Vorausdeutungen im Nibelungenlied. Formen und Funktionen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Formen der Vorausdeutungen im Nibelungenlied
2.1 Vorausdeutungen des Erzählers
2.2 Vorausdeutungen in der dargestellten Handlung
2.2.1 Träume
2.2.2 Abschiedsszenen
2.2.3 Ahnungen und Warnungen
2.2.4 Der Rat der Wasserfrauen

3. Die Funktion der Vorausdeutungen

4. Exkurs: ventiure und Vorausdeutungen – Gegensatz oder vereinbar?

5. Abschließende Bemerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Nibelungenlied[1] zeigt unzählige Bereiche auf, die man wissenschaftlich untersuchen kann. Im Hauptseminar „Nibelungenlied“ im Wintersemester 2011/12 wurden zahlreiche Ansätze unter Hinzunahme von Fachliteratur besprochen und näher betrachtet.

In dieser Arbeit soll es speziell um die Vorausdeutungen im Werk gehen, insbesondere um die Fragestellung, welche Formen der Vorausdeutungen im Nibelungenlied vorhanden sind und inwiefern bzw. ob diese Vorausdeutungen überhaupt eine spezielle Funktion erfüllen. Primär ist hierbei die Untersuchung der inhaltlichen Relevanz der verschiedenen Formen der Vorausdeutungen.

Dabei wird in Kapitel zwei zunächst zwischen Vorausdeutungen des Erzählers und Vorausdeutungen in der dargestellten Handlung unterschieden [2]. Diese verschiedenen Vorausdeutungsformen werden noch einmal untergliedert und einzeln vorgestellt. Im zweiten Teil der Arbeit, in Kapitel drei, werden die Formen auf ihre Funktionen im Werk untersucht, wobei insbesondere genauer betrachtet werden soll, inwieweit sie inhaltlich relevant sind.

Im Anschluss daran findet sich ein kurzer Exkurs in Anlehnung an die Seminardiskussion. Dieser beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern der Begriff der Aventiure definiert wird und mit inwieweit der vorherbestimmten Welt des Nibelungenliedes, die sich durch die Vorausdeutungen abzeichnet, vereinbar ist.

In der Schlussbemerkung der Arbeit wird das zuvor Genannte zusammengefasst und ein Fazit gezogen. Weiterhin biete ich einen Ausblick auf noch unbeantwortete Fragen.

Es soll mit dieser Arbeit ein weiter Überblick über die Vorausdeutungen im Nibelungenlied und ihre Funktionen gegeben werden. Tiefergehende Untersuchungen und Fragestellungen würden den Rahmen der Hauptseminararbeit sprengen, werden demnach hier nicht angestellt.

2. Formen der Vorausdeutungen im Nibelungenlied

Im Nibelungenlied kann man zahlreiche Vorausdeutungen ausmachen, die sich in zwei Obergruppen unterteilen lassen. In der Fachliteratur lassen sich unterschiedlichste Bezeichnungen für die verschiedenen Formen der Vorausdeutungen ausmachen. Lämmert[3] differenziert zwischen zukunftsgewissen und zukunftsungewissen Vorausdeutungen, in dieser Arbeit orientiere ich mich jedoch an den von Wachinger[4] angeführten Begriffen, da ich diese im Hinblick auf die zu untersuchenden Leitfragen für relevant halte. Zu nennen sind demnach Vorausdeutungen des Erzählers und Vorausdeutungen in der dargestellten Handlung, die hier einzeln vorgestellt und erläutert werden. Diese beiden Formen der Vorausdeutungen lassen sich nicht immer klar voneinander trennen, „[g]erade deshalb aber müssen sie zunächst theoretisch klar auseinandergehalten werden.“[5] Gemeinsam haben sie, dass sie sich überwiegend auf die Hauptgeschehnisse im Nibelungenlied beziehen: die Ermordung Siegfrieds am Ende des ersten Teils und der Untergang der Burgunden am Ende des zweiten Teils. „Die übliche Zweiteilung […] ist also, auch von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, nicht unberechtigt: jeder Teil drängt auf seine Katastrophe zu.“ Und doch steht die große Katastrophe am Schluss immer wieder im Vordergrund.[6] Schulze[7] bezeichnet die Vorausdeutungen als „[…] eines der wichtigsten Gestaltungsmittel des Nibelungenliedes […]. Durch sie werden zeitliche und inhaltliche Bögen geschlagen, das Geschehen verklammert und deutliche Signale gesetzt.“[8]

2.1 Vorausdeutungen des Erzählers

Es lassen sich im Nibelungenlied etwa 97 Textstellen nennen, an denen der Erzähler über Zukünftiges spricht.[9] Bei einem Großteil dieser Vorausdeutungen lässt sich feststellen, „[…] daß der Erzähler das Ziel seiner Vorausdeutung meist gar nicht präzise bezeichnet.“[10] Es geht immer wider um nôt, leit etc., ohne dass das Bevorstehende konkret genannt wird. „Meistens lässt sich jedoch aus dem Zusammenhang eindeutig das Ziel erkennen[.]“[11] Wachinger gibt hierzu weiterhin an, dass

[…] es die Vorausdeutungen [kennzeichne], daß sich der Erzähler nicht unbedingt auf ein Ziel festlegen muß. Ihm rücken die Hauptereignisse, die im NL[12] durch Jahre getrennt sind, aus der Perspektive der Einzelstellen nah zusammen. […] Ihm kommt es ja nur darauf an, die gegenwärtige Stelle, also den Ausgangspunkt, irgendwie mit dem Gesamtablauf zu verbinden […].[13]

Diese Form der Vorausdeutung, mit der der Erzähler nahezu allwissend erscheint, da er immer wieder das Geschehen in der nahen und auch fernen Zukunft anspricht, lässt sich meist in Verbindung mit dem Zeitadverb sît in der vierten Langzeile einer Strophe finden, was das Voranschreiten der Zeit signalisiert. Andere Adverbien wie „dar umbe, dâ von, des […] leisten eine kausale Verknüpfung […]“[14] der Geschehnisse. Durch die Vorausdeutungen werden die beiden aufeinandertreffenden Sagenstoffe, der der Burgunden und der der Nibelungen bereits miteinander zu einem Werk verknüpft.[15]

Bereits zu Beginn des Epos in der zweiten Strophe deutet der Erzähler auf die bevorstehende Katastrophe hin.

2 Ez wuohs in Burgonden ein vil edel magedîn,

daz in allen landen niht schœners mohte sîn,

Kriemhilt geheizen: si wart ein scœne wîp.

Dar umbe muosen degene vil verliesen den lîp.

Er nennt diese im direkten Anschluss an die Einführung der Person Kriemhilds, bzw. schiebt diese Vorausdeutung ein, denn Kriemhild wird auch in den folgenden Strophen noch weiter vorgestellt. In der ersten Aventiure werden durch die vielen Vorausdeutungen auf der Erzählerebene bereits alle wichtigen Aspekte der folgenden Handlung angedeutet.

Mit sît wart si mit êren eins vil küenen recken wîp (18, 4) kündigt der Erzähler die bevorstehende Hochzeit von Siegfried und Kriemhild an, si sturben sît jæmerlîche von zweier edelen frouwen nît (6, 4) benennt den darauf folgenden Königinnenstreit. [S]i frumten starkiu wunder sît in Etzelen lant (5, 4) deutet auf die tapferen Kämpfer Burgunds im Hunnenland im zweiten Teil hin und sîn eines sterben starp vil maneger muoter kint (19, 4) ist eine erneute Anführung der am Ende des zweiten Teil stehenden Katastrophe. Die Geschehnisse innerhalb der Vorausdeutungen stehen in der ersten Aventiure nicht in der richtigen Reihenfolge, sodass der genaue Ablauf der Ereignisse noch nicht ganz deutlich wird, man sich als Leser jedoch ein Bild des Ausmaßes einzelner Geschehnisse machen kann. Ein positives Ende der Erzählung kann jedenfalls von Beginn an ausgeschlossen werden.

Thematisch geht es bei den Vorausdeutungen grundsätzlich immer um Negatives wie Leid und Tod, sie „[…] beziehen sich auf verschiedene inhaltliche Zielpunkte […]“[16]. Diese Themen „[…] durchziehen ostinat die gesamte Geschichte, und indem sie häufig kontrastierend und unvermittelt in einer positiven Situation oder Erwartung auftauchen, bewirken sie jeweils einen Stimmungsumbruch […].“ Der dadurch resultierende „dunkle[ ], pessimistische[ ] Grundton“[17], wie Schulze es beschreibt, wird für die Rezipienten deutlich und tritt in den Vordergrund. Die Burgunden werden zu Beginn des Werkes als hoch angesehenes und stolzes Volk vorgestellt, doch der nahende Untergang verdunkelt dieses Bild, der allwissende Erzähler macht den Leser stets zu seinem Mitwisser über die dramatischen Ereignisse, die die Figuren bald ereilen werden.

Sobald einer der Protagonisten auf ein positives bevorstehendes Ereignis blickt, wird dieses durch die Vorausdeutung des Erzählers schon wieder in ein negatives Licht gerückt. Während Siegfried beschließt, die schöne Kriemhild aus dem Burgundenland zu umwerben um ihre Liebe und sie als Frau zu gewinnen, nennt der Erzähler sogleich, welches Schicksal Siegfried dadurch erfahren wird, nämlich dass eine schwere Zeit auf ihn zukommt: […] ein scœniu meit/ […]/ von der er sît vil vreuden und ouch arbeit gewan. (44, 2-4)

Die fünfte Aventiure, die von der ersten Begegnung Siegfrieds und Kriemhilds sowie dem Beschluss über ihre Hochzeit handelt und zunächst ausschließlich positiv wirkt, schließt mit den Worten Dar umbe sît der küene lac vil jæmerlîche tôt. (324, 4), die alles zuvor Genannte wieder ins Gegenteil nämlich ins Negative umkehren. Das Glück von Siegfried und Kriemhild und ihren beiden Völkern wird sich zwangsläufig in großes Umglück umkehren, womit der Erzähler auch eine gewisse Kausalität der Ereignisse zur Sprache bringt. Im weiteren Verlauf des Epos sind die Vorausdeutungen nicht immer als so präzise anzusehen, wie es in der ersten Aventiure der Fall ist. Vielmehr ist in den anderen Aventiuren „[…] nur unbestimmt von leit, nôt, arebeit die Rede […]“[18]. Die Kausalität sowie die Bedeutung und Funktion der Vorausdeutungen durch den Erzähler werden im dritten Kapitel näher beleuchtet.

Das Motiv des Umschlagens von Glück in Leid herrscht jedoch hauptsächlich im ersten Teil des Nibelungenliedes vor. „Nach dem Frauenstreit und dem Mord entfällt die kontrastierende Wirkung der Vorausdeutungen […]“, schlägt sich die allgemein positive Stimmung, im Mittelpunkt derer Kriemhild, in großes Leid und in Rachegedanken um. So wird deutlich, wie die angekündigte Katastrophe aus den bisherigen schrecklichen Ereignissen resultiert und die Geschichte ihren Lauf nimmt. Ein weit verbreitetes Motiv in der Literatur des Mittelalters, speziell im Minnesang, sei „der Umschlag von Freude in Leid […] im Sinne der Vergänglichkeit menschlichen Glücks.“[19]

2.2 Vorausdeutungen in der dargestellten Handlung

Die eben vorgestellten Vorausdeutungen auf der Erzählerebene sind den Figuren des Werkes fremd, man kann somit daran teilhaben, wie diese meist vollkommen unwissend ihrem Unglück entgegen gehen. Jedoch lassen sich an manchen Stellen im Werk auch Vorausdeutungen ausmachen, die auf der Ebene der dargestellten Handlung anzusiedeln sind. So lassen sich „[…] Ahnungen, Träume, Warnungen und Prophezeiungen […]“[20] feststellen, die sich jedoch meist nur auf einen bestimmten Personenkreis beschränken. Diese Personen verfügen in unterschiedlichen Graden über Wissen, was die Zukunft betrifft, meist sind es eher Ahnungen als explizites Wissen.

[...]


[1] Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Nach dem Text v. Karl Bartsch; Helmut de Boor, übers. v. Siegfried Grosse. Stuttgart 2006.

[2] Siehe dazu: Burghart Wachinger: Studien zum Nibelungenlied. Vorausdeutungen. Aufbau. Motivierung. Tübingen 1960.

[3] Eberhart Lämmert: Bauformen des Erzählens. Stuttgart 1955, 139-194.

[4] Vgl. ebd.

[5] Ebd., 6.

[6] Vgl. ebd., 17.

[7] Ursula Schulze: Das Nibelungenlied. Stuttgart 1997.

[8] Ebd., 120.

[9] Vgl. ebd.

[10] Wachinger 1960, 13.

[11] Ebd.

[12] Kurz für Nibelungenlied.

[13] Ebd., 14f.

[14] Schulze 1997, 123.

[15] Vgl. ebd., 123.

[16] Ebd., 121.

[17] Ebd..

[18] Vgl. ebd., 124.

[19] Vgl. ebd., 129f.

[20] Wachinger 1960, 28.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Vorausdeutungen im Nibelungenlied. Formen und Funktionen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Deutsche Literatur und ihre Didaktik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V285799
ISBN (eBook)
9783656857822
ISBN (Buch)
9783656857839
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Vorausdeutungen
Arbeit zitieren
Lena Thies (Autor), 2012, Vorausdeutungen im Nibelungenlied. Formen und Funktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285799

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