Biographieforschung in der Erwachsenenbildung


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Biographieforschung

3. Geschichte der Biographieforschung

4. Forschungsfelder der Biographieforschung

5. Biographieforschung in der Erwachsenenbildung

6. Biographieforschung in der beruflichen Weiterbildung

7. Fazit und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

„Leben ist die große Kunst, die der Mensch zu lernen hat.“

Rousseau: Emile

1. Einleitung

Innerhalb des Spektrums der vielfältigen erziehungswissenschaftlichen Forschungsbereiche und ihrer Methoden hat die aktuelle Biographieforschung eine zentrale Bedeutung. Die Affinität der Erziehungswissenschaften und der Biographieforschung liegt ihrem Gegenstand nach schon begründet im Wesen der Erziehung als Anleitung, Unterstützung und Hilfestellung in der Gestaltung des individuellen Lebens.

Innerhalb der modernen Gesellschaft hat das Individuum viel mehr Möglichkeiten als früher, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Die Organisation des sozialen Lebens und insbesondere die Lebenspraxis der Erwachsenen wird zur Aufgabe des Subjekts selbst, wobei die Gestaltung mit vielen Arten von Leidens- und auch Glückserfahrungen verbunden sein kann und zu einer Lebensnotwendigkeit wird. In diesem Kontext gab es eine Tendenz in den letzten 20 bis 30 Jahren zu einer „Biographisierung“, innerhalb derer die Biographieforschung zu einem wichtigen Bestandteil der empirischen Sozialwissenschaften wurde.

Im wissenschaftlichen Zusammenhang beinhaltet die Lebensbeschreibung/ Biographie, im Gegensatz zu einer Autobiographie, neben der Empathie auch eine Distanz gegenüber dem Akteur der Lebensgeschichte und generiert daraus eine konstitutive Beobachtungsperspektive und weiterreichende Erkenntnis. Die Biographie manifestiert sich dabei als die subjektive und nur dem einzelnen Individuum zugängliche sinnhafte Organisation des Erfahrungsstroms innerhalb einer Lebensgeschichte oder bezeichnet objektivierbare Lebensereignisse, Karriereschemata, Statuspassagen und Einschnitte im Lebenszyklus als Lebensverlauf. Erkenntnistheoretisch kann der Reflektionsprozess über das vergangene Leben für das noch bevorstehende zur Wirkung gebracht werden, insofern der Erwachsene in seinem Bildungsprozess nicht nur nach vorne, sondern auch zurücksieht und sein neues Wissen mit seinem bisher gewonnenen Erfahrungsschatz assimiliert und in sein Leben integriert.

Durch Verfahren der Biographieforschung kann analysiert werden, wie erzählende Subjekte die gesellschaftlichen Deutungskontexte der Bildungsinstitutionen und ihrer Übergänge und auch bspw. die Lernzumutungen in ihre Prozesse biographischer Arbeit einbinden. So bieten Erzählungen über die erlebte Schulzeit bspw. vielfältigen Informationen darüber, wie, was, unter welchen Bedingungen etwas gelernt wurde, welche Lerninteressen geweckt und welche Lernbarrieren aufgebaut wurden.

Für Aspekte der Erwachsenenbildung hilft die Biographieforschung, die Frage nach den Lernprozessen von Erwachsenen zu bestimmen. Sie untersucht die Bedeutung von Bildungsprozessen für die Biographie von Erwachsenen und die Einschätzung von Teilnehmenden der Erwachsenenbildung über ihre eigene Bildungsentwicklung. Ebenso untersucht sie die Konstituierung und Konstruierung von Bildungsvorbildern und Typen. Die Erwachsenenbildung erhält dadurch neben der Wissensvermittlung die Funktion der Begleitung von individuellen Biographien. Sie kann dabei bspw. die negativen Auswirkungen von kritischen Lebensereignissen und schwierigen Statuspassagen auffangen und bei der Lösung von den auftretenden individuellen Problemen helfen. Diese Lösungen können dabei Prozesse der Renormalisierung der Biographien beinhalten und bspw. eine Synchronisation von den individuellen Veränderungsprozessen mit der Dynamik von kollektivgeschichtlichen Entwicklungsabläufen einleiten.

Wesentliche Erkenntnisse liegen u.a. darin, Lebensgeschichten als Lern- und Bildungsgeschichten zu rekonstruieren oder im Nachweis der biographisch motivierten Pluralität der individuellen Aneignung von Bildungsangeboten innerhalb der Bedingungen eines lebenslangen Lernens und der Abhängigkeit der Biographien von Erwachsenenbildungsangeboten.

Diese Arbeit untersucht den aktuellen Forschungsstand der Biographieforschung innerhalb der Erziehungswissenschaften und insbesondere in der Erwachsenenbildung, der beruflichen Fortbildung und ihren verschiedenen Ausdifferenzierungen.

Sie bestimmt den Begriff der Biographieforschung und betrachtet ihre Geschichte. Ebenfalls analysiert sie die hauptsächlichen Forschungsfelder der Biographieforschung innerhalb der Erziehungswissenschaften, der Erwachsenenbildung und der beruflichen Weiterbildung. Sie schließt mit einem Ausblick zu deren weiterer Entwicklung.

2. Der Begriff der Biographieforschung

Der Begriff der Biographieforschung beinhaltet einen Arbeitsbereich innerhalb von verschiedenen Wissenschaften, der jedoch nicht den Charakter einer fest etablierten Teildisziplin mit allgemeingültig und übergreifend definierten Begriffen, Methoden und Grenzziehungen hat.[1] So ergibt sich hier Sammelbegriff für ein breites Forschungsspektrum, das nicht nur unterschiedliche empirische Methoden, sondern hauptsächlich ein komplexes theoretisches Rahmenkonzept umfasst. Ansätze der Biographieforschung in der Soziologie, Psychologie, Psychoanalyse, in den Geschichtswissenschaften (bspw. in der Oral History), der Medizin und Gesundheitswissenschaften, der Religionswissenschaft, Sozialarbeitswissenschaft, der Geschlechter- und Migrationswissenschaften etc. angewendet.

Als allgemeine Formel mag jedoch gelten: „Unter biographischer Forschung werden alle Forschungsansätze und –wege in den Sozialwissenschaften verstanden, die als Datengrundlage (oder als Daten neben anderen) Lebensgeschichten haben, also Darstellungen der Lebensführung und der Lebenserfahrung aus dem Blickwinkel desjenigen, der sein Leben lebt“[2]. Die biographische Forschungsperspektive versucht hier bspw., die lebensgeschichtliche Erfahrung, die historischen Prozesse, sozialen Strukturen und die kulturellen Milieus zusammenzudenken und in eine ganzheitliche Synthese zu bringen.

Dabei liegt der Fokus auf der spezifischen Erfahrungswelt und Handlungslogik der Lebenden/Akteure. So kann bspw. die soziologische Biographieforschung demonstrieren, wie es den Akteuren gelingen kann, etwas aktiv aus dem zu machen, was passiv vorher schon aus ihnen gemacht wurde. Die Analysen der Biographien akzentuieren dabei nicht nur die soziale Genese des Individuellen, sondern auch die jeweils spezifische Perspektive auf die relevante Institution, das Milieu oder die Kultur. Sie zeigen auf, welche Lebensgeschichten innerhalb der historisch, sozial und erziehungstechnisch determinierten und vorgegebenen Horizonte und Strukturen möglich sind und wie Institutionen und Erziehungs- und Bildungsangebote und –techniken integrieren oder ausschließen.

Als ein weiteres übergreifendes Wesensmerkmal der Biographieforschung stellt sich das Kriterium der Subjektivität dar, insofern biographische Methoden die Subjektivität der am Forschungsprozess Beteiligten voraussetzt. So soll insbesondere die Subjektperspektive und die persönlichen Erfahrungen von Menschen sichtbar und zum Ausgangspunkt für die allgemeine Theoriebildung gemacht werden. Anstelle der vorherrschenden Wissenschaftslogik, die oft reproduzierbare und allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten postuliert und damit immanent eine soziale Stabilisierung bestätigt, akzentuieren biographische Ansätze den Prozesscharakter und die Veränderbarkeit individueller Lebensläufe und sozialer Phänomene. Damit kann die Biographieforschung die Perspektive der Historizität, des Gewordenseins individueller und kollektiver Lebenslagen und einen auf die Zukunft gerichteten Fokus auf Veränderungsmöglichkeiten eröffnen. Ebenfalls ermöglicht der biographische Ansatz idealerweise eine ganzheitliche Perspektive auf die soziale Wirklichkeit, wobei Zusammengehöriges nicht getrennt und Einzelnes nicht außerhalb seiner Vermittlung untersucht werden soll.

3. Geschichte der Biographieforschung

Die wissenschaftsgeschichtlichen Quellen der Biographieforschung liegen in der Literaturwissenschaft, der Historiographie, der Philosophie und der Pädagogik des 18. Jahrhunderts (bspw. in den Erziehungs- und Bildungsromanen Rousseaus und Goethes). Sie manifestieren sich in zahlreichen Werken der klassischen Literatur und in der Psychologie und Psychiatrie, insbesondere in der Psychoanalyse und dem Bereich der Patienten-Anamnese, in der Geschichte, Völkerkunde, Geschichte, Medizin, Pädagogik und Soziologie. So bilden Lebensläufe und Autobiographien neben der Beobachtung von Kindern seit dem 18. Jahrhundert eine der wesentlichen empirischen Grundlagen des modernen pädagogischen Denkens[3].

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts setzte eine Renaissance der Biographieforschung in Deutschland bspw. durch Wilhelm Dilthey („Das Erleben und die Selbstbiographie“) und Georg Misch („Geschichte der Autobiographie“) ein. In der pädagogischen Psychologie und der Entwicklungspsychologie war es vor allem Charlotte Bühler, die unter Verwendung von Tagebüchern innerhalb einer generationenvergleichenden Perspektive eine Psychologie des Lebenslaufs entwickelte[4]. Ihr Interesse galt dabei den Verlaufsformen der Pubertät und der Lebenslaufstruktur generell.

Der Beginn der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung wurde durch die Chicago School of Sociology eingeleitet – bspw. 1918 durch die erste populäre Untersuchung mithilfe der Untersuchung - Thomas/Znaniecki: ,,The Polish Peasant in Europe and America“. Diese stellt eine richtungsweisende Auswertung von Briefen eines in die USA eingereisten polnischen Bauern dar.

In Deutschland wurde die Entwicklung der Biographieforschung durch das nationalsozialistische Regime unterbrochen und viele Sozialwissenschaftler wurden vertrieben. Erst in den letzten 30 Jahren konnte die Biographieforschung in mehreren Ländern wie den USA, Italien, Frankreich etc. eine Renaissance erleben. So setzte die Jugend- und Familiensoziologie das frühe Interesse von Soziologie und Sozialpsychologie fort. Dabei entstanden Eigenberichte, biographische Interviews und biographische Portraits.[5] Die Entwicklungspsychologie bspw. begann Ende der 1960er Jahre, sich neben den Themen Kindheit und Jugend mit einer breiteren Lebenslaufperspektive zu befassen[6]. Die Industriesoziologie zeigte Interesse an den soziobiographischen und lebensgeschichtlichen Dimensionen von Bewusstseins- und Erfahrungsbildung. Schließlich beschäftigten sich die Erziehungswissenschaftler mit der Sozialgeschichte basierend auf autobiographischen Daten[7].

Einhergehend mit der hohen Popularität der qualitativen Sozialforschung in den 1970er Jahren erlebte die Biographieforschung einen neuen Aufschwung und erlangte mehr Anerkennung in der Soziologie und anderen Disziplinen. Im Zuge der Pluralisierung und Individualisierung der Lebenswelten und dem Wandel traditioneller Werte und Wertvermittlungsinstanzen waren das Individuum und damit einhergehend der Lebenslauf vielfachen Transformationen ausgesetzt. Aus der Normalbiographie wurde die Wahlbiographie und damit der Zwang zur individuellen Gestaltung des Lebens evident[8]. So führten wissenschaftspolitische und soziale Trends und bspw. der Wunsch, die Lebenserfahrungen älterer Generationen zu sichern, zum Neubeginn der Biographieforschung. Ebenso trugen technische Neuerungen, bspw. die Verfügbarkeit von Tonbandgeräten, dazu bei, bspw. durch Interviews die oral-history-Forschung u.a. voranzutreiben[9].

[...]


[1] Vgl. Balzter, N. 2006, S. 4

[2] Fuchs-Heinritz, W. 2000, S. 9

[3] Vgl. Krüger, H. 2006, S. 15

[4] Vgl. Krüger, H. 2006, S. 15

[5] Vgl. Krüger, H. 2006, S. 16

[6] S. dazu die Life-span developmental psychology

[7] Vgl. Fuchs-Heinritz, W. 2000, S. 118

[8] Vgl. Krüger, H. 2006, S. 16 Vgl. auch Dimbath, O. 2003, S. 21

[9] Vgl. Krüger, H. 2006, S. 16

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Biographieforschung in der Erwachsenenbildung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Uni)
Veranstaltung
Biographieforschung in der Erwachsenenbildung
Note
2,1
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V286364
ISBN (eBook)
9783656866374
ISBN (Buch)
9783656866381
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biographiearbeit, Biographieforschung, Erwachsenenbildung, Erziehung
Arbeit zitieren
Ludwig von Düsterlohe (Autor), 2009, Biographieforschung in der Erwachsenenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286364

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