Jugend und Gewalt. Abweichendes Verhalten von Jugendlichen


Hausarbeit, 2003

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 BEGRIFFSBESTIMMUNG
2.1 Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)
2.2 Christian Pfeiffer/Peter Wetzels und der EPSB
2.3 Jürgen Mansel und Klaus Hurrelmann
2.4 Siegfried Lamnek
2.5 Kurt Möller

3 SOZIOLOGISCHE THEORIEN ABWEICHENDEN VERHALTENS
3.1 Sozialstruktur:
3.1.1 Anomietheorie
3.1.2 Subkulturtheorie
3.1.3 Labeling-Approach
3.2 Sozialisation
3.2.1 Theorie des differenziellen Lernens
3.2.2 Theorien sozialer Kontrolle

4 empirische BEFUNDE
4.1 Hellfeldforschung; PKS als Datenbasis
4.2 Gewaltkriminalität nach Struktur der jugendlichen Täterschaft
4.2.1 geschlechtsspezifisch
4.2.2 altersspezifisch
4.2.3 bildungsspezifisch
4.2.4 nationalitätsspezifisch
4.3 Einflüsse der Sozialisationsbereiche
4.3.1 Familie
4.3.2 Schule
4.3.3 Gleichaltrigengruppen / Peergroups

5 Schlussbetrachtung

6 LITERATUR

7 Abbildungsverzeichnis

8 Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Abweichendes Verhalten von Jugendlichen" befasst sich die vorliegende Ausarbeitung mit einer speziellen Form abweichenden Verhaltens Jugendlicher: der Jugendgewalt.

Dafür ist in einem einführenden Teil eine Darstellung der unterschiedlichen Auffassung von Gewalt notwendig. Hierbei werde ich mich zum einen auf die Polizeiliche Kriminalstatistik[1] beziehen und zum anderen auf einige empirische Untersuchungen wie sie unter anderem Christian Pfeiffer und Peter Wetzels, Jürgen Mansel und Klaus Hurrelmann und Siegfried Lamnek durchgeführt und ausgewertet haben.

Des weiteren ist aufgrund der Fülle an Erklärungsansätzen bzgl. abweichenden Verhaltens Jugendlicher und des Fehlens einer allgemeingültigen wissenschaftlichen Theorie der Gewalt eine Darstellung verschiedener theoretischer Ansätze notwendig. Diese ist in knapper Form gehalten und arbeitet die jeweiligen grundlegenden Überlegungen aus. Im Anschluss werden einige Ergebnisse wissenschaftlicher Analysen bzw. empirischer Untersuchungen einleitend aufgeführt. In Anlehnung an die überblicksartige Darstellung der Forschungsbefunde durch Kurt Möller, die teilweise zusätzliche Ergänzungen erfahren, wird die Täterstruktur jugendlicher Gewalt unter ausgewählten Gesichtspunkten und Einflussfaktoren bestimmter Sozialisationsbereiche beschrieben.

Es handelt sich dabei nicht um eine reine Reproduktion der einzelnen Studienergebnisse, sondern um eine strukturierte und zum Teil zusammenfassende Darstellung. Da die angeführten Untersuchungen teilweise zu übereinstimmenden Erkenntnissen gelangen, wird entsprechend des jeweiligen Focus eine Studie stellvertretend aufgeführt. Sind Abweichungen bzw. neue Befunde/Zusammenhänge erkennbar, werden diese vergleichend dargestellt. Überwiegend sind verwendete Schaubilder dem Ersten Periodischen Sicherheitsbericht Bundesministeriums für Sicherheit entnommen.

Im abschließenden Kapitel werde ich nochmals die Bezüge zur jeweiligen Theorie, die als Erklärung des Phänomens beitragen könnten, herstellen und einige allgemeine Überlegungen zu möglichen Präventions- und Interventionsmaßnahmen vorstellen.

2 Begriffsbestimmung

In der öffentlichen Diskussion wird der Gewaltbegriff nahezu inflationär und undifferenziert gebraucht, so dass nicht immer deutlich wird, was genau gemeint ist, wenn man von Gewalt, Gewaltbereitschaft o.ä.m. spricht (vgl. Möller 2001:11).

Ebenso legen verschiedene Untersuchungen unterschiedliche Definitionen des Terminus „Gewalt" zugrunde, was es notwendig macht, diese im Folgenden näher zu beschreiben.

2.1 Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)

In der PKS[2] erfolgt aus der Notwendigkeit einer eindeutigen Erfassung eine Eingrenzung des Gewaltbegriffs auf bestimmte Straftatbestände.

Aufgrund einer Bund-Länder-Vereinbarung des Jahres 1983 werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik unter dem Begriff „Gewaltkriminalität" eine Reihe von Delikten zusammengefaßt, die der schweren oder zumindest mittelschweren Kriminalität zuzurechen sind. Folgende Straftatbestände werden darunter subsumiert:

Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, Raub, räuberische Erpressung, räuberischer Angriff auf Kraftfahrer, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriff auf den Luft- und Seeverkehr (EPSB 2000: 41).

Es werden mit dieser Definition allerdings nicht alle Straftaten erfaßt, bei denen Gewalt angewandt wird. Zum einen fehlen im Hinblick auf personenbezogene Gewaltdelikte die Nötigung oder die einfache Körperverletzung. Nicht Bestandteil dieser Definition sind ebenfalls sexueller Kindesmissbrauch und gegen Sachen gerichtete Gewalt (Sachbeschädigung). Es wird somit nicht die jeweilige Tatschwere des einzelnen Falles als entscheidendes Kriterium genommen, sondern die juristische Zuordnung zu einem bestimmten Straftatbestand.

Durch die Eingrenzung der Gewaltdefinition auf die o.g. Delikte erfolgt eine Beschränkung auf einen Teilbereich der personenbezogenen Gewalt. Verbale und psychische Gewalt werden somit kaum erfasst (vgl. EPSB 2000: 41f.).

2.2 Christian Pfeiffer/Peter Wetzels und der EPSB 2000

Sowohl die Analysen aktueller Forschungsbefunde von Pfeiffer und Wetzels (1999) als auch der Erste Periodische Sicherheitsbericht des Bundesministerium des Innern und Bundesministerium der Justiz (2000) nehmen Bezug auf die Schülerbefragung des Kriminologischen Instituts Niedersachsen[3].

Als Basis der Überlegungen von Pfeiffer/Wetzels (1999: 3) werden Aktenanalysen vorgenommen, die polizeilichen Statistiken ausgewertet und ergänzend die KFN-Schülerbefragung bezüglich selbstberichteter Delinquenz berücksichtigt. Daher liegt hier eine Auffassung des Terminus im Sinne der PKS vor (vgl. EPSB 2000: 560).

2.3 Jürgen Mansel und Klaus Hurrelmann

Gewalt wird in der öffentlichen Diskussion vor allem als körperliche Aggression angesehen - als Zuschlagen, Bedrohen, Beschädigen.

Mansel und Hurrelmann (1998) führten ihre Untersuchungen[4] in Bezug auf aggressives Verhalten und Eigentumsdelinquenz durch. Ziel des Projektes war es, „Problemverhaltensweisen in einen Zusammenhang mit der sozialen Lebenssituation zu stellen." (Mansel/Hurrelmann 1998: 86). Aggressives Verhalten wurde in der Befragung in Anlehnung an die Begrifflichkeiten des StGB operationalisiert: Sachbeschädigung, Körperverletzung, Erpressung und Raub. Zu den Eigentumsdelikten wurden Angaben zum einfachen Diebstahl, schweren Diebstahl, Einbruchsdiebstahl und Urkundenfälschung gemessen.

2.4 Siegfried Lamnek

Siegfried Lamnek differenziert in seiner Analyse „Jugendgewalt in unserer Gesellschaft" verschiedene Formen des Phänomens „Gewalt". Er kategorisiert nach „Art der Akteure", „Zahl der Akteure", „Unmittelbarkeit der Gewalt", „Zweck der Gewalt", „Art der Gewalt", „Rechtsform", „Akzeptanz" und „Vorsatz" (vgl. Lamnek 2000: 240).

In seinen Ausführungen versteht er Gewalt als „zielgerichtete, intentionale, direkte, physische, psychische oder soziale Schädigung, deren Illegalität sich aus der gesellschaftlichen Beurteilung, aus Merkmalen des Täters, des Opfers und den Definitionen der sozialen Kontrollinstanzen ergibt." (Lamnek 2000: 240). Somit werden Gewalttaten, die nicht von der PKS erfasst werden, sondern auch alltägliche Formen der Gewalt, unter diesem Begriff subsummiert.

Um den Begriff eindeutiger und übersichtlicher für die durchgeführte Längsschnittstudie in Bayern[5] messbar zu machen, wurde dieser in „verbale, psychische, physische und Gewalt gegen Sachen“ (Lamnek 2000: 241) unterteilt und mittels 23 verschiedener Items erhoben.

2.5 Kurt Möller

Auch Kurt Möller (2001) weist in seinen Überlegungen zur Jugendgewalt auf die Notwendigkeit einer zumindest „grobe[n] Rasterung des Problemfeldes" hin. Er trennt den Gewaltbegriff in „Gewalttätigkeit" und „gewaltbefürwortende Einstellungen" und bezieht dabei die „Positionierungen zu fremdausgeübter Gewalt" (Möller 2001: 12) ein.

Der Focus seiner Studie, die einem qualitativen Forschungsinteresse folgt, liegt nicht allein auf der Gewaltanwendung im Sinne einer physischen Schädigung, sondern ergänzend auf Gewalt verbaler und psychischer Formen (vgl. Möller 2001: 12).

3 Soziologische Theorien abweichenden Verhaltens

Eine allgemeingültige wissenschaftliche Theorie des Phänomens „Gewalt", insbesondere eine, die auf Gewaltbereitschaften und Gewalthandlungen speziell von Jugendlichen rekurriert, gibt es nicht. Verschiedene Disziplinen bemühen sich um Erklärungsansätze mit jeweils unterschiedlichem Focus. Sie lassen sich nach ihrer zentralen Operationsebene unterscheiden. Vor allem steht im Umfeld der Psychologie das Individuum (Mikroebene) im Mittelpunkt der Analysen. Im weitesten Sinne kann man sagen, dass psychologische Ansätze versuchen, Delinquenz vor allem durch pathologische Persönlichkeitsentwicklungen zu erklären.

Des weiteren findet man Ansätze, die sich hauptsächlich um sozial­strukturelle Faktoren bemühen und solche, die den sozialen Prozess als Schwerpunkt analysieren im Bereich der Soziologie (vgl. Möller 2001: 52). Bezugnehmend auf die Unterteilung nach Kurt Möller werden im Folgenden Theorien, die zum einen auf die Sozialstruktur und zum anderen auf die Sozialisation fokussieren, vorgestellt (vgl. Möller 2001: 61ff.).

3.1 Sozialstruktur:

Der Kern der Argumentation folgender Theorien liegt vorwiegend in der Bezugnahme auf individuelle oder sozialstrukturelle Bedingungsmomente von Delinquenz, Devianz und Gewalt.

3.1.1 Anomietheorie

Der Begriff Anomie (Zustand der Normlosigkeit, Regellosigkeit) wurde von Durkheim zur Erklärung sozialer Desintegrationserscheinungen im Zusammenhang mit der wachsenden Arbeitsteilung in kapitalistischen Industriegesellschaften eingeführt. In Fortsetzung der Durkheimschen Überlegungen hat Robert K. Merton (1938) eine detaillierte Typologie abweichenden Verhaltens erstellt. Gesellschaftliche Anomie ist das Ergebnis des Auseinanderklaffens von allgemeinverbindlichen gesellschaftlichen Zielen und der sozialstrukturell unterschiedlichen Verteilung der legitimen Mittel, mit denen diese Ziele erreicht werden können. Folge des Auseinaderklaffens ist eine Desorientierung des Einzelnen, der eine (zumeist individuelle) Anpassungslösung suchen muss, die laut Merton in folgende vier Reaktionen mündet: Innovation, Ritualismus, Rückzug oder Rebellion (vgl. Möller 2001: 62f.).

Besteht ein Ungleichgewicht zwischen Werten und Normen und den sozialstrukturell unterschiedlich verteilten Mitteln diese zu erreichen, wird abweichendes Verhalten provoziert. Es sind laut Theorie gesellschaftliche Bedingungen, die den Einzelnen zur Abweichung bringen.

Diese Theorie hat aber unter anderem keine Erklärung für unterschiedlich individuelles Verhalten unter gleichartigem Anomie“druck“. Daher wurde sie von Cloward und Ohlin (1960) dahingegen erweitert, dass sie die „individuell verschiedenen Intensitäten der Ziel- bzw. Normenverfolgung“ (Möller 2001: 64) und Gelegenheitsstrukturen berücksichtigen. Die Wahrscheinlichkeit devianten Verhaltens steigt sobald eine hohe Zielaspiration gekoppelt mit geringen Chancen der Zielerreichung und dem Zugang illegitimer Möglichkeiten besteht.

3.1.2 Subkulturtheorie

Die Subkulturtheorien akzentuieren besonders stark die Bedeutsamkeit des unmittelbaren sozialen Umfeldes, d.h. sie sind auf Sozialisationsprozesse gerichtet.

Subkulturtheorien gehen davon aus, dass einer Bildung abweichender Jugendgruppen als Versuch zur kollektiven Lösung von Statusproblemen gewertet werden kann. Zu einer Formation in Gruppen mit alternativen Werten und Lebensstilen führen ökonomische Benachteiligung, eine an der Mittelschicht orientierte Sozialisation in Schulen und ähnlichen institutionalisierten Sozialisationsinstanzen und ein Mangel an Chancengleichheit, konventionelle Ziele zu erreichen. Jene Gruppen lehnen sich stark an traditionelle Werte der Unterschicht an, z.B. ,Härte’, ,Männlichkeit’, usw. (vgl. Möller 2001: 65).

[...]


[1] Im Folgenden wird das gängige Kürzel PKS verwendet.

[2] In der PKS werden jeweils in einem Jahr seitens der Polizei registrierte Personen, die verdächtigt werden, eine Straftat ausgeführt zu haben, statistisch erfasst.

[3] Im Folgenden als KFN-Schülerbefragung bezeichnet.

In den 1998 und 2000 durchgeführten KFN-Schülerbefragungen wurden Schülerinnen in den Städten Hamburg, Hannover, Leipzig und München im Alter von 14-16 Jahren befragt.

[4] Datengrundlage bilden Ergebnisse aus dem Projekt „Problembelastung Jugendlicher in unterschiedlichen sozialen Lebenslagen" - seit 1988 (1988, 1990 und 1996) mehrfach repräsentative Stichproben von Jugendlichen der Sekundarstufen I und II in strukturtypischen Regionen der Bundesländer NRW und Sachsen zu selbstberichteter Delinquenz.

[5] In dieser Längsschnittstudie im Zeitraum von 1994-1999 wurden ca. 1700 Lehrer und fast 8000 Schüler repräsentativ für das Bundesland Bayern befragt. Vgl.: Lamnek S. 241.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Jugend und Gewalt. Abweichendes Verhalten von Jugendlichen
Hochschule
Universität zu Köln  (Forschungsinstitut für Soziologie)
Veranstaltung
Abweichendes Verhalten von Jugendlichen
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
36
Katalognummer
V28680
ISBN (eBook)
9783638303903
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wie bedrohlich ist die Gewaltbereitschaft und Gewaltrate bei Jugendlichen in Deutschland tatsächlich? In der öffentlichen Diskussion wird der Gewaltbegriff nahezu inflationär und undifferenziert gebraucht, so dass nicht immer deutlich wird, was genau gemeint ist, wenn man von Gewalt, Gewaltbereitschaft o.ä.m. spricht. Die Arbeit ist unterteilt in einen theoretischen Teil und einen empirischen, dessen Darstellungen durch aussagekräftige Abb. illustriert werden.
Schlagworte
Jugend, Gewalt, Verhalten, Jugendlichen, Abweichendes, Verhalten, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Cornelia Kopitzki (Autor), 2003, Jugend und Gewalt. Abweichendes Verhalten von Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28680

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