Zur Thematik der Geschichtsphilosophie hat sich Immanuel Kant in mehreren kleineren Werken wie etwa in der „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" (1784), dem „Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis" (1793) oder dem „Ewigen Frieden“ (1795) geäußert. Im Jahre 1798 folgte die Veröffentlichung „Der Streit der Fakultäten“, nachdem ihm nach dem Tode des preußischen Regenten Friedrich Wilhelm II, die Erlaubnis zur Veröffentlichung ein Jahr nach Fertigstellung der Schrift erteilt wurde. In diesem Text beschäftigt Kant sich im zweiten Abschnitt, die von dem Streit zwischen der juristischen und der philosophischen Fakultät handelt, mit der erneuerten Frage, „ob das Menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sei?“ Hierbei führt er das so genannte Geschichtszeichen am konkreten Beispiel der Reaktionen der Zuschauer auf die Französische Revolution ein. Das Entscheidende an diesem vieldiskutierten Konzept ist, dass jenes Zeichen laut Kant ein Beweis für die moralische Tendenz des Menschengeschlechts sei und somit auch für den beständigen Fortschritt zum Besseren, obgleich es in keiner seiner weiteren geschichtsphilosophischen Texten Erwähnung findet.
Die Aufgabe der folgenden Arbeit ist es, dieses Geschichtszeichen eingehend zu betrachten und zu entschlüsseln. Meine Fragestellung lautet dabei: Was ist dieses Geschichtszeichen? Was genau hat Kant damit gemeint? Hierzu wird der Text im Hauptteil in vier verschiedene Unterkapitel gegliedert: Zunächst gilt es, den Rahmen für das Geschichtszeichen zu umreißen, also Kants generelle Geschichtsphilosophie in ihren Grundzügen zu beleuchten. Hernach wird das Geschichtszeichen selbst in den Zusammenhang mit der Geschichtsphilosophie hinein gebracht, um gleichzeitig auch auf die Frage einzugehen, warum Kant eine solches Zeichen überhaupt einführt. Im dritten Unterkapitel werde ich das Zeichen selbst genauer untersuchen und erläutern. Erst danach folgt der abschließende interpretatorische Teil, in dem ich eine von mir aufgestellte These überprüfen werde. Diese lautet folgendermaßen: Eingeordnet in das restliche philosophische System Kants lässt sich das Geschichtszeichen als ein Repräsentant der noumenalen Welt betrachten, also als ein Phänomenon. Was damit genau gemeint ist, werde ich in jenem Unterkapitel näher erläutern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Allgemeines zu Kants Geschichtsphilosophie
2.2 Einbettung des Geschichtszeichen in Kants Geschichtsphilosophie
2.3 Erläuterung des Geschichtszeichens
2.4 Das Geschichtszeichen und die Noumena-Phänomena-Trennung
3. Fazit
Zielsetzung und Thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit widmet sich der Analyse des kantischen Konzepts des „Geschichtszeichens“ aus seinem Werk „Der Streit der Fakultäten“. Ziel der Untersuchung ist es, die philosophische Bedeutung dieses Zeichens – exemplifiziert durch die Zuschauerreaktionen auf die Französische Revolution – zu entschlüsseln und theoretisch in Kants System der Noumena-Phänomena-Trennung einzuordnen.
- Kants geschichtsphilosophische Grundannahmen und die Idee des Fortschritts.
- Das Konzept des Geschichtszeichens als Beweis für die moralische Tendenz der Menschheit.
- Die Rolle des Zuschauers als konstitutives Element für die historische Gewissheit.
- Die transzendentalphilosophische Einordnung: Geschichtszeichen als Phänomenon.
- Das Verhältnis von intelligibler Welt (Noumena) und empirischer Erfahrung.
Auszug aus dem Buch
Erläuterung des Geschichtszeichens
In seinem zeitgenössischen Umfeld erkennt Kant eine Begebenheit, die sich als ein Geschichtszeichen betrachten lässt. Diese Begebenheit „besteht nicht etwa in wichtigen, von Menschen verrichteten Thaten oder Unthaten.“
„Es ist bloß die Denkungsart der Zuschauer, welche sich bei diesem Spiele großer Umwandlungen öffentlich verräth und eine so allgemeine und doch uneigennützige Theilnehmung der Spielenden auf einer Seite gegen die auf der andern, selbst mit Gefahr, diese Parteilichkeit könne ihnen sehr nachtheilig werden, dennoch laut werden läßt, so aber (der Allgemeinheit wegen) einen Charakter des Menschengeschlechts im Ganzen und zugleich (der Uneigennützigkeit wegen) einen moralischen Charakter desselben wenigstens in der Anlage beweiset, der das Fortschreiten zum Besseren nicht allein hoffen läßt, sondern selbst schon ein solches ist [...]“
Die Begebenheit, von der hier die Rede ist, ist die Französische Revolution. Dies ist bemerkenswert, da die Schrift Kants in einer Zeit entstanden ist, in der die Phase des „Terreur“, also der Schreckensherrschaft der Jakobiner unter Führung von Maximilian de Robespierre, schon in der Vergangenheit lag und publik geworden war, und die Revolution dadurch schon 30.000 bis 40.000 Menschenleben gekostet hatte. Außerdem muss betont werden, dass nicht die Französische Revolution, sondern allein die Reaktion des anteilnehmenden Publikums auf diese das Geschichtszeichen darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die geschichtsphilosophische Thematik Kants und Erläuterung der Fragestellung zur Funktion und Bedeutung des Geschichtszeichens.
Hauptteil: Detaillierte Untersuchung von Kants Fortschrittsdenken, der Definition des Geschichtszeichens und dessen Verankerung in der transzendentalen Philosophie.
Allgemeines zu Kants Geschichtsphilosophie: Darstellung des normativen Rahmens, in dem Kant Geschichte als fortschreitenden, auf Weltfrieden ausgerichteten Prozess versteht.
Einbettung des Geschichtszeichen in Kants Geschichtsphilosophie: Einordnung der Fortschritts-Idee als Postulat, das moralisches Handeln angesichts der Beschaffenheit des Menschen erst sinnvoll macht.
Erläuterung des Geschichtszeichens: Deskriptive Analyse der Zuschauerreaktionen auf die Französische Revolution als Ausdruck eines moralischen Charakters der Menschheit.
Das Geschichtszeichen und die Noumena-Phänomena-Trennung: Interpretatorischer Kernteil, der das Zeichen als Phänomenon begreift, das auf ein intelligibles Noumenon verweist.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Geschichtszeichens als notwendiges, aber nicht beweisbares Postulat innerhalb von Kants philosophischem System.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Geschichtsphilosophie, Geschichtszeichen, Fortschritt, Französische Revolution, Noumena, Phänomena, Legalität, Moralität, Postulat, Zuschauer, Vernunft, Intelligible Welt, Transzendentalphilosophie, Weltfriede.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der geschichtsphilosophischen Analyse des sogenannten „Geschichtszeichens“, das Immanuel Kant in seinem Spätwerk „Der Streit der Fakultäten“ einführt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen Kants Theorie des Fortschritts zum Besseren, die Rolle des öffentlichen Enthusiasmus und die transzendentalphilosophische Unterscheidung zwischen Erscheinungen (Phänomena) und Dingen-an-sich (Noumena).
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu entschlüsseln, was Kant mit dem Geschichtszeichen meint, und zu zeigen, dass es als Repräsentant einer intelligiblen, moralischen Anlage verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die Kants Primärtexte in den Kontext aktueller und klassischer Forschungsliteratur einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erläuterung der generellen Geschichtsphilosophie, die Einbettung des Zeichens in das System und die tiefgehende interpretatorische Analyse der noumenalen Grundlagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem Geschichtszeichen vor allem Fortschritt, Moralität, Legalität, Postulat und die spezifische kantsche Begriffspaarung von Noumena und Phänomena.
Warum ist laut Kant gerade die Reaktion der Zuschauer so entscheidend?
Weil die Handlungen der Revolutionäre selbst durch Eigennutz motiviert sein könnten, während die uneigennützige Zustimmung der Zuschauer aus moralischer Anlage entspringen muss.
Warum kommt die Autorin zu dem Schluss, dass das Geschichtszeichen ein Zirkelschluss ist?
Da der Fortschritt als Noumenon nicht beweisbar ist, dient das Zeichen lediglich als Hinweis, den Kant zur Stützung seiner normativen Annahme benötigt, ohne den Fortschritt empirisch zu beweisen.
- Quote paper
- Martin Hamre (Author), 2013, Kants Geschichtszeichen. Eine Untersuchung unter Einbeziehung der Noumena-Phänomena-Trennung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285084