Panikstörung mit und ohne Agoraphobie aus tiefenpsychologischer und verhaltenstherapeutischer Perspektive


Hausarbeit, 2012

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Störungsbild und Klassifikation
2.1 Panikattacken und Panikstörung
2.2 Panikstörung mit Agoraphobie

3 Klassifikation und Diagnostik nach DSM-VI
3.1 Panikattacken und Panikstörung
3.2 Agoraphobie

4 Epidemiologie und Verlauf

5 Panikstörung aus tiefenpsychologischer Perspektive
5.1 Tiefenpsychologische Konzepte
5.2 Therapie und Behandlung

6 Panikstörung aus verhaltenstherapeutischer Perspektive
6.1 Verhaltenstherapeutische Konzepte
6.2 Therapie und Behandlung

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit behandelt das psychopathologische Störungsbild der Panikstörung mit und ohne Agoraphobie, die im Kontext der Angsterkrankungen mit zu den häufigsten psychischen Störungen zählt.

Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich das Störungsbild beschreiben, wobei sich mein Fokus auf die Hauptmerkmale und den typischen Symptomen einer Panikstörung und einer Panikstörung mit Agoraphobie richten wird.

Die Hauptmerkmale und Symptome des Störungsbildes werden durch die genaue Beschreibung der Diagnosekriterien nach dem aktuellen und anerkannten Diagnosesystem DSM-VI weiter verdeutlicht. Hier befindet sich die Arbeit im Bereich der speziellen Psychopathologie, die im Rahmen von Klassifizierungen und Diagnosen Phänomene und Merkmale beschreibt und betrachtet.

Die darauf folgende Epidemiologie soll einen groben aktuellen Überblick über die Prävalenz, die Komorbidität sowie über die Risikofaktoren und den ökonomischen Folgen einer Panikstörung mit und ohne Agoraphobie geben.

Im zweiten Teil der Hausarbeit werde ich zuerst die Grundannahmen, sowie die Gründe für die Entwicklung einer Panikstörung mit und ohne Agoraphobie aus der tiefenpsychologischen Sicht erörtern und die daraus abgeleitete Behandlungsprinzipien der panikfokussierten psychodynamischen Psychotherapie (PFPP) nach Milrod et al. (1997) kurz benennen.

Anschließend werde ich die Grundannahmen und die Gründe für die eigendynamische Aufrechterhaltung einer Panikstörung mit und ohne Agoraphobie aus der verhaltenstherapeuthischen Perspektive thematisieren. In diesem Zusammenhang werde ich auch die zentralen Behandlungskomponenten der kognitiven Verhaltenstherapie erläutern.

Zum Abschluss werden die beiden therapeutischen Herangehensweisen hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede gegenübergestellt.

2 Störungsbild und Klassifikation

2.1 Panikattacken und Panikstörung

Als Panikstörung wird eine psychische Störung bezeichnet, deren Hauptmerkmal ein wiederholtes und oft völlig unvermitteltes Auftreten von schweren Panikattacken ist. Diese Attacken sind gekennzeichnet von einem Gefühl der überwältigenden und intensiven Angst. Sie treten plötzlich und für den Patienten meist völlig unerwartet auf, erreichen innerhalb von Minuten ihr Maximum und lassen zum größten Teil nach 10-30 min wieder nach. Patienten berichteten aber auch schon von sehr kurzen Anfällen zwischen 2-3 min (Zwanzger & Deckert, 2007). Der Grund bzw. den Auslöser für eine Panikattacke kann sich der Patient oft nicht näher erklären, da ein solcher Anfall weder an bestimmte Umstände noch an somatische Ursachen (z.B. eine lebensbedrohliche Situation oder Krankheit) gebunden zu sein scheint. Infolge der Unvorhersehbarkeit einer Attacke ist es dem Patienten kaum möglich eine geeignete Copingstrategie zu entwickeln.

Eine Panikstörung wird von einer großen Anzahl schwerer Symptome begleitet, welche von Patient zu Patient variieren können. So können körperliche Symptome wie Herzrasen, Palpitationen, Atemnot, Schweißausbruch, Beklemmung- bzw. Engegefühl und Zittern auftreten. Daneben besteht oft eine psychische Symptomatik wie das Gefühl der Derealisation bzw. Depersonalisation, was den Patienten befürchten lässt „verrückt zu werden“. Je nach schweregrad der körperlichen Symptomatik kommt es zu Befürchtungen die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, zu kollabieren oder sogar zu sterben. Demzufolge sind bei einer Panikstörung körperliche und psychische Symptome eng verbunden.

Erschwerend kann es hinzu kommen, dass aufgrund der hauptsächlich körperlichen Symptome zwar eine organische Diagnostik folgt, die psychiatrische aber gänzlich ausbleibt. Da medizinische Ursachen so ausgeschlossen werden kommt, der Patient oft zu dem Schluss „er bilde sich die Symptome nur ein“ (Zwanzger & Deckert, 2007). Dies und die, für eine Panikstörung typische Entwicklung von Erwartungsängsten1 sowie das häufige Fehlen von möglichen Copingstrategien führt nicht selten zur einer nachfolgenden Entwicklung einer Agoraphobie (s.u.). Oft hat eine unbehandelte Panikstörung schwerwiegende und langfristige Konsequenzen für den Patienten, begleitet von dem Gefühl tiefer Verzweiflung und Aussichtslosigkeit (vgl. Abschnitt 3)

2.2 Panikstörung mit Agoraphobie

Kennzeichnend für die Agoraphobie ist das Auftreten von situativen Ängsten an öffentlichen Orten. Dies sind meist Plätze die dem Patienten ungewohnt sind und er im Falle des Auftretens von Paniksymptomen keine Möglichkeit zur Flucht sieht. Auch Orte an denen es aus der Sicht des Patienten peinlich wäre sie zu verlassen, oder an denen ihm keine schnelle Hilfe gewährleistet werden könnte, werden als bedrohlich angesehen.

Typische Orte und Situationen die von Patienten gemieden werden sind z.B. Kino- und Restaurantbesuche, große Menschenmengen, öffentliche Verkehrsmittel, Supermärkte, Autofahren, Vorlesungen oder Meetings sowie oft auch alle Orte die sich weit weg vom eigenen Zuhause befinden.

Die Entwicklung einer Agoraphobie kann darauf beruhen, dass schwere traumatische Ereignisse an jeweiligen Orten von dem Patienten durchlebt werden müssen. Diese Erfahrung kann so einprägsam und erschütternd sein, dass zukünftig dieser und ähnlich Orte bzw. Situationen gemieden werden. Denn schon allein die Vorstellung diesen Ort erneut zu besuchen kann erneute Ängste in dem Patienten hervorrufen.

Nicht selten ist die Entwicklung der Agoraphobie aber auch die Folge einer Panikstörung, da auf Grund des Aufbaus von gewissen Erwartungsängsten (vgl. Abschnitt 2.1.1) ein Vermeidungsverhalten manifestiert wird, bei dem versucht wird die Orte zu meiden die als potentielle „Angstauslöser“ angesehen werden.

Unbehandelt kann dieses Vermeidungsverhalten des Patienten sich auf immer mehr Orte beziehen, wodurch sein alltäglicher Handlungsspielraum zunehmend eingegrenzt wird. Die Lebensqualität und die Beziehungen im sozialen Umfeld werden somit stark negativ beeinflusst. In extremen Fällen ist es dem Patienten nicht mehr möglich, außer mit eventuellen Bezugspersonen, das eigene Haus zu verlassen.

3 Klassifikation und Diagnostik nach DSM-VI

3.1 Panikattacken und Panikstörung

Panikattacken sind nicht nur das Leitsymptom von Panikstörungen, sondern oft ein allgemeiner Bestandteil vieler Angststörungen und sonstiger psychischer Störungen. Daher sind sie zunächst ein relativ unspezifisches Merkmal einer psychopathologischen Störung. Um zu einer richtigen diagnostischen Beurteilung zu kommen, ist es somit wichtig den Kontext und die Rahmenbedingungen der Symptomatik differentialdiagnostische genau zu betrachten. Im aktuellen weit verbreiteten Diagnosesystem DSM-IV werden daher Panikanfälle nicht als eine eigene Störung klassifiziert sondern nur in Verbindung mit einer spezifischen Störung. Demzufolge sollten in der Praxis zuerst die Kriterien einer Panikattacke und danach das Vorliegen einer Panikstörung abgeklärt werden (Wittchen & Hoyer, 2011).

Nach den Kriterien des DSM-IV liegt eine Panikstörung vor, wenn mindestens vier der nachfolgenden Symptome eines Panikanfalls mindestens zweimal abrupt auftreten und innerhalb von 10 Minuten ihren Höhepunkt erreichen: beschleunigter Herzschlag oder Herzklopfen; Schwitzen; Zittern oder Beben; Gefühl der Kurzatmigkeit oder Atemnot; Erstickungsgefühle; Schmerzen oder Beklemmungsgefühle in der Brust; Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Unsicherheit, Benommenheit oder der Ohnmacht nahe sein; Derealisation oder Depersonilation; Angst, die Kontrolle zu verlieren oder Verrückt zu werden; Angst zu sterben; Parästhesien; Hitzewallung oder Kälteschauer.

Zusätzlich muss eine Panikattacke zu mindestens einer der folgenden Reaktionen führen, welche mindestens einen Monat oder länger anhalten müssen: (a) Sorgen über das Auftreten von weiteren Attacken; (b) Sorge über die Bedeutung der Attacken oder ihre Konsequenzen (z.B. verrückt zu werden oder einen Herzinfarkt zu bekommen); (c) deutliche Verhaltensveränderungen infolge einer Attacke (z.B. vermehrter Arztbesuch oder ständige Mitnahme von bestimmten Medikamenten).

Auch muss ausgeschlossen werden, dass keine Agoraphobie vorliegt , der Anfall nicht auf eine direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z.B. Drogen, Medikamente) oder eines medizinischen Krankheitsfaktor (z.B. Hyperthyreose) zurückgeht und die Panikanfälle durch keine andere psychische Störung (z.B. Panikanfälle in depressiven Episoden) besser erklärt werden kann.

In diesen Fällen ist nach dem DSM-VI eine Panikstörung ohne Agoraphobie (300.01) zu diagnostizieren.

3.2 Agoraphobie

Da im DSM-III davon ausgegangen wurde, dass eine Panikstörung bzw. Panikattacken einer Agoraphobie in den meisten Fällen vorrausgehen und nur wenige Patienten mit einer Agoraphobie in gefürchteten Situationen keine Panikanfälle erleiden, wurde die Panikstörung als Primärstörung betrachtet, welche sekundär mit der Agoraphobie diagnostiziert werden kann. Daher wird die Agoraphobie in der aktuellen Version des DSM nicht als eigenständige Störung codiert sondern lediglich definiert und der Panikstörung untergeordnet.

Tritt eine Agoraphobie auf, welche keine Panikanfälle bzw. Panikstörung vorweist wird diese nach dem aktuellen DSM-IV als „Agoraphobie ohne Panikstörung in der Vorgeschichte“ diagnostiziert.

Da diese Unterordnung allerdings keine hinreichende wissenschaftliche Unterstützung finden konnte, wird die Agoraphobie zukünftig in der neuen Revision DSM-V vermutlich als eigenständige Störung, unabhängig von der Panikstörung, codiert werden. (Wittchen & Hoyer, 2011)

Die Kriterien einer Agoraphobie ohne Panikstörung in der Vorgeschichte werden nach dem DSM-IV wie folgt definiert: (a) das Vorliegen einer Agoraphobie, die sich auf die Angst panikähnlicher Symptome bezieht (z.B. Benommenheit oder Durchfall); (b) die Kriterien einer Panikstörung werden nicht erfüllt; (c) der Rückschluss des Störungsbildes auf die Wirkung einer Substanz oder medizinische Krankheitsfaktoren muss ausgeschlossen werden; (d) beim Vorliegen eines Krankheitsfaktors ist die unter dem Kriterium (a) beschriebene Angst deutlich höher als normalerweise zu erwarten wäre.

4 Epidemiologie und Verlauf

Die zuverlässigsten klinischen und epidemiologischen Befunde über Angststörungen in Deutschland beruhen auf dem Bundes-Gesundheitssurvey 1998 (BGS 98) mit dem Zusatzsurvey „Psychische Störungen“ (Wittchen & Jacobi, 2004)

Nach diesen Befunden besteht eine Lebenszeitprävalenz für eine Panikstörung von 3,9 %. Der geringfügige Unterschied zur 12-Monats-Querschnittsprävalenz von 2,3% (Wittchen & Jacobi, 2005) lässt vermuten, dass Panikstörungen zumeist einen chronischen Verlauf aufweisen.

Dabei erkranken nach dem Gesundheitssurvey Frauen mit 3% fast doppelt so häufig an einer Panikstörung als Männer mit 1,7%.

Für die Agoraphobie konnte eine Lebenszeitprävalenz von 5% und eine 12-Monats-Prävalenz von 2% nachgewiesen werden (Wittchen & Jacobi, 2005).

Der durchschnittliche Störungsbeginn einer Panikstörung und Agoraphobie liegt zwischen 26 und 31 Jahren, wobei Männer tendenziell etwas später erkranken als Frauen.

Angststörungen im Allgemeinen haben eine sehr hohe Komorbiditätsrate. So leiden nahezu 30% der Patienten mit einer Angststörung unter mindestens einer weiteren Angststörung, 25% weisen zusätzlich somatoforme Störungen auf und 10% leiden an einer Alkoholabhängigkeit. Umgekehrt leiden etwa 31% der Patienten mit einer depressiven Störung zusätzlich unter eine Angsterkrankung. (Wittchen & Jacobi, 2004)

[...]


1 In der Folge einer Panikattacke entwickeln sich anhaltende Sorgen über das Auftreten von weiteren Anfällen, sowie über die mögliche (z.B. Körperliche) Folgen einer Attacke. (Wittchen & Jacobi, 2004)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Panikstörung mit und ohne Agoraphobie aus tiefenpsychologischer und verhaltenstherapeutischer Perspektive
Hochschule
BSP Business School Berlin (ehem. Potsdam)
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V285344
ISBN (eBook)
9783656857341
ISBN (Buch)
9783656857358
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
panikstörung, agoraphobie, perspektive
Arbeit zitieren
Anna-Lena Broß (Autor:in), 2012, Panikstörung mit und ohne Agoraphobie aus tiefenpsychologischer und verhaltenstherapeutischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285344

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Panikstörung mit und ohne Agoraphobie aus tiefenpsychologischer und verhaltenstherapeutischer Perspektive



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden