Freudlos, leidvoll, unnütz? Benthams Umgang mit dem Begriff Askese


Hausarbeit, 2013

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung:

Von der Antike bis in die Neuzeit zieht sich der philosophische Diskurs, welche Lebensform denn die richtige sei und das Miteiander und das Befinden des einzelnen Individuums optimiere: Jene der erhöhten Selbstkontrolle, der unterdrückten Gefühle, die die Faszination des Schmerzens und des Leidens zum Antrieb hat?

„ Einst waren Samans durch Siddhartas Stadt gezogen, pilgernde Asketen, drei dürre, erloschene Männer, nicht alt noch jung, mit staubigen und blutigen Schultern, nahezu nackt, von der Sonne versengt, von Einsamkeit umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere Schakale im Reich der Menschen. Hinter ihnen her wehte heiß der Duft von stiller Leidenschaft, von zerstörendem Dienst, von mitleidloser Entselbstung.“[1]

Oder jene, die es als Befreiung und Tapferkeit ansieht, sich seiner Begierden und Lüste zu bekennen und sich der Scham zu entledigen, die das Nachgehen geballter Lust und Triebhaftigkeit aufgrund gesellschaftlicher Normen mit sich bringt?

Sokrates. Wie aber ist es mit ihnen selbst, mein Freund? Herrschen sie, oder werden sie beherrscht?

Kallikles. Wie meinst du das?

Sokrates. Ich meine, dass doch jeder einzelne über sich selbst herrscht. Oder ist das gar nicht nötig, sich selbst zu beherrschen, sondern nur die anderen?

Kallikles. Wie meinst du sich selbst beherrschen?

Sokrates. Nichts Besonderes, sondern wie es die Leute meinen, besonnen und seiner selbst mächtig sein, und die Lüste und Begierden, die jeder in sich hat, beherrschen.

Kallikles. Wie süß du bist! Die Einfältigen nennst du die Besonnenen!“[2]

Wählt nicht jedes Individuum jene Lebensweise für sich aus, die ihm am nützlichsten erscheint? Der Utilitarist Jeremy Bentham stellt in seinem Werk „Der klassische Utilitarismus- Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung“ sein „Prinzip der Nützlichkeit“ vor und verteidigt es gegenüber anderen bestehenden Prinzipien, so z.B der Askese. Nachdem ich kurz den Primärtext inhaltlich vorgestellt habe, möchte ich genauer untersuchen, wie Bentham den Begriff „Askese“ für seine Argumentation nutzt. Inwieweit ist sie tatsächlich ein Gegen prinzip zum Utilitarismus? Welche konkreten Vorstellungen von Askese und Einwände hat Bentham und wo zeigen sich Lücken in seinem argumentativen Vorgehen?

2. Inhaltlicher Überblick und Aufbau des Primärtextes

In dem Buch „ Einführung in die utilitaristische Ethik – Klassische und zeitgenössische Texte“ sind Jeremy Benthams Gedanken zum klassischen Utilitarismus aus dem Jahre 1789 zu finden. Seine erste von insgesamt fünf Überschrift lautet „I. Über das Prinzip der Nützlichkeit“. Hier bezeichnet er jenes als ein Prinzip, welches „schlechthin jede Handlung billigt oder missbilligt“[3], die das Glück einer Gruppe zu vermehren oder vermindern sucht und das Interesse dieser Gemeinschaft zum Antrieb hat. Einleitend macht er deutlich, was Nützlichkeit in seinem Sinne bedeutet: Es ist die Eigenschaft eines Objektes gemeint, „Gewinn, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück hervorzubringen“[4]. Das Interesse der Gemeinschaft definiert er als die Summe der Interessen der verschiedenen Mitglieder. Diese ist das „Herzstück“ seines Prinzips.

Unter der Überschrift „II. Über Prinzipien, die dem Prinzip der Nützlichkeit entgegen gesetzt sind“ nutzt Bentham den Begriff der Askese, um ein dem Nützlichkeitsprinzig entgegengesetzes Prinzip aufzuzeigen und gleichsam zu beweisen, dass keines neben dem seinen argumentativ standhält. Als weitere Gegenströmung zum Prinzip der Nützlichkeit zeigt er jenes der „Sympathie“ und „Antipathie“ auf. Damit ist jenes Handeln gemeint, welches das Glück oder Unglück einer Gruppe je nach subjektiv eigener Neigung vermehrt oder verringert. Auf dieses Prinzip lassen sich alle Systeme zurückführen, die in Bezug auf den Maßstab für Richtig und Falsch entwickelt worden sind. Sowohl Sympathie als auch Antipathie sind Produkte persönlicher Neigung, subjektiver Wahrnehmung, Schwächen und Fehlleitungen und kann deshalb kein rechtes, auf alles und alle gleichermaßen anwendbares Prinzip sein.

Im Kapitel „III. Über die vier Sanktionen oder Ursprünge von Leid und Freude“ stellt Bentham sich die Frage, welche Wirkung Freude und Leid auf unsere Handlungen haben. Er christlaisiert folgende vier, sich unterschiedliche beeinflussende oder verdrängende Ursprünge heraus, aus denen sich Freude und Leid als Handlungsmotiv und Ursache herleiten lassen: Der physische, der politische, der moralische und der religiöse Ursprung.

Die vorletzte seiner Überschriften des mir zugrunde liegenden Textes lautet „ IV. Wie der Wert einer Menge an Freude oder Leid gemessen werden kann“. Es sind sechs Parameter, an denen Freude bzw. Leid eines Indiviuums gemessen werden kann: Intensität, Dauer, Gewissheit oder Ungewissheit, Nähe oder Ferne, Folgenträchtigkeit und Reinheit des Freide bzw. des Leids. Hinzu kommt ein weiterer Umstand, wenn wir von Leid und Freude in Bezug auf eine Gruppe reden: Das Ausmaß, also jene Anzahl von Personen, die von dem jeweiligen Gefühl „betroffen“ sind oder gemacht werden sollen/ können. Bentham stellt eine Formel vor, nach der man die allgemeine Tendenz einer Handlung berechnen kann:

„Man addiere die Zahlen, die den Grad der guten Tendenz ausdrücken, die die Handlung hat – und zwar in Bezug auf jedes Individuum für das die Tendenz ingesamt gut ist; das gleiche tue man in Bezug auf jedes Indivduum, für das die Tendenz ingesamt schlecht ist. Man ziehe die Bilanz; Befindet sich das Übergewicht auf der Seite der Freude, so ergibt sich daraus die betroffene Gesamtzahl oder Gemeinschaft von Individuen einer allgemein guten Tendenz der Handlung; befindet es sich auf der Seite des Leids, ergibt sich daraus für die gleiche Gemeinschaft eine allgemein schlechte Tendenz“[5]

Nachdem er über Freude, Leid, Glück und Unglück im allgemeinen referiert, kommt Bentham im fünften Abschnitt „V. Die Arten von Freude und Leid“ nun zu einer genauen Einteilung von verschiedenen, besonderen Versionen dieser beiden gegensätzlichen Empfindungen. Es gibt sowohl einfaches, als auch zusammengesetztes Leid. Gleiches gilt für sein Gegenteil. Freuden, für die die menschliche Natur empfänglich ist und die nicht aus vielen verschiedenen Freuden zusammen gesetzt sind, sind z.B: Sinnesfreuden, Freundschaft, Reichtum und Einbildungskraft. Als konkrete Leiden zählt er, unter anderem, Leiden des schlechten Rufes, der Missgunst und der Feindschaft auf.[6]

[...]


[1] Hesse, Hermann: Siddharta- eine indische Dichtung S. 11

[2] Platon, Gorgias oder Über die Beredsamkeit, 491c-492d aus: „Klassische Texte der Philosophie“ S. 27

[3] Bentham, Jeremy: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung (1789) . I § 2

[4] Bentham, Jeremy: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung I § 3

[5] Benham, Jeremy: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung IV. § 5

[6] Vgl. Benham, Jeremy: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung V § 3

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Freudlos, leidvoll, unnütz? Benthams Umgang mit dem Begriff Askese
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Nikomachische Ethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
10
Katalognummer
V285851
ISBN (eBook)
9783656861201
ISBN (Buch)
9783656861218
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nikomachische Ethik, Bentham, Askese, Selbstkontrolle, Tapferkeit, Sokrates, Utilitarismus, Moral, Nützlichkeit, Sanktionen, Leid, Freude, Verzicht, : Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung, Jeremy Bentham, Ethik, Nutzen, Religion
Arbeit zitieren
Johanna Lamm (Autor:in), 2013, Freudlos, leidvoll, unnütz? Benthams Umgang mit dem Begriff Askese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285851

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