Wie erklärt die RC-Theorie die Höhe der Wahlbeteiligung


Seminararbeit, 2004
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Downs Modell des rationalen Wählens
2.1 Der Rationalitätsbegriff und das Menschenbild bei Downs
2.2 Das rationale Wählermodell
2.3 Die Rolle der Parteien

3. Das Wahlparadox

4. Erklärungsversuche

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Immer wieder wird behauptet, auf eine einzige Wahlstimme käme es nicht an. Bei der Bezirksverordnetenversammlung in Friedrichshain 1999 hatten die Republikaner nach dem vorläufigen Ergebnis 1360 Stimmen und damit die 3%- Sperrklausel überwunden und einen Sitz erhalten. Nach dem endgültigen Ergebnis blieb die Hürde zwar gleich hoch, aber die Republikaner hatten nur noch 1359 Stimmen, fielen damit wieder unter die 3%- Hürde und waren damit ihren Sitz wieder los. (vgl. http://www.statistik-berlin/wahlen/aghbvvwahl-1999/ergebniss/bvv-sitze/bvv-sitze1.asp). Dies ist ein Horrorszenario für jeden rationalen Nichtwähler, der deswegen nicht zur Wahlurne gegangen ist, weil er den Beitrag seiner eigenen Wahlstimme zur Wahlentscheidung aufgrund der großen Anzahl von Wählern sehr gering einschätzte.

Warum gehen Wähler überhaupt zur Wahl, obwohl dies mit Kosten verbunden ist, und der Einfluss einer einzelnen Stimme auf den Ausgang der Wahl verschwindend gering ist, „Nichtwählen“ also unter Umständen die im Sinne der rationalen Theorie bessere Alternative sein kann. Die empirisch beobachtbare Tatsache, dass dennoch ein großer Teil der Bevölkerung an Wahlen teilnimmt, ist als das „Paradox des Wählens“ in die Literatur eingegangen. Herausgearbeitet wurde dieses Paradox von Anthony Downs, in seiner 1957 erschienen Pionierstudie „An economic theory of democracy“, in welcher das Verhalten von Wählern und Partein erklärt werden soll.

In der vorliegenden Arbeit will ich nun näher darauf eingehen, wie die rationalistische Theorie des Wählerverhaltens von Downs die Höhe der Wahlbeteiligung erklärt, bzw. ob sie von ihr überhaupt erklärt werden kann.

Daher will ich zunächst einen theoretischen Rahmen schaffen und im 2. Kapitel das Grundgerüst des Downschen Modells des rationalen Wählens vorstellen, dessen Rationalitätsbegriff und Menschenbild, anschließend tiefergehend auf den rationalen Wähler eingehen. Kurz befassen werde ich mich damit, welche Rolle die Parteien in dem Modell innehaben, da sie bei der Erklärung des „Wahlparadox“ eine geringere Rolle spielen.

Im 3. Kapitel werde ich mich dann dem „Wahlparadox“ widmen: Was versteht man darunter, wie entsteht es, warum wählt der rationale Wähler überhaupt ?

Den Erklärungsversuch von Anthony Downs zum „Wahlparadox“ werde ich im 4. Kapitel darstellen und bewerten. Außerdem gehe ich auf andere Lösungsversuche von verschiedenen Autoren zum „Wahlparadox“ ein. Im 5. Kapitel wird dann ein Fazit gezogen

2. Downs Modell des rationalen Wählers

2.1 Der Rationalitätsbegriff und das Menschenbild bei Downs

Kern der ökonomischen Theorie der Demokratie ist die Annahme der Rationalität. Anthony Downs definierte die ökonomische Rationalität auf folgende Weise: „Ein rationaler Mensch ist einer der sich wie folgt verhält: (1) wenn er vor eine Reihe von Alternativen gestellt wird, ist er stets imstande, eine Entscheidung zu treffen; (2) er ordnet alle Alternativen, denen er gegenübersteht, nach seinen Präferenzen so, dass jede im Hinblick auf jede andere entweder vorgezogen wird oder indifferent oder weniger wünschenswert ist; (3) seine Präferenzordnung ist transitiv; (4) er wählt aus den möglichen Alternativen stets jene aus, die in seiner Präferenzordnung den höchsten Rang einnimmt; (5) er trifft, wenn er vor den gleichen Alternativen steht, immer die gleiche Entscheidung (Downs 1968: 6). Diese Verständnis von Rationalität setzt voraus, dass sich der Wähler seiner Ziele bewusst ist, d.h. er muss Präferenzen besitzen. Diese Präferenzen müssen reflexiv, transitiv und vollständig sein (vgl. Zintl 1989: 53). Downs weist ausdrücklich darauf hin, dass die obige Definition von Rationalität sich auf die Wahl der Mittel zur Befriedigung von Präferenzen bei gegebenen Restriktionen bezieht und nicht auf die Ziele der Handlungen. Downs schränkt den Zielbereich allerdings auf die wirtschaftlichen und politischen Ziele ein. Rational sind deswegen alle Erwägungen, die bei der Auswahl einer Regierung eine Rolle spielen. Ein Wähler zum Beispiel, der zur Vermeidung eines Ehekrachs eine andere Partei wählt, als die von ihm präferierte, muss als irrational betrachtet werden, weil ein solches Verhalten ein politisches Mittel in den Dienst eines nichtpolitischen Zweck stellt (vgl. Downs 1968: 7). Downs schafft so, analog zum berüchtigten „homo oeconomicus“, einen abstrakten „homo politicus“, der den „Durchschnittsmensch innerhalb der Wählerschaft“ (Downs 1968:7) darstellt. Hierbei geht Downs von einem engen Eigenutzaxiom aus, bei welchem dem rationalen Verhalten „primär eigennützige Absichten zugrunde liegen“ (Downs 1968:26). Altruistische Ziele scheinen nach diesem Eigenutzaxiom ausgeschlossen. Doch die „Unterstellung, der Ansatz behaupte, es sei rational ein Egoist zu sein ist falsch“ (Schmitt 1996:115). Downs selbst schreibt, dass der Bürger auch aus Ereignissen Nutzen ziehen könne, „die nur entfernt mit seinem materiellen Einkommen in Beziehung stehen“ (Downs 1968: 36). So würde sich bei einigen Bürgern ihr Nutzeneinkommen schon erhöhen, „wenn die Regierung von ihnen mehr Steuern verlangen würde, um kostenlos Lebensmittel an hungernde Chinesen verteilen zu können“ (Downs 1968: 36). Es ist also ohne weiteres möglich solche altruistische Ziele zuzulassen, ohne die Grundannahmen der rationalen Wählertheorie zu verletzen. „Daß man heute allgemein nicht mehr vom Homo oeconomicus spricht, sondern von Rational-Choice-Theorien, ist ein Hinweis darauf, dass man gerade das eng verstandene Eigennutzaxiom des ursprünglichen Homo oeconomicus nicht mehr akzeptiert“ (Pappi 1996: 239).

2.2 Das rationale Wählermodell

Die Funktion von demokratischen Wahlen ist das Auswählen einer Regierung. Die Randbedingungen dieser demokratischen Wahlen hat Downs wie folgt festgelegt: Die Wahlen müssen in periodischen Abstanden nach den Wahlgrundsätzen und dem Mehrheitsprinzip stattfinden. Mindestens zwei Parteien stellen sich zur Wahl, wobei das Ziel der Parteien der Wahlsieg ist, das Ziel der Regierung die Wiederwahl ist. (vgl. Downs 1968:11). Der rationale Wähler muss nach Downs drei Vorraussetzungen erfüllen: Er muss wissen, welche Ziele er hat, welche Möglichkeiten ihm zur Erreichung dieser Ziele zur Verfügung stehen und welche Folgen die jeweiligen Entscheidungen für eine der Möglichkeiten haben wird (vgl. Downs 1968:202). Wenn der Wähler diese drei Bedingungen erfüllt, gilt er als vollständig informiert. Da nach Downs die Wähler aus den staatlichen Leistungen kontinuierlich „Ströme von Nutzen“ (Downs 1968:35) empfangen, wählt der rationale Wähler nun die Partei, von der er sich den größten Nutzen verspricht. Wie aber erfolgt das Kosten-Nutzen-Abwägen, durch welches der Wähler seine bevorzugte Partei ermittelt ? Downs unterstellt zuerst vereinfachend ein Zwei-Parteien-System nach amerikanischem Vorbild und vergleicht die Erwartungswerte der Nutzeneinkommen, welche er den beiden Parteien zuschreibt. Der rationale Wähler bildet also ein erwartetes Parteiendifferential. Dieses ist definiert als die Differenz zwischen dem Nutzen, den der Wähler vom Sieg der Partei A hat und dem Nutzen, den er sich vom Wahlsieg der Partei B verspricht. Da aber die zukünftigen Leistungen der Parteien für den rationalen Wähler schwer einzuschätzen sind, bildet er zusätzlich das gegenwärtige Parteiendifferential. Dies wird gebildet, indem er vergleicht, was die Regierung ihm in der abgelaufenen Legislaturperiode an Nutzen gebracht hat, mit dem was ihm die Opposition an Stelle der Regierungspartei genutzt hätte. Ist das Parteiendifferential ungleich Null, entscheidet sich der Wähler für die Partei, die ihm den größten Nutzen bringen wird, ist es gleich Null, enthält er sich der Wahl, weil er keinen Nutzen daraus ziehen, kann. Allerdings dürfen die zukünftigen Leistungen, um die es ja bei einer Wahl vor allem geht, nicht unberücksichtigt bleiben. Daher führt Downs zwei weitere Elemente zur Bestimmung des Parteiendifferentials ein: den Trendfaktor und die Leistungsbewertung. Beim Trendfaktor führt der Wähler den gegenwärtigen Trend der Regierung und der Opposition in der Zeit nach den Wahlen fort, er überlegt, ob es positive oder negative Tendenzen in der Politik der Parteien gibt. Das zweite Element, die Leistungsbewertung, tritt nur dann in Erscheinung, wenn der Wähler keine Unterschiede zwischen den Parteien entdecken kann, sein Parteiendifferential also gleich Null ist. Der Wähler „vergleicht das Nutzeneinkommen das ihm tatsächlich zufließt, mit dem was er erhalten würde, wenn die ideale Regierung an der Macht wäre“ (Downs 1968: 42). Anhand der Differenz aus idealer Politik und tatsächlicher Politik beider Parteien, kann der Wähler feststellen, von welcher Partei er wohl eher eine Maximierung seines Nutzeneinkommens erwarten kann. Die Leistungsbewertung verhindert auch, dass der Wähler nicht wählen geht, was er eigentlich tun müsste, wenn sein Parteiendifferential gleich Null ist.

Bis hierher sind wir von einem Zweiparteiensystem und vollständiger Information der Wähler ausgegangen. Komplizierter sind die Verhältnisse im Mehrparteiensystem (vgl. Downs 1968: 46-48). Hier ermittelt der Wähler zuerst die Wahlabsichten der anderen Wähler, um dann abzuwägen, ob seine präferierte Partei überhaupt eine Chance, die Wahl zu gewinnen. Ist dies nicht der Fall, so wählt er möglicherweise eine von ihm weniger präferierte Partei, um zu verhindern, dass eine von ihm abgelehnte Partei gewinnt. Er stimmt also für das „geringste Übel“ (vgl.Falter/Schumann/Winkler 1990:12). Daher muss der Wähler von allen Parteien Informationen sammeln, außerdem muss er nicht nur seine eigenen Präferenzen kennen, sondern auch spekulieren, wie sich die anderen Wähler verhalten werden. „Somit hängt das Urteil des Wählers über jede Partei letztlich ab, (1) von den Informationen, die er über ihre Politik hat, und (2) von der Beziehung zwischen den ihm bekannten Eigenheiten ihrer Politik und seiner Auffassung von der guten Gesellschaft“ (Downs 1968:45). In den meisten Fällen stehen den Wähler gar nicht alle Informationen zur Verfügung. Er muss sich die Informationen also erst beschaffen, was Kosten verursacht. Diese Informationskosten bestehen hauptsächlich aus den Kosten für die Beschaffung von Informationen und den Kosten für Aufnahme und Verarbeitung von Informationen (Zeit- und Opportunitätskosten). Die Beschaffung und Verarbeitung von Informationen müssen jetzt also als zusätzliche Kosten in die Kosten-Nutzenrechnung des Wählers einfließen. Für den rationalen Wähler lohnt es sich daher, nur so viele Informationen zu beschaffen, solange deren Nutzen (die Auswahl der „richtigen“ Partei), die Informationskosten übertrifft. Übersteigen diese Kosten den Grenznutzen, so wird der rationale Wähler aufhören sich zu informieren und sich auf der Basis der bereits gesammelten Daten entscheiden (vgl. Braun 1999:67). Der rationale Wähler versucht daher seine Informationskosten zu senken. Hierbei bekommen die Wähler Hilfe von den Parteien, die Ideologien bereitstellen, durch welche die Wähler ihre Informationskosten senken können (vgl. Downs 1968:110). Ideologien dienen also als „Entscheidungshilfe für den Wähler“ (Fluhrer 1994:72).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Wie erklärt die RC-Theorie die Höhe der Wahlbeteiligung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Theorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V28649
ISBN (eBook)
9783638303675
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
RC-Theorie, Höhe, Wahlbeteiligung, Politische, Theorie
Arbeit zitieren
Kai Adam (Autor), 2004, Wie erklärt die RC-Theorie die Höhe der Wahlbeteiligung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28649

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