Autoren literarischer Texte schreiben für ein Lesepublikum ihrer Zeit, ihres Sprachraums und ihres Kulturraums. Sie verfolgen beim Schreiben der Texte bestimmte kommunikative Absichten, die aus ihrer Persönlichkeit und ihren Lebensumständen heraus zu erklären sind. In einem Text schlägt sich sowohl die Identität des schreibenden Individuums nieder als auch die Lebensbedingungen an einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit. In diesem Umstand liegen grundlegende Probleme des Übersetzens begründet, denn das „Hier-Jetzt-Ich-System“ des zu übersetzenden Textes muss für Leser einer anderen Zeit, eines anderen Ortes und eines anderen Sprach- und Kulturraums verständlich gemacht werden.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 „Wann ist eine Übersetzung richtiger als eine andere?“ Übersetzungsprobleme am Beispiel des Romans Moby Dick
1.1 Das Problem der Wörtlichkeit
1.2 Übersetzungsverfahren nach der stylistique comparée
1.3 Übersetzen als sprachliches Handeln
1.4 Adäquatheit und Zweck einer Übersetzung
1.5 Lexikalische Probleme unter dem Aspekt des reproduzierenden Handelns
2 Übersetzen als kultureller Transfer am Beispiel des Romantitels Tee im Harem des Archimedes
2.1 Das Original verstehen
2.2 Leserangemessenes Übersetzen
3 Übersetzen von Situationen am Beispiel des Romananfangs von Le thé au harem d’Archi Ahmed
4 Verschränkung von Diskurs und Text am Beispiel von Mark Twains Adventures of Huckleberry Finn
4.1 Zur Definition von Diskurs und Text
4.2 Imitierte gesprochene Sprache übersetzen
5 Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Problemstellungen des literarischen Übersetzens unter Berücksichtigung handlungstheoretischer Ansätze. Ziel ist es, aufzuzeigen, dass sprachpaarbezogene Übersetzungsschwierigkeiten untrennbar mit pragmatischen Faktoren – wie der Kommunikationssituation und den Erwartungen der Zielgruppe – verbunden sind und nur in diesem Kontext adäquat analysiert werden können.
- Analyse von Übersetzungsproblemen anhand konkreter literarischer Beispiele (u.a. Moby Dick, Le thé au harem d’Archi Ahmed, Adventures of Huckleberry Finn).
- Kritische Auseinandersetzung mit der Übersetzungskritik von Dieter E. Zimmer und dem Modell der stylistique comparée.
- Untersuchung des Übersetzens als sprachliches Handeln innerhalb zerdehnter Kommunikationssituationen.
- Erörterung der Balance zwischen Textorientierung (Wörtlichkeit) und Rezipientenorientierung (Lesbarkeit).
Auszug aus dem Buch
1.3 Übersetzen als sprachliches Handeln
Obwohl die stylistique comparée Handlungsbezüge aufweist, erweist sie sich bei genauerer Betrachtung doch im linguistischen Strukturalismus verwurzelt. In strukturalistischer Perspektive wird Sprache als System von Zeichen aufgefasst, indem die einzelnen sprachlichen Zeichen lediglich in Beziehungen zueinander treten und es innerhalb der sprachlichen Zeichen Beziehungen von Bedeutungsteilen (Semen) gibt. In einer strukturalistischen Betrachtungsweise von Übersetzungen werden sprachliche Strukturen des Ausgangstext mit entsprechenden Strukturen im Zieltext verglichen, ohne jedoch die kommunikative Situation zu reflektieren, in der ein Text produziert und rezipiert wird.
Das, was in dem oben erwähnten Zitat von Cicero angeklungen ist, das nämlich Texte von Autoren produziert werden und mit gewissen Wirkungsabsichten für ein Publikum geschrieben werden, wird in der strukturalistischen Textlinguistik – wie der stylistique comparée – nicht beachtet.
In der linguistischen Pragmatik wird aber bei der Betrachtung von sprachlichen Phänomenen die kommunikative Situation mit einbezogen. Sprachliche Produkte werden als Ergebnisse von kommunikativen Handlungen betrachtet. In der von Austin (1962) und Searle (1970) entwickelten Sprechakttheorie steht die Logik von Äußerungsakten im Mittelpunkt des Interesses.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung legt die handlungstheoretische Grundlage fest, indem sie Übersetzen als komplexes pragmatisches Problem in einer „zerdehnten Sprechsituation“ definiert.
1 „Wann ist eine Übersetzung richtiger als eine andere?“ Übersetzungsprobleme am Beispiel des Romans Moby Dick: Dieses Kapitel vergleicht zwei Neuübersetzungen von Moby Dick und untersucht die Spannung zwischen Wörtlichkeit und Lesbarkeit anhand von Zimmers Übersetzungskritik.
2 Übersetzen als kultureller Transfer am Beispiel des Romantitels Tee im Harem des Archimedes: Hier wird analysiert, wie kulturelle Anspielungen und Wortspiele im Titel in Abhängigkeit vom Wissen der Zielgruppe übertragen werden.
3 Übersetzen von Situationen am Beispiel des Romananfangs von Le thé au harem d’Archi Ahmed: Dieses Kapitel untersucht, wie Übersetzer durch die mentalen Prozesse des Lexifizierens und Delexifizierens den situativen Kontext des Romans in den Zieltext übertragen.
4 Verschränkung von Diskurs und Text am Beispiel von Mark Twains Adventures of Huckleberry Finn: Die Analyse konzentriert sich auf die Herausforderungen bei der Übersetzung von imitiertem Mündlichkeitsstil und rhetorischen Figuren in einem schriftlichen Text.
5 Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass Übersetzen ein dynamischer Prozess ist, bei dem zwischen den Extremen der Text- und Rezipientenorientierung hin- und hergependelt werden muss.
Schlüsselwörter
Literarisches Übersetzen, Übersetzungstheorie, pragmatische Sprachwissenschaft, Handlungstheorie, stylistique comparée, Moby Dick, Huckleberry Finn, Wörtlichkeit, Adäquatheit, Kommunikationssituation, Rezipientenorientierung, Textlinguistik, Sprachliches Handeln, Kulturtransfer, Übersetzungskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen und praktischen Problemen des literarischen Übersetzens und argumentiert für eine handlungstheoretische Betrachtungsweise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Wörtlichkeit gegenüber der Leserorientierung, der kulturelle Transfer und die Herausforderung, die Kommunikationssituation des Ausgangstextes in die Zielsprache zu übertragen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass Übersetzen kein rein struktureller Vergleich von Sprachzeichen ist, sondern eine zielgerichtete sprachliche Handlung, die stets den Kontext und die Erwartungen des Zielpublikums berücksichtigen muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine sprachkontrastive Methode und greift dabei insbesondere auf die funktionale Pragmatik sowie die Ansätze der stylistique comparée zurück.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert konkrete Übersetzungsbeispiele aus den Romanen Moby Dick, Le thé au harem d’Archi Ahmed und Huckleberry Finn, um die theoretischen Thesen an der Praxis zu prüfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind handlungstheoretisches Übersetzen, kommunikative Zwecke, Adäquatheit, sprachliche Prozeduren, diskursanalytische Ansätze und kultureller Transfer.
Warum ist die Übersetzung von Mark Twains Huckleberry Finn besonders schwierig?
Die Schwierigkeit liegt in der imitierten Mündlichkeit der Ich-Erzähler-Figur, die stark gegen schriftsprachliche Normen verstößt, um eine authentische, unmittelbare Sprechsituation zu erzeugen.
Wie bewertet der Autor die Übersetzungskritik von Dieter E. Zimmer?
Der Autor kritisiert Zimmers Ansatz als zu eng, da dieser den Kontext und die komplexen handlungsbezogenen Anforderungen an literarische Übersetzungen vernachlässige und mit starren Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“ arbeite.
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- Christian Weiß (Author), 2002, Probleme des Übersetzens: Literarische Übersetzungen. Beispiele aus den Sprachen: Deutsch, Französisch und Englisch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28666