William James und der radikale Empirismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Psychologie

3 Der radikale Empirismus
3.1 Was ist der radikale Empirismus?
3.2 Die »pure experience«
3.3 Der Subjekt-Objekt-Dualismus
3.4 Die Transformation des Bewusstseinsstroms in den Erfahrungsstrom
3.5 Die Wahrheitstheorie und die zweite Variante des Subjekt-Objekt-Dualismus
3.6 Freiheit

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie manche Philosophien stets aktuell bleiben, während sich gleichzeitig die Welt in einem zunehmend beschleunigten Wandel zu be- finden scheint. Mit diesem Wandel ist besonders der technologische Fortschritt gemeint, der nicht nur mit einem größeren Wohlstand für die moderne Zivilgesellschaft einhergeht, sondern der gleichzeitig auch ein verändertes Weltbild des Menschen zur Folge hat. Die Errungenschaften der Technik sind offensichtlich und die Gesetzmäßigkeiten der Wissen- schaften haben eine so gewaltige Überzeugungskraft, dass es für viele Menschen wohl das naheliegende zu sein scheint, sich selbst auch nach diesen wissenschaftlichen Ergebnissen zu definieren. Bei den Frühlingsgefühlen handelt es sich dann nur noch um biochemische Reaktionen, bei denen vermehrt Dopamine ausgeschüttet werden, bei den Ernährungs- wissenschaften wird dem Menschen die genau Art und das Maß der Ernährung vorge- schrieben und auch in der Gesellschaft ist der Mensch - wie man allgemein gerne sagt - nur ein kleines Rädchen in der ganzen Maschinerie, die man dann »Welt« nennt. Und als dieses »kleine Rädchen« muss der Mensch dann seine ihm bestimmte »Funktion« erfül- len. Wahrscheinlich hat William James an eine ähnliche Weltanschauung gedacht, wenn er über den Materialismus folgendes schreibt:

»This is the opposite condition from that of nightmare, but when acutely brought home to consciousness it produces a kindred horror. In nightmare we have motives to act, but no power; here we have powers, but no motives. A nameless Unheimlichkeit [dt. im Original] comes over us at the thought of there being nothing eternal in our final purposes, in the objects of those loves and aspirations which are our deepest energies.«1

Bezieht man dieses Zitat auf das vorige Beispiel, so könnte man dem »kleinen Rädchen« zwar die Energie zusprechen, die das ganze Getriebe mit antreibt, aber keine Motive und keine Entscheidungsmöglichkeiten, warum es dies tut. Es verrichtet einfach, den physi- kalischen Gesetzmäßigkeiten entsprechend, seine Funktion. Und hier lässt sich auch die Problematik des Materialismus feststellen. Wenn alles nur nach Naturgesetzen abläuft und es sich bei Gedanken und Handlungen letztlich auch nur um einen dieser unabänderlichen Prozesse handelt, dann muss der Mensch sich letztlich auch als determiniert definieren. Dass es sich bei These nicht nur um eine theoretische Frage handelt wird dadurch deut- lich, dass sie sich auch auf die Psyche auswirkt und einen gewissen »horror« hervorruft.

Nichtsdestotrotz war William James ein Anhänger der Naturwissenschaften. Neben der Philosophie, zu der er erst spät wechselte, studierte er auch Medizin und gilt mit dem 1890 veröffentlichten Werk »Principles of Psychology« als Mitbegründer der modernen naturwissenschaftlich fundierten Psychologie. Während seines Lebens hat William Ja- mes mehrere Phasen tiefer Depression erlitten, die durchaus auch mit oben beschriebenen »materialistic nightmare«2 zusammenhängen. So schreibt er 1869 an seinen Freund Tho- mas W. Ward: »I’m swamped in an empirical philosophy. I feel that we are Nature through and through, that we are wholly conditioned, that not a wiggle of our will happens save as the result of physical laws.«3 Die Überwindung des materialistischen Determinismus könnte man auch als eine Therapie gegen seine eigenen Depressionen verstehen, wenn Peter Sloterdijk William James als einen derjenigen Psychologen beschreibt, die »mit der Hoffnung [...] leben, sie könnten ihre eigenen Ärzte werden [...].«4 Da William James den freien Willen aber nicht innerhalb seiner Psychologie naturwissenschaftlich belegen konnte, wechselte er zur Philosophie: »The fact is that the question of free-will is inso- luble on strictly psychologic grounds. [...] For ourselves, we can hand the question of free-will controversy over to metaphysics.«5

Aber nicht nur für die Philosophie und für James selber ist der »materialistic nightma- re« von Bedeutung, sondern auch - um wieder auf die am Anfang beschriebene Aktualität der Philosophie James’ sprechen zu kommen - für die heutige moderne, säkularisierte Zi- vilgesellschaft. Durch den Fortschritt in der Medizin lassen sich zwar immer mehr Krank- heiten kurieren, während man aber gleichzeitig eine Zunahme psychischer Erkrankungen feststellen kann. Vielleicht könnte man auch hier - im Sinne des Psychologen William James - sagen, dass dies mit dem »materialistic nightmare« zusammenhängt. Die Vorstel- lung nur ein »kleines Rädchen« im Weltgeschehen zu sein, das nur seine ihm zugedachte »Funktion« zu erfüllen hat, kann möglicherweise auf viele Menschen verstörend wirken. Die Freiheit innerhalb einer idealistischen Philosophie zu suchen könnte vielen Menschen aufgrund des Fortschritts der Technik als zuwenig überzeugend erscheinen. Die Früchte der Wissenschaften werden jeden Tag (z.B. durch Internet, Elektronik, Medizin, usw.) di- rekt erfahren, während das Absolute, die Substanz oder der Gott des Idealisten sich auf Dinge beziehen, die außerhalb der Erfahrung liegen. So nimmt der Glaube an den Mate- rialismus stetig zu, was auch schon William James beobachtete:

»Seit hundertundfünfzig Jahren scheint der Fortschritt der Wissenschaft nichts anderes zu bedeuten als eine stete Vergrößerung der materiellen Welt und ei- ne stete Verminderung der Bedeutung des Menschen. Das Resultat ist eine Zunahme der naturalistischen und der positivistischen Fühlweise. [...] Die ro- mantische Spontaneität und der romantische Mut sind dahin, das Weltbild ist materialistisch und niederschlagend.«6

Natürlich ist William James nicht zum Idealismus zurückgekehrt um die Willensfreiheit zu beweisen, sondern seine Philosophie ist rein empirisch und im Einklang mit den Natur- wissenschaften. Die Frage, die in dieser Arbeit bearbeitet werden soll, ist nun, wie schafft es William James eine Philosophie zu entwickeln, die auf das Absolute verzichtet und der Empirie den Vorzug gibt, während sie gleichzeitig die Willensfreiheit bestehen lassen kann.

Als Textgrundlage des radikalen Empirismus sollen die zwei Kapitel »Gibt es ein Be- wusstsein« und »Eine Welt der reinen Erfahrung« aus dem Buch »Pragmatismus und radi- kaler Empirismus« von William James dienen. Diese Texte wurden erstmals im »Journal of Philosophy, Psychology, and Scientific Methods I« 1904 veröffentlicht. Leider kann der radikale Empirismus aus diesem Text alleine nicht vollständig beschrieben werden. Besonders bei dem Begriff des »Bewusstseins« greift William James auf die vorher ver- öffentlichten »Principles of Psychology« zurück. Um diesen Begriff nun besser in den radikalen Empirismus einordnen zu können, soll deshalb am Anfang der Arbeit auf die Psychologie von William James eingegangen werden. William James ist als Philosoph nicht nur aufgrund seines radikalen Empirismus, sondern besonders auch durch seinen Pragmatismus bekannt geworden. Er ist der Meinung, dass diese beide Philosophien un- abhängig voneinander bestehen können:

»Um zumindest dieses eine Mißverständnis zu vermeiden, möchte ich betonen, daß es keine logische Verbindung gibt zwischen dem Pragmatismus, wie ich ihn verstehe, und der von mir kürzlich begründeten Lehre des »radikalen Empirismus«. Letztere steht auf eigenen Füßen. Man kann sie völlig ablehnen und trotzdem Pragmatist sein.«7

Der Unterschied der beiden Philosophien besteht besonders darin, dass es sich beim Prag- matismus nicht eigentlich um eine Philosophie, sondern eher um eine Methode und eine Wahrheitstheorie handelt.8 Allerdings scheint es bezüglich der Wahrheitstheorie auch in- haltliche Überschneidungen mit dem radikalen Empirismus zu geben. Außerdem ist der Pragmatismus, wie sich im Laufe der Arbeit herausstellen soll, auch für die Willens- freiheit von Bedeutung. Aus diesem Grund folgt nach dem Kapitel über den radikalen Empirismus eine kurze Einordnung der Problematik in den Pragmatismus.

Die »Principle of Psychology« schreibt William James mit dem Ziel ein Lehrbuch für seine Studenten zur Verfügung zu stellen, er war in Harvard Dozent für Physiologie und Psychologie, das die naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychologie systematisch ausarbeitet. Der Gegenstand von James’ Psychologie ist die Beschreibung und Erklärung von Bewusstseinszuständen.9 Dabei gilt die Physis, d.h. das menschliche Gehirn und das Nervensystem, als Voraussetzung für jede Bewusstseinstätigkeit.10 Die Aufgabe der Psychologie ist es die Wechselwirkungen und Zusammenhänge zwischen der Physis, dem Gehirn, und der Psyche, dem Bewusstsein, zu erfassen.

Als naturwissenschaftliche Verfahren werden Experiment, Beobachtung und Introspek- tion angewendet.11 Die Introspektion, also die nach innen gerichtete Beobachtung und Analyse des eigenen Erlebens, stellt sich für James als problematisch dar. Denn die Be- schreibung des eigenen Bewusstseins geschieht nicht in der Gegenwart, sondern es tritt immer ein zeitlicher Versatz auf. Das eigene Erleben kann erst im Rückblick, in der Re- trospektive, vergegenständlicht und in Begriffe gefasst werden. Bei dieser Retrospektive werden allerdings manche Gegenstände hervorgehoben und andere vernachlässigt, wel- ches die Introspektion zu einer ungenauen Methode macht, die im schlimmsten Fall auch falsche Ergebnisse erzielen kann. Deshalb sind sämtliche Beobachtungen, die aus der In- trospektion erschlossen werden, einem experimentellen Test unterworfen.12

Auch die Evolutionstheorie von Charles Darwin findet sich in der Psychologie von William James wieder. Da Physis und Psyche nicht getrennt voneinander existieren, sondern die Psyche erst aufgrund der Physis bestehen kann, sind sie auch gemeinsam der Evolution unterworfen. Nicht nur die Physis ist von Bedeutung für den Kampf ums Überleben, sondern auch die Psyche und das Bewusstsein. Aus diesem Grund ist »[d]ie menschliche Psyche [...] geprägt durch die Auseinandersetzung mit ihrer physischen Umwelt und dem damit verbundenen Prozeß der Anpassung.«13

Die erste Grundtatsache bei der Psychologie James’ ist nun die, dass »Bewußtsein irgendwelcher Art stattfindet«14:

»The first fact for us, then, as psychologists, is that thinking of some sort goes on. [...] If we could say in English ’it thinks,’ as we say ’it rains’ or ’it blows,’ we should be stating the fact most simply and with the minimum of assumption. As we cannot, we must simply say that thought goes on.«15

Das erste Grundlegende Prinzip der Philosophie bei Descartes war das »ich denke«. Bei James könnte man nun analog als erste Tatsache »es denkt« konstatieren. Das Bewusst- sein hat keinen eigenen Akteur. Es kann durch Introspektion kein eigenes Selbst nachge- wiesen werden, weshalb als Ausgangspunkt nur der unpersönliche Ausdruck »es denkt« übrigbleibt.16 Den Begriff des Bewusstseins charakterisiert James nun anhand von fünf Eigenschaften: Personalität, Veränderlichkeit, Kontinuität, Selektivität und Intentionali- tät.

1. Jeder Bewusstseinzustand tritt immer als persönlicher Bewusstseinszustand auf. D.h. »Bewußtsein ist immer Teil einer Person, und Gedanken sind Teil eines ein- zelnen Subjekts.«17
2. Das Bewusstsein befindet sich in ständiger Veränderung. Kein Gedanke kann noch- mal auf die gleiche Weise gedacht werden, wie ein vorheriger, »[...] da sich das Gehirn mit jedem Denk- und Wahrnehmungsvorgang verändert [...]«18
3. Bewusstseinsvorgänge sind kontinuierlich und werden nicht in einzelnen Abschnit- ten erlebt. Sie erfahren sich immer als ein Prozess in der erlebten Zeit.19
4. Das Bewusstsein ist selektiv. Bestimmte Dinge und Eigenschaften werden so her- vorgehoben und andere übersehen.20
5. Das Bewusstsein ist intentional. D.h. es befasst sich immer mit Dingen, die von ihm verschieden sind.

Besonders bei der Intentionalität des Bewusstseins wird deutlich, dass die Psychologie von William James einen Subjekt-Objekt-Dualismus aufweist. Das Bewusstsein unter- scheidet zwischen den Objekten der äußeren Welt, die von ihm verschieden sind, und der Innenwelt:

»The psychologist’s attitude towards cognition will be so important in the sequel that we must not leave it until it is made perfectly clear. It is a thoroughgoing dualism. It supposes two elements, mind knowing and thing known, and treats them as irreducible.«21

Allerdings ist der Dualismus als Arbeitshypothese für die Psychologie unverzichtbar. Die Psychologie verfolgt praktische Ziele und stellt Prognosen zum Zweck zukünftiger Ver- haltenskontrolle.22 Die Problematik des Dualismus von dem »wissenden Verstand« und dem »gewussten Ding« ist für James eine Frage der Philosophie und nicht der Psycholo- gie, denn dieser Dualismus bildet eine der Grundtatsachen der Psychologie, ähnlich wie es Grundvoraussetzungen bei anderen Naturwissenschaften, wie Chemie oder Physik, gibt. Weiterhin ist dieser Dualismus anders zu verstehen als der Leib-Seele Dualismus des Idealismus. Denn im Unterschied zu diesem existiert bei James kein »absoluter Geist«, sondern es handelt sich, wie in Punkt 1, der Personalität des Bewusstseins, angegeben, um »endliche, individuelle, menschliche Geister«23, die von den äußeren Objekten unter- schieden werden.

Aber auch bei der Frage der Willensfreiheit treten Probleme auf. Denn wenn die Grund- lage für die Erforschung des Bewusstseins die Physis, sprich das Gehirn ist, dann müs- sen auch die Bewusstseinsvorgänge durch diese mechanische Gehirntätigkeit als deter- miniert angesehen werden. Denn in der wissenschaftlichen, erfahrbaren Welt lässt sich keine Spontanität erkennen. Ein Naturgesetz läuft immer wieder auf die gleiche Weise ab und lässt sich nicht verändern. Die Spontanität widerspricht weiterhin dem Energieer- haltungsgesetz der Naturwissenschaften.24 Die Energie kann sich nur in andere Energie- formen umwandeln, es kann aber nicht, wie z.B. bei einer völlig neu auftretenden freien Willensentscheidung, Energie aus dem Nichts heraus erzeugt werden.

William James macht hier eine Unterscheidung. Er meint, dass zwar das Gehirn die Voraussetzung bilde, dass überhaupt gedacht werden kann, dennoch könne aufgrund der Kenntnis der Funktionsweise des Gehirns nicht auf das Bewusstsein direkt geschlossen werden:

»Aber wenn wir auch zugeben, daß das Zustandekommen des Bewußtseins eine Folge mechanischer Gesetze ist - denn nach einer anderen Arbeitshypo- these, derjenigen der Physiologie nämlich, sind die Gesetze der Gehirntätig- keit im Grunde mechanische Gesetze -, so erklären wir doch nicht im min- desten die Natur des Bewußtseins durch die Annahme dieser Abhängigkeit, und in diesem letzteren Sinn ist unsere Auffassung nicht Materialismus.«25

Auch hier wird wieder deutlich, dass es sich bei William James nur um eine Arbeitshy- pothese handelt, wenn er sagt, dass das Zustandekommen des Bewusstseins eine Folge mechanischer Gesetze sei. D.h. diese Arbeitshypothese ist für die naturwissenschaftliche Psychologie unerlässlich, muss aber noch nicht als letzte Wahrheit gelten. Zum anderen wird auch deutlich, dass das Bewusstsein aufgrund seiner physischen Abhängigkeit nicht vollständig erklärt werden kann. So gibt es neben dem vorher genannten Subjekt-Objekt Dualismus des Bewusstseinsstroms noch den Dualismus von Physis und Psyche. D.h. ei- nerseits gibt es die Naturwissenschaft, die aus methodischen Gründen streng determiniert ist:

»Psychology, however, as a would-be Science must, like every other Science, postulate complete determinism in its facts, and abstract consequently from the effects of free will, even if such a force exist. I shall do so in this book like other psychologists; well knowing, however, that such a procedure, although a methodical device justified by the subjective need of arranging the facts in a simple and scientific form, does not settle the ultimate truth of the free-will question one way or the other. »26

Im Gegensatz zu dieser naturwissenschaftlichen Außenwelt gibt es dann noch die Innenwelt, das Bewusstsein. Hier ist es - da das Bewusstsein nicht vollständig naturwissenschaftlich erklärt werden kann - zumindest möglich, dass Willensfreiheit bestehen könnte. William James ist jedenfalls, nach seiner eigenen Ansicht, in der Psychologie gescheitert. Der freie Wille lässt sich mit der naturwissenschaftlichen Psychologie nicht beweisen. Als einen »Galilei« der Psychologie konnte er sich so nicht bezeichnen.

Es zeigte sich im vorigen Abschnitt, dass sich bei der Psychologie James’ das Bewusstsein und der Subjekt-Objekt-Dualismus als problematisch erwiesen. Diese bilden nun den Themenschwerpunkt in den radikal empirischen Aufsätzen »Does Consciousness exist?« und »A World of Pure Experience«. Es kann jedoch schon jetzt darauf hingewiesen werden, dass die Frage der Freiheit in diesen beiden Aufsätzen nicht direkt bearbeitet wird. Ich denke aber, dass sie auf einer tieferen Ebene mit der Frage nach dem Bewusstsein und dem Subjekt-Objekt Dualismus indirekt zusammenhängt.

Doch zunächst stellt sich die Frage, was der radikale Empirismus überhaupt ist. Wil- liam James bezeichnet seine Philosophie des radikalen Empirismus selber als eine »Welt- anschauung [dt. im Original]«27 - zu diesem Begriff später mehr - und in dem Vorwort zu »The Meaning of Truth« charakterisiert er ihn anhand einem Postulat, einer Tatsachen- feststellung und einer Schlussfolgerung. Ich bin der Meinung, dass diese kurze Umschrei- bung auch schon in dem Aufsatz »A World of Pure Experience« zu finden ist, wenn auch nicht als »postulate«, »statement of fact« und »generalized conclusion« definiert. Deshalb sollen die Zitate der beiden betreffenden Texte kurz gegenübergestellt werden.

Das Postulat lautet, dass

»[...] the only things that shall be debatable among philosophers shall be things definable in terms drawn from experience. (Things of an unexperienceable nature may exist ad libitum, but they form no part of the material for philosophic debate.)«28

Bei dem Aufsatz »A World of Pure Experience« heißt es entsprechend: »To be radical, an empiricism must neither admit into its constructions any element that is not directly experienced, nor exclude from them any element that is directly experienced.«29 Der ra- dikale Empirismus beschäftigt sich dementsprechend also nur mit den Dingen, die auch erfahren werden können. Der radikale Empirismus kommt dabei ohne ein »Absolutes« oder ein »Ding an sich« des Idealismus aus. Trotzdem erwähnt James, dass es durchaus auch Dinge geben könnte, die nicht erfahren werden können. An dieser Stelle wird der Einfluss des Pragmatismus deutlich. Denn wenn unerfahrbare Dinge existieren, die sich nicht auf unser Leben auswirken, dann sind sie für uns auch bedeutungslos. Es macht, pragmatisch gesehen, keinen Unterschied, ob es unerfahrbare Dinge gibt oder nicht.

Die Tatsachenbehauptung ist, dass »[...] the relations between things, conjunctive as well as disjunctive, are just as much matters of direct particular experience, neither more so nor less so, than the things themselves.«30 William James beschreibt den Empiris- mus häufig als das Gegenteil von dem Rationalismus. Einer dieser gegensätzlichen Ei- genschaften ist die, dass der Rationalismus ein System entwirft, das das Ganze erklärt, während der Empirismus dahin tendiert, die Welt als eine Summe von unzusammenhän- genden Teilen zu definieren:

»Rationalism tends to emphasize universals and to make wholes prior to parts in the order of logic as well as in that of being. Empiricism, on the contrary, lays the explanatory stress upon the part, the element, the individual, and treats the whole as a collection and the universal as an abstraction.«31

Bei dem radikalen Empirismus soll nun Ganze wie das Einzelne, bzw. verbindende und trennende Beziehung, gleichrangig betrachtet werden. Dementsprechend könnte man solch eine Philosophie mit so paradox klingenden Namen wie monistischer Pluralismus oder pluralistischer Monismus bezeichnen. William James kritisiert hier nicht nur den Ratio- nalismus, sondern auch den Empirismus, wie er z.B. bei Hume vertreten wird. Bei Hume sind die Dinge »loose and separate«32 und zeigen »no manner of connection«33.

[...]


1 William James: »The Principles of Psychology«, Band 2, S. 313

2 vgl. Joachim Heil: »We live forward, we understand backward«, S. 1

3 »The Letters of William James«, hrsg. von Henry James, 2 Bände, Boston: The Atlantic Monthly Press 1920, S. 152-153 zit. n. Joachim Heil: »We live forward, we understand backward«, S. 2

4 Peter Sloterdijk: »Chancen im Ungeheuren«, S. 22

5 James, William: »Psychology. Briefer Course« (1892), New York: Henry Holt and Company, 1907, S. 456 zit. n. Joachim Heil: »We live forward, we understand backward«, S. 9

6 William James: »Der Pragmatismus - Ein neuer Name für alte Denkmethoden«, S. 9-10

7 ebda., S. XII

8 vgl. ebda., S. 41

9 vgl. Rainer Diaz-Bone und Klaus Schubert: »William James zur Einführung«, S. 32

10 vgl. ebda., S. 33

11 vgl. ebda., S. 30

12 vgl. Christoph Seibert: »Religion im Denken von William James«, S. 33

13 Rainer Diaz-Bone und Klaus Schubert: »William James zur Einführung«, S. 34

14 ebda., S. 38

15 William James: »The Principles of Psychology«, Band 1, S. 224 - 225

16 vgl. Felicitas Krämer: »William James: Zwischen Psychologie und Erfahrungsmetaphysik«, S. 7

17 Rainer Diaz-Bone und Klaus Schubert: »William James zur Einführung«, S. 38

18 Joachim Heil: »We live forward, we understand backward«, S. 4

19 vgl. Rainer Diaz-Bone und Klaus Schubert: »William James zur Einführung«, S. 39

20 ebda.

21 William James: »The Principles of Psychology«, Band 1, S. 218

22 vgl. Christoph Seibert: »Religion im Denken von William James«, S. 25

23 Felicitas Krämer: »William James: Zwischen Psychologie und Erfahrungsmetaphysik«, S. 5

24 Rainer Diaz-Bone und Klaus Schubert: »William James zur Einführung«, S. 43

25 James, William: »Psychology. Briefer Course«, zit. n. Rainer Diaz-Bone und Klaus Schubert: »William James zur Einführung«, S. 42

26 James, William: »Psychology. Briefer Course«, S. 238

27 William James: »Essays in Radical Empiricism«, S. 20

28 William James: »The Meaning of Truth«, S. 8

29 William James: »Essays in Radical Empiricism«, S. 20

30 William James: »The Meaning of Truth«, S. 8

31 William James: »Essays in Radical Empiricism«, S. 20

32 ebda.

33 ebda.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
William James und der radikale Empirismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
William James, Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V286475
ISBN (eBook)
9783656867548
ISBN (Buch)
9783656867555
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
William James, radikaler Empirismus
Arbeit zitieren
Magister Patrick Oliver Müller (Autor), 2011, William James und der radikale Empirismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286475

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Titel: William James und der radikale Empirismus



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