Euthanasie bei Philippa Foot "Um Leben und Tod"

Rechtfertigung und Legalisierung


Hausarbeit, 2014

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

In den letzten Jahrzehnten hat die Diskussion über Euthanasie zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Die Medizin macht mehr und mehr Fortschritte; neu entwickelte Medikamente, die bisher unheilbare Krankheiten bekämpfen, kommen auf den Markt. Zudem ermöglichen es weitere lebensverlängernde Maßnahmen den Menschen immer älter zu werden, manchmal sogar in einem jahrelangen Zustand ohne Bewusstsein. Resultierend stellt sich den Mitgliedern unserer Gesellschaft die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt man ein Leben künstlich verlängern sollte und wo es eine Grenze zu ziehen gilt. Sollte man auf der anderen Seite nun auch die Möglichkeit schaffen, einem Menschen, der beispielsweise unheilbar krank ist, auf seinen eigenen Wunsch hin, einen frühzeitigen Tod und somit ein Sterben in Würde zu gewähren? In diesem Zusammenhang diskutiert auch Philippa Ruth Foot, eine britische Philosophin und Begründerin der Tugendethik, in ihrem Werk „Euthanasia“ die Frage, ob Akte der Euthanasie legalisiert werden sollten und überhaupt jemals gerechtfertigt werden könnten (vgl. Foot 1990, 285-315).

Im ersten Teil ihrer Darlegung, mit dem sich die vorliegende Ausarbeitung ausschließlich befassen wird, definiert Foot zunächst ihr Verständnis von Euthanasie und unter welchen Umständen einem Akteur ein Akt der Euthanasie zugeschrieben werden darf (vgl. Foot 1990, 285-297). Dazu stellt sie vier grundlegende Fragen: Zunächst, was bedeutet es, dass der Akt der Euthanasie auf das Wohl des Sterbenden abzielt und der Tod um seinetwillen gewollt wird? Damit einhergehend debattiert Foot die zentrale Frage der Diskussion um Euthanasie, wie sich generell verstehen l ä sst, dass manüberhaupt jemals den Tod zugunsten dessen wünschen kann, der sterben soll. Zur Beantwortung dessen ermittelt Foot, warum und wann das Leben ein Gut ist und zuletzt, was eigentlich als normales menschliches Leben gilt. Ihr Ziel dabei ist es, aufzuzeigen, wann ein Leben nicht mehr als normales menschliches Leben gilt und somit dieses Leben auch kein Gut mehr darstellt. In diesem Fall, in dem das Leben als ein Übel und kein Gut mehr erscheint, kann man den Tod zugunsten des- jenigen Menschen wünschen. Somit zielt der Akt der Euthanasie auf das Wohl des Sterbenden und der Tod wird ausschließlich um seinetwillen gewollt. Im Folgenden soll dieser Gedankengang aus- führlicher erläutert werden. Dazu wird vorangehend Foots Definition der Euthanasie aufgezeigt.

Um den Begriff Euthanasie zu erklären, zieht Foot den Shorter Oxford English Dictionary heran, in welchem drei Bedeutungen des Begriffs Euthanasie aufgelistet werden: „Ein friedlicher und leichter Tod […][,] die Mittel, um das zu bewerkstelligen […] [und] die Handlung, um einen friedlichen und leichten Tod herbeizuführen“ (Foot 1990, 285). Dies beschreibt jedoch nur die Art und Weise des Zu-Tode-Kommens. Würde man Euthanasie lediglich so definieren und ginge es folglich nur um die Mittel, anhand derer der Tod herbeigeführt wird, könnte man damit die Euthanasiemorde unter der Führung Hitlers, auch bekannt als Aktion T4, tatsächlich als Euthanasie kategorisieren.1

Damit dies jedoch nicht möglich ist und solche Ereignisse von dem Begriff der Euthanasie ausgeschlossen werden, muss ergänzt werden, dass, „wenn wir über Euthanasie sprechen, [wir] über den Tod als ein gutes und glückliches Ereignis für denjenigen reden, der stirbt“ (Foot 1990, 286), also der Tod selbst dem Sterbenden zugute kommen muss.

Im Alltagsgebrauch wird Euthanasie eher so verwendet, dass der Tod kein Ü bel als dass er ein Gut darstellt. Dies wird deutlich am Beispiel des Falls von Karen Ann Quinlan, einer jungen Frau, die 1975 im Alter von 21 Jahren ins Koma fiel, durch einen Fehler des Beatmungsgerätes binnen der ersten 14 Monate einen Hirntod erlitt und weitere acht Jahre nicht erwachte (McFadden). Ihre Eltern kämpften, nachdem Karens Hirntod diagnostiziert wurde, darum, sie sterben zu lassen, da der Tod für ihr Kind kein Übel mehr darstellen würde. Diesen gegenwärtigen Gebrauch des Euthanasie- begriffs deklariert Foot jedoch mit folgender Begründung als problematisch: Sieht man den Tod als ein Gut für das Subjekt an, kann gefolgert werden, dass ein Akt der Euthanasie ebenso zu seinen Gunsten ausgeführt werden muss. Wenn man allerdings nur festschreibt, dass der Tod kein Ü bel für das Subjekt zu sein hat, kann nicht festgelegt werden, dass etwas Gutes zu tun das Motiv zu sein hat. Angesichts der Wichtigkeit der Frage, in wessen Interesse gehandelt werden soll, ist es nach Foot deshalb vorteilhaft, „über eine Definition zu verfügen, die unter diesen Begriff [der Euthanasie] nur Fälle bringt, in denen für den Tod im Interesse dessen entschieden wird, der stirbt“ (Foot 1990, 286). An dieser Stelle merkt Foot aber an, dass, egal ob der Tod als kein Übel oder ein Gut für das Subjekt angesehen wird, die Morde, die unter Hitler geschahen, nicht mehr unter den Begriff der Euthanasie fallen können. Daher ist es ihrer Meinung nach essenziell, sich zumindest auf eine dieser beiden Begriffserklärungen festzulegen, während sie sich für letztere ausspricht.

Aus den oben aufgeführten Gründen definiert Foot Euthanasie schließlich wie folgt: Euthanasie ist stets zum Wohl des Sterbenden und wird als ein Gut für denjenigen angesehen. Weiterhin beinhaltet der Handlungsakt, dass sich zugunsten dessen der sterben soll, für den Tod entschieden wird bzw. der Tod herbeigeführt wird. Zudem schließt der Handlungsakt ein Unterlassen nicht aus; wir sprechen nicht nur von einem Akt der Euthanasie, wenn aktive Maßnahmen dazu ergriffen werden, sondern auch, wenn bewusst, zum Wohl des Sterbenden, eine Entscheidung über das eigene (Nicht- )Handeln getroffen wird und dies seinen Tod zur Folge hat. Hinzukommend muss der Akteur, der den Akt der Euthanasie vollzieht, den Tod als Gnade für die Person ansehen. Foot betont, dass in die Definition der Euthanasie „dieselbe Bedingung eingehen [muss], ob als ein Bestandteil der Wirklichkeit oder nur als ein Bestandteil in den Überzeugungen des Akteurs“ (Foot 1990, 287). Dies bedeutet, dass maßgeblich für den Akt der Euthanasie die Bedingung ist, dass er zugunsten des Betroffenen ausgeführt wird. Unabhängig also davon, ob Wirklichkeit und Überzeugung

(Schmuhl 1987, 383). Damals wurden die Morde unter dem Begriff Euthanasie vollzogen, welches im antiken Griechenland für den guten und friedlichen Tod ohne vorhergehende lange Krankheiten stand (Benzenhöfer 2009, 13). 2 übereinstimmen oder nicht, der Akt ist immer als Akt der Euthanasie zu bezeichnen, solange er aus Gnade geschehen ist.2

An diesem Punkt gelangen wir zu Foots erster grundlegender Frage, die auch zu Beginn ihrer Definition von Euthanasie auftaucht: Was bedeutet, der Akt der Euthanasie zielt auf das Wohl des Sterbenden und der Tod wird um seinetwillen gewollt ? Intuitiv denken wir vielleicht an ein Übel, unter dem jemand leidet und dass der Tod eine Erlösung von diesem Übel darstellt. Dies kann jedoch nicht alles sein, denn das Leben vieler Menschen enthält sehr viel Schmerz und Trauer und dennoch würden wir den Tod in solchen Fällen nicht selbstverständlich als eine Wohltat für den Betroffenen empfinden. Ganz im Gegenteil, selbst wenn jemand außergewöhnlich unglücklich ist, betrachten wir sein Leben weiterhin als ein Gut. Somit wird die Frage aufgeworfen, wie l ä sst sich verstehen, dass manüberhaupt jemals den Tod zugunsten dessen wünschen kann, der sterben soll?

Diese „schwierige Frage ist für die Diskussion von Euthanasie zentral“ (Foot 1990, 288), und ein Individuum muss, um diskutieren zu können ob Euthanasieakte moralisch erlaubt sind, erst einmal den Grund verstehen, warum man das Leben gut nennen kann und warum dies nicht immer so ist. Daran anknüpfend leitet Foot also zu ihrer dritten Fragestellung über: Warum und wann ist das Leben ein Gut? Bezüglich dieser Fragestellung diskutiert die britische Philosophin zunächst vier mögliche Ansätze: 1. Das Leben ist an sich ein Gut, 2. Die Abwägung des Verhältnisses von Gut und Übel in der zusätzlichen Zeitspanne, die eine Person noch zu leben hätte bestimmt, ob das Leben ein Gut ist, 3. Die Erfahrung im Leben selbst ist es, die als ein Gut anzusehen gilt und 4. Der Lebenswunsch eines Menschen lässt uns sein Leben als ein Gut beurteilen. Diese vier Ansätze sollen anschließend detaillierter erörtert werden.

Versucht man mittels des ersten Ansatzes, nämlich dass das Leben per se ein Gut ist, zu erklären, warum und wann das Leben ein Gut ist, so hieße dies schlussfolgernd, dass man anderen immer Gutes erweisen würde, wenn man ihr Leben rettet. Doch bedeutet ein länger andauerndes Leben nicht immer ein Wohl für die Person, die länger lebt. Wenn beispielsweise ein Mann zu Tode gefoltert wird und Medikamente verabreicht bekommt, um die Folter länger ertragen zu können, so wäre dies keine Wohltat für ihn, sondern eine Qual. „Deshalb mu[ss] akzeptiert werden, dass das Leben zwar normalerweise ein Gut darstellt für den, der es besitzt“ (Foot 1990, 288f.), dies aber offenkundig nicht immer so ist.

[...]


1 Als Aktion T4 wird, angetrieben von einer eugenischen Idee der Rassenhygiene, die Ermordung von Kranken, geistig und körperlich Behinderten sowie sozial oder rassisch Unerwünschten in der Zeit des Nationalsozialismus bezeichnet

2 An dieser Stelle schreibt Foot lediglich darüber, was entscheidend für die Definition von Euthanasie ist und klammert die Frage, in welchen Fällen sie berechtigt ist, aus. So kann es nämlich ein unberechtigter Akt der Euthanasie gewesen sein, wenn die Wirklichkeit nicht mit der Überzeugung des Akteurs übereinstimmt. Entsprechend wäre anknüpfend die moralisch entscheidende Frage, ob sein Unwissen schuldhaft war oder nicht. Grundlegend für die moralische Beurteilung seiner Handlung wäre dann warum er zu wenig über die Wirklichkeit des Gestorbenen wusste. Nur falls es sich um schuldhaftes Unwissen handelt, ist der Akt der Euthanasie moralisch verwerflich. Dennoch wird der Akt nach wie vor als Akt der Euthanasie bezeichnet - solange er aus Gnade vollzogen wurde.

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Details

Titel
Euthanasie bei Philippa Foot "Um Leben und Tod"
Untertitel
Rechtfertigung und Legalisierung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Bioethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V286044
ISBN (eBook)
9783656859437
ISBN (Buch)
9783656859444
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Euthanasie, Euthanasia, Philippa Foot, Akt der Euthanasie, gerechtfertigt, legalisiert, Definition, normales, menschliches, Leben, Tod, zugunsten, desjenigen, sterben, kein Gut, Wohl, Sterbenden
Arbeit zitieren
B.Ed. Lena Groß (Autor), 2014, Euthanasie bei Philippa Foot "Um Leben und Tod", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286044

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