"Gesänge" von Gottfried Benn. Eine strukturale Analyse und Interpretation


Dossier / Travail, 2010
13 Pages, Note: 1,0
Anonyme

Extrait

Inhaltsverzeichnis

1. Grundbegriffe und Denkweisen der Strukturalen Semantik

2. Analyse
2.1. Formale und phonologische Ebene
2.2. Grammatisch-syntaktische Ebene
2.3. Semantische Ebene

3. Historisch-rekonstruierende Bezüge
3.1. Die Epoche des Expressionismus
3.2. Benn - seine Biographie und Ansichten

4. Merkmale der Lyrik von Benn

5. Interpretationshypothese

6. Literaturhinweise .

1. Grundbegriffe und Denkweisen der Strukturalen Semantik

Bei der folgenden Ausarbeitung handelt es sich um eine strukturale und semantische Analyse des Gedichtes „Gesänge“ von Gottfried Benn aus dem Jahr 1913 und einer anschließenden Interpretation. Als Voraussetzung für das Verständnis der Ausarbeitung werden zunächst die Grundbegriffe und Methoden der Strukturellen Semantik erläutert.

Die Strukturale Semantik, deren Begründer Ferdinand de Saussure (1857- 1913) war, versucht Sprache so exakt wie möglich als ein in Strukturen geordnetes Zeichensystem zu beschreiben (Graefen, 2008: 43). An Hand von Oppositionen werden Relationen dargestellt und Begriffe semantisch voneinander abgegrenzt. Grundlage hierfür bildet die Hypothese von A.J. Greimas, dass die Bedeutung eines Begriffes nicht isoliert wahrnehmbar ist, sondern erst in Differenz zu anderen Zeichenkomplexen zur Geltung kommt (Schulte-Sasse, Werner,1994: 64). Dabei sind die Seme, die minimalen Bedeutungseinheiten, distinktiv für die Abgrenzung zweier Lexeme. Ein Beispiel dafür bildet die Beziehung der Bedeutung zwischen den Relata „Mann“ und „Frau“. Diese beiden Sememe verbinden die Konjunktionen [menschlich] und [erwachsen]. Hingegen unterscheiden sich die minimalen Bedeutungsaspekte in der Disjunktion [männlich] versus [weiblich] (Schulte-Sasse, Werner, 1994: 64). Diese Analyse verdeutlicht die Beziehung zwischen dem Signifikaten und seiner Bedeutung. Je nach Kontext werden Lexeme aus dem Wortfeld segmentiert und anschließend nach Funktion klassifiziert. So kann zum Beispiel das Lexem „Junge“ im Gegensatz zu „Mädchen“ stehen oder disjunktiv zu einem ausgewachsenen Tier.

Dominierende Seme, die im Kontext durch Rekurrenz hervorgehoben werden, werden als Klassem definiert. Diese kontextuellen Seme, ermittelt durch das Sem-Such-Verfahren, sind Bedingung für die homogene Bedeutungsebene eines Textes. Diese sogenannte Isotopie ermöglicht die Existenz eines umgangssprachlich „roten Fadens“. Eine Isotopie ist dementsprechend ausschließlich textimmanent. Es gibt aber auch den Fall der komplexen Isotopie, bei der spezifische Lexeme auf zwei oder mehrere Isotopieebenen transportiert werden können, so dass verschiedene Lesarten entstehen (Schulte-Sasse, Werner, 1994: 68- 74).

In dem zu analysierenden Gedicht „Gesänge“ von Gottfried Benn existiert eine komplexe Isotopie, die dazu dient, die Dichtung zu einem „unerschöpfbaren Ganzen“ heraufzusetzen (Schulte-Sasse, Werner 1994: 77). Diese paraphrasierenden Bedeutungsebenen sind Gegenstand der folgenden Analyse des Gedichts „Gesänge“. An Hand des von Greimas entwickelten „Sem-Such“-Verfahrens werden verschiedene Isotopien ausfindig gemacht. Um die wissenschaftliche Arbeit zu intensivieren, werden diese Bedeutungsebenen anschließend nach Untersuchung des „Kulturellen Rasters“ interpretiert.

2. Analyse

Dieses Gedicht, das 1913 in Gottfried Benns zweiter Gedichtsammlung „Söhne. Neue Gedichte“ erschien, wirkt bei der ersten Lektüre auf Grund der Periphrasen schwer verständlich und der „tiefere Sinn“ wird nicht annähernd erfasst. Das Gedicht thematisiert naturbelassene Landschaften und Lebewesen. Das Lyrische Ich sehnt sich in einen ursprünglichen biologischen Zustand zurück. Allerdings hebt sich die dritte Strophe inhaltlich ab. Die Stimme kritisiert „Liebende“ und „Spötter“, die an eine Gottheit denken. Auf der emotionalen Ebene hinterlässt das Gedicht ein beklemmendes Gefühl. Besonders der letze Satz „Ewig ruft das Meer“ (V.16) „schwingt in einem nach“ und regt zum Nachdenken über den Sinn des Gedichts an.

2.1. Formale und phonologische Ebene:

Das Gedicht besteht aus vier Strophen à vier Versen nach dem Muster des Kreuzreims. Die Länge der Verse variiert frei. Das Werk ist zweigeteilt, zwischen der zweiten und dritten Strophe signalisiert die Zahl „Zwei“ optisch einen Bruch. Auffällig ist, dass das Gedicht nicht mit einem Punkt, sondern einem Gedankenstrich endet.

Die Verse in reinen Reimen enden im regemäßigen Wechsel mit männlichen und weiblichen Kadenzen, beginnend mit der weiblichen. Die Metrik weist gewisse Regelmäßigkeiten auf. Jeder Vers ist mit fünf Hebungen gefüllt, nur die dritte Strophe verkürzt sich auf vier Hebungen. Es treten einige Endecasillabi (V.1-2; 12-15) und Verse communs (V.3,5) auf. Charakteristisch für den Vers commun ist die Asymmetrie in den beiden Vershälften durch die Zäsur nach der zweiten Hebung. Der Endecasillabo (Elf-Silber) ist die italienische Entsprechung des Vers commun, nur wesentlich flexibler. Im Expressionismus erlebt der Endecasillabo eine Renaissance (Burdorf, 1997: 88). Trochäische und jambische Verse treten im Wechsel auf, so dass ein akzentuierendes Versprinzip besteht. Es gibt aber auch diverse Abweichungen von diesem Metrum. Die Verse beginnen teils mit mehr-hebigen Auftakten und es tauchen einige Daktylen, Anapäste und Zäsuren (V.3-5; 9-11; 16) auf.

Viele Vokale in dem Gedicht sind breitgedehnt („Gesänge“; „Moor“; „Gebären“

„Dünenhügel“; „Meer“…). Davon unterscheidet sich die dritte Strophe mit kurzen, schroffen Reimvokalen („Spötter“; „dennoch“…).

2.2. Grammatisch-syntaktische Ebene:

Ein prägnantes überdurchschnittlich häufiges Vorkommen von Nominalisierungen und Adjektiven bestimmt das lyrische Werk Benns. Mit Ausnahme der dritten Strophe und dem ersten und letzten Vers, besteht das Gedicht ausschließlich aus Nominalphrasen.

Die Satzverknüpfungen sind hypotaktisch. Abgesehen von den ersten beiden Versen und dem letzten, die das Gedicht umrahmen, bilden jeweils zwei Verse ein Enjambement. Während die meisten Verse mit Substantiven beginnen, wird die dritte Strophe mit dem Adverb „verächtlich“ eröffnet (V.9). Ebenfalls unterscheidet sich der letzte Vers durch eine Inversion von den anderen Versen, die das Substantiv „Meer“ betont (V.16).

In dem Gedicht „Gesänge“ bricht Benn mit der klassischen Satzstruktur. „Die Sterne schneeballblütengroß und schwer.“ (V.14). Dieser prädikatlose Satz ist grammatisch streng genommen nicht vollständig, sondern bloß eine Äußerung.

Es gilt die rhetorischen Stilmittel und Tropen herauszufiltern:

Das Gedicht der Gedankenlyrik beginnt mit einer Exclamatio, die den Leser sogleich in die Gedankengänge des Autors mit hinein nimmt. Die antithetische Aussage „Leben und Tod“ (V.3) wird durch die Parallelität zu der nachfolgenden Gegenüberstellung noch stärker betont. Auffällig sind die paradoxen Neologismen, wie „schneeballblütengroß“ (V.14) oder „Wälderträume“ (V.13), die auch als sogenannte Katachrese, dem Bildbruch mit Metaphern, interpretiert werden könnten. Auch Oxymorone, wie „stumme Säfte“ (V.4) oder „durchseuchte Götter“ (V.11) sprengen den Wortschatz und Verstand des Lesers. In der dritten Strophe wird eine perojative Antiklimax dargestellt („Liebende“; „Spötter“; „wer hofft“). Die Neologismen und synästhetischen Oxymorone wirken beim Leser hyperbisch und paradox.

Das Meer, das im letzten Vers personifiziert wird, steht als Metapher für Weite und das Mystische, dazu mehr in der Interpretation auf Seite 5. Die Lexeme „Ururahnen“ (V.1) und Götter (V.11) gehören zu dem Stilmittel der Allegorie. Bei Allegorien ist die Beziehung zwischen Bild und Bedeutung willkürlich gewählt, sodass bewusst zur Reflexion des Lesers angeregt wird.

2.3. Semantische Ebene:

Die semantische Ebene des Gedichts bedarf einer besonders sensiblen Betrachtung, da sie sich als äußert vielschichtig herausstellt. Viele Lexeme in dem Gedicht tragen neben denotativen lexikalischen Bedeutungen auch Konnotationen und Assoziationen, so dass wir Äquivalenzklassen beschreiben können. Die in der Einführung der Strukturellen Semantik beschriebenen Isotopien sollen nun auf das Gedicht „Gesänge“ angewendet und auf die syntagmatische Ebene des Textes projiziert werden. Auf den ersten Blick verweisen die Lexeme klar auf die Isotopie der Natur („Moor“, „Meer“, „Ufer“, „Dünenhügel“.)

Allerdings fällt auf, dass einige Lexeme in dem Gedicht eine sexuelle Konnotation hervorrufen (siehe 1. Tabelle im Anhang). Die Bedeutung dieser Thematik in Benns Lyrik wird in den historisch-rekonstruierenden Bezügen erläutert (S. 6).

Ein weiterer Aspekt ist das Beleuchten der unterschiedlichen beschriebenen Lebensräume in dem Gedicht („Bucht“; „Meer“; „Wald“; „Moor“). Das mystisch wirkende Gedicht motiviert nach längerem Betrachten zu einer weiteren möglichen Isotopie, die sich an der Schöpfungsgeschichte aus dem ersten Buch Mose orientiert (siehe 2. Tabelle im Anhang).

Diese beiden thematisch sehr unterschiedlichen, bis oppositionären Tabellen zeigen das Phänomen der komplexen Isotopie auf. Ein Gedicht kann mit verschiedenen Lesarten gelesen werden. Bei den Tabellen der Isotopie wurde die dritte Strophe nicht berücksichtigt, da sie thematisch auf keine der beiden Isotopien bezogen werden kann.

[...]

Fin de l'extrait de 13 pages

Résumé des informations

Titre
"Gesänge" von Gottfried Benn. Eine strukturale Analyse und Interpretation
Université
University of Hamburg  (Institut für Germanistik 1)
Cours
Einführung in das Studium der Neueren deutschen Literatur“
Note
1,0
Année
2010
Pages
13
N° de catalogue
V286263
ISBN (ebook)
9783668282629
ISBN (Livre)
9783668282636
Taille d'un fichier
393 KB
Langue
Allemand
mots-clé
Gottfried Benn, Benn, Gesänge, Gedicht, Gedichtsinterpretation, Gedichtsanalyse, Sem, Sem-Such-Verfahren, Isotopie, Expressionismus, Lyrik
Citation du texte
Anonyme, 2010, "Gesänge" von Gottfried Benn. Eine strukturale Analyse und Interpretation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286263

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