Narrativik des populären Films. Filmanalyse "The Village"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
11 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

The Village

Der unzuverlässige Autor

Konflikt der Protagonisten

Das Modell der konventionellen Dramaturgie

Fazit

Literaturverzeichnis

The Village

Im Rahmen meiner Seminararbeit möchte ich mich mit dem Hollywood-Film „The Village“ aus dem Jahre 2004 im Kontext seiner narrativen Gestaltung auseinander setzen. Regie und Drehbuch stammen von M. Night Shyamalan, der unter anderem die Filme „Sixth Sense“ und „Signs – Zeichen“ inszenierte. Man kann in seinen Filmen ein identisches Muster erkennen, mit dem er den Zuschauer stets zu manipulieren versucht. Die Auflösung der Filmhandlung erfolgt jeweils am Ende, wobei sie dermaßen unerwartet ist, dass sie das bisherige Geschehen in einem neuen Licht darstellt.

Bei meiner Analyse möchte ich „The Village“ insbesondere unter dem Aspekt seiner Informationszuteilung bzw. der Informationszurückhaltung an den Rezipienten betrachten. Anhand von einigen Schlüsselszenen soll beantwortet werden, an welchen Stellen der Handlung Informationen absichtlich zurückgehalten werden und wann bestimmte Informationen von dem Erzähler unzuverlässig vermittelt werden. Dies könnte von Interesse sein, da die Figuren innerhalb der Diegese sowohl untereinander als auch zugleich gegenüber dem Zuschauer unterschiedliche Wissensstände besitzen. Des Weiteren möchte ich den Konflikt der Protagonisten darstellen, wodurch der Wendepunkt der Handlung eingeleitet wird, der das Leben der Protagonisten ändert bzw. sie aus ihrer gewohnten Bahn wirft. Der Autor arbeitet hierbei mit den Konventionen der klassischen Dramaturgie, die er bewusst einsetzt, um den Zuschauer auf eine falsche Fährte zu führen, damit die Manipulation des Zuschauers am Ende funktioniert.

Der unzuverlässige Autor

Die differenzierte Informationszuteilung zwischen dem Rezipienten und dem Protagonisten ist ein Mittel zur Gestaltung des rezeptiven Erlebens.[1]

Der repräsentierte Informationsgrad entspricht in der ersten Hälfte der Story dem Erkenntnisstand von Lucius, was seine Position als Hauptfigur begründet. Nachdem Lucius schwer verletzt aufgefunden wird, übernimmt Ivy die Position der Hauptfigur. Somit ist die Erzählung generell an das Erleben von Lucius und Ivy angelehnt. Das heißt, die Erzählung wird dem Zuschauer hauptsächlich aufgrund ihrer Erlebnisse und Gedanken erzählt.

Die hauptsächliche Stärke der Story liegt darin begründet, dass „The Village“ den Rezipienten von Anfang an auf eine falsche Fährte führt. Diese Manipulation wird konstruiert, indem wichtige Informationen, die für den Verstehensprozess wichtig wären, bis zum Schluss verheimlicht oder lediglich angedeutet werden und in eine falsche Richtung lenken. Aufgrund dieser unzureichenden und manipulativen Informationsvermittlung tappt der Rezipient bis zum Ende der Filmhandlung im Dunkeln. Dieser Umstand trägt dazu bei, dass die Konstruktion seiner Fabula erschwert wird. Neben der Story eines Films spielen außerdem weitere Einflüsse eine Rolle, die für den Verstehensprozess wichtig sind. Nach Hickethier stehen die Wahrnehmung sowie die kognitive und affektive Verarbeitung eines Films in Abhängigkeit von dem Weltbild des Rezipienten, somit sind sie zwangsläufig individuell verschieden. „Zuschauen bedeutet eine kognitive und emotionale Mitarbeit der Rezipienten. Nur durch die Verstehensleistungen der Zuschauer wird aus der Vorführung eines belichteten Filmstreifens ein kommunikativer Vorgang. Kulturelle Kenntnisse, mediale Erfahrungen der Zuschauer und deren Realitätsverständnis sind am Verstehensprozess beteiligt. Bedeutung entsteht nicht allein durch den Film selbst, sondern vor allem auch durch die konstruktive Mitarbeit des Zuschauers.“[2]

Nachfolgend möchte ich anhand ausgewählter Sequenzen veranschaulichen, wie die Informationszuteilung bei „The Village“ funktioniert.

Nach der Beerdigung hat sich die Dorfgemeinschaft zum gemeinsamen Essen an langen Tischreihen versammelt. Plötzlich hört man unheilvolle Geräusche, kurz darauf schwenkt die Kamera in der Totalen auf einen Wald. Hier endet die Kamerafahrt mit einer Vollansicht. Dieses Ereignis deutet bedächtig auf eine Bedrohung hin, die jedoch gänzlich unkommentiert bleibt. Die darauf folgenden Einstellungen erzählen vom alltäglichen Leben der Dorfgemeinschaft, was teilweise gar fröhlich und unbeschwert zu sein scheint, bis plötzlich eine rote Blume von einem Mädchen aus dem Boden gerissen und in der Erde vergraben wird. Auch dies bleibt vorerst unkommentiert. In der darauf folgenden Sequenz zeigt die Kamera einen Mann auf einem Wachturm, der sich am Rande des Dorfes befindet, er hat offensichtlich Wachdienst. Danach sieht der Zuschauer, wie sich das Abbild eines roten Wesens im Wasser eines Sees spiegelt, jedoch verschwindet es auch gleich wieder aus dem Kamerabild. Bezüglich einer Bedrohung könnte der Zuschauer bis zu dieser Sequenz, je nach Lesart der Story, eine Fabula erzeugt haben, die besagt, dass es sich um einen Aberglauben handelt, dem die Dorfbewohner aufgesessen sind. Dies ändert sich jedoch im Anschluss an die kommende Einstellung. Hier entdecken Schüler einen Tierkadaver. Der Lehrer und Dorfvorsteher Edward Walker ist schockiert. Obwohl er mit all den anderen Dorfältesten das Geheimnis kennt, was der Zuschauer bis jetzt jedoch noch nicht ahnen kann, steht er ebenso vor einem Rätsel wie alle anderen. Wer hat den Tod des Tieres verursacht? In der Schule sprechen die Figuren erstmals über die Bedrohung und nennen sie beim Namen – „die Unaussprechlichen waren das.“ Der Lehrer beschuldigt im Gespräch mit seinen Schülern die Unaussprechlichen, das Tier getötet zu haben. Gleich darauf zeigt die Kamera Lucius mit einem anderen Dorfbewohner auf einem der Wachtürme. Aus dem Wald ertönen abermals unheilvolle Geräusche und zugleich fährt die Kamera hinein in den Wald mit dem Fokus auf den Wachturm. Allerspätestens hier sollte jedem Zuschauer klar sein, dass es sich nicht um einen Aberglauben handelt, sondern um eine tatsächliche Gefahr für die Dorfgemeinschaft. Der Spannungsbogen wird dadurch drastisch erhöht, weil die Bedrohung bis jetzt lediglich durch die Kamera und mittels Geräusche angedeutet wurde. In der nächsten Sequenz versucht Alice Hunt, die ebenfalls Mitglied des Dorfrates ist, die restlichen Dorfbewohner zu beschwichtigen, indem sie begründend darstellt, dass es sich bei den Tierkadavern nicht um die Unaussprechlichen handelt, sondern dass vielmehr ein Wolf oder ein Kojote das Tier getötet hat. Hier haben wir es mit zwei unterschiedlichen Äußerungen zu tun. Edward Walker spricht im Klassenraum von den Unaussprechlichen und Alice Hunt bekundet gegenüber den Dorfbewohnern, dass es Kojoten waren. Erstmals offenbart der Film innerhalb der Diegese unterschiedliche Wissensstände zwischen den Protagonisten.

Als Noah rote Beeren auf die Hand von Ivy legt, hört der Zuschauer Lucius’ Warnung: „Sei vorsichtig, sie haben die böse Farbe.“ Mit dem darauf folgenden Satz von Ivy wird dem Zuschauer bewusst, warum die Mädchen zu Beginn des Films die rote Blume vergruben: „Diese Farbe zieht die Unaussprechlichen an. Du musst sie sofort vergraben.“ Lucius hegt dennoch Zweifel daran, dass die Unaussprechlichen wirklich böse sind. Doch selbst seine Zweifel verschwinden, als die Unaussprechlichen tatsächlich in das Dorf eindringen. Der Rezipient bekommt jedoch beim Anblick der Unaussprechlichen erste Zweifel gegenüber der Annahme, es handele sich hierbei um unheimliche bzw. mystische Wesen. Denn sie sehen alles andere als mystisch aus, vielmehr vermitteln sie den Eindruck, als würde jemand unter einer Verkleidung die Dorfbewohner absichtlich in Angst und Schrecken versetzen wollen. Doch dann werden die Dorfbewohner abermals von einem furchtbaren Ereignis heimgesucht. Während der Hochzeitsfeier von Kitty Walker entdecken die Dorfbewohner unzählige Tierkadaver und Markierungen an ihren Häusern. Kurz darauf zeigt die Kamera Edward Walker und Alice Hunt bei einem gemeinsamen Gespräch, bei dem beide über die Geschehnisse sprechen. Obwohl sie dem Zuschauer gegenüber weiterhin zur Verstehensleistung wichtige Informationen verheimlichen, offenbaren sich erste offensichtliche Anzeichen, dass die Handlung ihren Wendepunkt beinahe erreicht hat.

Nachdem Lucius lebensbedrohlich durch Noah verletzt wird, beschließt Ivy Arzneimittel aus der Stadt zu holen. Sie bittet ihren Vater um Erlaubnis. Nachfolgend offenbart die Handlung für die Verstehensleistung wichtige Informationen. Edward Walker diskutiert über seinen Beschluss, Ivy gehen zu lassen, mit den anderen Dorfältesten: „Du denkst darüber nach in die Stadt zu gehen?“ (...) du hast einen Eid geschworen, so wie wir alle nie wieder umzukehren. Ein schmerzlicher Beschluss, aber für ein hehres Ziel muss man Opfer bringen. Du darfst unseren Eid nicht brechen. Dieser Eid ist heilig.“ Weiter sagt sie: „Du hast den Eid geschworen, so wie die anderen Dorfältesten.“ Im Dialog mit Ivy erhält der Zuschauer weitere wichtige und interessante Informationen: „Dein Großvater James Walker starb im Schlaf, als ein Mann ihm eine Waffe an die Stirn hielt und ihn erschoss, als er träumte. Ich erzähle dir das, damit du vielleicht einige Beweggründe meines Handelns verstehst. Und das der anderen.“ Das was Edward Walker seiner Tochter Ivy jetzt zeigt, bekommt der Zuschauer in Form von Rückblenden als Informationen zurück. Der Zuschauer erfährt anfänglich nur andeutungsweise, dass es sich bei den Unaussprechlichen lediglich um verkleidete Mitglieder des Ältestenrats handelt. Dennoch bestehen bei Ivy Zweifel, da sie beim Betreten des Waldes nach wie vor in einen gelben Umhang gehüllt ist. „The Village“ spielt von nun an geschickt mit der Informationszuteilung. Als der zweite und somit der letzte Begleiter von Ivy aufgibt und sie verlässt, schneidet der Film mittels einer Rückblende wieder in die Sequenz mit der Hütte. Hier erfährt der Zuschauer, was manch einer bereits wusste. „Es ist alles nur ein Schwindel.“ Diesen Satz bekommt Ivy zu hören, als sie erschrocken die Flucht ergreifen will, da sie die Klauen eines Unaussprechlichen berührt. Der Rezipient bekommt nun bisher entstandene Fragen beantwortet. „Woher kommen die Geräusche?“ „Was ist mit den Fleischopfern?“

Dennoch wird die blinde Ivy im Wald mit einer Bedrohung in Form eines Unaussprechlichen konfrontiert. Ivy findet eine Lösung ihren Angreifer zu besiegen. Das Wesen stürzt in dasselbe Loch, in das bereits sie zu stürzen drohte. Bevor die Kamera dem Zuschauer einen Blick in das Loch gewährt, wird parallel zu dieser Sequenz in das Dorf geschnitten. Noahs Eltern entdecken, dass ihr Sohn Noah verschwunden ist. Weitaus schockierender ist jedoch, dass unter dem Boden seines „Gefängnisses“ die Federn und Reste der getöteten Tiere zu sehen sind. Mehr noch, Noahs Vater bemerkt: „Er hat eines der Kostüme unter den Dielen gefunden.“ Dies scheint die Auflösung des Films gewesen zu sein. Die eigentliche Bedrohung ging von Noah aus.

Jedoch bleibt das Geheimnis um die schwarzen Kisten bis zum Ende im Verborgenen. Während Ivy die Grenze zur Stadt überschreitet, öffnet Edward Walker dazu parallel seine persönliche schwarze Kiste und sagt: „Ich bin Edward Walker, ich lehre Geschichte an der Universität in Pennsylvania. Ich habe eine Idee, über die ich gerne mit ihnen sprechen möchte.“

[...]


[1] Vgl. Cordes, Stefan. Filmerzählung und Filmerlebnis. S. 16

[2] Hickethier, Knuth. Film- und Fernsehanalyse. S. 6

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Narrativik des populären Films. Filmanalyse "The Village"
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Sprache, Literatur und Medien)
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
11
Katalognummer
V285990
ISBN (eBook)
9783656860136
ISBN (Buch)
9783656860143
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narrativik, populär, Filmanalyse, The Village
Arbeit zitieren
Mathias Bliemeister (Autor), 2005, Narrativik des populären Films. Filmanalyse "The Village", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285990

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