Immer wieder wird behauptet, auf eine einzige Wahlstimme käme es nicht an. Bei der Bezirksverordnetenversammlung in Friedrichshain 1999 hatten die Republikaner nach dem vorläufigen Ergebnis 1360 Stimmen und damit die 3%- Sperrklausel überwunden und einen Sitz erhalten. Nach dem endgültigen Ergebnis blieb die Hürde zwar gleich hoch, aber die Republikaner hatten nur noch 1359 Stimmen, fielen damit wieder unter die 3%- Hürde und waren damit ihren Sitz wieder los. (vgl. http://www.statistik-berlin/wahlen/aghbvvwahl-1999/ergebniss/bvv-sitze/bvv-sitze1.asp). Dies ist ein Horrorszenario für jeden rationalen Nichtwähler, der deswegen nicht zur Wahlurne gegangen ist, weil er den Beitrag seiner eigenen Wahlstimme zur Wahlentscheidung aufgrund der großen Anzahl von Wählern sehr gering einschätzte. Warum gehen Wähler überhaupt zur Wahl, obwohl dies mit Kosten verbunden ist, und der Einfluss einer einzelnen Stimme auf den Ausgang der Wahl verschwindend gering ist, „Nichtwählen“ also unter Umständen die im Sinne der rationalen Theorie bessere Alternative sein kann. Die empirisch beobachtbare Tatsache, dass dennoch ein großer Teil der Bevölkerung an Wahlen teilnimmt, ist als das „Paradox des Wählens“ in die Literatur eingegangen. Herausgearbeitet wurde dieses Paradox von Anthony Downs, in seiner 1957 erschienen Pionierstudie „An economic theory of democracy“, in welcher das Verhalten von Wählern und Partein erklärt werden soll. In der vorliegenden Arbeit will ich nun näher darauf eingehen, wie die rationalistische Theorie des Wählerverhaltens von Downs die Höhe der Wahlbeteiligung erklärt, bzw. ob sie von ihr überhaupt erklärt werden kann.
Daher will ich zunächst einen theoretischen Rahmen schaffen und im 2. Kapitel das Grundgerüst des Downschen Modells des rationalen Wählens vorstellen, dessen Rationalitätsbegriff und Menschenbild, anschließend tiefergehend auf den rationalen Wähler eingehen. Kurz befassen werde ich mich damit, welche Rolle die Parteien in dem Modell innehaben, da sie bei der Erklärung des „Wahlparadox“ eine geringere Rolle spielen. Im 3. Kapitel werde ich mich dann dem „Wahlparadox“ widmen: Was versteht man darunter, wie entsteht es, warum wählt der rationale Wähler überhaupt ? Den Erklärungsversuch von Anthony Downs zum „Wahlparadox“ werde ich im 4. Kapitel darstellen und bewerten. Außerdem gehe ich auf andere Lösungsversuche von verschiedenen Autoren zum „Wahlparadox“ ein. Im 5. Kapitel wird dann ein Fazit gezogen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Downs Modell des rationalen Wählens
2.1 Der Rationalitätsbegriff und das Menschenbild bei Downs
2.2 Das rationale Wählermodell
2.3 Die Rolle der Parteien
3. Das Wahlparadox
4. Erklärungsversuche
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht auf Basis der rationalistischen Theorie von Anthony Downs, wie sich die Wahlbeteiligung erklären lässt und ob das sogenannte „Paradox des Wählens“ innerhalb dieses Modells überhaupt eine befriedigende Lösung finden kann.
- Grundlagen der ökonomischen Theorie der Demokratie nach Anthony Downs
- Analyse des rationalen Wählermodells und des Rationalitätsbegriffs
- Die Rolle von Parteien und Informationen im Kalkül des Wählers
- Erläuterung des „Paradox des Wählens“ und dessen Implikationen
- Kritische Würdigung verschiedener Lösungsansätze für das Wahlparadox
Auszug aus dem Buch
3. Das Wahlparadox
Bei all diesen Überlegungen, ist Downs stets von der Annahme ausgegangen, dass jeder Bürger sich so verhält, als würde allein sein Stimme den Ausgang der Wahl entscheiden. „In Wirklichkeit sind aber Hunderte, Tausende, ja sogar Millionen anderer Bürger ebenso wahlberechtigt; daher ist der Stimmzettel des Einzelnen nur ein Tropfen in einem Ozean“ (Downs 1968: 238). Daraus resultiert, dass, wenn der Wähler nur einer unter vielen ist, es nur in den seltensten Fällen einen direkten Zusammenhang zwischen seiner Wahlentscheidung und dem Ausgang der Wahl gibt, nämlich nur wenn seine Stimme ein Patt bricht (vgl. Bürklin/Klein 1998: 125).
Der Wähler muss nun seinen Stimmwert „diskontitieren“, d. h. er berechnet seinen Stimmwert aufgrund seines Parteiendifferential (engl. Benefit: B) und der Wahrscheinlichkeit, dass seine Stimme die Wahl entscheidet ( Probability: p) (vgl. Downs 1968:239). Bei der sehr großen Anzahl von Wahlberechtigten, strebt diese Wahrscheinlichkeit allerdings gegen Null. Daraus ergibt sich, dass „selbst wenn das Parteiendifferential sehr groß ist, [...] das Produkt aus Wahrscheinlichkeit und Parteiendifferential, und damit der Nutzen einer Wahlbeteiligung, gegen Null tendieren, zumindest aber sehr gering sein [dürfte]“ (Kühnel/Fuchs 1998:321). Dies ist solange kein Problem, solange die Wahlteilnahme dem Wähler keine Kosten bereitet. Dann nämlich zieht der Wähler auch noch dann einen Nutzen aus der Wahlteilnahme, wenn die Wahrscheinlichkeit die wahlentscheidende Stimme zu haben sehr gering ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das „Paradox des Wählens“ ein und umreißt die Zielsetzung, die ökonomische Theorie von Downs kritisch auf ihre Erklärungskraft für die Wahlbeteiligung zu prüfen.
2. Downs Modell des rationalen Wählens: Dieses Kapitel erläutert den ökonomischen Rationalitätsbegriff, das Menschenbild des „homo politicus“ sowie die Mechanismen der Kosten-Nutzen-Abwägung bei der Parteienwahl.
2.1 Der Rationalitätsbegriff und das Menschenbild bei Downs: Hier werden die Prämissen der Rationalität definiert und dargelegt, wie Downs den Nutzenbegriff auf politische Ziele einschränkt.
2.2 Das rationale Wählermodell: Dieser Abschnitt beschreibt das Zustandekommen von Parteiendifferentialen und wie Wähler unter Bedingungen von Informationskosten Entscheidungen treffen.
2.3 Die Rolle der Parteien: Es wird analysiert, wie Parteien als Akteure agieren, die primär nach Machterhalt streben und dabei Programme als Mittel zum Zweck nutzen.
3. Das Wahlparadox: Dieses Kapitel thematisiert die Diskrepanz zwischen der rationalen Annahme der Stimmenbedeutung und der empirischen Realität der Stimmabgabe bei geringer Erfolgswahrscheinlichkeit.
4. Erklärungsversuche: Es werden verschiedene Versuche vorgestellt – etwa von Riker, Ordeshook oder Brennan und Lomasky –, das Paradox durch soziologische oder psychologische Erweiterungen des Modells zu lösen.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass das Downsche Modell zwar hohe analytische Stärke besitzt, aber zur Lösung des Wahlparadox auf externe, soziologische Variablen angewiesen bleibt, was die Theorie verwässert.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Rational Choice, Anthony Downs, Wahlbeteiligung, Wahlparadox, Parteiendifferential, homo politicus, Kosten-Nutzen-Analyse, Demokratie, Partizipationswert, Kollektivgut, Politikwissenschaft, Wahlentscheidung, Rationalität, Expressiver Nutzen, Informationskosten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Wahlverhalten aus der Perspektive der ökonomischen Theorie der Demokratie, insbesondere basierend auf dem Modell von Anthony Downs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Annahmen über rationales Handeln von Wählern und Parteien sowie die Frage, warum Bürger trotz geringer Erfolgsaussicht ihrer Stimme wählen gehen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die kritische Untersuchung, ob das Downsche Modell der rationalen Wahl das Phänomen der Wahlbeteiligung erklären kann oder ob es am „Paradox des Wählens“ scheitert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine politikwissenschaftliche und theoretische Analyse durchgeführt, die primär auf der Auswertung der Pionierstudie von Anthony Downs und anschließender fachwissenschaftlicher Kritik basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des rationalen Wählens, das Zustandekommen von Parteiendifferentialen, die Rolle der Parteien und eine Diskussion verschiedener Lösungsansätze für das Wahlparadox.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Rational Choice, das Wahlparadox, Parteiendifferentiale und die kritische Auseinandersetzung mit der ökonomischen Theorie der Demokratie.
Wie definiert Downs den „homo politicus“?
Der „homo politicus“ ist eine abstrakte Figur, die den Durchschnittswähler repräsentiert und der bei seinen Entscheidungen primär eigennützige Absichten verfolgt, um seinen Nutzen zu maximieren.
Warum kritisieren Autoren wie Kirchgässner den Ansatz von Downs?
Die Kritiker bemängeln, dass durch die Einführung von „Befriedigungsfaktoren“ und psychologischen Kosten zur Erklärung des Wahlverhaltens das Modell seine ökonomische Strenge und damit seine empirische Erklärungskraft verliert.
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- Kai Adam (Author), 2004, Wie erklärt die RC-Theorie die Höhe der Wahlbeteiligung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28649