Wissen ist Macht. Erkenntnistheoretische Spielarten eines Prinzips


Masterarbeit, 2014

82 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundgedanken zu Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit
2.1. Fundamente der klassischen Wissenschaft
2.1.1. Über wissenschaftliches Wissen
2.2. Über technowissenschaftliches Wissen und den Kontext von Konstruktivismus und Realismus

3. Creating Understanding – Eine epistemische Verlagerung
3.1. Thomas von Aquin – Über göttliches Wissen
3.1.1. Leben und Werk des Aquinaten (1225-1274)
3.1.2. Über Thomas´ Verhältnis zu Philosophie und Theologie
3.1.2.1. Einblicke in seine Schrift De veritate
3.1.3. Die Offenbarungswahrheit als Erkenntnisgegenstand
3.2. Francis Bacon – Wissen ist Macht
3.2.1. Leben und Wer des Francis Bacon (1561-1626)
3.2.1.1. Die große Erneuerung – Das Novum Organum
3.2.2. Die Theorie des Erkennens
3.2.2.1. Methode und Wissensgenese
3.2.2.2. Wissen und Macht
3.3. Giambattista Vico – Das verum-factum-Prinzip
3.3.1. Leben und Werk des Giambattista Vico (1668-1744)
3.3.1.1. Kurzer Einblick in Vicos Rezeptionsgeschichte
3.3.2. Grundpfeiler der vichianischen Philosophie
3.3.2.1. Das verum-factum-Theorem

4. Erkenntnistheoretische Spielarten eines Prinzips - Eine kritische Reflexion
4.1. Über Realkonstruktivismus und Werkwahrheit
4.2. Bacons Methode der Forschung – Ein abschließender kritischer (Aus-)Blick

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Es kommt oft anders als man denkt“, besagt die altbekannte Volksweisheit. Wie so oft bei Sprichwörtern ist die Interpretation dieser recht vieldeutig. Man kann sie als Verweis auf den Zufall verstehen, der die Lebenspläne eines Menschen durchkreuzt, oder ihr aber auch eine Art religiöse Bedeutung abgewinnen und mit ihr die Ansicht verbinden, dass ein höheres Wesen das Lebensschicksal eines Menschen entgegen seiner eigenen Pläne vorherbestimmt. Es existiert jedoch noch eine weitere Auslegungsvariante für das Sprichwort, in denen Menschen durch ihr eigenes Handeln selbst dafür sorgen, dass es für sie anders kommt als sie denken. Das ist genau dann der Fall, wenn die Ergebnisse ihres Tuns sich von den eigentlichen Plänen unterscheiden, die dem Handeln vorausgingen. Doch gerade diese Diskrepanz zwischen den subjektiven Handlungsmotiven und objektiven Handlungsergebnissen eröffnen immense erkenntnistheoretische Chancen, die auch innerhalb der Philosophie zu großer Bedeutung gelangt sind. Die oben genannte Alltagsweisheit „Es kommt oft anders als man denkt“ entwickelte sich zu einer philosophischen Leitmaxime, wo sich das philosophische Nachdenken über Mensch und Welt hin zu öffnen begann.1

Aus dieser Volksweisheit lässt sich ein ganz bestimmtes Motiv oder eine Denkfigur ableiten, die der amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman (1918-1988) seinerzeit wie folgt ausdrückte: „What I cannot create, I do not understand.“2 Dieses Diktum, das ein ganzes philosophisches Projekt rahmt, und das heute, im Kontext der synthetischen Biologie in neuem Glanz erscheint, geht auf Namen wie Thomas von Aquin, Francis Bacon, Giambattista Vico oder auch Jaques Loeb zurück. Die Frage, die ich in Anlehnung daran stellen möchte ist, was es nun rein faktisch mit dem „Herstellen“ (create) und dem „Verstehen“3 (understand) im dargebotenen wissenschaftsphilosophischen Kontext auf sich hat. Offenkundig ist, dass es hier zum einen um eine ganz spezifische Art von Wissen geht und zum anderen um das Verstehen oder Erkennen was selbst entworfen oder erschaffen wurde. Streng methodologisch betrachtet akzentuiert das Postulat eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung etwas zu verstehen. Dazu führe ich fort:

„No matter how good our scientific models or our explanatory and predictive theories are, these are not sufficient for „understanding“ as long as another condition has not been fulfilled. This necessary condition is the requirement that with the help of these models or theories, one can create in one´s mind or in the laboratory the process or phenomenon in question.“4

Für viele Wissenschaftsphilosophen birgt obige Formulierung eine ganze Reihe von Problemen, wobei eines dennoch klar ist: In Anlehnung an Feynman stellt die Möglichkeit etwas zu erschaffen oder zu konstruieren so etwas wie die wissenschaftliche „Gipfelleistung“ dar, das letzte Stück Beweis, welches all die vorangegangenen Überlegungen absichert und damit unsere Modelle und Theorien untermauert. Feynmans Postulat steht für eine Tradition von Wissenschaftlichkeit, bei der die Auffassung von Verstehen zuvorderst auf jene intellektuelle Leistung zielt, welche sich auf ein aneignendes Begreifen, durchaus auch mittels Theorien und Modellen, bezieht.5 Für mein Vorhaben ist es jedoch unerlässlich, Feynmans Kredo in einer abgeleiteten Form zu reformulieren, die sich ebenso und gerade die Synthetische Biologie zu Eigen gemacht hat:

The ability to create or recreate biological entities or structures proves that we know enough to do just that, and the more dexerity we aquire the better we understand what makes these entities or structures work – even if what is known explicitly is only fragmentary and if it is complemented by much tacit and procedural knowledge, including technical know-how.6

Unbeirrt von Feynmans Intension und Konstruktion seines Satzes „What I cannot create, I do not understand“ fasst seine Umschreibung ebenso die umgekehrte Lesart, nämlich „What I can create, I do understand.“ Die Fähigkeit zu entwerfen oder zu erschaffen erscheint hier nunmehr rein als hinreichende Bedingung für das Begreifen, vorausgesetzt jenes Begreifen mündet in eine Erklärung oder Prognose und leitet sich von einer unmittelbaren Beziehung von Machen und Erkennen ab. Mit Sicherheit erscheint es erst einmal leicht die zweite Umschreibung abzulehnen, weil sie nicht mehr mit Feynman in Einklang zu bringen ist, und von Anfang an als unglaubwürdig oder gar als unvereinbar mit der Tradition und dem Nutzen von Wissenschaftlichkeit steht.7 Doch der philosophische Blick, expliziert am Beispiel der Synthetischen Biologie, darf diese zweite Konnotation nicht so einfach ablehnen, sondern muss nachvollziehbar darlegen, warum es sogar glaubwürdig erscheint diesen aufrecht zu erhalten. Daraus leiten sich einige basale Fragestellungen ab:

What ist the „image of technoscience“ that underwrites such an apparently „unscientific“ conception of achieving understanding through making? What kind of learning takes place and what kind of knowledgs is achieved if one sumits a program where one „cannot help but gain understanding“ as one persues a technical goal.“8

So darf man zweifelsohne behaupten, dass das vertrautere und weniger problematische Diktum von Richard Feynman, welches das Begreifen als eine notwendige Bedingung postuliert diejenige Nutzbarkeit und jenen Geltungsbereich idealisiert, der hauptsächlich auf wissenschaftlichen Erklärungen und Theorien beruht. Gleichzeitig müssen wir jedoch anerkennen, dass es uns gerade die zweite etwas problematischere Darlegung von Bergreifen erst ermöglicht, erfolgreiche Design-Strategien gemäß dem Bild der Feinmechanik entwerfen zu können, in deren Sinne sich sodann unsere Systeme mit ihren inhärenten „Black-boxes“ allmählich zusammensetzen lassen.9

Folgt man nun dieser Spur von Wissenschaftlichkeit bzw. erhöht deren Eingriffstiefe, so stellt sich unmittelbar die Frage, gegen welche Tradition sich dieser Ansatz eigentlich genau richtet. Aus Feynmans Kredo bzw. der reformulierten Konnotation „What I can create, I do understand“ lassen sich zwei Bedeutungen bzw. zwei Thesen ableiten: Die erste These verweist auf die sogenannte „Klassische Wissenschaft“ oder die „klassische Wissenschaftstheorie“. Diese beschäftigt sich mit der Grundlegung der wissenschaftlichen Erkenntnis, und insbesondere mit Fragen ihrer Methodologie. So kann man sagen, dass die klassische Wissenschaft auf Tatsachen basiert, und dass Tatsachen Vermutungen über die Welt darstellen, die über einen vorurteilsfreien Einsatz der Sinne belegt werden können. Wird nun die Beobachtung der Welt sorgfältig und vorurteilsfrei vorgenommen, dann bilden die identifizierten Tatsachen eine sichere und objektive Basis von Wissenschaft. Werden überdies Schlussfolgerungen angemessen gezogen, die von diesen Tatsachen zu Gesetzten und Theorien führen, so wird damit wissenschaftliche Erkenntnis konstituiert, und das resultierende Wissen kann als evident und objektiv angesehen werden.10 Die zweite These zielt nun auf einen anderen „Wissenstpy“11, der etwas herausfordernd formuliert, einzig das (Erschaffen)Können selbst als Wissen expliziert. Diese Art des Wissens beginnt nicht zwingend mit einer Problemstellung oder Hypothese, die dann i.d.R. qua Experiment abgesichert oder verworfen wird, so wie die klassische Wissenschaft es fordert, sondern das Erkenntnisinteresse besteht vor allem in der Bemächtigung und im Nachweis von fundamental erworbenen Fertigkeiten. Dabei kann es sich beispielsweise um basale Fertigkeiten der Visualisierung, des Messens, des Simulierens oder des Modellierens, aber ebenso auch des Eingriffs und der Phänomenenbeherrschung handeln.12 Dieser zweite Wissenstyps koppelt nunmehr Können13 und Wissen unmittelbar, d.h. in dem Moment, in dem ich etwas bewerkstelligt habe, weiße ich das zugehörige Wissen gleichermaßen aus. Alfred Nordmann fasst diese Art des Erkenntnisgewinns, der schließlich das zugehörige „Fertigkeits- oder Werkwissen“ konstituiert, allgemein unter den Begriff der „Technowissenschaften“14 bzw. des „technowissenschaftlichen Wissens“15.

Jener zweite Wissenstyp bzw. seine spezifische Weise der Wissensproduktion, die sich gerade dadurch manifestiert, dass etwas ‚bewirkt’ oder gar eine Wirkung erzeugt wird, präsentierte sich bereits schon sehr viel früher bei einigen bekannten philosophischen Größen. Dazu zählen Persönlichkeiten wie Thomas von Aquin, Francis Bacon oder auch Giambattista Vico. All jene folgten erkenntnistheoretisch nicht primär der klassischen Wissenschaftsauffassung, d.h. sie setzten nicht zwingend ein Problem, oder ein Puzzle an den Anfang ihrer Episteme, die es dann empirisch zu überprüfen galt, nein, diese Akteure folgten obiger Reformulierung Feynmans, die weniger auf Hypothesen und Theorien als Erklärung setzt, sondern das Herstellen bzw. das Konstruieren können zum Erkenntnisgegenstand ihrer Wissenschaft erklärt. Während das Herstellen im Sinne von Messen und Überprüfen als notwendige Bedingung für gutes Wissen der klassischen Wissenschaftstheorie angehaftet bleibt, spielt diese Auslegung von Wissenschaft im zweiten Ansatz keine bzw. eine andere Rolle.

Meine folgenden Betrachtungen werden sich ausnehmend auf den zweiten Wissenstpy sowie deren Protagonisten Thomas von Aquin, Francis Bacon und Giambattista Vico beziehen. Dabei gilt es primär deren Anspruch und Geltung von Wissenschaftlichkeit freizulegen und gleichzeitig zu prüfen ob und inwieweit die Entitäten und Prozesse der klassischen Wissenschaftsauffassung dabei eine Rolle spielen. In einem zweiten Schritt werde ich die unterschiedlichen Auslegungen, Argumentationslinien, aber auch Kontroversen der genannten Vertreter im aufgeworfenen Kontextes herausarbeiten und im Schlussteil etwaige Kontinuitäten und Diskontinuitäten aufzeigen. Ferner möchte ich abschließend einem Blick auf die heutige hoch aktuelle Thematik der Synthetischen Biologie werfen, deren Wurzeln auf jenes Wissen rekurrieren mittels dessen ich etwas ‚bewirken’ kann.

Einleiten möchte ich meine Arbeit dennoch mit einem kurzen Abriss zu den Kerngedanken der klassischen Wissenschaftstheorie, sowie die epistemologische Abgrenzung von Wissen, dass unmittelbar anwendungsbezogen16 entsteht. Dies erscheint mir deshalb sinnvoll, da ich meine Untersuchungen gemäß der oben erörterter Aufgabenstellung verschiedentlich mit dem Erkenntnisanspruch, der Methodik, sowie der Systematizität der klassischen Wissenschaftsauffassung konfrontieren werde, aber auch um den Kontrast der beiden Ansätze hinsichtlich des Erkenntnisgewinns und der Wissensproduktion zu demonstrieren.

2. Grundgedanken zu Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit

2.1. Fundamente der klassischen Wissenschaft

Wie bereits in der Einleitung angedeutet besagen populäre Wissenschaftskonzeptionen, dass „Wissenschaft aus Tatsachen gewonnen“17 wird. Im Kontext der klassischen Wissenschaftstheorie steht als Ausgangspunkt immer ein Problem, eine Anomalie oder eine Wissenslücke.18 Daraus werden folgend eine oder mehrere Hypothesen abgeleitet, die die aufgeworfene Fragestellung beantworten sollen oder zumindest einen Beitrag zu ihrer Beantwortung bewerkstelligen. Nach diesem Schritt geht es darum, mittels Laborexperimente oder Feldbeobachtung neue Evidenz zu gewinnen, indem die aufgeworfene(n) Hypothese(n) empirisch überprüft und im Idealfall gesichert werden. Es handelt sich in dieser Konstellation um sogenanntes „epistemisches Wissen“19, das idealerweise verifiziert wird, und damit erst einmal als wahre Tatsache postuliert werden kann. Die Hypothese konstituiert dabei eine Art „Glaubenssatz“20, der zum Gegenstand einer Überzeugung wird. Dieser sprachlichen Überzeugung, die sich in Form eines Behauptungssatzes offenbart, wird Wahrheitsfähigkeit zugeschrieben, d.h. die Überzeugung wird für wahr oder falsch bzw. für mehr oder weniger plausibel gehalten.21

Diese Aussagen, Tatsachen oder Überzeugungen bilden das Fundament jener bekannten Sichtweise, die in einer Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen dokumentiert sind. Den Erkenntnisanspruch „Wissenschaft ist eine auf Tatsachen aufgebaute Struktur“22, vertritt auch J.J. Davis (1968) in seiner Monografie „On the Scientific Method“. Herbert D. Anthony fügt dem Komplex darüberhinaus folgendes hinzu:

„Es waren weniger seine Beobachtungen und Experimente, die Galilei mit der Tradition brechen ließen, als vielmehr seine Einstellung ihnen gegenüber. Er behandelte die Ergebnisse seiner Beobachtungen und Experimente als Tatsachen, die unabhängig von einem vorgefassten Weltbild waren [...] Die Tatsachen, ließen sich nicht unbedingt in ein anerkanntes System des Universums einordnen, aber Galilei war der Meinung, dass es von entscheidender Wichtigkeit sei, die Tatsachen hinzunehmen, um dann aus ihnen eine geeignete Theorie aufbauen zu können.“23

Mit diesem Zitat gibt Anthony nicht nur eine recht konkrete Beschreibung der Sichtweise, dass wissenschaftliche Erkenntnis auf Tatsachen bzw. Überzeugungen basiert, die es mittels Beobachtung und Experiment zu verifizieren oder auch zu falsifizieren gilt, sondern er stellt ebenso einen historischen Bezug her. Es wird allgemein als historisches Faktum betrachtet, dass die moderne Wissenschaft im frühen 17. Jahrhundert entstanden ist, als man begann, Beobachtungstatsachen als ernstzunehmende Basis von Erkenntnis zu deklarieren.24 So wird deutlich, dass das, was die moderne Wissenschaft konstituiert, sowie die Wege ihrer Entstehung und Entwicklung auf eine lange Geschichte verweisen.

2.1.1. Über wissenschaftliches Wissen

Die Wissenschaften zeichnen sich nun allgemein gesprochen dadurch aus, dass sie auf viel systematischere Weise die Fehlbarkeit von Wissensansprüchen berücksichtigen, da sie bis heute viele Methoden der systematischen Irrtumseliminationen entwickelt haben. In der Folge wurde eigens die Definition, dass Wissen eine wahre Überzeugung oder eine wahre Meinung darlegt, für ie der Wissende stets gute Gründe angibt, manifestiert. Die theoretische Auffassung von Wissenschaft besteht, wie bereits skizziert, in einem wahren Glauben und Meinen bezogen auf Hypothesen und Theorien. Festhalten möchte ich an dieser Stelle gleichwohl, dass es bei der Produktion von wissenschaftlichem Wissen dauerhaft um die Gewinnung wahrer Überzeugungen geht, die bestenfalls notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für gutes und solides Wissen angeben. Jegliche Aussagen, Schlüsse, Meinungen, etc. bedürfen darüberhinaus einer Rechtfertigung, um letztendlich als wissenschaftliches Wissen gelten zu können.25 Dass eine Aussage oder Tatsache mit der Realität tatsächlich übereinzustimmen scheint, ist dafür nicht hinreichend, es bedarf zusätzlich einer „systematischen Darstellung, empirischen Evidenz oder theoretischen Erklärung“26, aus der sich ableiten lässt, dass es sich bei der Aussage um eine wahre Aussage handelt.27 All das präzisiert Alfred Nordmann, im Rahmen seiner Abhandlung „Was wissen die Technowissenschaften?“ wie folgt:

„So dient das öffentliche Verfahren einer Hypothesenbildung dazu, den Glauben an eine Hypothese zu stärken oder zu schwächen, sie dient der graduellen Fixierung einer wahren Überzeugung. [...] Wissenschaftliches Wissen ist ganz den öffentlichen Rechtfertigungsprozessen verpflichtet und die Fixierung der Überzeugungen kann sich nur im Rahmen eines im Prinzip unendlichen Aufklärungsprojekts aus diesen Rechtfertigungsprozessen ergeben.“28

Wissenschaftliches Wissen ist interessanterweise in höherem Grad mit anderen wissenschaftlichen Wissensbeständen vernetzt als andere Wissensarten, und steht demnach in einem stärker ausgeprägten systematischen Zusammenhang. Explizit dieser Eigenschaft von wissenschaftlichen Wissen bedarf es zur Abgrenzung von demjenigen Wissen, das unmittelbar anwendungsbezogen entsteht wie beispielsweise das Wissen in der ingenieurwissenschaftlichen Forschung.29 Folgen wir diesem Pfad, so führt er uns geradewegs zur jenem zweiten Wissenstyp bzw. der Lesart meiner Kernthese, die das Herstellen können selbst und unbedingt als Wissen deklariert. Sprechen wir dagegen von Herstellen können im Kontext der klassischen Wissenschaft, so meinen wir damit, dass etwas im Labor hergestellt wird, z.B. im Sinne einer Versuchsanordnung, eines Experiments zwecks Überprüfung von Hypothesen oder Theorien, um letztendlich zu erfahren, ob meine Meinung nun wahr oder falsch ist.

2.2. Über technowissenschaftliches Wissen und den Kontext von Konstruktivismus und Realismus

Erkenntnis ist schon immer durch eine inhärente Politizität geprägt – das besagt bereits die Frankfurter Schule.30 Doch das Feld der Erkenntnistheorien blieb davon interessanterweise bis heute recht unberührt. Unsere gegenwärtigen Erkenntnistheorien zeichnen sich nach wie vor als „rein und fein, wertfrei und wahrheitsorientiert“31 aus:

„Diese analytisch wohlfeile Reduktion auf Kognitives und Kontemplatives war seit Beginn der Moderne, […], kaum mehr als eine wirkmächtige Selbststilisierung. Sie diente der Abkopplung von der Gesellschaft, der Immunisierung vor Kritik, mithin der Mythologisierung von Wissenschaft.“32

Schließlich, um mit Latour anzuknüpfen, hat „der Geist das Gefäß“ und „das Gehirn den Tank“33 längst verlassen, um sich in der „realkonstruierten Welt da draußen“34 anzusiedeln. Das reicht von der Druckmaschine bis zum Computer, vom Schießpulver über das Nanobot bis hin zur Synthetischen Biologie. All dies fasst eine Weise von Wissen bzw. Erkenntnis, das ich bereits im Kontext der zweiten Auslegung meiner Kernthese anklingen ließ, und führt uns hin zu jenem konstruktions- wie auch produktionstechnischen Wissen, bei dem i.d.R. naturwissenschaftliche Erkenntnisse anwendungsorientiert erforscht und praktiziert werden. Jan C. Schmidt expliziert derartige wissenschaftlich-technische Konstruktionen sehr herausfordernd als „materielle Manifestationen des Menschen, reale Mächte des Gemachten.“35

Das Erkenntnisinteresse solcher „Realkonstruktionen“36 besteht demnach in der Bemächtigung und im Nachweis grundlegender Fertigkeiten. Für diesen Wissenstpy wird geltend gemacht, dass er das Ziel des Naturverstehens zugunsten der Fähigkeit zur Intervention in den Naturverlauf preisgibt. Dabei steht nun nicht mehr die Repräsentation des Naturgeschehens im Fokus, sondern dessen Kontrolle. Es geht dabei nicht mehr primär um die Untersuchung von Hypothesen, sondern um die konsequente Aneignung von Fertigkeiten.37 Diese wissenschaftlich-technischen Konstruktionen prägen heute unsere Realität, so Schmidt:

„Realkonstruktionen – vom Menschen konstruierte Realitäten – breiten sich seit Jahrhunderten aus und ziehen sich heute medial durch die Gesellschaft. In neuerer Zeit gesellen sich Hybride, Quasi-Objekte und nichtmenschliche Mischwesen hinzu: Reagenzglasembryonen, geklonte Schafe, sich selbst reproduzierende Nonobots.“38

Gleichwohl hat die Wissenschafts-und Technikforschung ähnliche schwerüberschaubare Situationen in den letzten 25 Jahren sehr detailliert erfasst. Doch im Lichte der modernen klassischen Erkenntnistheorien bleiben derartig hergestellt bzw. konstruierte Dinge größtenteils unsichtbar, ihre Sachlage ist ungeklärt.39 Obgleich es inzwischen auf der Bühne der Epistemologie des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts dennoch zu signifikanten Umbesetzungen gekommen ist, die bis dahin weitestgehend zu einer Existenz jenseits zentraler Debatten und Betrachtungen verurteilt waren, so haben diese Realitäten nun doch recht unregelmäßige kurze Gastauftritte, die jedoch meistes in einem Eklat mit der klassischen Wissenschaftsauffassung enden. Doch sind es gerade jene Mittler-, Überschreitungs- und Hybridgestalten, die die klassische abendländische binär organisierte Episteme unterlaufen und Wissen neu schreiben.40

Wissenschaftsphilosophen, um an das oben Gesagte anzuschließen, so Ian Hacking, reden zielsicher von „Theorien und Darstellungen der Realität, doch über Experimente, technische Verfahren oder den Gebrauch des Wissens zur Veränderung der Welt sagen sie so gut wie gar nichts.“41 Erkenntnis äußert sich seit der Antike als rein theoretische Erkenntnis, also als bloßes Schauen und begriffliches Folgern.42 In diesem erkenntnistheoretischen Sinne sind wir „nie modern gewesen“ postuliert auch Bruno Latour.43 An anderer Stelle skizziert Jan Schmidt die beschriebene Situation wie folgt:

„So fokussieren Kritischer Rationalismus wie Logischer Empirismus und […] Pragmatismus auf Sprache und Logik, auf Aussagen und Theorien. Wenn überhaupt, besaß das Technische eine dienende Widerlegungs- oder Bestätigungsfunktion von Theorien; und Mittel wurden meist marginalisiert. Auch Positionen, die nicht allein auf Wissen, sondern Wirklichkeit in den Blick zu nehmen beanspruchen wie der wissenschaftliche oder stärker der „ontologische“ Realismus, bleiben kognitiv-kontemplativ.[…].“44

Die Quintessenz, die Hacking in ähnlicher Weise andeutet, weißt eine recht nüchterne Bilanzierung aus, und zwar dahingehend, dass all das die erschaffenen „Realkonstruktionen“45 erkenntnistheoretisch nicht erreicht.46

So schätzten die Aristoteliker die Bedeutung des Experiments gering ein und bevorzugten das deduktive Schließen aus ersten Prinzipien. Doch durch die wissenschaftliche Revolution des siebzehnten Jahrhunderts änderte sich alles plötzlich fundamental. Das Experiment47 wurde nun der offizielle „Königsweg“48 zur Erkenntnis, während die Scholastiker verspottet wurden, weil sie sich weiterhin auf theoretische Weisheiten verließen, anstatt ihre Umwelt zu beobachten. Der revolutionäre Kopf dieser Zeit war kein geringerer als Francis Bacon (1561-1626). Gemäß Bacons Doktrin, die ich im Fortgang der Arbeit noch ausführlich behandeln werde, reicht es nicht aus, die Natur in möglichst unbeeinflusstem Zustand nur zu beobachten, sondern der Mensch muss auf diese direkt und schonungslos einwirken, um ihre Geheimnisse zu entbergen.49

An dieser Stelle muss ich zum Anbeginn meiner Ausführungen zurückkehren und Feynmans reformulierte These hier dezidiert platzieren, die einerseits in den aufgeworfenen wissenschaftlich-technischen Rahmen eingepasst werden kann und muss, andererseits aber noch genügend Spielraum offeriert, Erkenntnisse und Wissen zwar nach dargelegter Manier, jedoch zugleich jenseits der klassischen Natur- und Technikforschung zuzulassen und zu postulieren:

„What I can create, I do understand.“50

Dieses philosophische Denkmotiv finden wir bereits mehr oder weniger präzise bei Francis Bacon. Für all das, was heute im Zuge aktueller technowissenschaftlicher Forschung hergestellt, gebaut und gewusst wird, war Bacon eine Art ungewisser Bestimmer, der vieles präsentiert und thematisiert hat, was uns heute prägt.51 Aber auch andere epochale Wissenschaftsphilosophen, in deren Kreis ich gegenwärtig auch den Theologen und Philosophen Thomas von Aquin nebst Giambattista Vico und Jaques Loeb sehe, die alle im Rahmen dieses Projektes zu Wort kommen werden, sind in gewisser Weise, ähnlich wie Bacon, diesen Weg der Erkenntnis gegangen, aber, wie wir noch sehen werden, nicht mit dem hier explizierten technischen Duktus von Konstruktivismus und Realismus.

In jenem Erkenntniszusammenhang manifestiert sich Wissen und schließlich auch Wahrheit erst und gerade dadurch, dass der ‚Forscher’ etwas bewirkt im Sinne des Machens, Herstellens, Bauens oder Konstruierens. Anstatt in selbstbezüglichem Denken zu verharren, orientierte sich gerade Francis Bacon am Umgang mit der Wirklichkeit und vornehmlich an der technischen Praxis des Handwerks. Dadurch lässt er Werke an und mit der Natur entstehen52 in ähnlicher Art wie Feinmechaniker53 das tun. Die Besinnung auf das Hervorbringen in der Natur oder im Handwerk fasst ferner verschiedene Weisen des Wissens zusammen, die auch Martin Heidegger sehr eindringlich skizziert, und denen zugleich ein spezifischer ‚Wahrheitsbegriff’ inhärent ist:

„Wenn Wahrheit das ist, was nicht mehr verborgen, sondern entborgen ist, dann ist das tätige Herstellen keine wissenschaftlich erklärende, wohl aber eine andenkend die Welt in sich versammelnde Wahrheitssuche.“54

Dazu weiter:

Dagegen hat das handwerklich […] Her-vor-gebrachte [Werk], […], den Aufbruch des Her-vor-bringens nicht in ihm selbst, sondern in einem anderen […], im Handwerker und Künstler.“55

Die von der hervorbringenden Tätigkeit entborgene Wahrheit ist also nicht einzig Naturwahrheit, sondern die Wahrheit des „in-der-Welt-seienden Menschen, des Menschen als hervorbringendes Wesen.“56 D.h. all jene, die diesem Pfad von Wissenschaftlichkeit folgen betrachten ihren Gegenstand der Erkenntnis stets als einen konstruierten.

In den nun folgenden Kapiteln soll es darum gehen, die unterschiedlichen oder auch uniformen Positionen der von mir bereits benannten Protagonisten detaillierter zu untersuchen. Während die grundlegende philosophische Denkauffassung hinsichtlich der oben genannten These bei allen gleichwohl zu verorten ist, so gilt es dennoch herauszuarbeiten, welchen konkreten Erkenntnisbeitrag ein jeder zu diesem Gesamtprojekt zu leisten vermag.

3. Creating Understanding - Eine epistemische Verlagerung

In ähnlicher Weise wie heutzutage in der Synthetischen Biologie, bei der gezieltes gerichtetes „ingenieurmäßiges“ Arbeiten verlangt wird, um letztendlich Wissen über die Bauteile und ihr Verhalten im System zu generieren, so gab es in der Tat ähnliche Ausläufer und Ansätze bereits im Mittelalter. So hat sich neben Francis Bacon und Giambattista Vico bereits der Dominikaner, Philosoph und Theologe Thomas von Aquin in gewissem Sinne an der Prämisse

„Ich verstehe nur, was ich auch herstellen kann.“57

abgearbeitet, und zwar ganz konkret bezogen auf Gottes Schöpfung.

3.1. Thomas von Aquin – Über göttliches Wissen

3.1.1. Leben und Werk des Aquinaten (1225-1274)

Thomas von Aquin wurde mit großer Wahrscheinlichkeit zu Beginn des Jahres 1225 in der Nähe von Neapel als jüngster Sohn einer hochadligen Familie geboren. Bereits mit fünf Jahren brachten ihn seine Eltern zu den Benediktinern nach Monte Cassino, wo sein Onkel Abt war. Hier wurde Thomas im Geiste der großen monastischen Tradition erzogen, der es vornehmlich darum ging, das Erbe der Vergangenheit zu bewahren. Aufgrund politischer Streitigkeiten musste Thomas 1239 Monte Cassino verlassen und kam mit vierzehn Jahren nach Neapel, wo er an der kaiserlichen Universität zunächst mit dem Studium der Artes liberales begann. Im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen war es in Neapel möglich, ungehindert aller kirchlichen Verbote, Aristoteles zu studieren, und so wurde Thomas dort in dessen Philosophie eingeführt. Überdies lernte er gegenwärtig den etwas drei Jahrzehnte zuvor gegründeten Dominikanerorden kennen, in den er schließlich, gegen den Willen seiner Familie, 1244 eintrat. 1245 führte ihn sein weiterer akademischer Weg über Paris nach Köln, wo er 1248-52 bei Albertus Magnus seine Studien fortsetzte, jenem universellen Gelehrten des Mittelalters, dessen mächtigste Leistung in der Begründung eines „Christlichen Aristotelismus“58 zu verzeichnen ist. Auf Vorschlag seines Lehrers schickte ihn der Orden 1252 zurück nach Paris, wo er am Studienzentrum der Dominikaner seine Lehrtätigkeit aufnahm. Aus dieser Tätigkeit entstand sein erstes Hauptwerk, der Sentenzenkommentar. Damit erarbeitete sich Thomas die Voraussetzungen, als Magister der Theologie zugelassen zu werden, und ein Jahr später wurde er in Paris in die Körperschaft der Professoren aufgenommen. Thomas lehrte fortan in Paris, bis er 1259 nach Italien zurückkehrte, um dort an der päpstlichen Kurie sowie an verschiedenen italienischen Ordenshochschulen zu dozieren. Er kam noch einmal nach Paris, wurde jedoch 1272 nach Italien zurückgerufen, um in Neapel das „Studium generale“59 aufzubauen und dort zu lehren. Thomas von Aquin starb am 7. März 1274 auf dem Weg zum Konzil nach Lyon.60

Thomas stand inmitten der Wirren seines Jahrhunderts, die er teils mitverursacht hat, in jedem Fall hat er sie mitgetragen, und er war sich des geistigen Umbruchs stets bewusst, in dem sich seine Zeit befand. In jenem 13. Jahrhundert stellte sich eine Krise der christlichen Intelligenz dar, primär ausgelöst durch den Vorstoß des Islam nach Europa. Die arabische Welt dringt in die Philosophie und Wissenschaften ein, ebenso wie damals die antike Ratio mit Aristoteles. Die gesamte geistige Dynamik ist ebenso bestimmt durch den radikalen Evangelismus der Armutsbewegung, sowie dem Drängen zu einer rein natürlichen Erforschung der sinnlich wahrnehmbaren Realität.61 Thomas äußerer Lebensweg war zugegen durch jene Umstände gezeichnet, dennoch verlief sein inneres Leben mit einer eher einfachen und bruchlosen Identitätsgenese als Ordensmann und Wissenschaftler. Seine insgesamt vielseitigen Lehrtätigkeiten schlugen sich entsprechend in einem außerordentlich umfangreichen Werk nieder. Beginnend mit seiner Pariser Tätigkeit entstanden in regelmäßigen Abständen und in einem gleichzeitigen Nebeneinander der unterschiedlichen Gattungen „Kommentare, Summen, Opuscula, Quaestiones disputatae“62, und das bis exakt zum 6. Dezember des Jahres 1273. Nach diesem Datum hat Thomas nichts mehr geschrieben. Es gibt einige Spuren, gleichwohl bleibt die Lage insgesamt sehr offen, wie man jenes Ereignis deuten mag, und so ist sein Werk, bewusst oder unbewusst, ein Fragment geblieben.63 Es ist kaum möglich, all seine Werke und Schriften aufzuzählen. Doch schon ein Blick auf seine wichtigsten Arbeiten lässt Thomas´ immense Arbeitsleistung sowie die umfassende Weite und Offenheit seines Geistes erahnen.

Das vielleicht bedeutendste Werk des Aquinaten ist die begonnene Summa theologiae (STh)64. Trotz der ursprünglich didaktischen Absicht stellt dieses Werk eine systematische Leistung von herausragender Bedeutung dar. Dabei gelangt die Aussage der Systematik als solcher, deren Interpretation lange umstritten war, zu besonderem Gewicht. Eben dieses, aber auch weitere Werke des Thomas von Aquin verfolgen die Absicht, ein bestimmtes Wissensgebiet unter einer systematischen Vorentscheidung zusammenzufassen und zu vermitteln. Demgegenüber ist die literarische Gattung der akademischen Disputation größtenteils mit zeitgemäßen Einzelfragen befasst und durch deutlich größere Argumentationsanteile gekennzeichnet. Die Widerlegung der Gegner, das eigentliche Ziel der disputatio, erfolgt, indem man am wahren Kern zur Korrektur ansetzt.65 In den Queaestiones disputatae ist der Prozess des Nachdenkens und des Ringens um die Wahrheit von zentraler Bedeutung. Die wichtigsten davon sind zusammengefasst in den Reihen De veritate (Über die Wahrheit; Paris 1256-59); De potentia (Über die Macht; Rom 1265-66); De malo (Über das Übel; Rom 1266-67) und De anima (Über die Seele; Paris 1269).66

3.1.2. Über Thomas´ Verhältnis zu Philosophie und Theologie

Wenngleich Thomas die erste eigenständige Philosophie des okzidentalen Christentums verfasst hat, so basiert dies alles in einer theologischen Vorentscheidung. Diese theologische Vorgabe ist das radikale Ernstnehmen der Offenbarungswahrheit, dass die Welt Gottes Schöpfung ist.67 Dabei legt Thomas von Aquin dar, dass nur Gott um die Welt und um die Dinge weiß, weil er allein sie erstellt bzw. im Schöpfungsprozess entworfen und erschaffen hat.68

„In der Sicht des jüdisch-christlichen Glaubens und in der die Offenbarung reflektierenden Denktradition ist die Welt als ganze Schöpfung Gottes. Der letzte tragende Grund ist nicht das Sein oder die Idee, sondern die freie schöpferische Tat des absolut transzendenten Gottes, der der Heilige, d.h. der ganz andere ist. Nicht blinde Notwendigkeit eines ewigen Kreislaufes, sondern die Geschichte Gottes mit dem Menschen, seinem zwar endlichen und begrenzten, aber ebenfalls freien Partner, ist die Grundstruktur christlichen Verstehens der Wirklichkeit.“69

Um sich Thomas´ philosophischem Denken überhaupt zu nähern, muss man sich stets gewahr sein, dass der Aquinat seiner Absicht und seinem Selbstverständnis nach primär Theologe war. Diese Prämisse muss bei all seinen Werken entschieden mitbedacht werden.

Um dem Schöpfungsprozess wissend und daran anknüpfend repräsentiert Gottes Tun ferner die zur Diskussion gestellte philosophische Position eines „What I can create, I do understand“. Ich gebe zu, das klingt an dieser Stelle noch wenig einleuchtend und sehr vage, ja in gewisser Weise sogar äußerst skurril. Es stellt sich dabei augenblicklich die Frage, was hat Thomas´ Lehre bzw. seine theologischen und philosophischen Grundgedanken mit dem oben genannten Diktum bzw. mit einem heute innerhalb der Technowissenschaften korrespondierenden wissenschaftsphilosophischem Denkmotiv zu tun? Diese Frage ist durchaus berechtigt, ja sie ist sogar unumgänglich. Um der aufgeworfenen Thematik gerecht werden zu können, möchte ich noch ein wenig tiefer in die Fundamente des Aquinaten eintauchen, um dann effizient herauszuarbeiten, ob, wo und in welcher Weise Thomas´ Erkenntnisbeitrag die obige These stützt oder auch widerlegt, d.h. es gilt zu klären, auf welche Variante von Wissenschaftlichkeit wir hier treffen. Dazu ist es unabdingbar zu extrahieren, was sich im Kontext der Offenbahrungswahrheit verbirgt bzw. in welcher Art sich darüber hinaus das Herstellen und Verstehen können wissenschaftsphilosophisch zeigt und entsprechend erfassen lässt.

[...]


1 Vgl. Kleinmann: Lebensrealismus. Die Geschichtsphilosophie Giovanni Battista Vicos, S. 5ff

2 Dieses Postulat von Richard Feynman findet sich u.a. in Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 3

3 Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 3

4 O´Malley: Making Knowledge in Synthetic Biology: Design meets Kludge, zitiert in: Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 3

5 Vgl. Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 3f

6 Ebd., S. 4

7 O´Malley: Making Knowledge in Synthetic Biology: Design meets Kludge, S. 385f, zitiert in: Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 4

8 Brenner/Sismour: Synthetic Biology, S. 538 und 542, zitiert in: Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 4

9 Vgl. Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 4f

10 Vgl. Chalmers: Wege der Wissenschaft, S. 5f

11 Den Ausdruck dieses spezifischen „Wissenstyps“ verwendet Alfred Nordmann u.a. in seiner Abhandlung: „Was wissen die Technowissenschaften?“, in: In: Kolloquium 10: Grenzen und Grenzüberschreitungen, Kolloquiumsbeiträge. XIX. Deutscher Kongress für Philosophie. Vorträge und Kolloquien, hg. von Wolfram Hogrebe in Zusammenarbeit mit Joachim Bromand. Berlin: Akademie-Verlag, S. 478-491.

12 Vgl. Nordmann: Was wissen die Technowissenschaften?, in: Kolloquium 10, S. 483f

13 „Können“ wird hier verwendet im Sinne von „etwas herstellen, bauen, konstruieren können“.

14 Dieser Begriff findet sich u.a. in Nordmann: Was wissen die Technowissenschaften?, in: Kolloquium 10, S. 478-491. Im Fortgang meiner Arbeit werde ich den bislang zuvorderst verwendeten Terminus „Fertigungswissen“ durch den Begriff „Werkwissen“, in Anlehnung an die Nordmann´sche Terminologie, ergänzen bzw. substituieren.

15 Ebd.

16 Vgl. Hoyningen-Huene: Was ist Wissenschaft? in: Kolloquium 10, S. 474

17 Chalmers: Wege der Wissenschaft, S. 5

18 Vgl. Nordmann: Was wissen die Technowissenschaften? in: Kolloquium 10, S. 479

19 Der Begriff „epistemisches Wissen“ geht auf Martin Carriers Unterscheidung von „epistemic and applied science“ zurück. Gemeint ist somit ein Wissen, dass sich einem epistemischen Interesse verdankt, ziriert in: Nordmann: Was wissen die Technowissenschaften? in: Kolloquium 10, S. 479

20 Nordmann: Was wissen die Technowissenschaften? in: Kolloquium 10, S. 479

21 Vgl. Ebd., S 479f

22 Davis: On the Scientific Method, S. 8, zitiert in: Chalmers: Wege der Wissenschaft, S. 5

23 Anthony: Science and Its Background, S. 145, zitiert in: Chalmers: Wege der Wissenschaft, S. 5f

24 Chalmers: Wege der Wissenschaft, S. 6

25 Nordmann: Was wissen die Technowissenschaften? in: Kolloquium 10, S. 479f

26 Ebd., S. 480

27 Vgl. Ebd., S. 479f

28 Ebd., S. 480

29 Vgl. Hoyningen-Huene: Was ist Wissenschaft? in: Kolloquium 10, S. 474f

30 Vgl. Schmidt: Real konstrukt ivismus als kritisch-materialistische Erkenntnistheorie. Über die problematische Aktualität von Francis Bacon, in: Bock, Wolfgang et al. (Hgg.): Zeitschrift für Kritische Theorie, 13. Jahrgang, Heft 24/25, S. 67

31 Ebd., S. 67

32 Ebd., S. 67

33 Ebd., S. 67 und vgl. Latour: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie

34 Schmidt: Realkonstruktivismus als kritisch-materialistische Erkenntnistheorie, S. 67

35 Ebd., S. 67

36 Ebd., S. 67, in Anlehung/Ableitung der „realkonstruierten Welt da draußen“.

37 Vgl. Kolloquium 10, Carrier: Einführung, S. 467 und vgl. Nordmann: Was wissen die Technowissenschaften, in: Kolloquium 10, S. 484

38 Schmidt: Realkonstruktivismus als kritisch-materialistische Erkenntnistheorie, S. 67

39 Vgl. Ebd., S. 67

40 Vgl. Koschorke: Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, in: E. Eßlinger, T. Schlechtriemen, D. Schweitzer, A. Zons (Hgg.): Die Figur des Dritten, S. 9ff

41 Hacking: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften, S. 249

42 Vgl. Schmidt: Realkonstruktivismus als kritisch-materialistische Erkenntnistheorie, S. 67f

43 Latour, a.a.O., zitiert in: Schmidt: Realkonstruktivismus als kritisch-materialistische Erkenntnistheorie, S. 67f

44 Schmidt: Realkonstruktivismus als kritisch-materialistische Erkenntnistheorie, S. 68

45 Ebd., S. 68

46 Vgl. Ebd, S. 67f und vgl. Hacking: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften, S. 249f

47 Das Experiment, von dem hier die Rede ist, umfasst nicht das, was die moderne klassische Wissenschaftstheorie darunter versteht, nämlich vorwiegend das Laborexperiment.

48 Hacking: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften, S. 249

49 Vgl. Ebd., 249

50 Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 4

51 Vgl. Schmidt: Realkonstruktivismus als kritisch-materialistische Erkenntnistheorie, S. 80

52 „entstehen“ ist hier zu lesen im Sinne von entbergen, hervorbringen, hervorrufen.

53 Vgl. u.a. Smith: The Body of the Artisan

54 Heidegger (1954b): Das Ding, in: ders., Vorträge und Aufsätze, S. 180, zitiert in: Nordmann: Technikphilosophie, S. 41

55 Heidegger: (1954a): Die Frage nach der Technik, in: ders., Vorträge und Aufsätze, S. 12f, zitiert in: Nordmann: Technikphilosophie, S. 41

56 Nordmann: Technikphilosophie, S. 41

57 Analog zu „What I can create, I do understand.“

58 Heinzmann: Thomas von Aquin. Eine Einführung in sein Denken, S. 22

59 Ebd., S. 23

60 Vgl. Ebd., S.22f

61 Vgl. www.dhg-westmark.de/aquin.html

62 Heinzmann: Thomas von Aquin. Eine Einführung in sein Denken, S. 23

63 Vgl. Ebd. S. 23f

64 Vgl. Ebd., S. 24

65 Vgl. Ebd., S. 23ff

66 Vgl. Ebd., S. 24

67 Vgl. Ebd., S. 26ff

68 Vgl. Nordmann: Philosophy of Synthetic Biology: Contested Images of Knowledge Produktion, S. 3

69 Heinzmann: Thomas von Aquin. Eine Einführung in sein Denken, S. 15

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Wissen ist Macht. Erkenntnistheoretische Spielarten eines Prinzips
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
82
Katalognummer
V286333
ISBN (eBook)
9783656866077
ISBN (Buch)
9783656866084
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit, Thomas von Aquin, Offenbarungswahrheit, Francis Bacon, Wissen und Macht, Das Experiment, aktive Wissenschaft, Erkenntnishandeln, Machen und Erkennen, Eingreifen und Begreifen, Realkonstrukte, Wahrheit und Nützlichkeit, technowissenschaftliches Wissen, Werk, Werkentstehung, Werkwissen, Giambattista Vico, Verum-factum-Prinzip
Arbeit zitieren
Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtschaftsing. Karin Ulrich (Autor:in), 2014, Wissen ist Macht. Erkenntnistheoretische Spielarten eines Prinzips, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286333

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wissen ist Macht. Erkenntnistheoretische Spielarten eines Prinzips



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden