Ungeliebt von seiner Angebeteten verfällt der Autor der ‚Sauferei’ und ‚Fresserei’ und verliert darüber seine Seele. Das Ende vom Lied: Liebesmühe lohnt sich nicht! So könnte der heutige Leser Steinmars »Herbstlied« als simple ‚Anti’-Liebesdichtung verstehen. Dabei würde er freilich die Eigenart der spätmittelalterlichen Liebeslyrik verkennen, denn Minnesang ist vor allem hoch artifizielle Standesdichtung und keine »Erlebnislyrik«. Das so genannte »Herbstlied« bildet als Beispiel für den Minnesang des 13.Jahrhunderts den Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Dieser Text ist einem Lied(?)uvre bestehend aus 14 Liedern, welches unter dem Autornamen Steinmar im Codex Manesse gesammelt wurde, entnommenen. Es handelt sich um ein in der Form der Minnekanzone gehaltenes fünfstrophiges Gedicht. Es ist das früheste Lied dieser Art in der mittelhochdeutschen Literatur, in dem offenbar die herbstlichen Freuden über Mai und Minne gestellt werden. Die Lieder Steinmars sind einzig in der im Vergleich zu den beiden anderen Liederhandschriften A und B repräsentativer und schmuckreicher ausgestatteten Handschrift C überliefert. Dem Steinmar-Korpus, der variantenreich die wesentlichen Merkmale zeitgenössischen Minnesangs enthält, ist eine Miniatur vorangestellt, die sich offensichtlich am ersten Lied – dem »Herbstlied« – orientiert. Bereits diese zeitgenössische Darstellung und die Initialstellung des Liedes lassen eine gewisse Rezeptionshäufigkeit und Bedeutsamkeit zumindest innerhalb des Steinmar Korpus vermuten.2
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1 DAS »HERBSTLIED«
1.1 EINE ÜBERSETZUNGSVARIANTE
1.2 ABWEICHUNGEN
2. INTERPRETATION
2.1 INNERE KOMMUNIKATIONSEBENE – INTERNE SPRECHSITUATIONEN
2.1.1 Das implizite Publikum - die Minnesangsthematik
2.1.2 Der personifizierte Herbst – das Motiv der Jahreszeiten
2.1.3 Der Wirt – Völlerei und Schlemmerei
2.1.4 Zusammenspiel der Ebenen – mîn sêle ûf eime rîppe sât
2.2.ÄUßERE KOMMUNIKATIONSEBENE - REZEPTIONSEBENE
3. QUELLENFORSCHUNG – LITERARISCHE TRADITIONEN
3.1 DER MINNESANG
3.2 DIE MITTELLATEINISCHE LITERATUR
3.3 VOLKSTÜMLICHE GATTUNGEN
3.4 RESÜMEE
4. SCHLUSSBETRACHTUNG
5. LITERATUR
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht Steinmars »Herbstlied« als komplexes Gattungsexperiment, das durch die Parodie höfischer Konventionen und die Integration ludischer Elemente einen Metadiskurs über die Funktion von Minnesang und Sängertum führt. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Rolle des Sängers in einer inszenierten Aufführungssituation und die Funktionalität des Textes innerhalb des Minnesangs des 13. Jahrhunderts.
- Analyse der inneren und äußeren Kommunikationsebenen des Liedes.
- Untersuchung der Rollenkonstitution des Sängers (Minner vs. Luderer).
- Deutung der satirischen Überzeichnung und des parodistischen Gattungsbezugs.
- Einordnung in die literarischen Traditionen (mittellateinische Literatur und volkstümliche Gattungen).
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Das implizite Publikum - die Minnesangsthematik
Sît si mir niht lônen wil der ich hân gesungen vil, seht sô wil ich prîsen den der mir tuot sorgen rât, herbest, der des meien wât vellet von den rîsen. ich weiz wol, ez ist ein altez mære daz ein armez minnelîn ist rehte ein marterære. seht, zuo den was ich geweten: wâfen! die wil ich lân und wil inz luoder treten.
Das fünfstrophige Lied setzt mit einer „programmatischen, minne- und minnesangskritischen Wendung“ ein, indem es mit einer konventionellen Klage über ungelohnten Minnedienst eröffnet wird – sît si mir niht lônen wil / der ich hân gesungen vil. Nach Ausbleiben des Lohnes für den geleisteten Minnedienst kündigt das Ich seine Hinwendung zu einer neuen Instanz an, die ihm sorgen rât [tuot] und beschließt daher ins luoder zu treten.
Der zentrale Sprecher aktiviert durch die ersten Verse textintern das traditionelle Minnemodell und kennzeichnet somit zum einen die Rolle des fiktiven Publikums als höfische Gesellschaft und definiert zum anderen die Sprecher-Rolle gattungsspezifisch als Sänger-Rolle - der ich hân gesunden vil – und zugleich als Rolle des Liebenden. Die Ich-Rolle des Liebenden wird ganz in der Tradition des hochhöfischen Minnesangs in der Rollenvariation des „für seinen Dienst Lohn Fordernden“ eingeführt - sît si mir niht lônen wil.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Einführung in die Thematik des »Herbstliedes« als parodistisches Gattungsexperiment im Kontext der mittelhochdeutschen Liebeslyrik.
1 DAS »HERBSTLIED«: Präsentation der neuhochdeutschen Übersetzung und Erörterung signifikanter Abweichungen im Vergleich zu anderen Textfassungen.
2. INTERPRETATION: Detaillierte textimmanente Analyse der Rollenkonstellationen und der Kommunikationsstrukturen innerhalb des Liedes.
3. QUELLENFORSCHUNG – LITERARISCHE TRADITIONEN: Untersuchung der literarhistorischen Bezüge zum Minnesang, zur mittellateinischen Literatur und zu volkstümlichen Gattungen.
4. SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Einordnung der Rolle des »Herbstliedes« innerhalb des Minnesangs.
5. LITERATUR: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten und herangezogenen wissenschaftlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Minnesang, Steinmar, Herbstlied, Rollenlyrik, Gattungsdiskurs, Luder, Minne, Völlerei, Aufführungssituation, Parodie, Kommunikationsebene, Mittelalter, mittelhochdeutsche Literatur, Sängertum, delectatio.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Steinmars »Herbstlied«, einem Minnesang des 13. Jahrhunderts, der durch seine kritische und parodistische Auseinandersetzung mit der höfischen Gattungstradition hervorsticht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Rollengestaltung des lyrischen Ich, die Funktion des Herbstes als neue normative Instanz und die Darstellung der Völlerei im Gegensatz zum höfischen Minnedienst.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, durch die Analyse der inneren und äußeren Kommunikationsebenen zu zeigen, dass das »Herbstlied« keine bloße Abkehr vom Minnesang darstellt, sondern einen lebendigen Gattungsdiskurs praktiziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird der methodische Ansatz der pragmatischen Kommunikationstheorie gewählt, um zwischen Textebene, Aufführungssituation und Rezeptionsebene zu differenzieren.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine textimmanente Interpretation der Rollen und Kommunikationssituationen sowie eine fundierte Quellenforschung zur Verortung des Liedes in der literarischen Tradition.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Minnesang, Rollenlyrik, Gattungsdiskurs, Herbst-Mai-Antithese, ludische Lebensform und die Funktion der delectatio (Unterhaltung) gegenüber dem prodesse (Nutzen).
Wie unterscheidet sich Steinmars »Herbstlied« von anderen Minneliedern?
Es bricht mit traditionellen Gattungskonventionen, indem es den Herbst und das „Luderleben“ anstelle von Minne und Maidienst als prägende, jedoch ironisch überzeichnete Leitinstanzen einführt.
Welche Bedeutung hat das Abschlussmotiv der auf einer Rippe sitzenden Seele?
Das Motiv markiert den pointierten Abschluss, der in der Forschung unterschiedlich als bloßes Bild der Völlerei, surrealistische Karikatur oder als Zeichen für den Verzicht auf das Seelenheil gedeutet wird.
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- Cornelia Kopitzki (Author), 2004, Minnesang - Steinmars "Herbstlied", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28671