Alt oder alt und krank. Ansätze einer gerontologischen Ethik


Essay, 2014

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ethischen Fragestellungen
2.1. Die ethischen Fragestellungen in den Pflegewissenschaften
2.2. Die ethischen Fragestellungen in der Medizin
2.3. Die ethischen Fragestellungen einer gerontologischen Ethik

3. Die Auffassungen vom Alter

4. Philosophische Ethik der späten Lebenszeit (Thomas Rentsch)

5. Altern und Lebensaufgaben nach Romano Guardini

6. Eine Neubestimmung der gerontologischen Ethik
6.1. Verschärfung ethischer Fragestellungen
6.2. Folgerungen aus sozialwissenschaftlichen und gerontologischen Forschungen
6.3. Verschränkung von Alter und Altern

7. Konkretisierung auf bestimmte Problembereiche

8. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Philosophie und speziell die Ethik oder Moralphilosophie haben die Aspekte des Alters und Alterns bislang kaum berücksichtigt. Zwar werden in der medizinischen Ethik wesentliche Themen aufgegriffen, die auch für das Alter relevant sind, doch inwieweit z. B. die ethischen Fragestellungen am Ende des Lebens in besonderer Weise altersbezogen konkretisiert werden müssen, ist bisher nur unbefriedigend beantwortet worden.

Der demographische Wandel und die damit zusammenhängenden gravierenden Veränderungen, die von den Sozialwissenschaften bereits aufgenommen wurden, fanden in der Philosophie kaum Beachtung. „Insbesondere zeigt sich immer wieder, dass die ethische Reflexion gerontologischer Themen eher schwach entwickelt ist.“ (Heinz Rüegger, 11) Allerdings analysieren verschiedene Autoren den demographischen Wandel und den scheinbar damit verbundenen „Jugendwahn“ völlig unterschiedlich. Während Frank Schirrmacher (Schirrmacher, 2004) einen sozialen Terror der Altersangst diagnostiziert, kommt Rupprecht Podszun (Podszun, 2000) zu dem Schluss, dass der Jugendkult ein Märchen ist und die Republik verkalkt.

Frühere Abhandlungen (so z. B. Handbuch der Christlichen Ethik 1993) subsumieren die Fragen zum Altern meist unter die Fragen zum Lebensende. Diese einseitige Fokussierung auf Fragen um Sterben und Tod stellt aus heutiger Sicht eine ethisch äußerst fragwürdige Vereinfachung dar.

Auch scheint es, noch keine begriffliche Festlegung zu geben. Während in einigen Texten von der Ethik des Alters oder Alterns die Rede ist, werden auch Wortkombinationen wie Alter und Ethik oder Gerontologie und Ethik benutzt. Ferner werden Alter und Altern getrennt voneinander und nicht aufeinander bezogen behandelt.

Otfried Höffe hat 2002 beide Aspekte mit dem Begriff der gerontologischen Ethik zusammengefasst. Auch wenn sich viele Autoren auf diesen Text beziehen, hat sich der Begriff der gerontologischen Ethik scheinbar noch nicht durchgesetzt.

Ein möglicher Grund für dieses vorhandene Defizit könnte sein, dass eine gerontologische Ethik mehr ein Thema innerhalb der Pflegewissenschaften als der Medizin ist. Da jedoch die Pflegewissenschaften, zumindest im deutschsprachigen Raum, eher als Stiefkinder in der akademischen Familie angesehen wurden, blieb die Entwicklung einer gerontologischen Ethik eine Nischendiskussion.

2. Die ethischen Fragestellungen

2.1 Die ethischen Fragestellungen in den Pflegewissenschaften

In den Pflegewissenschaften wird der Gegensatz von „care“ und „cure“ betont. Insbesondere wird ein Spannungsverhältnis von Fürsorge und Selbstbestimmung aufgezeigt. Der „freie Wille“ als Kern der Selbstbestimmung ist bei Erkrankungen, die ein Verständlichmachen verunmöglichen oder mit Selbst- oder Fremdgefährdung verbunden sind, in Frage gestellt. Brumlik hat für solche Situationen eine „advokatorische Ethik“ beschrieben. „Advokatorische Ethik fordert damit ein durchweg reflektiertes Verständnis der Helferrolle. Fürsorgeethik findet in der advokatorischen Ethik ein Korrektiv, das `Überfürsorge` […] als unethisch entlarven kann und damit eine Entscheidungshilfe bietet.“ (Neumann in: Helmchen et. al., 325) Mit dem Gebot, die Fürsorge im reflektierten Bemühen um einen vermuteten Willen konkret zu gestalten, verbindet sich die Frage nach der Würde der Person. Wird Würde als eine Zuweisung definiert, ist der „Hilfsbedürftige“ von den jeweiligen Definitionen abhängig. Wenn Würde als dem Menschen zugehörig gedacht wird, dann wird gleichzeitig die Abhängigkeit, in der der „Hilfsbedürftige“ zu den Pflegenden steht, akzeptiert, Abhängigkeit wird als mit der Würde des Menschen vereinbar betrachtet. Gerade jedoch aus dem Konfliktfeld der Abhängigkeit und dem Umgang mit solchen Situationen ergeben sich viele der konkreten Anforderungen der ambulanten und stationären Pflege, so die Fragen um freiheitsentziehende Maßnahmen, R. D. Hirsch spricht hier von Fesseln (persönl. Mitteilung), Sedierung, Gewalt, Demütigungen, Einsamkeit und Ressourcenengpässe.

2.2 Die ethischen Fragestellungen in der Medizin

Für die Medizin stellt sich die Frage, ob gerontologisch spezifische Fragen gestellt werden müssen oder ob die Fragen nach Lebensverlängerung, würdevollem Sterben u. ä. altersunabhängig behandelt werden können? D. h. „ob das Alter mit Krankheit zum Lebensende hin nicht auch eine besondere Qualität ethischer Probleme oder gar neuartige ethische Probleme mit sich bringt und andere Lösungen erfordert.“ (Helmchen et. al., 13)

In der gerontologischen Forschung wird davon ausgegangen, dass der Mensch auch im hohen Alter in der Lage ist, körperliche und kognitive Schwächen durch andere Stärken zu kompensieren. Das bekannteste Beispiel dafür ist die kristalline Intelligenz, die bei älteren Menschen höher entwickelt ist und Schwächen der fluiden Intelligenz ausgleichen kann. Das Alter an sich ist nicht mit einer Schwächung gleichzusetzen. Der Fokus auf das Alter verhindert den Blick auf eine mögliche Krankheit, die vorliegen kann. Diese ist dann jedoch nicht anders zu betrachten als bei jungen Menschen.

In der Medizin hat sich auf der anderen Seite eine Biogerontologie durchgesetzt, die im Sinne eines anti-agings das Alter pathologisiert und durch Lifestyle-Ratschläge, ästhetische Maßnahmen, Nahrungsmittelergänzungen und Hormonbehandlungen das Alter bekämpft (s. dazu Rüegger, 77-109). Demgegenüber steht ein pro-aging, das durch eine reflektierte Lebenskunst Hilfestellungen bei der Bewältigung des Alters geben will.

2.3. Die ethischen Fragestellungen einer gerontologischen Ethik

Otfried Höffe (Höffe 2002) bestimmt eine gerontologische Ethik sowohl bezogen auf das Alter als Lebensphase wie auch auf das Altern als eine Lebensaufgabe. Durch diesen Zusammenschluss unterteilt Otfried Höffe die gerontologische Ethik in eine kategorische und eine eudämonistische Ethik. So ist es möglich, neben moralische Pflichten auch eudämonistische Ratschläge zu stellen.

Eine grundlegende Frage einer Ethik des Alters ist die Verhältnisbestimmung der Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Die Verknappung der Ressourcen, sowohl bedingt durch eine zunehmende Multimorbidität im Alter als auch durch eine Grenze der Leistungsfähigkeit des ökonomischen Systems, macht die Gerechtigkeitsfrage zu einer der wichtigsten Frage der gerontologischen Ethik.

Otfried Höffe begründet das Recht der alten Menschen auf Hilfe durch die Jüngeren nicht altruistisch, sondern nach Exodus 20,12: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage verlängert werden und es dir wohlergehe.“ Das Gebot, das Alter zu ehren, ist in Exodus nicht an Wohlwollen und Mitleid gebunden, sondern von einem Selbstinteresse gelenkt. Aus dieser Sicht heraus stellt Otfried Höffe normative Forderungen auf, die er als Bausteine bezeichnet:

- Die ältere Generation darf weder intellektuell, sozial oder emotional unterfordert und nicht in „Reservate“ abgeschoben werden.
- Das Alter darf nicht kalendarisch definiert werden.
- Das Potenzial der Alten soll genutzt werden.
- Die Schwäche der Älteren darf nicht ausgenutzt werden.
- Der gemeinsame Vorteil des Generationentausches soll auf eine generationenübergreifende, dauerhafte Basis gestellt werden.
- Die Fürsorge, die man als Säugling/Kind erfahren hat, soll durch eine Hilfe gegen Ältere erwidert werden. (Es bedarf einer Gerechtigkeit gegen künftige Generationen)

- Der Familienvertrag soll zu einem Generationenvertrag erweitert werden. (Durch Pflegeleistungen erwirbt man einen Anspruch auf eine solche Leistung)
- Der Umgang mit den Alten soll altenzentriert sein.
- „Was du als Kind nicht willst, daß man dir tu, das füg‘ auch keinem Älteren zu!“
- Die Gesellschaft soll nicht nur altengerecht sein, sie muss auch Raum geben für die anderen Generationen.

Weitere Ansätze einer Ethik des Alters sind auf die o. g. Tendenz des anti-agings bezogen. Im Sinne antiker Philosophie und der Frage nach einem guten Leben finden sich in der Philosophiegeschichte zahlreiche Abhandlungen über das „geglückte Alter“ (Cicero, Francis Bacon, Arthur Schopenhauer, Ernst Bloch, Balthasar Gracián usw.). Einige ethische Konzepte richten sich an dieser Lebenskunstphilosophie aus (so Auer oder Kaatsch et al.).

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Details

Titel
Alt oder alt und krank. Ansätze einer gerontologischen Ethik
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V285433
ISBN (eBook)
9783656854470
ISBN (Buch)
9783656854487
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ansätze, ethik
Arbeit zitieren
Thomas Holtbernd (Autor), 2014, Alt oder alt und krank. Ansätze einer gerontologischen Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285433

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