Gibt es in der deutschen Gesellschaft noch Tabus?


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Prolog
1.1 Problemstellung
1.2 Ziele und Aufbau der Arbeit

2. Semantische Analyse des Phänomens Tabu
2.1 Die Entwicklung der verschiedene Definitionen
2.2 Funktionen von Tabus
2.3 Arten von Tabus

3. Qualitative Inhaltsanalyse
3.1 Verschiedene Handlungsakteure zur Darstellung der Methodik
3.2 Motive und Wirkungen von Tabus
3.3 Bezug zur aktuellen Tabuthematik und kritische Analyse der political correctness

4. Auswertung
4.1 Zusammenfassung der Kernthesen
4.2 Kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vorgehensweise

Literaturverzeichnis

1. Prolog

1.1 Problemstellung

Globalisierung und Aufgeklärtheit. Meinungsfreiheit und rationales Denken und Handeln. Die moderne deutsche Gesellschaft erscheint im aktuellen politischen Diskurs als frei, unabhängig und demokratisch. Frei im Sinne von tabulos. Dennoch sind unangenehme Themen und Sachverhalte, wie Antisemitismus oder Sexualität, die gern verschleiert oder durch Euphemismen umgangen werden, keine Seltenheit. Es scheint als wäre das Phänomen in der modernen deutschen Gesellschaft noch immer existent, wenn gleich es einem Bedeutungs- und Wirkungswandel unterzogen wurde. Im Zuge dieser wissenschaftlichen Arbeit soll das Tabu auf seine Aktualität untersucht werden. Dazu wird die Frage beantwortet: „Gibt es in der deutschen Gesellschaft noch Tabus?“ Weiterhin wird erforscht, inwiefern sich Tabus im Alltag widerspiegeln. Des weiteren muss entschlüsselt werden, welche grundsätzliche Bedeutung ihnen zu kommt.

1.2 Ziele und Aufbau der Arbeit

Die wissenschaftliche Arbeit soll zeigen, dass es in der modernen deutschen Gesellschaft tatsächlich Tabus gibt und diese auch in Zukunft bestand haben werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wird zunächst eine semantische Analyse des Phänomens erfolgen, da es zwar im gesellschaftlichen als auch im politischen Diskurs hochfrequent aber dennoch relativ unscharf formuliert ist. Hier soll herausgearbeitet werden, wie sich die Definition von der Entstehung bis heute entwickelt hat. Daraus werden die verschiedenen Funktionen abgeleitet und unter zwei Kategorien subsumiert. Aus diesen beiden Herangehensweisen wird ein gemeinsamer Nenner formuliert. Dieser fungiert als Voraussetzung, um die verschiedenen Arten heutiger Tabus zu charakterisieren. Dies bildet den Abschluss der semantischen Analyse.

Im zweiten Teil erfolgt die qualitative Inhaltsanalyse. Das Thema umfasst eine Fülle von verschiedenem Textmaterial, welches systematisch ausgewertet werden soll, um die vielen Informationen auf das Wichtigste zu reduzieren. Ziel soll es sein, das vorhandene Material so zu dezimieren, dass nur die wesentlichen Inhalte zur Beantwortung der Fragestellung erhalten bleiben. Zunächst wird in diesem Zusammenhang die Methodik heutiger Tabus untersucht.

Darauf aufbauend werden die Motive und Wirkungen der gesellschaftlichen Tabus erläutert um in einem weiteren Schritt sogenannte Tabubrüche und neuere Formen der Tabus kritisch zu reflektieren.

Der letzte Abschnitt dieser wissenschaftlichen Arbeit fasst noch einmal alle Kernthesen zusammen und setzt sich kritisch mit der Vorgehensweise des Autors auseinander.

2. Semantische Analyse des Phänomen Tabu

Der britische Seefahrer und Entdecker Capt´n James Cook (1728-1779), der aufgrund seiner drei Seefahrten in den Pazifischen Ozean weltweite Bekanntheit erlangte, entdeckte auf seinen Reisen viele Inseln , kartografierte und vermaß diese. Im Jahre 1776 trat er seine dritte große Seereise an. Neben Körben, Pflanzen, Tieren, Kleidungsstücken und Keulen brachte er auch das Wort „Ta-pu“ mit. Dieses hatte er erstmals im April 1777 auf den Tonga-Inseln wahr genommen, später auch auf Tahiti und Hawaii. Demnach stammt das Phänomen Tabu ursprünglich aus Polynesien. Cook beschrieb im Lochbuch seines Schiffes, dass Menschenopfer mit „Tangata Ta-pu“ und verbotene Speisen mit „Ta-pu“ bezeichnet wurden.1 Folglich gab es zu jener Zeit bereits eine Unterscheidung in zeitlich begrenzte Tabus: Beispielsweise wurde der Verzehr bestimmter Nahrungsmittel bei drohender Hungersnot oder nach schlechter Ernte auf den Tonga-Insel verboten.2 Übersetzt bedeutet „Ta“ = „kennzeichnen“ und „pu“ soviel wie „sehr, intensiv oder kräftig“. Zusammengefügt bedeutet es „sehr kennzeichnen“.3 Allerdings charakterisiert diese Übersetzung noch keine konkrete Definition. Aus diesem Grund soll im folgenden Abschnitt die Entwicklung des Tabus aus dem polynesischen Zeitalter bis in die heutige Gesellschaft skizziert werden.

2.1 Die Entwicklung der verschiedene Definitionen

Der Duden unterscheidet zwischen zwei Grundbedeutungen. Aus Sicht der Naturvölker steht die sakrale Bedeutung im Vordergrund. Tabus dienen in diesem Zusammenhang religiösen Zwecken. Darüber hinaus bedeutet es die Heilung eines heiligen Menschen oder Gegenstandes mit dem Verbot, ihn anzurühren oder anzublicken.4 Auch Sigmund Freud geht in seiner Definition von Tabus auf die ursprüngliche Bedeutung zurück. Er beschreibt jenes als Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft, die an einer Person oder Sache haftet. Weiterhin führt er aus, dass ein Tabu entweder erworben oder von einem heiligen Priester oder Häuptling übertragen werden kann.5 Hier bleibt das Phänomen allerdings dem heiligreligiösen Bereich zugehörig. Der Bezug zu aktuellen Alltagstabus fehlt in Gänze.

Konkreter und greifbarer wird der zweite Definitionsversuch, der durch das viktorianische Zeitalter geprägt ist. Die von der Industrialisierung und dem wirtschaftlichen Aufschwung geprägte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts erfuhr eine Bedeutungsverschiebung im Sprachgebrauch des Bildungsbürgertums. Das Tabu hatte nun einen profanen Charakter: Innerhalb einer Gesellschaft herrschte das ungeschriebene Gesetz, dass es aufgrund verschiedener Anschauungen verboten sei, bestimmte Dinge zu tun. Mittlerweile hat sich das Tabu zur sittlich konventionelle Schranke gewandelt.6 Den größten Umbruch erfährt das Tabu im 20. Jahrhundert durch den Wandel vom Tat- zum Kommunikationstabu. Diese dritte Definition ist nicht im Duden manifestiert, beschreibt es doch das Phänomen als solches recht klassisch in seiner heutigen Gebrauchsweise. Hierbei handelt es sich um unausgesprochene Regeln für Verhaltensweisen, die nicht zu tun seien. Ferner werden so soziale Handlungsbeschränkungen und strenge Konventionen bezeichnet. Hartmut Kraft formuliert es noch schärfer: Tabus seien Meidungsgebote, die als Mittel der sozialen Kontrolle gesehen werden.7 Diese Definition birgt jedoch eine negative Konnotierung trotz der angestrebten Stabilitäts- und Schutzfunktion. Gleichwohl werden in diesem Zusammenhang Wörter wie „tabulos“, „Tabus brechen“ und „enttabuisieren“ positiv bewertet.

Deutlich wird, dass dieses Phänomen einem ständigen Wandel unterliegt: Tabus verändern sich durch gesellschaftliche Modifikationen.

Allerdings bedingen Tabubrüche auch Veränderungen in der Gesellschaft.8 Als exemplarisches Beispiel dient an dieser Stelle die Schweigespirale, die die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann bereits vor 40 Jahren formulierte: Menschen machen ihre öffentliche Meinungsbildung von der allgemeinen Mehrheitsmeinung abhängig. Das bedeutet, dass sich viele Menschen einer Mehrheitsmeinung anschließen, um gesellschaftliche Isolation zu vermeiden. Die Richtung dieser wird durch öffentliche Personen und die Medien vorgegeben. Die sogenannte Spirale entsteht, wenn diejenigen, die denken ihre Meinung entspräche nicht der Allgemeinen, sich zurückziehen und schweigen. Somit wirkt die andere, bisher weniger präsente Gruppe, stärker und erscheint als Mehrheitsmeinung, ohne dass sie es eigentlich ist. Das wiederum hat zur Folge, dass Themen der sogenannten Minderheiten im öffentlichen Diskurs kaum noch vorkommen, was letztlich wieder bis zur Entstehung eines neuen Tabus führen kann.9

In der Forschungsliteratur und in der Medienwelt finden sich genug Belege, dass Tabus als aktuelle Phänomene in der Moderne gelten. Obwohl die Gesellschaft im öffentlichen Diskurs Aufgeklärtheit propagiert, werden unangenehme Themen verschleiert oder durch sprachliche Umgehungsstrategien bearbeitet. Tabus haben Hochkonjunktur und kommen in allen Gesellschaften vor, ihre öffentliche Wahrnehmung ist jedoch unterschiedlich: was als Tabu gilt, hängt von der jeweiligen gesellschaftlichen Situation ab. Tabus sind demnach kontextabhängig.10

Welche Funktionen Tabus darüber hinaus noch erfüllen und wie sie kategorisiert werden können, soll im nächsten Abschnitt erläutert werden.

2.2 Funktionen von Tabus

Im Zuge der funktionalen Betrachtung muss grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Ansätzen unterschieden werden: die soziologische und die psychoanalytische Bewertung. Erst genante hat den Zweck der Verringerung sozialer Konflikte durch Tabus. Im Kontext dieser soziologischen Interpretation manifestieren sich verschiedenen Funktionen. Beispielweise sollen Tabus Grenzen markieren und somit der Regulierung des sozialen Handelns, Redens und Denkens dienen, ohne das Meidende konkret nennen zu müssen.

Bestimmte Objekte, Institutionen, Themen und Sachverhalte sollen nicht berührt und auch keine Handlungen an ihnen vollzogen werden.11

Eine zweite Funktion ist die Sicherung der Überlebens- und Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft, indem sie Dinge ausblendet, die bedrohlich auf die persönliche Identität und Lebensausrichtungen des Einzelnen und der Gruppe haben könnte. Beispiel hierfür sind Themen wie Tod, Krankheit und die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sie beziehen sich auf zentrale, umfassend zu beschützende Werte der Gesellschaft.12 Der Soziologe Karl Otto Hondrich unterstreicht diese These in seinen „Fünf Prinzipien der Konstitution sozialen Lebens“. Er charakterisiert sein „Tabu-Prinzip“ als ein gesellschaftliches Konstrukt, das nur überlebensfähig sei, wenn bestimmte Dinge im Verborgenen blieben und gleichwohl nicht kommuniziert oder benannt werden würden. „Gruppen und Gesellschaften können nicht bestehen, wenn alle ihre inneren Widersprüche und Übel sich offenbarten. Sie ausdrücklich zu verbieten würde nichts nützen, ja die Sache eher schlimmer machen(...) Demgegenüber verhindert das 'Tabu-Prinzip' mit seinen tiefen Gefühl von Ekel und Abscheu, dass das Böse überhaupt benannt und berührt wird.“13

Auch Hartmut Kraft unterstreicht diese Sichtweise dadurch dass er dem Tabu vorauseilenden Gehorsam zuspricht. Betroffene seien die Gesellschaft und der Staat, sowie die Familie oder eine frei gewählte Gruppe, wie Verein, Clique oder Partei. Kraft betont, dass Gruppen und Gesellschaften nicht bestehen würden, wenn alle Widersprüche und inneren Übel offenbart werden würden.14

Aus soziologischer Perspektive werden durch Tabus bestimmte Themen vor dem gesellschaftlichen Diskurs behütet, dadurch das nicht über diese gesprochen werden darf. Folglich handelt es sich um soziale Regelsysteme, die durch die kollektive Einhaltung forciert werden. Widersetzen sich Gesellschaftsmitglieder diesen Regeln, müssen sie mit Sanktionen, im schlimmsten Fall mit sozialer Ausgrenzung rechnen. An dieser Stelle wird die immense Macht der Tabus verdeutlicht.15

Eine zweite grundlegende Herangehensweise, wenn es um die funktionale Charakterisierung von Tabus geht, ist der psychoanalytische Zugang. Dieser besagt, dass das Individuum seine Bedürfnisse entsprechend seinen Möglichkeiten entwickeln soll, die in seiner Kultur vorgegeben werden. Darüber hinaus soll es gleichzeitig zum Erhalt der Kultur beitragen.

Eine erste Funktion wird durch Sigmund Freuds Untersuchungen zum benannten Phänomen charakterisiert. In seinen Augen dienen Tabus dem Schutz bedeutender Persönlichkeiten (Häuptlinge, Priester) oder der Fürsorge der Schwachen gegen eine mächtige Kraft (Mana) der Häuptlinge und Priester. Weiterhin subsumiert er unter dieser Funktionsweise den Schutz vor diversen Gefahren, wie den Genuss bestimmter Speisen, vor Krankheiten oder sexuelle Tätigkeiten.16

Ein Tabu ist heilig und darf nicht verletzt werden. Hierbei handelt es sich um eine indirekte Thematisierung. Es ist auch nur für diejenigen sinnvoll, die mit ihnen sozialisiert worden sind. 17

Tabuisieren ist ein intrapsychischer als auch interpersonell wirkender psychosozialer Mechanismus. Eine Gruppe definiert vor diesem Hintergrund was zu ihr gehört und was nicht. Diese Funktion dient also der interpersonellen Abgrenzung sozialer Gruppen untereinander. Dadurch wird Identitätsschutz geschafft und Identitätskonfusität verhindert.18

Identitätssicherung ist demnach eine weitere Funktion der psychoanalytischen Betrachtungsweise. Zusammen mit Ritualen und Mythen bilden sie das das Konstrukt zur Gruppenidentität.

[...]


1 Vgl. Kraft, H. (2004): Tabu-Magie und soziale Wirklichkeit, Düsseldorf und Zürich, S. 32

2 Vgl. Kraft, H. (2004): Tabu-Magie und soziale Wirklichkeit, Düsseldorf und Zürich, S. 33

3 Vgl. Hock, K. (1998): Sinn und Unsinn von Tabus, In: Dialog der Religionen, S. 187

4 Vgl. DUDEN (2007), Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Mannheim, S. 1018

5 Vgl. Freud, S.(1925-1928): Totem und Tabu, Leipzig, Wien, Zürich, S. 30

6 Vgl. DUDEN (2007), Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, Mannheim, S. 1018

7 Vgl. Kraft, H. (2004): Tabu-Magie und soziale Wirklichkeit, Düsseldorf und Zürich, S. 40

8 Vgl. Kraft, H. (2004): Tabu-Magie und soziale Wirklichkeit, Düsseldorf und Zürich, S. 10

9 Vgl. Abmeier, K. (2012): Tabus in öffentlichen Debatten. Zur Fragwürdigkeit von verschwiegenen Bereichen., In: ApuZ5-6/2012, S. 37

10 Vgl. Kraft, H. (2004): Tabu-Magie und soziale Wirklichkeit, Düsseldorf und Zürich, S. 10

11 Vgl. Schröder, H./Mildenberger, F. (2012): Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs, In: ApuZ 5-6/2012, S. 42

12 Vgl. Schröder, H./Mildenberger, F. (2012): Tabu, Tabuvorwurf und Tabubruch im politischen Diskurs, In: ApuZ 5-6/2012, S. 43

13 Hondrich, K.O. (2003): Wie sich Gesellschaft schafft-Karl Otto Hondrichs fünf Prinzipien der Konstitution sozialen Lebens, In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.06.2003, Nr. 142

14 Vgl. Kraft, H.(2004): Tabu- Magie und soziale Wirklichkeit, Düsseldorf und Zürich, S. 111

15 Vgl. Ganguin, S./Sander U.(2006): Sensation, Skurrilität und Tabus in den Medien, Wiesbaden, S. 11

16 Vgl. Freud, S.(1925-1928): Totem und Tabu, Leipzig, Wien, Zürich, S. 31

17 Vgl. Freud, S.(1925-1928): Totem und Tabu, Leipzig, Wien, Zürich, S. 30

18 Vgl. Kraft, H. (2004): Tabu-Magie und soziale Wirklichkeit, Düsseldorf und Zürich, S. 14

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gibt es in der deutschen Gesellschaft noch Tabus?
Veranstaltung
SQL04
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V286527
ISBN (eBook)
9783656868125
ISBN (Buch)
9783656868132
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
SQL04, Dr. Hermenau, Wissenschaftstheorie, Tabus, Tabus deutsche Gesellschaft, Wissenschaftstheorie und soziale Forschung, Assignment
Arbeit zitieren
Katharina Putz (Autor), 2014, Gibt es in der deutschen Gesellschaft noch Tabus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286527

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