Moderne Tugendethik. Über „Schweinehunde“ und Robin Hood zu dem Aufsatz von Philippa Foot „Tugenden und Laster“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
19 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Hauptteil
a) Kapitel 1: „a+b+x=Tugend? – Der erste Versuch einer Bestimmung von Tugend
b) Kapitel 2: „Der innere Schweinehund“ – Ein Versuch der näheren Bestimmung der Tugenden als Korrektive
c) Kapitel 3: „Der mutige Mörder“ – Der Zusammenhang zwischen Tugenden und Laster

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Philippa Foot versucht in Ihrem Aufsatz „Tugenden und Laster“ eine Antwort auf die Frage zu geben, was Tugenden sind und wie wir diese in unserer heutigen Welt mit den Lastern, denen die Menschen all zu gern verfallen, in Einklang zu bringen sind.

Im ersten Kapitel wirft sie bereits interessante Fragen auf, die es zu diskutieren gilt. Zum einen sind Tugenden Charaktereigenschaften? Wie kann ich Tugenden von Charaktereigenschaften und anderen Fähigkeiten abgrenzen? Oder wie kann man eine tugendhafte Handlung beschreiben bzw. woran misst man die Beurteilung derer? Im zweiten Kapitel werde ich dann versuchen ihre These zu widerlegen, dass Tugend Korrektive sind, denn Tugenden können doch auch etwas anderes sein als ein Ausgleich eines Motivationsdefizits. Immerhin hat ja nicht jeder einen „Schweinehund“ zu überwinden. Im dritten und letzten Kapitel wird die brisante Frage behandelt, ob es einen ‚mutigen Mörder‘ gibt und wie der Zusammenhang zwischen Laster und Tugend zu beurteilen ist.

Da die Autorin mehrere Fragen und Probleme aufwirft, halte ich es für sinnvoll ihren Aufsatz systematisch zu betrachten und werde mich aus diesem Grund mit den drei Kapiteln separat beschäftigen, um anschließend in meiner Schlussbetrachtung noch einmal meine Antwort auf die Frage zu geben, was einen tugendhaften Menschen ausmacht, worin sich tugendhafte und lasterhafte Handlungen unterscheiden und warum ich genauso gut bin wie Robin Hood.

2. Hauptteil

a) Kapitel 1: „a+b+x=Tugend? – Der erste Versuch einer Bestimmung von Tugend

Philippa Foot beschäftigt sich in dem ersten Teil Ihres Aufsatzes zunächst mit der Frage was Tugenden sind. Dabei nimmt sie Bezug auf Aristoteles und Thomas von Aquin, die beide eine systematische Analyse des Begriffes der Tugend lieferten. Die Verbindung von altruistischen und christlichen Werten scheint bei der heutigen Betrachtung von Tugenden eine große Rolle zu spielen, denn wir leben in einer christlich geprägten Kultur und bestimmte Werte wie Nächstenliebe, Toleranz, Humanität und Wohltätigkeit bestimmen unsere Erziehung und Bildung. Wie es auch Foot vornimmt, muss dabei explizit erwähnt werden, dass sich der Tugendbegriff als solches einem Wandel unterzogen hat. Wir sprechen heute weitestgehend nicht mehr von bestimmten Fähigkeiten und Künsten als Tugend, wie es noch Aristoteles tat.[1]

Um einen Ansatzpunkt zu haben, beschränken wir uns auf die moralischen Tugenden.

Ich kann Philippa Foot in diesem Punkt nur beipflichten, denn sonst könnte man auch positive Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Sauberkeit etc. mit zu den Tugenden zählen. Die Frage ist doch vielmehr, was unterscheidet moralische Tugend von positiven Charaktereigenschaften? Wieso ist Mäßigung eine Tugend, aber Pünktlichkeit nicht? Oder ist Pünktlichkeit doch eine Tugend? Um von vornherein Begriffsverwirrung zu vermeiden, stelle ich die These auf, dass Tugenden keine Charaktereigenschaften sind, da Foot es versäumt, dies explizit zu erwähnen. Sich auf moralische Tugend zu beschränken heißt, nur diejenigen Fragen zu berühren, die moralphilosophische Relevanz besitzen. Nun gilt es die Tugend von den Charaktereigenschaften und anderen Fähigkeiten abzugrenzen.

Foot versucht auf die Frage, was Tugenden sind, mittels unterschiedlicher Herangehensweisen eine Antwort zu finden. Zum einen beschäftigt sie sich mit dem Aspekt der Nützlichkeit und der Notwendigkeit und zum anderen mit dem Aspekt des Willens.

Foot hält fest, dass es Tugenden gibt, die für einen selber und für andere nützlich sind, wie zum Beispiel Mut, Mäßigung und Weisheit. Und es gibt solche, die vor allem anderen dienlich sind, wie Gerechtigkeit und Wohltätigkeit, und kommt zu dem Schluss, dass „[…] sie im allgemeinen etwas Nützliches, ja Notwendiges für ein menschliches Wesen sind, für es selbst und seine Gefährten.“[2] Nun stellt sich einem die Frage, warum und inwiefern sind Tugenden etwas Nützliches bzw. Notwendiges. Die Autorin gibt darauf keine Antwort. Man kann die Eingangsthese nicht bestreiten, dass Mut, Mäßigung etc. nützlich sind. Spenden nützen den ärmeren Menschen durchaus und Mäßigung in puncto Essen, Alkohol ist auch für mich nützlich bzw. dienlich für meinen Körper. Es gibt aber vielerlei andere Charaktereigenschaften oder günstige Körpermerkmale oder Talente, die hilfreich sind, dass heißt die mich auf meinen Lebensweg unterstützen und die auch ebenso anderen helfen. Zum Beispiel habe ich die Charaktereigenschaft spontan zu sein. Diese Flexibilität nützt mir selbst und anderen, da ich mich schnell auf neue Situationen einstellen kann. Oder zu jemands Wesen gehört es, kühl im Sinne von rational zu sein. Dieser Wesenszug kann für ihn den Vorteil bürgen, sich einem Sachverhalt gegenüber distanziert und neutral zu verhalten und kann einen anderen nützen, da er beispielsweise die Fähigkeit besitzt eine Sachlage objektiv beurteilen zu können und somit als objektiver und emotionsloser Ratgeber fungieren kann. Auch körperliche und mentale Fähigkeiten können mir und anderen hilfreich sein. Wenn ich über eine enorme körperliche Stärke verfüge oder über ein bemerkenswertes Gedächtnis, kann ich diese Fähigkeiten zum Nutzen anderer einsetzen. Natürlich sind Tugenden nützlich, vielleicht auch notwendig, aber keineswegs reicht dies aus, um moralische Tugenden von anderen Charaktereigenschaften, Verhaltensweisen, körperlichen und mentalen Fähigkeiten abzugrenzen.[3] An dieser Stelle sollte deutlich werden, dass der Aspekt der Nützlichkeit nicht ausreichend ist, um eine Definition von Tugend zu geben. Auch das Tugend notwendig sind, ist nicht zwingend. Man stimmt im Allgemeinen darin überein, dass sie das menschliche Zusammenleben regeln und erleichtern. Das könne aber Gesetze und Regeln auch, wenn man davon mal absieht, dass die Gesetze aus unseren Moral- und Wertvorstellungen also im weitesten Sinne auch aus unseren Tugenden resultieren. Dennoch ist es nicht zwingend notwendig, dass Tugenden das Zusammenleben einer Gemeinschaft regeln. Denkbar wäre, dass auch eine Gesellschaft von unbarmherzigen Egoisten zum Beispiel überlebensfähig ist. Wenn jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, wägt er auch ab, inwiefern er einem anderen schaden kann, ohne dass ihm dasselbe bzw. ähnliches widerfährt. Und dennoch würden wir sein Verhalten, nur weil er in einer bestimmten Situation niemand geschadet hat, nicht als tugendhaft bezeichnen.

An diesem Punkt angelangt, versucht Philippa Foot mittels des Willens die Tugenden näher zu bestimmen bzw. deren Verhältnis zueinander zu beschreiben und gelangt zu der Einschätzung, dass Tugend sich im Handeln und in der inneren Einstellung zeigt. Dass „moralische[…] Haltungen eines Menschen in erster Linie anhand seiner Absichten beurteilt werden“[4], ist einleuchtend. Immerhin ist es schwer vorstellbar, dass man versehentlich moralisch gut handelt, obwohl man eigentlich etwas moralisch Verwerfliches im Sinn hatte und dann die Handlung als tugendhaft bezeichnet wird. Wenn ich die Absicht hege, mich gegenüber Ärmeren wohltätig zu verhalten, dann tue ich dies wissentlich und absichtlich. Erst dann kann man meine Handlung und auch meine innere Haltung als tugendhaft, als moralisch gut bewerten. Wenn ich zum Beispiel einen Straßenmusiker oder einem Bettler einen 5Euroschein gebe und dieser zufällig der gesuchte Millionenschein einer Radiosendung ist, war es bestimmt nicht meine Absicht, diesen Menschen zum Millionär zu machen. Ganz im Gegenteil, ich werde mich bestimmt über meine Wohltätigkeit bzw. Großzügigkeit ärgern und mir wünschen, ich hätte dem Musiker oder Bettler den 5Euroschein nicht gegeben. Ergo war meine Tat auch nicht tugendhaft. Ich war bestimmt in dem Maße ehrenhaft, da ich wohltätig war und ihn eine warmes Mahl bereiten wollte oder Mitleid empfand oder ähnliches. Meine Absicht war es aber nicht, ihm ein sorgenfreieres Leben zu verschaffen. Da ich dies aber tat, kann meine Handlung nicht als moralisch tugendhaft gewertet werden. Foot spricht von „einer bemerkenswerten Klasse von Fällen, in der doch wieder die Ausführung und nicht die Absicht in der Beurteilung der Tugendhaftigkeit zu zählen scheint“[5] und nennt als Beispiele, jemanden der es gut meint, aber einem anderen ungewollt Schaden zufügt, und jemanden, der schnell und unüberlegt in der Lage ist, sich tugendhaft zu verhalten. Sie nennt es, das „Herz am rechten Fleck“[6] haben, denn der eine ist in seiner Ausführung erfolgreich und der andere eben nicht. Sie kommt zu dem Schluss, dass Tugenden, gemessen an den tiefsten Wünschen und den Absichten eines Menschen, „sich ebenso in der Einstellung wie im Handeln zeigt“[7], doch ist ihr Weg zu der These bedeutender als man zunächst vermutet. In meinen Augen versucht sie einen Konsens zwischen der teleologischen und der deontologischen Beurteilung einer Handlung zu finden. Weder die Handlungsabsicht noch die Handlungskonsequenz ist für sich genommen hinreichend für die moralische Beurteilung einer Handlung. Ich denke wie Foot, dass beide Komponenten miteinander harmonieren müssen. Meine Handlung muss wissentlich, willentlich und im weitesten Sinne moralisch erfolgreich sein, um sie als tugendhaft bewerten zu können. Nur weil man einen „Glückstreffer“ hat, kann man nicht von sich behaupten ein moralisch guter Mensch zu sein. Und auf der anderen Seite nützen die besten und ehrenhaftesten Motive nichts, wenn ich nicht weiß, wie ich diese Ziele erfolgreich umsetzen kann. In beiden Fällen mangelt es mir an der Weisheit, die nach meiner Einschätzung die Grundvoraussetzung aller Tugenden ist, obgleich sie selber zu den Tugenden zu zählen ist. Die Weisheit als Verstandestugend beinhaltet das Wissen, um die richtigen Ziele und den richtigen Weg zu diesen Zielen. Ein weiser Mensch weiß um den Wert bestimmter Ziele, er kennt die Ziele, die an sich zum menschlichen Leben gehören und die erstrebenswert sind, wie zum Beispiel die Wahl der richtigen Lebensweise, Fragen bezüglich Ehe, Kindererziehung, Freundschaft usw.[8]. Ich kann Philippa Foot, die an dieser Stelle auch die Meinung von Aristoteles und Thomas von Aquin vertritt, nur bestätigen. Tatsächlich handelt es sich der der Weisheit um eine Verstandestugend, die nicht nur in Verbindung mit den Verstand zu bringen ist, sondern auch mit Werten und Willen zu tun hat. Denn sie setzt gute Ziele voraus, dass heißt man muss nicht nur wissen wie man Gutes erreichen kann, man muss es auch wollen, und man weiß, dass einige Ziele mehr wert sind als andere. Man kann also sagen, dass Weisheit ein geistiges Erfassen und Beurteilen von Zielen und Mitteln beinhaltet. Da sie sich in dem Punkt von der Klugheit unterscheidet, dass sie als situatives und intuitives richtiges Verhalten gewertet werden kann, hat sie nichts mit Ausbildung an sich zu tun. Mit anderen Worten auch ein ungebildeter, gar dummer Mensch, kann in bestimmten relevanten Lebenssituationen willentlich die richtigen Entscheidungen treffen, einfach aus dem Grund, weil es für ihn moralisch richtig erscheint. Und erst die Weisheit ermöglicht uns die Verbindung zwischen Teleologie und Deontologie herzustellen, denn eine tugendhafte Handlung muss an sich also intrinsisch gut sein und sollte auf ein gutes Ziel gerichtetes Handeln darstellen.

„Wir können also sagen, wem die Weisheit fehlt, der habe ‚falsche Werte‘, und daß Laster wie Eitelkeit und Weltlichkeit und Geiz in bestimmter Weise im Gegensatz zur Weisheit stehen. Sie sind immer mit einer falschen Beurteilung verbunden […].“[9]

Die erste Frage, die sich mir bei dieser Aussage gestellt hat, war, woher nehmen wir diese Beurteilung. Was bedeutet ‚ immer falsche Beurteilung‘? Wenn jemand arm ist, dann kann für ihn eine höhere Lebensqualität mittels Geld durchaus ein erstrebenswertes Ziel sein. Aus diesem Grund ist man doch eher dazu geneigt zu behaupten, dass es immer auf die Perspektive des jeweiligen ankommt. Doch bei genauerer Betrachtung fällt einen auf, dass es egal um wen es sich handelt, es nicht als erstrebenswertes Ziel gelten kann, sich dem Reichtum zu verschreiben. Selbst ein armer Mensch, der nach Geld trachtet, ist lediglich gewillt, überleben zu können, insofern er moralische Werte besitzt. Demnach ist Reichtum etc. in jedem Fall mit einer falschen Beurteilung verbunden. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass Robin Hood kein tugendhafter Mensch gewesen ist, denn auch ihm fehlte die Weisheit, die ehrenwerten Ziele richtig umzusetzen. Man kann nicht Morden und Stehlen mit einem guten Ziel rechtfertigen, da der Zweck nun mal nicht die Mittel heiligt. Hätte Robin Hood einen anderen Weg gefunden, seine durchaus ehrenhaften Ziele umzusetzen, zum Beispiel durch politisches Engagement, so könnte man auch heute sagen, dass er ein wahrhaft tugendhafter Mensch war.

[...]


[1] Vgl. Foot, Philippa: Tugenden und Laster, S.70

[2] Foot, Philippa: Tugenden und Laster, S.72.

[3] Vgl. Foot, S. 72.

[4] Foot, S. 72.

[5] Foot, S. 73.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Foot, S. 74.

[9] Foot, S. 76

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Moderne Tugendethik. Über „Schweinehunde“ und Robin Hood zu dem Aufsatz von Philippa Foot „Tugenden und Laster“
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V286572
ISBN (eBook)
9783656868361
ISBN (Buch)
9783656868378
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moderne, tugendethik, über, schweinehunde, robin, hood, aufsatz, philippa, foot, tugenden, laster
Arbeit zitieren
Melanie Illert (Autor), 2008, Moderne Tugendethik. Über „Schweinehunde“ und Robin Hood zu dem Aufsatz von Philippa Foot „Tugenden und Laster“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/286572

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