Soziale Ausgrenzung und Anstieg der Armut in Städten. Ortseffekten, Lageeffekten und Quartierseffekten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Gewichtung von Effekten für ein Voranschreiten sozialer Ausgrenzung und Armut
1.1 Lageeffekte
1.2 Ortseffekte
1.3 Quartierseffekte

2. Armut und soziale Ausgrenzung am Beispiel von sozialräumlicher Segregation
2.1 Das Phänomen der sozialen Ein- und Ausgrenzung
2.2 Sozialräumliche Polarisierungsvorgänge

3. Das Beispiel von Obdachlosigkeit als mikrosoziologisches Phänomen für das Auftreten von Armut

4. Kritische Würdigung und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die soziale Ausgrenzung wie auch die sozialen Polarisierungsvorgänge sind gerade in den Großstädten von großer Präsenz. Mit dieser Hausarbeit möchte ich die für mich gegebene Unterscheidung von Lageeffeken, Ortseffekten und Quartierseffekten verdeutlichen, durch welche sowohl eine unterschwellige Zentralisierung von Armut gefördert, als auch offensichtlich wird. Im zweiten Kapitel möchte ich die sozialen Polarisierungsvorgänge genauer unter die Lupe nehmen, um deren Relevanz für ein Voranschreiten von Armut wie auch sozialer Ausgrenzung zu verdeutlichen. Historische Ursachen wie auch aktuelle Präferenzen sollen in diesem Kapitel zur Geltung kommen. Im letzten Abschnitt habe ich mich für den sozialen Akteur des Obdachlosen für die Verdeutlichung einer offen ausgelebten Armut entschieden, wobei ich die einzelnen Orts- und Quartierseffekte und den Versuch Wohnungslose in das Programm der sozialen Stadt mit einzubeziehen hinterfragen werde. Pierre Bourdieu beschreibt in seinem Werk „Das Elend der Welt“, dass für ihn der Obdachlose keine gesellschaftliche Existenz besitzt, da dieser über keine eigene Wohnung verfügt. Gleichzeitig bezieht er sich auf das Individuum, welches durch die Einnahme des physischen Raumes, die eigene soziale Position verstärkt. Das dies gerade für einen Menschen ohne Wohnung sehr fraglich ist, liegt bereits auf der Hand. In dieser Hausarbeit sollen Personen unterschiedlichster Herkunft und diverser Lebenspositionen berücksichtigt werden, weil sie für die Gestaltung einer Stadt äußerst wichtig sind. Der Indikator des Wohnens ist hierbei allgegenwärtig und sollte unter Berücksichtigung der Bedeutung für jedes einzelne Individuum auch stets eine besondere Berücksichtigung finden.

1. Die Gewichtung von Effekten für ein Voranschreiten sozialer Ausgrenzung und Armut

1.1 Lageeffekte

In allen Städten finden permanent Konzentrationsprozesse statt, die eine Polarisierung von differenzierten Milieus mit jeweils typisierenden Eigenschaften hervorrufen können. Auf der Makroebene wird dies gerade durch die Lageeffekte in der Stadt verdeutlicht. Doch fraglich bleibt an dieser Stelle, wie sich die Populationsstrukturen von den einzelnen Stadtteilen einerseits zusammensetzen und durch welche Prozesse sie andererseits verändert und beeinflusst werden können. Eine Unterscheidung sollte zu allererst zwischen Städten mit erhöhtem Wachstum und Städten mit schrumpfendem Wachstum unternommen werden. Kronauer und Vogel gehen in ihren Untersuchungen bezüglich der Armut und der sozialen Ausgrenzung in der Stadt, auf das Fallbeispiel Hamburg ein. Sie beschreiben die Stadt seit den 90er Jahren als klar im Wachstum befindlich: „Wie keine andere westdeutsche Großstadt vermochte Hamburg von der Öffnung Osteuropas und von der deutschen Vereinigung zu profitieren“ (Vgl. Kronauer, S. 239). Hamburg ist zu einer Stadt des Dienstleistungssektors und des ökonomischen Reichtums geworden. Dies begründen Kronauer und Vogel anhand von einschlägigen Veränderungen in den 80er Jahren durch den Senat, welcher eine Abkehr von den traditionell industriellen Industriebranchen wie des Schiffbaus, der Stahlgewinnung und der Mineralölförderung anstrebte. Genau das ist der Punkt, an welchen Hamburg als Stadt für die Offenlegung von Lageeffekten so einzigartig wird. Denn durch diese Reaktion des Senates wird die Scherenbewegung von arm und reich förmlich in absehbarer Zeit gefördert und eine baldige soziale Positionierung erzwungen. Die Herausbildung von sozialen Lagern wird absehbar und lediglich zu einer Frage der Zeit. Kronauer und Vogel begründen dies, indem sie die Faktoren wachsende Wertschöpfungsquoten, Ausgrenzungsdruck am Arbeitsmarkt, hoher Beschäftigungsstandard, als auch eine Massenarbeitslosigkeit nicht als voneinander getrennt betrachten, sondern als gemeinsames Konstrukt für den aktuellen Zustand der Stadt Hamburg ansehen. Besonders stark hat sich bei den genannten Faktoren die langzeitige Arbeitslosigkeit herauskristallisiert. Die Kluft zwischen Personen, welche Zutritt zu dem Arbeitsmarkt haben und auf der anderen Seite Personen, die keine Möglichkeit besitzen an der Erwerbsarbeit teilzunehmen ist so stark ausgeprägt, das die Spaltung des Arbeitsmarktes in der Tat zu dem größten Preis wird, welchen die Stadt Hamburg für ihren wirtschaftlichen Wandel bezahlen muss. Die daraus sich ergebende bevölkerungsspezifische Lagerspaltung wird bewusst in Kauf genommen. Die steigende Rationalisierung und Spezialisierung in der Berufswelt erschwert zugleich dem ungelernten Arbeiter den Zugang zur Arbeit, weshalb auch eine langfristige übergenerationelle Verlagerung des Problems sichtbar wird. Das Nebeneinander von Wohlstand und Armut, von großbürgerlichen Wohnvierteln und Großraumsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus sowie die durch Deindustralisierung geförderte soziale Verdrängung, machen nach Kronauer und Vogel eine ganz neue Dimension der Armut in Deutschland erkennbar (Vgl. Kronauer, S. 243). Nach Analysen der Schaderstiftung zufolge werden durch das Zusammenwirken von drei wesentlichen Veränderungen, nämlich durch die wachsende Arbeitslosigkeit, die Finanznot der Städte und dem Rückzug des Staates aus der Wohnungsversorgung, die Konzentration- und Ausgrenzungsprozesse in der Großstadt in Form der Gestalt einer größeren sozialen Segregation sichtbar. Die logische Konsequenz ist die stärkere Sortierung der Wohnbevölkerung nach Einkommen, Lebensstil und Nationalität auf die verschiedenen Quartiere der Stadt. Allein derjenige kann den Lageeffekten entfliehen, welcher durch eigenes Kapital gestärkt ist und somit leichter seinen Wohnungsort wechseln kann, ohne zugleich in ein finanzielles Dilemma zu geraten. Bereits Pierre Bourdieu hat mit seinem Klassiker „Das Elend der Welt“ die soziale Ungleichheit und Armut untersucht. Das Interview mit einer Bewohnerin des Stadtteils Villeneuve in Frankreich im Jahr 1991 belegt die Tatsache, dass die Konsequenzen von Lageeffekten vielleicht nicht sofort absehbar waren, aber als sie aufgetreten sind, auch vom Staat nicht aus dem Weg geräumt wurden. In dem Stadtteil der Interviewten lebt eine besonders schwache soziale Schicht. Falls deren Einkommen eine gewisse Grenze überschreitet, verdoppelt sich der Mietpreis für die ansässigen Personen. Mit dem Wegzug der wohlhabenderen Familien wird die soziale Polarisierung verstärkt und die Armut im Raum noch sichtbarer (Vgl. Bourdieu, S. 118). Die aktuellen Lageeffekte von Städten werden somit zu einem Bereich, in welchen die historisch getätigten Entscheidungen eines Staates, als auch der Wille von mächtigen Einzelpersonen, voll und ganz sichtbar werden.

1.2 Ortseffekte

„Als Körper (und als biologische Individuen) sind menschliche Wesen immer ortsgebunden und nehmen einen konkreten Platz ein (sie verfügen nicht über Allgegenwart und können nicht an mehreren Orten gleichzeitig anwesend sein)“ (Bourdieu, S. 160). Bourdieu benutzt den Indikator Kapital, um die Gesellschaft in verschiedene Klassen zu unterteilen. Durch diese Hierarchisierung im Raum, werden seiner Ansicht nach Ortseffekte, beispielsweise Orte mit hoher Konzentration entweder von Reichen oder Armen, sichtbar1. Der Ortseffekt tritt als solcher erst in Kraft, wenn man dem modernen Menschen einen festen Wohnsitz zuschreibt. Ein fester Wohnsitz ist unumgänglich, weil über diesen ein fester Anker in der jeweiligen Gesellschaft und eine Seßhaftigkeit des Individuums suggeriert werden. Außerdem bringt der Einzelne seinen Rang beziehungsweise seine Ordnung und Hierarchiezugehörigkeit über seinen Wohnsitz zum Ausdruck. Die Abgrenzung der individuellen Lebensräume erfolgt des weiteren für Bourdieu über die Wechselbeziehung der Faktoren Macht, Ort und Kapital. Daraus ergibt sich für jedes Individuum eine eigene Oberfläche und ein eigenes Volumen, mit welchem es sich in den Raum einschreibt. Der daraus resultierende Sozialraum wird als eine Art Einschließung, der ihn bildenden Positionen, definiert. Hierbei ist auf eine Positionierung anhand der sozialen Über- wie auch Unterordnung zu verweisen. Der Sozialraum bringt sich folglich in dem physischen Raum zur Geltung. Bourdieu erklärt, dass sich die Position eines Akteurs anhand des eingenommenen Ortes im physischen Raum widerspiegelt. Obdachlose, also Menschen welche weder Heim noch Herd besitzen, hätten demzufolge für ihn keine gesellschaftliche Existenz (Vgl. Bourdieu, S. 161). Besonders deutlich werden die Ortseffekte für Bourdieu an den Gegebenheiten und den Entwicklungen der amerikanischen Ghettos. Der anzutreffende Verfall und die Verwaisung dieser Orte werden nach Bourdieu durch die Offensichtlichkeit der Abwesenheit des Staates und all dem was damit zusammenhängt (Schule, Vereine, Gesundheitsversorgung etc.), zusätzlich verstärkt. Die Grundlage der Abgrenzung von Personen liegt allerdings nach wie vor in der jeweiligen Verfügung über Kapital. „Das Kapital erlaubt es, unerwünschte Personen oder Sachen auf Distanz zu halten und zugleich sich den (gerade hinsichtlich ihrer Verfügung über Kapital) erwünschten Personen und Sachen zu nähern“ (Bourdieu, S. 164). Der Mangel an Kapital verstärkt somit das Gefühl der sozialen Eingrenzung und der Begrenztheit an sich. Die Kapitallosen werden sogleich dazu verdammt, mit den Menschen an einem Ort zusammenzuwohnen, welche dasselbe Schicksal wie sie selbst teilen, nämlich mit den Menschen und Gütern leben zu müssen, welche gesellschaftlich am wenigsten gefragt sind. Der Besitz von Kapital wird für den Akteur das relevanteste Kriterium für die Zugehörigkeit zu einem Ort. Die Ortseffekte können daraus folgend als Bindeglied zwischen Makroebene (Lageeffekte) und Mikroebene (Quartierseffekte) anerkannt werden2.

1.3 Quartierseffekte

In Abgrenzung von den Ortseffekten, ist es gerade für die Quartierseffekte von enormer Bedeutung, in die richtige Zielgruppe zu investieren. Weitere Indikatoren, wie Lebenszufriedenheit und vorhandene Dienstleistungen, welche der Akteur jederzeit in Gebrauch nehmen kann, sind für die individuelle Feinanalyse des auf der Mikroebene befindlichen Quartiers von größter Bedeutung. Die Besonderheiten von den Quartierseffekten an sich, liegen laut Kronauer und Vogel darin, dass sie von normativen Regelungen geprägt sind und nicht als in sich homogene Konstrukte betrachtet werden dürfen. Vielmehr können ihre Effekte, nach innen und außen getragen werden (Vgl. Kronauer, S. 237). Die Grenzen der Quartiere werden nicht klar ersichtlich, weshalb Überlagerungen der Quartiere und Übereinstimmungen der Effekte durchaus möglich sind. Inwiefern letztendlich die Bewohner eines Quartieres von diesem positiv wie auch negativ profitieren, stellten Kronauer und Vogel in der Unterscheidung zweier unterschiedlicher voneinander zu betrachtender Ausprägungen von Quartierseffekten fest. Zum einen gilt das Quartier für dessen Akteure als Raum der Ressourcennutzung. Es werden sowohl die sozialen Netzwerke als profitabel wahrgenommen, als auch die institutionellen Angebote, welche im Raum verankert und somit für einen bestimmten Zeitraum von Dauer sind. Eine weitere Bedeutung wird dem Quartier in Form eines Erfahrungsraumes zugeschrieben. Positiv hervorzuheben ist an dieser Stelle der Effekt des sozialen Schutzraumes, in welchem die Akteure füreinander einstehen und sich gegenseitig unterstützen können. Negativ hervorzuheben sind diejenigen Quartiere, in denen besonders viele nichterwerbstätige Erwachsene ansässig sind. Für die jugendlichen Heranwachsenden fehlt demzufolge ein von den Erwachsenen positiv suggeriertes Rollenbild und das Vorhandensein einer Relevanz für die zu erfüllende Arbeit. Das eigentliche Gefühl, von der Außenwelt abgeschnitten und negativen Stigmatisierungen ausgesetzt zu sein, ist in der Tat ein noch schwerwiegenderer Punkt für die in einem Quartier förmlich festsitzenden und handlungsunfähigen Akteure. Entscheidend für die Zusammensetzung eines Quartiers ist deren soziale und funktionale Ausrichtung: „Innerstädtische Viertel, die gleichermaßen zum Wohnen wie zum Handel und zum (in der Regel kleinen) Gewerbe genutzt werden, eröffnen mehr Möglichkeiten…“ (Vgl. Kronauer, S. 236). Die physische Isolation, Verwahrlosung, Entleerung öffentlicher Räume und institutionelle Unterversorgung können die soziale und funktionale Ausrichtung insofern beeinflussen, dass sich das Verhältnis der Populationszugehörigkeit und der mit dem Quartier verbundenen Armut, als auch sozialen Ungleichheit verschärft. Die sozialen Merkmale gehen mit den Quartiersmerkmalen spezifische Verbindungen miteinander ein, weshalb bei der Erforschung der Quartierseffekte an keiner Stelle die Punkte außer acht gelassen werden sollten, dass die unterschiedlichen Quartierstypen speziell Ihnen zuzuordnende Armutspopulationen besitzen, wie auch diejenigen Quartierseffekte, welche die bereits existierenden Orts- und Lageeffekte außer Kraft setzen können.

[...]


1 Ich beziehe mich an dieser Stelle hauptsächlich auf die Forschungen von Pierre Bourdieu in seinem Werk „Das Elend der Welt“ ab S. 159

2 Die Unterteilung der Hierarchieebene beruht auf meinen eigenen Wahrnehmungen der beschriebenen Effekte von Bourdieu, Kronauer, als auch den aktuellen Erkenntnissen der Schaderstiftung. Es ist mir wichtig diese Abgrenzung der Effekte voneinander deutlich darzustellen, da diese einander nicht ausreichend beschreiben können und deshalb stets separat voneinander betrachtet werden müssen. Sie setzen einander schlicht weg, wie es Kronauer bereits erwähnte, nicht außer Kraft.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Soziale Ausgrenzung und Anstieg der Armut in Städten. Ortseffekten, Lageeffekten und Quartierseffekten
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Veranstaltung
Armut in der Stadt - Erkenntnisse der qualitativen Sozialforschung
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V287147
ISBN (eBook)
9783656876991
ISBN (Buch)
9783656877004
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ortseffekte, Lageeffekte, Quartierseffekte, Armut, Bourdieu, Häußermann, Stadt, Ungleichheit
Arbeit zitieren
Diplom Soziologe Sebastian Werfel (Autor), 2012, Soziale Ausgrenzung und Anstieg der Armut in Städten. Ortseffekten, Lageeffekten und Quartierseffekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287147

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