Kinder im Konzentrationslager. Buben in Buchenwald


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
37 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Forschungsstand

Einführung in das Thema

Hauptteil 1: Wissenschaftliche Erarbeitung
1. Warum kamen Kinder nach Buchenwald?
2. Warum wurden Kinder gerettet?
3. Wie und warum konnten Kinder beschützt werden?
4. Warum benötigten Kinder lebensrettende Maßnahmen und welche gab es?
5. Welche Baracken galten als Zuflucht für die Jungen?
6. Aus welcher Perspektive sahen die Kinder das Lagerleben?
7. Wie erging es den Kindern nach deren Befreiung?

Hauptteil 2: Didaktische Möglichkeit der Gedenkstätte Buchenwald als Lernort
Schwierigkeit des Ortes
Möglichkeiten des Ortes - Potential der Materialien
Abwägung zwischen Möglichkeit und Schwierigkeit des Ortes
Was kann vor Ort mit der Thematik vermitteln werden?
Welche Kompetenzen können vermittelt werden?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Forschungsstand

Bei der Zusammenstellung dieser Ausarbeitung wurde auf Literatur zurückgegriffen, die ausführlich im Literaturverzeichnis auf Seite 35 aufgelistet ist. Der Forschungsstand der Thematik „Kinder und Buchenwald“ wird besonders durch Nivens „Das Buchenwaldkind“ aus dem Jahr 2009 deutlich. Es ist in Bezug auf Stefan Zweig, der als einer der berühmtesten Überlebenden Buchenwalds gilt, sehr aufschlussreich und ist - da Zweig in dieser Arbeit als biographisches Beispiel dient - ein ständiges Nachschlagewerk bei der Beantwortung der Forschungsfragen.

Der Bericht des Überlebenden Werber ist ebenfalls aufschlussreich. Der Autor berichtet aus erster Hand, wie die Rettung der Kinder von Statten ging. Das Kapitel „Saving Children“ aus der gleichnamigen Literatur hilft bei der Forschung und macht somit deutlich, dass es sich hierbei um ein aktuelles Thema handelt. Keims „Erziehung unter der Nazi-Diktatur“ erschien 2005 und ist für einen Überblick der Thematik „Kinder und Jugendliche“ sowohl aufschlussreich als auch wichtig. Keim beleuchtet viele Punkte, die in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen worden sind.

„Der Buchenwald-Report“ aus dem Jahr 2010 ist eines der aktuellsten Werke, auf das sich diese Arbeit bezieht. Um die Frage „Wie und warum konnten Kinder beschützt werden?“ beantworten zu können, ist es notwendig, dieses Werk zu beachten. Das Werk hilft ebenfalls bei Fragen zum Alltag im Konzentrationslager. Zuletzt sei noch Geves Buch anzuführen, das neben den Zeichnungen des „kindlichen Historikers“ (wie der Titel des Buches Geve bezeichnet), die als Quelle dienen können, auch über einen biographischen Teil verfügt, der informativ ist, da Geve, wie auch Zweig, in dieser Hausarbeit näher beleuchtet wird.

Diese hier erwähnte Literatur wurde nicht von Kommunisten verfasst. Besonders in der DDR erschienen viele Bücher über Buchenwald, die „für gewöhnlich durch eine kommunistische Brille gesehen“1 wurden. Das lag daran, dass im Lager die Funktionshäftlingsposten vermehrt von kommunistischen Insassen besetzt wurden und die Befreiung von Buchenwald auch als Gründungsmythos der DDR galt. Die Häftlinge, die überlebt hatten, glorifizierten die kommunistischen Errungenschaften während der Haft derartig, dass mitunter sogar von einer Selbstbefreiung berichtet wurde.2

Um aber einen möglichst neutralen Ton zu treffen, reflektiert der heutige Forschungsstand - aus diesem Grund auch die hier aufgeführte Literatur - das Leben in Buchenwald zwar auch aus Sicht der Kommunisten, nicht aber zu propagandistischen Zwecken.

Einführung in das Thema

Der aktuelle Forschungsstand untermauert, dass schon viel über den Nationalsozialismus geschrieben und gesagt worden ist. Diese Tatsache ermöglicht einer Lehrkraft, durch eine Fülle von Literatur das Thema den Schüler/innen im Unterricht auf fast jede mögliche Art nahe zu bringen. Die Lehrkraft könnte auch jedes Mal, wenn sie dieses Thema im Unterricht mit einer Klasse behandelt, neue Herangehensweisen eröffnen und so den Unterricht stets abwechslungsreich (auch für sich selbst) gestalten.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Thema Gedenkstätte Buchenwald. Die didaktisch-methodischen Möglichkeiten sollen aufzeigen, wie der Unterricht vom Klassenzimmer in die Gedenkstätte Buchenwald verlagert werden kann. Das Thema „Kinder im Konzentrationslager - Buben in Buchenwald“ wurde aus einigen Gründen gewählt, die ich im Folgenden erläutern möchte: Während des Seminars und der Exkursion zur Gedenkstätte Buchenwald befasste ich mich mit dem vorliegenden Thema, was zu einem Interesse für die Kinder im Lager führte. Ich stellte mir die Frage, wie man den Schüler/innen einen Zugang zu dieser Gedenkstätte vermitteln könnte und bekam schon während des Aufenthalts in und bei Buchenwald einige Antworten, die ich hierin festhalte.

Im Hinblick auf meine spätere Arbeit mit Jugendlichen in den Schulen und meiner schon gesammelten Erfahrung während des Semesterpraktikums und dem Unterrichten der Einheit zum Nationalsozialismus, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass das Thema Konzentrationslager im Unterricht nicht ausführlich behandelt wird. Die Schüler/innen können im Unterricht und im Klassenzimmer nur bedingt in das Thema eintauchen und können es nur schwer auf sich wirken lassen, da sie sehr leicht abgelenkt werden können. Um wirklich nachhaltige Ergebnisse verbuchen zu können, ist das Thema Konzentrationslager besser geeignet, wenn dies an einer Gedenkstätte und nicht nur im Unterricht behandelt wird, denn vor Ort ist eine eindringliche Erarbeitung unter zielführenden Rahmenbedingungen möglich.3 Der spätere Nutzen einer solchen Auseinandersetzung mit der Thematik ist hoch, da ich als Student ein tieferes Verständnis der Materie entwickelt habe, was mir als Lehrkraft nützlich sein wird.

Durch diese Auseinandersetzung ist eine weitere Arbeit und Untersuchung der dazugehörigen Punkte (NS-Ideologie, Weltkrieg etc.) greifbarer, da das Vorwissen aktiviert und weiteres Wissen besser aufgenommen werden kann. Die Gedenkstätte Buchenwald bietet auch die Möglichkeit Bildungsplan- kompetenzen zu erarbeiten, was ebenfalls einer Verknüpfung von Schule und Gedenkstätte zugute kommt. Der Bildungsplan führt zwei Kompetenzen auf, die in Verbindung mit einer Gedenkstätte erworben werden können: Die Schüler/innen können „darstellen […] wer verfolgt wurde und welche Menschen und Gruppen sich der totalitären Ideologie widersetzten“4. Da in der Gedenkstätte über eben diese Menschen und Gruppen berichtet wird, kann dieser Sachkompetenzerwerb eine Exkursion zur Gedenkstätte durchaus legitimieren. Eine weitere Kompetenz, die ebenfalls einer Exkursion zustimmen würde, ist, dass Schüler/innen aufführen können, „dass die Verfolgung und Ermordung von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern sowie von politischen Gegnern bereits 1933 einsetzte“5. Im wissenschaftlichen Teil (Hauptteil 1) dieser Arbeit wird aufgezeigt, dass beide Kompetenzen inhaltlich wiedergefunden werden. Diese Arbeit beinhaltet neben dem wissenschaftlichen Teil, der aus den Antworten verschiedener Forschungsfragen zusammengestellt ist, auch einen didaktischen Teil (Hauptteil 2), der sich damit beschäftigt, wie die Gedenkstätte Buchenwald als außerschulischer Lernort eingesetzt werden kann, wo das Potential liegt und wo sich aber auch Probleme bemerkbar machen (d.h. welche Gefahren der Lernort mit sich bringt).

Hauptteil 1: Wissenschaftliche Erarbeitung

Die Frage, die dieser Hausarbeit zugrunde liegt, lautet: „Unter welchen Umständen erlebten Kinder im Konzentrationslager Buchenwald ihre Gefangenschaft?“ Mit der Beantwortung von sieben untergliederten Fragen, soll die Kernfrage beantwortet und kommentiert werden. Die weiteren Forschungsfragen lauten:

1. Warum kamen Kinder nach Buchenwald?
2. Warum wurden Kinder gerettet?
3. Warum und wie konnten Kinder beschützt werden?
4. Warum benötigten Kinder lebensrettende Maßnahmen und welche gab es?
5. Welche Baracken galten als Zuflucht für die Jungen?
6. Aus welcher Perspektive sahen die Kinder das Lagerleben?
7. Wie erging es den Kindern nach deren Befreiung?

Die Fragen, die die Gliederung dieser Ausarbeitung bilden, ermöglichen eine zeitliche Abfolge und anhand zweier Kinder soll gezeigt werden, warum sie unter anderem nach Buchenwald kamen, warum sie gerettet wurden und wie sie ihre Gefangenschaft dort erlebten. Es handelt sich bei diesen beiden Kindern um Thomas Geve und Stefan Zweig. Beide überlebten die Haft in Buchenwald, was zur Folge hat, dass ihre Identität heute bekannt ist und dass aufgezeigt werden kann, wie sie die Haft er- und überlebt hatten. Darüber hinaus können Zeugnisse dieser beiden Jungen hilfreich sein, das Leben in Buchenwald aus der Sicht der Kinder nachzuvollziehen. Hierbei sind die Zeichnungen Geves besonders wichtig, weil sie verdeutlichen, wie ein Kind das Leben im Lager wahrgenommen hat.

1. Warum kamen Kinder nach Buchenwald?

Sowohl Zweig als auch Geve hatten zuvor andere Konzentrationslager überlebt und wurden „im Spätsommer 1944“6, beziehungsweise Anfang 19457 nach Buchenwald gebracht. Zweig war am Tag der Befreiung 1945 vier Jahre alt,8 Geve 15.9 Während Zweig mit seinem Vater nach Buchenwald kam,10 kam Geve ohne Familie mit einem Transport aus dem KZ Auschwitz, das wegen der herannahenden Front geräumt werden musste.11 Beide kamen mit dem Zugtransport über Weimar auf den Ettersberg; das Lager verfügte über einen eigenen Bahnhof.

Zweig und dessen Vater Zacharias wurden 1944 für den Transport aus Polen nach Deutschland eingeteilt12 und Stefans Vater verbarg ihn vor den Augen der SS, „bevor sie in den Güterwaggon stiegen.“13

In Buchenwald angekommen, „wurden die jüdischen Familien […] auf der Verladerampe rücksichtslos auseinandergerissen.“14 Die Männer und Söhne blieben in Buchenwald, die Frauen und Kinder wurden zurück auf den Zug gebracht. Stefan Zweigs Vater, der seinen Sohn mit sich genommen hatte, wurde „von irgendeinem Befehlshaber der SS angehalten […]. Dieser SS-Mann fragte ihn, warum er mit einem Kind angekommen sei.“15 Durch „Einfallsreichtum und […] Findigkeit“16 konnte Zweigs Vater schon bei der Ankunft das Leben seines Sohnes retten.

Natürlich wurde Stefan Zweigs Leben mehrfach gerettet, doch stellt sich die Frage, ob sein Leben nicht gleichzeitig aufs Spiel gesetzt worden war. Er war zwar vor der Deportation seines Vaters von anderen Polen beschützt und versteckt worden (auch gegen Bezahlung),17 dennoch hatten dieselben Beschützer ihn auch ausgesetzt.18 Sein Vater hatte also letzten Endes keine Möglichkeit mehr als seinen Sohn mit sich zu nehmen. Zweigs Leben wurde somit nicht aufs Spiel gesetzt, sondern eine Entscheidung, selbst wenn die Reaktion die Deportation und das Konzentrationslager bedeutete, ermöglichte ein Aufschub der unmittelbaren Lebensgefahr. Zweig wäre hilflos zurück geblieben, wenn sein Vater ihn nicht mit auf den Zug genommen hätte. Wäre er von seinem Vater nicht mit in das Lager genommen worden, hätte die SS ihn womöglich getötet.

Viele Kinder und Jugendliche kamen also in die Konzentrationslager, weil ihre Väter - wie bei Zweig - sie dorthin mitgenommen hatten. Geve kam allerdings in ein KZ, nicht weil sein Vater in ein KZ kam, sondern, weil er selbst registriert und von „der SS als arbeitsfähig eingestuft [worden war].“19

Es kamen - neben Juden, Sinti und Roma - die Kinder und Jugendlichen in Konzentrationslager, die als „asozial“ oder „gemeinschafts-schädlich“ galten und sich somit nicht konform verhielten. Hierbei muss aber erwähnt werden, dass nicht alle Jugendlichen, die dieser Definition entsprachen nur nach Buchenwald kamen. Solche Jugendliche konnten auch in andere Lager gefunden werden. Nach Buchenwald kamen jene, die wie Zweigs Vater für Buchenwald eingeteilt wurden, oder die in Mitteldeutschland lebten, denn für diese Region war das KZ Buchenwald zuständig.20

Erst 1944 wurden auch jüngere Kinder gezielt nach Buchenwald geschickt. Das hing damit zusammen, dass sich direkt bei Buchenwald die Gustloff Werke befanden, die für die Aufrüstung des Heeres notwendig waren und die Kinder als Arbeitskräfte einsetzten. Die Gustloff Werke werden hier aus dem Grund erwähnt, da die Kinder, die ab 1944, als der Krieg immer mehr Ressourcen forderte, bei der Waffenherstellung mitarbeiten sollten. Diese Kinder kamen aus Vernichtungslagern wie Auschwitz, um zum Beispiel in Buchenwald „in rüstungsrelevanten Industrien“ zu arbeiten.21 Die Verlegung von einem Vernichtungs- in ein Arbeitslager bedeutete jedoch nur, dass der Tod aufgeschoben22 wurde.

2. Warum wurden Kinder gerettet?

Es ist eine Tatsache, dass Kinder in Buchenwald von den Insassen beschützt wurden. Allein, dass 904 Kinder die Haft im Konzentrationslager überlebt haben und dass Zeitzeugenberichte existieren, die sich mit diesem Thema beschäftigen, sind Anzeichen dafür, dass Kinder gerettet wurden.

Für Zacharias Zweig lag die Antwort, warum sein Kind beschützt werden musste, auf der Hand. Er legte so viel Wert darauf, Stefan zu retten, weil es sich um sein eigenes Kind handelte. Zacharias wurde von der Liebe zu seinem Sohn angetrieben. Diese Liebe war ihm eine Quelle.23 Das Retten der Kinder mag für die Männer also genau das gewesen sein: Eine Quelle der Kraft, um nicht nur die Kinder zu retten, sondern auch sich selbst.

Das Unterfangen, die Kinder zu retten, schien für viele Häftlinge „eine Art plötzlicher ‚Windstoß’ von ‚draußen’ zu sein, aus einer Welt, von der […] sich [viele] entfremdet hatten.“24 Für die Männer, die die Kinder retteten, hieß diese Rettungsmaßnahme eben genau das: Sie überlebten, weil die Kinder ihrem sinnlosen Leben wieder Sinn gegeben, weil sie einen Windstoß - eine Belebung - erlebt hatten.25 Für sie wurde zum Beispiel Stefan Zweig „ein Ersatzsohn, eine lebende, zerbrechliche Erinnerung an Geburt, Mutterschaft und Vaterschaft.“26 Die Kinder konnten ihnen wieder Sinn gegeben haben, den einige verloren hatten, weil sie den Tod ihrer eigenen Kinder überlebt hatten.27 Oder vielleicht hofften sie, dass, sollten die eigenen Kinder noch nicht getötet worden sein, jemand sich um sie im gleichen Maß kümmerte.

Keim, Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Band II: Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Darmstadt 2005, S. 212.

Die Männer, die die Kinder retteten, waren selbst einmal Kinder gewesen und wussten, dass jedes Kind Hoffnung braucht. In dieser hoffnungslosen Welt wollten sie den Kindern eine Hoffnung für die Zukunft geben28 und sie somit am Leben erhalten, damit sie diese Zukunft auch erleben würden.

Einige Männer, darunter zum Beispiel Robert Siewert, Wilhelm Hammann in Buchenwald und Janusz Korcak in Theresienstadt waren Pädagogen gewesen, was bedeutet haben konnte, dass sie es als ihre Pflicht ansahen, den Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. So wurden sie gerettet, weil sie die Zukunft sind und im Gegensatz zu jenen stehen, die zweifelten und die die Hoffnung aufgaben (Cremers Denkmal untermauert dies: Das Kind steht dem Zyniker als Gegensatz gegenüber).29

Zuletzt retteten sie die Kinder, weil sie in ihnen die Wichtigkeit des Lebens sahen. So begann ein Mann im Konzentrationslager Birkenau Selbstmord, um „nicht passiver Zeuge der Vernichtung der ihm anbefohlenen Kinder sein zu müssen.“30 Für solche Männer waren die Kinder wichtiger als ihr eigenes Leben.31 Neben der politischen Einstellung mag auch Solidarität eine Rolle gespielt haben. Die Männer sahen, dass die Kinder Angehörige ihrer Nationalität und ihrer Religion waren, die sich nicht selbst retten konnten und die somit gerettet werden mussten. Die Kinderrettung war deshalb so wichtig, weil damit eine Hoffnung verbunden war, die den Männern half, durchzuhalten und am Leben zu bleiben.32 Indem die Männer die Kinder retteten, zeigten sie „Mut und Solidarität im Angesicht der Brutalität der SS“33 und weil diese Eigenschaften ausgeübt wurden, wurden sie gleichzeitig ausgeprägter. Es sei der „Triumph über den Tod“34 gewesen und somit war die Rettung für die Männer eine Rettung ihrer selbst.

Dennoch waren nicht alle Männer mit dem Schutz der Kinder einverstanden. Es kam auch zu Meinungsverschiedenheiten35 bezüglich der Frage, ob man sich den Kindern annehmen sollte. Außerdem muss vor allem der Rettung Zweigs entgegengehalten werden, dass er zwar während der Haft von den Insassen beschützt wurde, doch dass diese gleichen Beschützer, laut Zweigs Vater, „das Kind dann in den letzten Tagen beinahe im Stich gelassen haben.“36

Auf der anderen Seite gab es in diesen letzten Tagen aber auch Häftlinge, die hunderte jüdischer Kinder vor der SS retteten und sie zum Beispiel als Ungarer ausgaben37 und „das größte Verdienst des Widerstandes“ war es, „in den letzten Tagen noch Juden zu retten“.38

Es steht also fest, dass die Männer Kinder retteten und dass Hoffnung, Kraft und Lebenssinn Empfindungen waren, die als Antwort auf die Frage, warum Kinder gerettet wurden, dienen. Diese Empfindungen wiederholen sich unter anderem im Bericht Werbers und in der Literatur „Das Buchenwaldkind“ immer wieder.

3. Wie und warum konnten Kinder beschützt werden?

Häftlinge, die eine gewisse Machtstellung innehielten, hatten die Möglichkeit, die Kinder zu beschützen und sie auch bevorzugt zu behandeln. Diese Machtstellung ging mit der Lagerorganisation in Buchenwald einher. Häftlinge waren verschiedenen Funktionen39 zugeteilt und es gab unter ihnen unterschiedliche Stellungen. Werber schreibt: „organizational structure created by the Nazis required a minimal of German officers. The responsibility for the day to day running of the camp was delegated to inmates.“40

Diese Häftlinge dienten gewissermaßen als „Gratisarbeitskräfte [und wurden] in jedem nur möglichen Ausmaß [ausgebeutet].“41 Die Kinder konnten also beschützt werden, weil die Insassen einen großen Teil der Organisation des Lagers selbst regelten.

Insassen, die eine gewisse Machtstellung (Funktionshäftlinge) hatten, war es möglich, Kinder erfolgreich zu beschützen. Einige Kapos42

[...]


1 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 7.

2 Vgl. ebd., S. 11.

3 Vor Ort könnte man auch über weitere Themen des Nationalsozialismus sprechen.

4 Kultusministerium für Kultus, Jugend und Sport: Bildungsplan 2004 - Realschule. Reclam. Stuttgart 2004, S. 110.

5 Ebd., S. 108.

6 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 7.

7 Geve, Thomas: Es gibt hier keine Kinder - Zeichnungen eines kindlichen Historikers. WallsteinVerlag. Göttingen 1997, S. 14f.

8 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 7.

9 Geve, Thomas: Es gibt hier keine Kinder - Zeichnungen eines kindlichen Historikers. WallsteinVerlag. Göttingen 1997, S. 9.

10 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 41.

11 Geve, Thomas: Es gibt hier keine Kinder - Zeichnungen eines kindlichen Historikers. WallsteinVerlag. Göttingen 1997, S. 14f.

12 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 39.

13 Ebd., S. 40.

14 Carlebach, Emil u.a.: Buchenwald - Ein Konzentrationslager. Dietz Verlag. Berlin 1986, S. 86.

15 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 41.

16 Ebd., S. 7.

17 Ebd., S. 38.

18 Ebd., S. 38.

19 Geve, Thomas: Es gibt hier keine Kinder - Zeichnungen eines kindlichen Historikers. WallsteinVerlag. Göttingen 1997, S. 14.

20 Dwork, Deborah: Kinder mit dem gelben Stern Europa 1933-1945. Verlag C.H.Beck. München 1994, S. 221.

22 Ebd., S. 212.

23 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 50.

24 Ebd., S. 53.

25 Ebd., S. 53f.

26 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 54.

27 Werber, Jack: Saving Children - Diary of a Buchenwald Survivor and Rescuer. Transaction Publishers. New Brunswick 1996, S. 95.

28 Werber, Jack: Saving Children - Diary of a Buchenwald Survivor and Rescuer. Transaction Publishers. New Brunswick 1996, S. 96.

29 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 97.

30 Keim, Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Band II: Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Darmstadt 2005, S. 215.

31 Vgl. ebd., S. 401.

32 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 95.

33 Ebd., S. 94.

34 Ebd., S. 94.

35 Ebd., S. 51.

36 Ebd., S. 59.

37 Keim, Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Band II: Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Darmstadt 2005, S. 217.

38 Niven, Bill: Das Buchenwaldkind - Wahrheit, Fiktion und Propaganda. bpb Schriftenreihe Band 783. Bonn 2009, S. 29.

39 Vgl. ebd., S. 8.

40 Werber, Jack: Saving Children - Diary of a Buchenwald Survivor and Rescuer. Transaction Publishers. New Brunswick 1996, S. 95.

41 Hackett, David A. (Hrsg.): Der Buchenwald-Report - Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. C.H. Beck Verlag. München 2010, S. 66.

42 Ein Kapo war selbst ein Häftling des Lagers und eine von der SS eingesetzte Aufsichtsperson.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Kinder im Konzentrationslager. Buben in Buchenwald
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
37
Katalognummer
V285950
ISBN (eBook)
9783656860495
ISBN (Buch)
9783656860501
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinder, konzentrationslager, buben, buchenwald
Arbeit zitieren
David Neideck (Autor), 2013, Kinder im Konzentrationslager. Buben in Buchenwald, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285950

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