Innerhalb des Spektrums der vielfältigen erziehungswissenschaftlichen Forschungsbereiche und ihrer Methoden hat die aktuelle Biographieforschung eine zentrale Bedeutung. Die Affinität der Erziehungswissenschaften und der Biographieforschung liegt ihrem Gegenstand nach schon begründet im Wesen der Erziehung als Anleitung, Unterstützung und Hilfestellung in der Gestaltung des individuellen Lebens.
Innerhalb der modernen Gesellschaft hat das Individuum viel mehr Möglichkeiten als früher, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Die Organisation des sozialen Lebens und insbesondere die Lebenspraxis der Erwachsenen wird zur Aufgabe des Subjekts selbst, wobei die Gestaltung mit vielen Arten von Leidens- und auch Glückserfahrungen verbunden sein kann und zu einer Lebensnotwendigkeit wird. In diesem Kontext gab es eine Tendenz in den letzten 20 bis 30 Jahren zu einer „Biographisierung“, innerhalb derer die Biographieforschung zu einem wichtigen Bestandteil der empirischen Sozialwissenschaften wurde.
Im wissenschaftlichen Zusammenhang beinhaltet die Lebensbeschreibung/ Biographie, im Gegensatz zu einer Autobiographie, neben der Empathie auch eine Distanz gegenüber dem Akteur der Lebensgeschichte und generiert daraus eine konstitutive Beobachtungsperspektive und weiterreichende Erkenntnis. Die Biographie manifestiert sich dabei als die subjektive und nur dem einzelnen Individuum zugängliche sinnhafte Organisation des Erfahrungsstroms innerhalb einer Lebensgeschichte oder bezeichnet objektivierbare Lebensereignisse, Karriereschemata, Statuspassagen und Einschnitte im Lebenszyklus als Lebensverlauf. Erkenntnistheoretisch kann der Reflektionsprozess über das vergangene Leben für das noch bevorstehende zur Wirkung gebracht werden, insofern der Erwachsene in seinem Bildungsprozess nicht nur nach vorne, sondern auch zurücksieht und sein neues Wissen mit seinem bisher gewonnenen Erfahrungsschatz assimiliert und in sein Leben integriert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Biographieforschung
3. Geschichte der Biographieforschung
4. Forschungsfelder der Biographieforschung
5. Biographieforschung in der Erwachsenenbildung
6. Biographieforschung in der beruflichen Weiterbildung
7. Fazit und Ausblick
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den aktuellen Forschungsstand der Biographieforschung innerhalb der Erziehungswissenschaften sowie deren spezifische Anwendung in der Erwachsenenbildung und der beruflichen Weiterbildung, um deren Bedeutung für individuelle Lernprozesse zu beleuchten.
- Grundlagen und Definition der Biographieforschung
- Wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung des Forschungsfeldes
- Differenzierung der Forschungsfelder und Kategorien
- Bedeutung der Biographieforschung für die Erwachsenenbildung
- Einfluss biographischer Aspekte auf die berufliche Weiterbildung
Auszug aus dem Buch
2. Der Begriff der Biographieforschung
Der Begriff der Biographieforschung beinhaltet einen Arbeitsbereich innerhalb von verschiedenen Wissenschaften, der jedoch nicht den Charakter einer fest etablierten Teildisziplin mit allgemeingültig und übergreifend definierten Begriffen, Methoden und Grenzziehungen hat. So ergibt sich hier Sammelbegriff für ein breites Forschungsspektrum, das nicht nur unterschiedliche empirische Methoden, sondern hauptsächlich ein komplexes theoretisches Rahmenkonzept umfasst. Ansätze der Biographieforschung in der Soziologie, Psychologie, Psychoanalyse, in den Geschichtswissenschaften (bspw. in der Oral History), der Medizin und Gesundheitswissenschaften, der Religionswissenschaft, Sozialarbeitswissenschaft, der Geschlechter- und Migrationswissenschaften etc. angewendet.
Als allgemeine Formel mag jedoch gelten: „Unter biographischer Forschung werden alle Forschungsansätze und –wege in den Sozialwissenschaften verstanden, die als Datengrundlage (oder als Daten neben anderen) Lebensgeschichten haben, also Darstellungen der Lebensführung und der Lebenserfahrung aus dem Blickwinkel desjenigen, der sein Leben lebt“. Die biographische Forschungsperspektive versucht hier bspw., die lebensgeschichtliche Erfahrung, die historischen Prozesse, sozialen Strukturen und die kulturellen Milieus zusammenzudenken und in eine ganzheitliche Synthese zu bringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Biographieforschung innerhalb der Erziehungswissenschaften ein und skizziert das Ziel der Arbeit, den aktuellen Forschungsstand in verschiedenen Bildungsbereichen zu analysieren.
2. Der Begriff der Biographieforschung: Das Kapitel definiert Biographieforschung als interdisziplinäres Feld ohne festen Teildisziplin-Status und beleuchtet zentrale Merkmale wie Subjektivität und den Fokus auf lebensgeschichtliche Erfahrungen.
3. Geschichte der Biographieforschung: Hier werden die wissenschaftsgeschichtlichen Ursprünge von der Literaturwissenschaft bis hin zur modernen qualitativen Sozialforschung seit den 1970er Jahren nachgezeichnet.
4. Forschungsfelder der Biographieforschung: Dieses Kapitel differenziert drei Hauptkategorien von Forschungsfeldern, darunter historische Erziehungsforschung sowie Studien zu kindlichen und jugendlichen Biographien.
5. Biographieforschung in der Erwachsenenbildung: Es wird die Relevanz biographischer Analysen für Lernprozesse Erwachsener und die Begleitung individueller Bildungsbiographien durch pädagogische Institutionen untersucht.
6. Biographieforschung in der beruflichen Weiterbildung: Das Kapitel thematisiert die Rolle der Arbeit für die Identitätsbildung und analysiert, wie biographische Muster die berufliche Entwicklung beeinflussen.
7. Fazit und Ausblick: Der abschließende Teil fasst die Erkenntnisse zusammen und identifiziert weiteren Forschungsbedarf in Bezug auf theoretische Rahmenkonstrukte und informelle Lernprozesse.
8. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Biographieforschung, Erwachsenenbildung, Lebenslanges Lernen, Erziehungswissenschaft, Berufsbiographie, Qualitative Forschung, Identitätsentwicklung, Sozialisation, Lebensgeschichte, Bildungsbiographie, Subjektivität, Autogenese, Weiterbildung, Bildungsforschung, Lernprozesse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Biographieforschung in erziehungswissenschaftlichen Kontexten und deren Bedeutung für die Gestaltung von Bildungs- und Lernprozessen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Definition und Geschichte der Biographieforschung, ihre Anwendungsfelder in der Erwachsenenbildung sowie die Analyse von Bildungsbiographien im beruflichen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist die Bestimmung des aktuellen Forschungsstandes und die Einordnung biographischer Methoden innerhalb der Erziehungswissenschaften und der Erwachsenenbildung.
Welche wissenschaftliche Methodik wird zugrunde gelegt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung des Forschungsstandes und analysiert verschiedene Ansätze der qualitativen Biographieforschung.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsbestimmung, die historische Herleitung, die Systematisierung verschiedener Forschungsfelder und deren spezifische Anwendung in Bildung und Beruf.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Kernbegriff Biographieforschung spielen Begriffe wie lebenslanges Lernen, Identitätsentwicklung, Sozialisation und Subjektivität eine zentrale Rolle.
Warum ist die Biographieforschung für Lehrende in der Erwachsenenbildung relevant?
Sie bietet einen fundamentalen Hintergrund, um die Bildungsbemühungen der Lernenden besser einzuordnen und Interventionen professioneller zu gestalten.
Was versteht man unter dem Begriff der „Biographizität“?
Biographizität wird als Schlüsselqualifikation beschrieben, die es Individuen ermöglicht, moderne Wissensbestände in ihre eigene biographische Lebensgestaltung zu integrieren.
- Citation du texte
- Ludwig von Düsterlohe (Auteur), 2009, Biographieforschung in der Erwachsenenbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286364