Das Sicherheitsdilemma. Auswirkungen auf die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Staaten in internationalen Beziehungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kann Unsicherheit und Misstrauen zwischen Staaten in der internationalen Staatenwelt aufgelöst werden?

2. Ist Vertrauen und langfristige Kooperation zwischen Staaten realistisch oder regiert das Sicherheitsdilemma? Neorealismus vs. Regimetheorie

3. Der „Kalte Krieg“ - Ein Beispiel zur Verdeutlichung der Wirksamkeit und Effizienz der Regimetheorie oder der Theorie des Neorealismus und des Sicherheitsdilemmas?

4. Kann Kooperation die Problematik des Sicherheitsdilemmas in Bezug auf die atomare Abrüstung überwinden und somit langfristige Kooperation und Vertrauen zwischen Staaten im internationalen System herstellen?

5. Literaturverzeichnis

1. Kann Unsicherheit und Misstrauen zwischen Staaten in der internationalen Staatenwelt aufgelöst werden?

In der hier vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich damit beschäftigen, warum es in der internationalen Staatenwelt immer wieder zu starkem Misstrauen und Gefühlen der Unsicherheit in den unterschiedlichsten Politikbereichen zwischen verschiedenen Staaten kommt. Dabei will ich vor allem klären, warum Unsicherheiten und Misstrauen entstehen und wie man ihnen entgegenwirken kann, da sie häufig als Indikator dafür stehen, weshalb Kriege zwischen Staaten entstehen. Des Weiteren soll darauf eingegangen werden, ob überhaupt Möglichkeiten bestehen, langfristige Kooperation und somit langfristigen Frieden in der Welt herstellen zu können. Dabei gilt es kritisch zu hinterfragen, ob Staaten überhaupt in der Lage sein können, langfristig friedlich miteinander zu leben. Wenn man sich nämlich die Kriege betrachtet, die es bisher in der internationalen Staatenwelt gegeben hat, so erscheint langfristiger Frieden eher fragwürdig. Auch sollen Gründe identifiziert werden, warum Kriege entstehen bzw. warum Kooperationen oder Misstrauen zwischen Staaten bestehen. Dies stellt aus meiner Sicht eine sehr wichtige Thematik in den internationalen Beziehungen dar. Da diese Problematik jedoch ein sehr breit gefächertes Themenfeld zu Bearbeitung aufweist und den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde, habe ich beschlossen, mich lediglich auf die Problematik der atomaren Abrüstung und dem Misstrauen zwischen Staaten, welches hinsichtlich dieser Problematik möglicherweise existiert, zu konzentrieren. Das Thema möchte ich anhand der folgenden These beleuchten:

Die Schaffung von Vertrauen durch kooperatives Handeln in der internationalen Staatenwelt löst das Sicherheitsdilemma in Bezug auf die atomare Abrüstung dennoch nicht auf.

Der Neorealismus, das Sicherheitsdilemma und die Regimetheorie sollen dabei als die zentralen „Werkzeuge“ zur Bearbeitung und Auseinandersetzung mit dem Thema dienen. Beim Neorealismus, der die Ansicht teilt, dass langfristige Kooperation zwischen Staaten nicht möglich ist, möchte ich besonders auf die Elemente des Ordnungsprinzips, die Funktionsspezifizierung und zuletzt die Ressourcen-/Machtverteilung eingehen, die eine wichtige Rolle dabei spielen, zu untersuchen, warum Kooperation bzw. Misstrauen und Unsicherheiten existieren. Vor allem sollen dabei die Systemstrukturen bipolares - , unipolares - und multipolares System der Staaten beleuchtet werden, welche verdeutlichen, wann die Kriegswahrscheinlichkeit zwischen Staaten steigt und welche staatlichen Handlungen die jeweiligen Systemstrukturen zur Folge haben, wie beispielsweise militärische Aufrüstung, „Balancing-Bündnisse“ oder Präventivkriege (Schörning 2003: 73 ff).

Mit Hilfe der Regimetheorie möchte ich herausstellen, inwiefern Kooperation in Bezug auf die atomare Abrüstung zwischen Staaten hergestellt werden kann. Dabei soll auf die Regimebildung eingegangen werden, die sowohl formell als auch informell erfolgen kann. Auch sollen die internationalen Organisationen und Institutionen berücksichtigt werden, die dazu dienen, zwischenstaatliche Vereinbarungen, Übereinkünfte und Verträge zu unterstützen, in die Wege zu leiten und deren Einhaltung zu überwachen bzw. Vergehen gegen Vereinbarungen zu sanktionieren. In Bezug auf die atomare Abrüstung muss auch darauf eingegangen werden, welche Gegebenheiten (gemeinsames Interesse, gleiche Wertvorstellungen, Normen und Prinzipien) bestehen müssen, damit eine erfolgreiche Kooperation zwischen den Staaten stattfinden kann (Müller 1993: 28 ff).

Die Theorie des Sicherheitsdilemmas soll bei der Bearbeitung der von mir gestellten These das Spannungsfeld beleuchten, da es zu klären gilt, ob Misstrauen und die Unsicherheit zwischen Staaten im Bereich der atomaren Abrüstung wirklich dafür verantwortlich sind, weshalb langfristige und erfolgreiche Kooperationen zwischen Staaten nicht funktionieren können oder ob die Regimetheorie diese Unsicherheiten und das Misstrauen auflösen kann.

Die drei hier kurz vorgestellten Theorien und deren Inhalte werden nun im weiteren Verlauf der Arbeit ausgiebig behandelt und mir in Bezug auf die atomare Abrüstung letztendlich dazu verhelfen, ein kritisch reflektiertes und fundiertes Urteil über die gestellte These abzugeben.

2. Ist Vertrauen und langfristige Kooperation zwischen Staaten realistisch oder regiert das Sicherheitsdilemma? Neorealismus vs. Regimetheorie

Betrachtet man sich die Fragestellung aus der Perspektive des Neorealismus nach Kenneth Waltz, so kann man sagen, dass eine langfristige Kooperation zwischen Staaten nicht möglich ist. Waltz, der nicht die Annahme von Hans Morgenthau und somit des klassischen Realismus vertritt, dass Machtstreben in der Natur des Menschen liegt (Morgenthau 1963: 193), sondern davon ausgeht, dass das Machtstreben aufgrund der Struktur des internationalen Systems besteht, ist somit ein klarer Vertreter des Neorealismus (Masala 2005: 33). Nach Waltz ist das internationale System anarchisch, was bedeutet, dass keine übergeordnete Instanz das Handeln der Staaten sanktioniert und ordnet, wodurch ein Gewaltmonopol fehlt. Die Staaten handeln nach dem Prinzip des „Homo oeconomicus“ , also egoistisch und rational, da sie aufgrund der Anarchie im System ausschließlich darauf bedacht sind, ihr Überleben und ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten. Hierbei besteht ein klarer Unterscheid zu dem klassischen Realismus nach Morgenthau, denn die Staaten betreiben keine Machtpolitik aufgrund eines von der Natur gegeben Machttriebes heraus, sondern ihr Hauptinteresse besteht in der Sicherheitsgewährleistung des Staates und nicht in der Machtmaximierung. Allerdings lässt sich diese Sicherheit nur mit Hilfe von Machtmitteln durchsetzen, weshalb der Machtaspekt dennoch im Mittelpunkt zur Erreichung der Zielsetzungen der Staaten steht (Krell 2004: 63). Des Weiteren geht der Neorealismus davon aus, dass dem Machstreben nur durch Gegenmachtbildung begegnet werden kann, um ein kurzfristiges Mächtegleichgewicht herstellen zu können. Dieser Prozess der „Balance of power“ stellt das „zentrale Instrument(e) der Überlebenssicherung und gleichzeitig der Stabilisierung der Staatenbeziehungen dar“ (Krell 2004: 63). Allerdings besteht ein Mächtegleichgewicht immer nur kurzfristig, da der Neorealismus von einem fortlaufenden Prozess des Aufrüstens und Nachrüstens der Staaten geprägt ist. Hier spricht man von einem bipolaren System, was bedeutet, dass sich zwei ähnlich starke Akteure gegenüberstehen und durch den ständigen Aufrüstungsprozess miteinander konkurrieren, die Kriegswahrscheinlichkeit dabei jedoch gering ist, da immer wieder ein zwischenzeitiges Mächtegleichgewicht besteht. Die größte Möglichkeit einer kurzfristigen Kooperation zwischen Staaten sieht der Neorealismus jedoch in der Struktur des unipolaren Systems. Dabei wird von einem weit überlegenen Staat (Hegemon) ausgegangen, der gleichzeitig als „Teilzeit-Leviathan“ fungiert. Dieser Staat wird oftmals auch als liberaler bzw. wohlwollender Hegemon bezeichnet, der im eigenen als auch im Interesse - und somit zum Vorteil - anderer kleinerer Staaten eine stabile Ordnung herstellt (Kruck/Rittberger/Romund 2010: 32). Allerdings geht der Neorealismus davon aus, dass diese Stabilität nicht von Dauer sein kann, da sich der Hegemon „früher oder später übernimmt und die schwächeren Staaten aus Misstrauen gegenüber der Übermacht des Hegemons danach streben, eine Gegenmacht zu organisieren“, wobei von sogenannten „Balancing Bündnissen“ gesprochen wird (Kruck/Rittberger/Romund 2010: 32). Es wird deutlich, dass die Kriegswahrscheinlichkeit im unipolaren System aufgrund des Misstrauens gegenüber dem Hegemon eindeutig höher ist als in dem zuvor vorgestellten bipolaren System.

Zuletzt gilt es noch das multipolare System zu betrachten, bei dem es mehr als nur zwei mächtige Staaten zu verzeichnen gibt, weshalb die Kriegswahrscheinlichkeit im Vergleich zu den anderen beiden Systemen am höchsten ist. Die Staaten befinden sich in einer unsicheren Lage und können die Absichten und Handlungen der anderen Staaten nicht ein - bzw. abschätzen, weshalb eine hohe Wahrscheinlichkeit für Präventivkriege besteht (Schörning 2003: 44).

Anhand der vorgestellten unterschiedlichen Machtverteilungen der Akteure im Neorealismus wird deutlich wie unterschiedlich die daraus resultierenden Handlungen der einzelnen Akteure und die Kriegswahrscheinlichkeiten ausfallen können. Dabei kann eine Veränderung der Systemstruktur nur durch einen Wechsel des Ordnungsprinzips, also von der Anarchie zur Hierarchie oder „durch einschneidende Veränderungen in der Machtverteilung zwischen den [Staaten] entstehen“ (Masala 2005: 48). Grundsätzlich ist jedoch klar, dass langfristige Kooperationen im Neorealismus ausgeschlossen werden. Es dominieren die egoistischen und zweckrationalen Bemühungen der jeweiligen Staaten zur Gewährleistung der eigenen Sicherheit. Diese werden jedoch von den anderen Staaten als Bedrohung ausgelegt, da sie aufgrund des Fehlens einer übergeordneten Instanz stets mit dem „Worst-Case“ Szenario rechnen, sprich mit dem potentiellen Angriff, des für seine Sicherheit sorgenden Staates. Hierbei wird die Allgegenwärtigkeit des Sicherheitsdilemmas deutlich, welches sich durch Rüstungswettläufe zwischen den Staaten charakterisiert. Die Staaten stehen in einer ständigen Unsicherheit und Misstrauen zueinander und sehen ihre eigene Sicherheit nur durch ständige Aufrüstung und Nutzenmaximierung gesichert. Kurzfristige Kooperation kann dabei nur bei ausgewogenen Gewinnen funktionieren, was im Neorealismus jedoch eine große Schwierigkeit darstellt. Im Neorealismus zählen lediglich relative und nicht absolute Gewinne, was bedeutet, dass die Gewinne die Gegner nicht überproportional begünstigen dürfen, da diese sonst eine zukünftige Bedrohung für die eigene Sicherheit darstellen können (Kruck/Romund/Rittberger 2010: 32).

Insgesamt wird deutlich, dass kurzfristige Kooperationen nur schwer und langfristige Kooperation aufgrund des Sicherheitsdilemmas und der stark egoistischen und nutzenmaximierenden Zielsetzungen der jeweiligen Staaten, aus der Sicht des Neorealismus nicht möglich sind. Betrachtet man sich jedoch die Europäische Union, als Beispiel für langfristige Kooperation zwischen Staaten, so kann der Neorealismus dafür leider keine adäquate Erklärung liefern.

Wechselt man nun die Perspektive und betrachtet die Sichtweise der Regimetheorie, so lassen sich völlig neue Ansatzpunkte herausarbeiten. Dabei geht die Regimetheorie davon aus, dass Kooperationen zwischen Staaten dauerhaft bestehen können. Unter Regimen versteht man dabei

„Kooperative Institutionen, die durch informelle und formelle, rechtlich und nichtverrechtliche Strukturen – Prinzipien, Normen, Regeln und Prozeduren – gekennzeichnet werden und Konflikte zwischen konkurrierenden Nationalstaaten bearbeiten“ (Müller 1993: 23).

Dabei beziehen sie sich auf ein spezifisches Politikfeld, wie beispielsweise die Nichtverbreitung von Atomwaffen oder den Schutz von Menschenrechten. Die Theorie geht davon aus, dass die Staaten in vielen Bereichen der Politik wie zum Beispiel der Umweltpolitik in Abhängigkeit zueinander stehen, da diese Thematik alle Staaten betrifft und eine Kooperation, um diese Problematiken erfolgreich behandeln zu können, unverzichtbar ist.

Regime besitzen dabei im Vergleich zu den internationalen Organisationen, welche im folgenden Verlauf noch behandelt werden, keine Akteursqualität. Damit Regime und somit Kooperationen zwischen Staaten in Kraft treten, bedarf es eines gemeinsamen Konsenses bezüglich ihrer Interessenvorstellungen. Die Staaten müssen sich über bestimmte Regeln, Werte, Prinzipien, Normen und deren Einhaltung einigen, damit eine langfristige und erfolgreiche Kooperation vonstattengehen kann (Axelroad 2009: 67 ff).

Auch gilt es zu klären, welche Funktionen Regime überhaupt genau erfüllen? Regime verhelfen vor allem dazu, die gegenseitigen Unsicherheiten, die zwischen Staaten bestehen, zu reduzieren bzw. bestenfalls aufzulösen. Regime stabilisieren die Erwartungen an das künftige Verhalten des formellen oder informellen Vertragspartners, was eine Möglichkeit darstellen könnte, das Sicherheitsdilemma, welches nach Ansicht des Neorealismus langfristige Kooperation verhindert, zu bekämpfen oder sogar aufzulösen. Auch legen Regime verbindliche Urteilsmaßstäbe für richtiges oder falsches Verhalten in den jeweiligen Politikbereichen, in denen sie agieren, fest. Des Weiteren senken sie Transaktionskosten im Verkehr zwischen den Staaten und eröffnen langfristige Kommunikationskanäle. Der Informationsaustausch wird optimiert, da Staaten mit wenig Aufwand auf alle Informationen der anderen Teilnehmerstaaten des Regimes zugreifen können. Zuletzt helfen Regime Staaten bei der Entscheidungsfindung in bestimmten Politikbereichen, da sie den Regierungen bestimmte Entscheidungsregeln vorgeben und die Regierungen somit entlasten, da diese nicht mehr nach aufwändigen Alternativen suchen müssen (Müller 1993: 38). Die Funktionen von Regimen können dabei mit Hilfe internationaler Organisationen zusätzlich unterstützt und gefördert werden. Unter internationalen Organisationen versteht man

„zwischenstaatliche Institutionen, die sowohl problemfeldbezogene als auch problemfeldübergreifende Aufgaben haben und im Binnen- und Außenverhältnis auf Grund ihrer organschaftlichen Struktur und Kompetenzausstattung als Akteure auftreten können“ (Kruck/Romund/Rittberger).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Sicherheitsdilemma. Auswirkungen auf die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Staaten in internationalen Beziehungen
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar: internationale Beziehungen
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V286410
ISBN (eBook)
9783656866848
ISBN (Buch)
9783656866855
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sicherheit, Kooperation zwischen Staaten, internationale Beziehungen
Arbeit zitieren
B.Ed. Philipp Willenbacher (Autor), 2014, Das Sicherheitsdilemma. Auswirkungen auf die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Staaten in internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286410

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