Goshka Macuga. Künstlerisches Schaffen als Sozialkritik


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leben der Künstlerin

3. Der Künstler als Forscher

4. Verwendung von Wandteppichen in ihren Werken
4.1. The Nature of the Beast
4.2. Plus Ultra
4.3. Of what is, that it is; of what is not, that it is not
4.3.1. Of what is, that it is; of what is not, that it is not 1
4.3.2. Of what is, that it is; of what is not, that it is not 2

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

7. Abbildungsverzeichnis

1.Einleitung

Die heutige Zeit neigt zu einer Vielfalt an Berufsbezeichnungen und dieser Trend zeichnet sich auch deutlich in der Kunstszene ab. Denn nicht selten beginnen Artikel über die Künstlerin Goshka Macuga mit einer Aufzählung von Berufen und diese interdisziplinären Überschneidungen werden auch in Macugas Ausstellungen und Werken deutlich. Sie selbst bezeichnet sich folgendermaßen: „I am an artist who is trying to extend my activities by being a curator, a historian, a history-teller, a critic, archivist, exhibition designer, architect, composer, gallerian, sociologist, biologist, film-maker, collector, photographer, performer, magician etc.“[1] Goshka Macuga sieht ihre Arbeit nicht nur als Künstlerin, vielmehr erweitert sie ihr künstlerisches Schaffen unter anderem um einige wissenschaftliche Forschungsbereiche und schlüpft dabei gleichzeitig in verschiedene Rollen, wie zum Beispiel die Position der Sozialkritikerin. Wodurch sich dieser Arbeitsprozess auszeichnet, wie stark er an das Konzept der künstlerischen Forschung angelehnt ist und wie sich dies in ihren Werken bemerkbar macht, diese Frage behandelt dieser Text.

2. Leben der Künstlerin

Geboren wurde die vielfältige Künstlerin im Jahr 1967 in Warschau (Polen) und seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in London.[2] Ihre künstlerische Ausbildung in Fine Art erhielt sie am Goldsmiths College und Central College of Art and Design in London. Seit ihrer abgeschlossenen Ausbildung organisierte sie in den letzten Jahren fast in jedem Jahr eine Soloausstellung in unterschiedlichen Metropolen der Welt wie New York, Stockholm, Istanbul und München. Darüberhinaus partizipierte sie ab dem Jahr 2000 jährlich an Gruppenausstellungen in verschiedenen Ländern. Während der Documenta 2012 in Kassel stellte sie sogar in zwei Städten zur gleichen Zeit aus.[3] Ihr künstlerischer Ansatz zeichnet sich durch ihre Leidenschaft dafür aus, Dinge zu hinterfragen, anstatt sie einfach nur hinzunehmen. So beleuchtet sie auch besonders ihre Rolle als Künstlerin und Kuratorin.

Nachdem sie sich in ihrer künstlerischen Ausbildung häufig mit Malereien beschäftigt hat, wandte sie sich dann etwas Neuem zu, den Installationen.[4] Ihre Ausstellungen enthalten aus diesem Grund die unterschiedlichsten Materialen und Medien, die besonders häufig Fotocollagen, Readymades Filmausschnitte, Wandteppiche und Skulpturen aus verschiedenartigen Materialen umfassen.[5]

3. Der Künstler als Forscher

Wie viel Forschungsarbeit von Seiten der Künstlerin Goshka Macuga ihren Werken vorausgegangen ist, begreift man oftmals erst bei der Entschlüsselung der Bildinhalte. Unterschiedliche komplexe soziale, historische oder politische Ereignisse und Probleme werden miteinander verknüpft und in einen gemeinsamen Kontext gestellt. So geht ihrer Arbeit vor der Konzeption der Ausstellungen häufig eine längere Zeit in den Archiven unterschiedlicher Museen voraus. Im Begleitbuch der Documenta (13) wird über ihre Arbeit in Archiven geschrieben: „Eine Entdeckung in einem Archiv kann ein Netzwerk von Assoziationen wachrufen, die einer ganz persönlichen, von Intuitionen und Zufällen gelenkten Bahn folgen. In ihrem Werk verwandelt sich das ‚Archiv’ in eine körperliche Erfahrung und eine Reise der Vorstellungskraft, die uns an das politische Potenzial der Kunst und ihrer Ausstellung erinnert.“[6]

In den meisten ihrer Werke tritt Goshka Macuga auch selbst auf, sie macht sich also unmittelbar von der dargestellten Problematik betroffen, indem sie sich selbst inmitten des Bildes abbildet.

Henk Borgdorff erörtert zu diesem Thema und dem persönlichen Bezug zum Kunstwerk: „Künstlerische Forschung ist untrennbar mit der künstlerischen Entwicklung der Kunstschaffenden sowie den Disziplinen, in denen diese tätig sind, verbunden. Mit Hilfe künstlerischer Forschung schaffen Künstler und Künstlerinnen Raum für grundlegende Reflexion – einen Freiraum für Gedanken – in und durch ihre kreative und darstellende Praxis.“[7]

Goshka Macuga betrachtet somit ihre Werke nicht nur stetig aus unterschiedlichen Positionen, um ihren generellen künstlerischen Schaffensprozess umfassend zu reflektieren, sondern erreicht auch nur so eine Weiterentwicklung in ihrem künstlerischen Schaffen.

4. Verwendung von Wandteppichen in ihren Werken

Eine Vielfalt an Materialität scheint für die Künstlerin Goshka Macuga besonders relevant, denn häufig nutzt sie in ihren raumfüllenden Installationen die unterschiedlichsten Komponenten und Objekte. Dazu gehören Zeitungsausschnitte, Betonskulpturen, Glasobjekte, Möbel, Stahlkonstruktionen und Objekte, die der Natur entnommen wurden. Sie betont selbst, dass sie bei den Medien, die sie in ihre Ausstellungen integriert, nicht klar festgelegt ist, dennoch ergeben diese Gegenstände und Materialen ein sehr dynamisches Endprodukt.[8]

Aber immer häufiger befindet sich unter ihren Installationen auch ein Wandteppich, denn diese Form der Darstellung hat für Macuga in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sie möchte damit einen Bezug auf die Geschichte nehmen und recherchiert in den ihr zugänglichen Archiven, um einen Bezug zu aktuellen sozialen Themen herzustellen. Wandteppiche erlauben ihr dabei, dem Publikum eine erweiterte Bildsprache zu präsentieren, die für sie mit anderen Medien nicht möglich zu sein scheint.[9] Aber auch die Größe ihrer Wandteppiche hat einen gewissen Eindruck auf den Rezipienten, denn sie erinnern an die prächtigen Tapisserien der europäischen Herschaftshäuser des 17. Jahrhunderts, die ihren Ursprung in Flandern hatten und die außerordentliche Macht des Besitzers verdeutlichten.[10]

Bemerkenswert an der Verwendung dieses traditionellen Mediums ist außerdem die fotorealistische Wirkung, die es auf den Betrachter hat, obwohl es sich um einen gewebten Stoff handelt, auf dem die Fotocollagen darstellt sind.

4.1. The Nature of the Beast

Bevor sich Goshka Macuga selbst mit der Anfertigung von Wandteppichen beschäftigte, integrierte sie diese bereits in ihren Ausstellungskonzeptionen. So geschah es bei der Ausstellung „The Nature of the Beast“ (05.04.2009-04.04.2010). Nach einer Erweiterung der Galerieräume der White Chapel Gallery sollte Goshka Macuga in einem der Räume eine Ausstellung aus diesem Anlass veranstalten.[11] Zur Vorbereitung dieser Ausstellung recherchierte Macuga in den umfassenden Archiven der Galerie, um sich durch die vorangegangenen Veranstaltungen inspirieren zu lassen.[12]

Als Anlass diente, nach Macugas Recherchen im Archiv, das Gedenken an die Ausstellung von Pablo Picassos Gemälde Guernica, die 1939 in der Whitechapel Gallery in London stattfand. Beweggrund für diese Ausstellung war damals nicht die Darstellung des Kunstwerkes als solches, sondern eine Spendenaktion zur Unterstützung des Kampfes der Republikaner gegen die Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg.[13]

Goshka Macugas persönliches Ziel war es, diese Ausstellung, die vor 70 Jahren in der gleichen Galerie stattfand, nachzustellen, die Wiederholung aber dennoch in einem aktuellen Kontext zu setzen.[14] Aus diesem Grund nutzte sie auch nicht das Originalgemälde, sondern plante die Verwendung eines der Wandteppichreplikate des Bildes, weil dieses zusätzlich noch über eine aktuelle politische Bedeutung verfügte, die ihr half, die Ausstellung in einen neuen Kontext zu setzten.[15] Infolgedessen fasste sie den Entschluss, den 1950 hergestellten Wandteppich des Gemäldes, der sich im Gebäude der Vereinten Nationen in New York befindet, für die Ausstellung heranzuschaffen.

Im Jahr 1985 wurde der Wandteppich des Guernicabildnis von Nelson Rockefeller an das UN-Hauptquartier in New York übergeben. Seitdem fungiert der Wandteppich dort als Mahnmal, denn er soll die Schrecken symbolisierten, die ein Krieg mit sich bringt. Darüberhinaus wurde diese Tapisserie als Hintergrund für bedeutende UNO-Reden genutzt. Auch im Jahr 2003 sollte hier eine Stellungnahme von US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Weltsicherheitsrat gehalten werden. In dieser Rede wollte dieser sich die Unterstützung der Vereinten Nationen für den Angriff auf den Irak sichern. Da man Angst vor der Wirkung der enthaltenden Botschaft der Guernica-Tapisserie hatte, wurde dieser aber damals mit einem blauen Vorhang abgehangen. Aus diesem Grund enthält die Ausstellung auch eine kubistische Bronzestatue von Colin Powell, denn er hat den Irak-Krieg medienwirksam begonnen und nimmt im Geschehen eine zentrale Rolle ein. Des Weiteren wird die kubistische Darstellung als Verweis auf den kubistischen Stil von Picasso gewählt. Diese Bronzebüste von Colin Powell wird auf Augenhöhe für den Betrachter dargestellt. In der Hand hält er ein Glas mit einer Probe von Anthrax-Erregern, die damals als Indiz für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak dienen sollten.[16]

Insgesamt umfasste die Ausstellung folgende Bestandteile: zum einen den Wandteppich des Guernica Bildnis , des Weiteren einen runden Konferenztisch mit Bürostühlen (Abb. 1), der mit verschiedensten Informationsmaterialen zur Ausstellung von 1939 ausgestattet war, die kubistische Büste von Colin Powell (Abb. 2) plus einer Rede, ein Filmzusammenschnitt über den spanischen Bürgerkrieg und eine von Macuga erstellten Zeitschrift zu der Ausstellung.

Der mittig platzierte Tisch erfüllte gleich zwei Funktionen: Als erstes diente er als bloßes Darstellungsmedium für die dargebotenen Materialen und weiterhin zum bewussten Austausch der Besucher an diesem Konferenztisch. Macuga lud ausdrücklich die Besucher und weitere externe Personen und Gruppen in ihrer angefertigten Zeitschrift dazu ein, sich an diesem Tisch zu Diskussionsrunden und Meetings niederzulassen.

Goshka Macugas Ziel war es, prinzipiell das Publikum der Ausstellung wieder zu mobilisieren, sodass sich diese wieder stärker und aktiver engagieren.[17] Durch das gebotene Informationsmaterial wird der Rezipient nicht nur angehalten sich eine eigene Meinung zu bilden, sondern er soll auch aktiv dazu bewegt werden, verantwortungsvoll zu handeln und er kann darüberhinaus direkt den dafür vorgesehenen Tisch für Diskussionen nutzen. Damit nimmt sie wiederrum Bezug auf die vorausgegangene Ausstellung, die damals nicht als Kunstausstellung konzipiert war, sondern um Unterstützung gegen die Faschisten im spanischen Bürgerkrieg werben sollte und auch das Bewusstsein der englischen Bevölkerung dafür zu stärken.

[...]


[1] Sienkiewicz 2009.

[2] Sienkiewicz 2009.

[3] Roelstraete 2013, S. 102.

[4] Brewińska 2011, S. 1.

[5] Documenta, Museum Fridericianum 2012, S. 88.

[6] Documenta, Museum Fridericianum 2012, S. 88.

[7] Rittermann 2011, S. 41.

[8] Tate Britain 2007.

[9] Roelstraete 2013, S. 69.

[10] Roelstraete 2013, S. 33-34.

[11] OCA 2010.

[12] Brewińska, Maria, Goshka Macuga. Untitled. 2011 S. 2.

[13] Macuga, Borchardt-Hume 2010, S. 63.

[14] Macuga, Borchardt-Hume 2010, S. 66.

[15] OCA 2010.

[16] Le Quesne 2010.

[17] Le Quesne 2010.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Goshka Macuga. Künstlerisches Schaffen als Sozialkritik
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V285707
ISBN (eBook)
9783668007376
ISBN (Buch)
9783668007383
Dateigröße
1647 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goshka, macuga, künstlerisches, schaffen, sozialkritik
Arbeit zitieren
Sophie Z. (Autor), 2014, Goshka Macuga. Künstlerisches Schaffen als Sozialkritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285707

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