkt „Landwirtschaft“

Bis jetzt konnte man deutlich erkennen, dass die 1947 langsam beginnende Planwirtschaft Indiens auch und vor allem anfangs, durchaus Erfolge feiern konnte, allerdings aufgrund einer mangelhaften Qualität der Planung, aufgebauten bürokratischen Labyrinthen und späterer Verweigerung zur Öffnung der Märkte zum Scheitern verurteilt war. Einen besonderen Schwachpunkt des damaligen Systems möchte ich jetzt allerdings noch detaillierter erklären: die Landwirtschaft.

Nachdem auf dem industriellen Sektor der Durchbruch gelungen war wollte man auch im landwirtschaftlichen Sektor ähnliche Erfolge erzielen. Doch um die Industrie weiterhin zu fördern, wurden die Agrarpreise absichtlich niedrig gehalten, damit die Löhne nicht in Höhe springen würden. Den Bauern fehlte somit der wahre Ansporn zur Produktivitätssteigerung. Es folgten Dürreperioden 1965/66 und die Agrarpreispolitik der Regierung brach in weiterer Folge vollkommen zusammen und es kam zur Verteuerung von Agrarerzeugnissen. Die entstehende „grüne Revolution“ zwang die Bauern dazu auf die Marktsignale zu reagieren und somit brachte man Neuzüchtungen und Dünger zum Einsatz. Das landwirtschaftliche Wachstum wurde dadurch beachtlich beschleunigt. Durch staatliche Subventionen wurden Bewässerungssysteme gebaut und Düngemittelfabriken errichtet. Dadurch gelang es Indien die Selbstversorgung der wachsenden Bevölkerung zu garantieren. Diese Umstände hatten allerdings einen teuren Preis: Neben ökologischen Problemen - Absenkung des Wasserspiegels, Versalzung der Böden und Abholzung von Waldgebieten - konnten viele Kleinbauern in der kapitalintensiven Landwirtschaft nicht mehr weiter überleben und mussten deswegen ihren Landbesitz aufgeben.

[...]

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Details

Titel
Indien in Zeiten der Planwirtschaft
Autor
Jahr
2013
Seiten
8
Katalognummer
V285053
ISBN (eBook)
9783668780187
Sprache
Deutsch
Schlagworte
indien, zeiten, planwirtschaft
Arbeit zitieren
Michael Herrlich (Autor), 2013, Indien in Zeiten der Planwirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285053

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