Lysias und Perikles. Ein Kunstwerk der Rhetorik oder Geschichtsschreibung?


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 20
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lysias und Perikles - ein Vergleich
2.1 Das Proöm
2.2 Der Hauptteil bei Lysias (4-54)
2.3 Der Mythos als Vergangenheit bei Lysias
2.4 Der Hauptteil bei Perikles (36-41)
2.5 Der Schlussteil bei Lysias (66-81)
2.6 Der Schlussteil bei Perikles (42-46)

3. Die Grabrede als historische Quelle?
3.1 Darstellung der Geschichte und Geschichtsbild bei Lysias
3.2 Darstellung der Geschichte und Geschichtsbild bei Perikles

4. Fazit

5. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lysias gehört zu den berühmtesten attischen Rednern. Mit seiner Redekunst vermochte er es, den Gegenstand seiner Rede lichtvoll darzustellen und seine Kunst auf sein Auditorium geschickt wirken zu lassen. In seiner Grabrede für die im korinthischen Krieg gefallenen Athener skizziert er die furiose Vergangenheit Athens, die Glanztaten der Ahnen und den Ruhm der Stadt in all seiner Fülle. Was folgt aus dieser Schilderung für die Beziehung seiner Darstellungen zur zeitgenössischen Realität? Offenbart eine solche Rede einem Historiker aus der jüngeren Zeit, wie es wirklich gewesen ? Wie muss eine solche Quelle in der Geschichtswissenschaft eingeordnet werden? Welche Rolle spielt in der epitaphischen Rede die Vergangenheit und der Vergangenheitsbezug?

Für einen historischen Untersuchungsansatz ist die Frage nach der Bedeutung einer Quelle für die Realität, die man zu erforschen versucht, ein Fundament für jedes weitere investigative Vorgehen. Damit ist der Schwerpunkt dieser Arbeit festgelegt: Die Grabrede des Lysias´ auf die gefallenen Athener, deren historischer Hintergrund ein Feldzug im korinthischen Krieg ist, in dem Athen im Bund mit Theben die spartanische Hegemonie beenden und die alte Machtstellung in der Ägäis zurückgewinnen wollte (392/91)1, soll auf Vergangenheitsbezüge untersucht werden, um sich der Bedeutung dieser Rede und einer Antwort auf gestellte Fragen anzunähern.

Da die Antwort möglichst nicht nur auf die Rede des Lysias konzentriert werden soll, sondern ein Ergebnis mit breiterem Spektrum liefern soll, wird ein Vergleich zur Totenrede des Perikles über die Gefallenen des Kriegsjahres 431 v. Chr., die Thukydides in seinem Geschichtswerk später aufgenommen hat, angestellt. Die Gegenüberstellung von Lysias und Perikles soll also einerseits über die genannten Fragen Aufschluss geben, sodass am Ende deutlich wird, welche Funktionen die Reden gehabt haben und ob die Autoren ein bestimmtes Geschichtsbild in ihren Reden preisgeben oder ob ein anderer Schwerpunkt die Reden füllt.

2. Lysias und Perikles - ein Vergleich

Wie wird in den beiden Epitaphioi die Vergangenheit behandelt? Zum Einstieg dieser Frage soll genauer untersucht werden, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich der Vergangenheitsbezüge der Lysias-Rede zur Grabrede des Perikles liegen. Dazu möchte ich schrittweise das Proöm, den Hauptteil und den Schluss beider Reden nacheinander vergleichen, da unter dem Gesichtspunkt des formalen Aufbaus beide Reden einem sehr ähnlichen Schema folgen.

2.1 Das Proöm

Die Grabreden beginnen mit einem ähnlichen Bescheidenheitstopos im Proöm: Lysias erklärt, dass alle Zeit nicht ausreichen werde, um die Taten der Gefallenen in gerechter Weise würdigen zu können und betont, dass alle Zeit der Welt nicht ausreichen würde, die Ehre für die tapferen Helden in Worte zu packen2.

Perikles sagt, dass bei den Grabreden derjenige gepriesen werde, der dem Brauch die Rede beifügte. Seiner Ansicht nach müssten jedoch die Toten für ihre Taten auch durch Taten geehrt werden. Denn durch eine Rede besteht die Gefahr, den Glauben an die Tapferkeit der Gefallenen durch einen einzigen guten oder weniger guten Redner zu gefährden3. Denn es sei „ schwer, das rechte Maßder Rede zu treffen, (...) “ 4 und erklärt weiter die Schwierigkeit, den Wünschen und Anforderungen seines Auditorium gerecht zu werden, da sich jeder ein anderes Bild der Wahrheit macht. Dieses Ringen um den richtigen Ton weist auch die Lage hin, in der sich Perikles gerade befand: Er musste vor einer emotional aufgeladenen Menge, die ihre Angehörigen im Krieg verloren hat, den Krieg rechtfertigen.

Er hebt wie Lysias die Unmöglichkeit hervor, die er zu bewältigen versucht und reiht sich doch letztlich doch in die Tradition der Vorfahren ein:

„ Nachdem es sich aber den Ahnen bewährt hat, dass dies so recht sei, muss auch ich dem Brauche folgen (...) “ 5

Aus dem Verweis auf die alten Bräuche der Ahnen ergibt sich die Bedeutung der alten Traditionen und das Ansehen der Vorfahren, die in dieser Zeit präsent waren.

Lysias beginnt seine Rede ebenfalls mit einem Bezug zur Vergangenheit, indem er zu seinem Publikum sagt, seine Rede soll nicht in Vergleich gesetzt werden zu den Taten der Gefallenen, sondern dem, was bereits früher ihnen zu Ehren gesagt wurde6.

„ Denn ihre Tapferkeit hat sowohl für die Dichter als auch für die Redner eine solche Fülle von Stoff geboten, dass, obwohl schon früher viel Edlesüber sie gesagt, vieles auchübergangen wurde, dich immer noch den Nachkommen genugüber die zu sagenübrig bleibt “ 7.

Mit diesem Hinweis glorifiziert Lysias die gefallenen Helden und verdeutlicht dem heutigen Leser gleich zu Anfang seiner Rede einen wichtigen Aspekt über die Bedeutung der Vergangenheit für die damaligen Zeitgenossen: Die Erinnerung an vergangene Helden(taten) wird durch immer wiederkehrende Erzählung wach gehalten, da den Nachkommen, wie Lysias sagt, immer genug Neues über sie zu erzählen bleibt. Er stimmt die Rezipienten darauf ein, was in seiner Rede durchgehende Präsenz zugeteilt bekommt: die Ehrung der Vergangenheit, die Athen als Hegemon bestimmt. Das bedeutet, er hält diesen Vergangenheitsbezug auf die jüngst geschehenen Ereignisse und die Ehrung der Gefallenen an dieser Stelle sehr knapp und widmet sich im folgenden Hauptteil sehr ausführlich der Zeit der Vorfahren.

2.2 Der Hauptteil bei Lysias (4-54)

Im Anschluss an das Proöm will also Lysias die Großtaten der Vorfahren aufzählen, zu denen in seiner Darstellung auch die mythischen Vorfahren gehören. Damit hebt er den eigentlichen Sinn seiner Grabrede mit dem Vergangenheitsbezug hervor: Die Erinnerung an die Taten der vergangenen Helden, die präsent gemacht werden, formt die Gegenwart in dem Sinne, dass sie einen Appell zur Imitatio für die Lebenden der zeitgenössischen Gegenwart darstellt. Die Rede dient nicht nur dem Rühmen der Helden, sondern auch der Erziehung und der Aufforderung an die Lebenden, insbesondere der Jugend, zur Nacheiferung.

„ Denn es ist richtig, dass alle Menschen ihrer gedenken, sie in Gesängen preisen, bei der Erwähnung tüchtiger Männer sie nennen, sie bei Versammlungen wie dieser ehren und durch die Taten der Verstorbenen ein Beispiel geben. “ 8

Etwas überraschend erscheint einem heutigen Rezipienten an der Stelle möglicherweise, dass dieser Aspekt gerade nicht am Exempel der im korinthischen Feldzug Gefallenen dargestellt wird, denen ja die Rede eigentlich gewidmet ist, sondern den Helden der früheren und mythischen Vergangenheit. Doch bringt dieser Punkt zum Ausdruck, welche Bedeutung die mythische Vergangenheit für die Athener als kulturelle Identifikation hatten und zeigt, dass dieses genealogische Denkschema die Gegenwart mit der Heroenzeit verbindet. Welche Funktion der Mythos für das Selbstverständnis der Athener gespielt hat, soll jedoch anhand der gewählten Mythen von Lysias an anderer Stelle dieser Arbeit vertieft werden.

Lysias skizziert also einen Tatenkatalog der Athener: Dem Kampf gegen die Amazonen folgt die Geschichte der Sieben vor Theben, in der mit entscheidender Unterstützung der Athener die Leichen der beiden toten Argivern von Theben befreit wurden, dann die Aufnahme der Herakliden9, die auf der Flucht vor Eurystheus waren, schließlich folgt eine Art Autochthonie der Athener zu Griechenland10, die prominente Rolle der Vorfahren, die in den Denkmälern sichtbar wird, darauf die Perserkriege11 und schließlich schweift der Blick auf die jüngere athenische Geschichte12. Auffallend ist, dass der Vergangenheitsbezug auf die Perserkriege etwas verzerrt geschildert wird. Grundsätzlich erfolgt die Schilderung aus der Sicht Athens: Die Athener erkämpften bei Marathon und Salamis alleine den Sieg.13 An den Thermopylen hätte es den Spartaner nicht an Mut gefehlt14, sondern an Anzahl der Soldaten, die auf ihrer Seite kämpften. Die Schlacht bei Plataiai erhält nur eine kurze Darstellung und, wie Albertz feststellt 15, wird die Schlacht bei Mykale gar nicht aufgegriffen.

Was bezweckt Lysias schließlich mit der Schilderung der Perserkriege, die in seiner Rede einen quantitativ größeren Bereich einnimmt? Die Soldaten, die für den Sieg gekämpft haben, haben den „ gr öß ten und den schönsten Beitrag für die Freiheit Griechenlands “ 16 geleistet. Laut Albertz zufolge wird den Griechen damit die Freiheit zugeordnet und den Barbaren die Sklaverei17.

Was ist daraus nun für die Untersuchung dieser Arbeit festzuhalten?

Lysias reiht in seinem Tatenkatalog reale historische Ereignisse und Mythen in einer Chronologie aneinander und die Geschichtsdarstellungen zeigen kein Interesse für eine objektive Schilderung. Sehr wahrscheinlich ist dieser Tatenkatalog und der Verweis auf die glorreiche und mythische Vergangenheit in den Kontext des Ersten Attischen Seebundes zu situieren und damit als ein Legitimationsinstrument für die Herrschaftsexpansion Athens zu verstehen18 - Lysias´ Grabrede formuliert mit diesem Vergangenheitsbezug also einen Anspruch für Athens Vormachtstellung, wie im folgenden Teil dieser Arbeit noch genauer am Text bewiesen und verdeutlicht werden soll. Die Toten seien im Kampf für die Freiheit der spartanischen Bundesgenossen gefallen, die sich unter der spartanischen Hegemonie im Zustand der Sklaverei befänden19. Durch ihre Tapferkeit wahrten sie den Ruhm der Vorfahren20. Die ἀρετή, die sich von den Vorfahren bis hin zu den Gefallenen, um die es in der Rede geht, zieht, markiert Lysias in der gesamten Rede als wichtiges Element. Sie starben ehrenvoll, da sie für die Freiheit kämpften und sich auf diesem Wege dem Gemeinwohl widmeten21: Ihr Tod bedeutete ein Verlust für ganz Griechenland22.

Lysias nutzt diesen Vergangenheitsbezug mit Sicherheit, um das bereits angesprochene παιδεία-Konzept und den Ansporn zur Nachahmung solcher Helden zu untermalen, denn die ἀρετή soll auch weiter die Zukunft Athens formen.

[...]


1 Albertz, A., Exemplarisches Heldentum: Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart. Oldenbourg 2006, S.68.

2 vgl. Lys.: Reden. Band I. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Ingeborg Huber. Thomas Baier, Kai Brodersen und Martin Hose (Hgg.). Darmstadt, 2004. 2,2.

3 vgl. Thuk.: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 1. Teil: Buch I-IV. Übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterung versehen von Georg Peter Landmann. Darmstadt, 1993. 1, 35,1ff.

4 Thuk. 1,35,2.

5 Thuk. 1,35,4.

6 vgl. Lys. 1,2,2.

7 Lys. 1,2,2.

8 Lys. 2,3,1.

9 vgl. ebd. 2,11-16.

10 vgl. ebd. 2,17,2.

11 vgl. ebd. 2,20-47.

12 vgl. ebd. 2,48-68.

13 vgl. Albertz, A., S.68.

14 vgl. Lys. 2,31,2.

15 vgl. Albertz, A., S 68.

16 Lys. 2,42.

17 vgl. Albertz, A., S 69.

18 vgl. Albertz, A., S. 70.

19 vgl. Lys. 2,68,2.

20 vgl. Lys. 2,69,1.

21 vgl. Lys. 2,21, 27.

22 vgl. Lys. 2,60,2.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Lysias und Perikles. Ein Kunstwerk der Rhetorik oder Geschichtsschreibung?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Alte Geschichte)
Veranstaltung
Vergangenheitsbezug im archaischen und klassischen Griechenland
Note
20
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V287028
ISBN (eBook)
9783656872795
ISBN (Buch)
9783656872801
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lysias, Perikles, Rhetorik, Antike, Antike Rhetorik, Thukydides, Grabrede, Athener, Athen, Totenrede, Antike Geschichte, Griechenland, Antikes Griechenland
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Lysias und Perikles. Ein Kunstwerk der Rhetorik oder Geschichtsschreibung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287028

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