Im Deutschen werden zählbare Nomen im Singular normalerweise nur in Begleitung eines Artikels verwendet, vgl.
(1-1) Ich habe ein Haus. (1-2) *Ich habe Haus.
Allerdings scheint es seit einiger Zeit möglich zu sein, dass das Nomen Vertrag in Konstruktionen wie „Warum sollte er gehen? Er hat Vertrag. [...]“ artikellos benutzt werden kann. Korpusrecherchen in Zeitungstexten aus den Jahren 1946 bis 2011 zeigen, dass solche Wendungen immer öfter vorkommen (Vgl. D’Avis und Finkbeiner 2013:215). Traten sie vor 20 Jahren eher selten auf, geht aus der 2000-2011-Korpusuntersuchung hervor, dass die artikellose Wendung hier fünf Mal häufiger zu finden ist als noch in dem 1990-1999-Korpus (Ebd.). Betrachtet man die Kontexte, in welchen diese Konstruktionen auftreten, so scheinen sie auf die vertragliche Bindung von Fußballspielern festgelegt zu sein. Fernerhin stellten D’Avis und Finkbeiner fest, dass die artikellose Variante die alternative Konstruktion mit indefinitem Artikel zu verdrängen scheint. Ist es auch Fakt, dass die artikellose Variante immer häufiger vorkommt, so stößt sie doch nicht auf vollständige Akzeptanz.....
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zählbare Nomen
2.1.Grundlegendes
2.2. Nominale Prädikate
2.3. Präpositionalphrasen
2.4. Inkorporationen
2.5. Funktionsverbgefüge
2.6. Zwischenfazit
3. Nicht zählbare Nomen
3.1. Stoffbezeichnungen und Massennomina
3.2. Abstrakta
3.2.1. Semantische Eigenschaften
3.2.2. Artikel vs. abstrakt
3.2.3. Pluralisierbarkeit
3.2.4. Zählbarkeit
3.3. Zwischenfazit
3.4. Überprüfung der Defizienz
4. Ambiguität
4.1. Grundlegendes
4.2. Kontextuelle Ambiguität
4.4.Zwischenfazit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grammatikalische Problematik und Akzeptabilität der zunehmend auftretenden artikellosen Nomenkonstruktion „Vertrag haben“ im Deutschen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, warum diese spezifische Konstruktion trotz mangelnder klassischer Akzeptabilität verwendet wird und welche semantischen sowie morphosyntaktischen Mechanismen hinter ihrer Lizenzierung stehen.
- Analyse von artikellosen zählbaren Nomen in verschiedenen Kontexten
- Untersuchung von Konstruktionen mit nicht zählbaren Nomen und Abstrakta
- Anwendung linguistischer Testverfahren nach Fuhrhop zur Überprüfung syntaktischer Selbstständigkeit
- Erörterung von Ambiguität, Polysemie und metonymischer Bedeutungsverschiebung
Auszug aus dem Buch
2.4. Inkorporationen
Ein Beispiel hierfür können Inkorporationen sein. Es handelt sich dabei um weitere V+N-Verbindungen mit transitiven Verben, in denen artikellose Nomen vorkommen, vgl. (2-11) bis (2-13) (Ebd.).
(2-11) Sie fährt Taxi/ Fahrrad/ Skateboard/ Rollschuh.
(2-12) Er raucht Shisha/ Pfeife
(2-13) Er spielt Klavier/ Keyboard/ Horn.
Im weiteren Sinne verliert in Inkorporationen der Ausdruck seine Eigenständigkeit und wird in einen anderen Ausdruck syntaktisch oder semantisch aufgenommen. Nach Gallmann (1999:11) rückt bei Inkorporationen die Gesamt-Prädikatsbedeutung in den Vordergrund, die konkrete Nomenreferenz aber in den Hintergrund. Es kommt zu einem Referentialitätsverlust, der sich z.B. in der geringen syntaktischen Selbständigkeit des Nomens zeigt; sein Argumentstatus wird fraglich. Um zu prüfen, ob es sich bei bestimmten Konstruktionen um Inkorporationen handelt, ist es nötig die syntaktische Selbständigkeit bzw. Unselbständigkeit des Nomens festzustellen. Je geringer die Selbständigkeit, desto eher handelt es sich um eine Inkorporation. Eine Möglichkeit, die syntaktische Selbständigkeit zu überprüfen, besteht darin, die Konstruktion gewissen Tests zu unterziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen der artikellosen Konstruktion „Vertrag haben“ ein und stellt die Forschungsfrage zur ihrer Akzeptabilität im Vergleich zu anderen Wendungen.
2. Zählbare Nomen: Dieses Kapitel prüft die Verteilung von artikellosen zählbaren Nomen, diskutiert nominale Prädikate, Präpositionalphrasen, Inkorporationen sowie Funktionsverbgefüge und deren Anwendbarkeit auf „Vertrag haben“.
3. Nicht zählbare Nomen: Hier werden Stoffbezeichnungen, Massennomina und Abstrakta hinsichtlich ihrer grammatikalischen Eigenschaften untersucht, um eine Einordnung der Konstruktion vorzunehmen.
4. Ambiguität: Dieses Kapitel beleuchtet das Konzept der Ambiguität, unterscheidet zwischen Homonymie und Polysemie und erläutert metonymische Bedeutungsverschiebungen im Kontext von „Vertrag haben“.
5. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung beantwortet die Forschungsfrage durch die Herleitung einer metonymischen Bedeutungsverschiebung und einer damit verbundenen Klassenlesart der untersuchten Konstruktion.
Schlüsselwörter
Artikellose Konstruktionen, Vertrag haben, Zählbare Nomen, Nicht zählbare Nomen, Abstrakta, Funktionsverbgefüge, Inkorporation, Syntax, Semantik, Akzeptabilität, Ambiguität, Metonymie, Bedeutungsverschiebung, Klassenlesart, Referenzverlust.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die sprachliche Struktur und die zunehmende Verwendung der artikellosen Wendung „Vertrag haben“ im Deutschen, deren Akzeptabilität zwischen unproblematischen und ungrammatischen Konstruktionen schwankt.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die morphosyntaktische Klassifizierung von Nomen (zählbar vs. nicht zählbar), die Bedeutung von Artikelverzicht, sowie sprachwissenschaftliche Konzepte wie Inkorporation, Ambiguität und Metonymie.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Gründe für den spezifischen Grad an Akzeptabilität der Konstruktion „Vertrag haben“ zu finden und zu klären, warum sie besser akzeptiert wird als Konstruktionen wie „*Auto haben“, aber dennoch nicht den Status allgemeiner Akzeptabilität wie etwa „Hunger haben“ erreicht.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es werden linguistische Analysemethoden wie der Anaphorisierungstest, Tests auf Attribuierbarkeit und Verneinung (nach Fuhrhop) genutzt sowie Vergleiche mit bekannten Nomenklassen und semantische Analysen durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von zählbaren und nicht zählbaren Nomen, die Durchführung von syntaktischen Tests zur Überprüfung der Defizienz der Konstruktion sowie die theoretische Fundierung durch semantische Konzepte der Ambiguität und metonymischen Verschiebung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „artikellose Konstruktionen“, „Metonymie“, „Referentialitätsverlust“, „Klassenlesart“ und „syntaktische Selbstständigkeit“ charakterisiert.
Warum wird „Vertrag haben“ als eine „defekte“ Konstruktion bezeichnet?
Sie wird als defekt bezeichnet, weil sie sich weder eindeutig als Massennomen noch als klassisches Abstraktum einordnen lässt und bei Anwendung syntaktischer Tests zur Selbstständigkeit inkonsistente Ergebnisse liefert.
Welche Rolle spielt der Fußball-Kontext in der Untersuchung?
Der Fußball-Kontext ist entscheidend, da die artikellose Konstruktion fast ausschließlich in diesem Bereich vorkommt, was auf eine kontextuelle Ambiguität und eine spezifische metonymische Bedeutungsverschiebung (Statuslesart) hindeutet.
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- Julia Frey (Author), 2014, "Ich habe Vertrag bis 2007". Zur Problematik des fehlenden Artikels in der Nomenkonstruktion "Vertrag haben", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285109