Trauma und Gedächtnis anhand ausgewählter Texte von Georges Perec


Examensarbeit, 2001
93 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung
1. Biographie und Autobiographie
1.1. Name und Herkunft
1.2. Kindheit und Jugend
1.3. Der Schriftsteller Georges Perec

2. Die literarische Verarbeitung des Traumas
2.1. Das Trauma und seine Auswirkungen
2.1.1. Zur Definition des Traumas
2.1.2. Georges Perecs Trauma
2.1.3. Die Auswirkungen des Traumas auf Perecs Texte
2.2. Die contrainte und die Prinzipien der Gruppe OuLiPo
2.3. Geschichten rund um die Lücke
2.3.1. La Disparition: Der fehlende Buchstabe
2.3.2. W ou le souvenir d’enfance
3.3.3. La Vie mode d’emploi

3. Trauma, Gedächtnis und Identität
3.1 Gedächtnis, Identität und soziale Gruppen
3.2. Namen und Identität
3.3. Perecs Beziehung zum Judentum

4. Auf der Suche nach dem Gedächtnis
4.1. Vorbemerkungen zu Perecs Gedächtnis- und Identitätssuche
4.2. Auf der Suche nach seiner eigenen Geschichte
4.3. Je me souviens: Erinnerungen an das Alltägliche

5. Schreiben und Gedächtnis
5.1. Definitionen von écrire
5.2. æncrage: Schrift als Anker -Verankerungen in der Schrift
5.3. Schreiben, damit nicht vergessen wird

6. Schlußbemerkungen

7. Bibliographie
7.1. Primärliteratur
7.2. Sekundärliteratur
7.3. Audiovisuelle Quellen

0. Einleitung

Sowohl das Trauma als auch das Gedächtnis stehen in den letzten Jahren zu­nehmend im Mittelpunkt einer Reihe von Untersuchungen in verschiedensten Wissenschaften. Trauma und Gedächtnis müssen hierbei nicht unbedingt als zwei separate Forschungsgebiete angesehen werden, sondern stehen häufig in einem direkten Zusammenhang. Einerseits haben individuelle traumatische Erlebnisse direkte Auswirkungen auf das Gedächtnis der betroffenen Person und können zu fehlenden Erinnerungen oder einer Blockade des Gedächtnisses führen. Andererseits werden Trauma und Gedächtnis in den Kulturwissen­schaften auch zunehmend als kollektive und kulturelle Phänomene betrachtet. Auslöser für solche Untersuchungen ist neben der sich zur Zeit vollziehenden Medienwende vor allem das Ausmaß des durch den Holocaust verur­sachten kollektiven Traumas auf die heutige Gesellschaft und nicht zuletzt auf das kollektive Gedächtnis. Noch über 50 Jahre nach Ende des zweiten Welt­krieges ist das Bedürfnis nach Aufklärung und Verarbeitung der Vergangenheit offenbar nicht gestillt. Im Gegenteil: Die Anzahl der Veröffentli­chungen von Berichten, Autobiographien, Romanen, Dokumentarfilmen, Spiel­filmen, Comics und wissenschaftlichen Arbeiten über den Holocaust scheint sogar zuzunehmen. Ins­besondere ist in Frankreich erst vor einigen Jahren ein Bewußtsein dafür auf­gekommen, daß es dort nicht nur Résistance sondern auch Collabo­ration gab und auch Franzosen an der Deportation von Juden beteiligt waren.

Wenn nun das generelle Interesse für die Begriffe Trauma und Gedächt­nis in den letzten Jahren gestiegen ist, so gilt dies speziell auch für die Unter­suchun­gen der Werke des französischen Schriftstellers Georges Perec (1936-1982). Noch bis weit in die achtziger Jahre war Georges Perec in Frankreich nicht unbedingt als jüdischer Autor bekannt, der in seinem Werk den Holocaust und den Verlust beider Elternteile während des zweiten Weltkrieges ver­arbeitete. Ein Grund dafür ist möglicherweise, daß diese Thematik in seinen Texten meist nur versteckt und auf indirekte Art und Weise zum Ausdruck kommt. Er galt nach der Veröffentlichung seines ersten Erfolgsromans Les Choses (1965) zunächst als sozialkritischer Autor und nach seinem Eintritt in die Gruppe OuLiPo als ein typischer Vertreter dieser Gruppe, der in seine expe­rimentellen Texte komplexe mathematische Strukturen und geniale Wortspiele einbaute.[1] Seine 1975 erschienene Autobiographie W ou le souvenir d’enfance fand zu Lebzeiten hingegen wenig Beachtung.[2] Erst nach Perecs Tod wurde sein gesamtes Werk wirklich beachtet, und die Forschung fing an, sich auch für Perecs Beziehung zum Judentum, seine autobiographischen Projekte und die literarische Verarbeitung des Verlu­stes seiner Eltern im zweiten Weltkrieg zu interessieren.[3] Als für diese For­schungsrichtung weg­weisende Veröffentlichungen in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren sind vor allem Claude Burgelins Georges Pe­rec (Burgelin, C. 1988) und Philippe Lejeunes autobiographische Untersu­chungen in La mémoire et l’oblique (Lejeune, P. 1991) zu nennen. In Folge dessen erschienen in den neunziger Jahren eine ganze Reihe von Monographien und Aufsätzen, die Perecs Werk unter psychoanalytischen und autobiographi­schen Gesichtspunkten betrachten. Mittlerweile zählt Georges Perec für viele französische Intellektu­elle zu den wichtigsten französischen Nachkriegsautoren, auch wenn er selbst in Frankreich nicht zu den bekanntesten gehört. In Deutschland ist Georges Perec weitgehend unbekannt und wird selbst in neueren Auflagen französischer Literaturgeschichten meist nur in einem Satz erwähnt,[4] obwohl es auch in Deutschland ein vermehrtes Forschungsinteresse für das Werk Perecs zu geben scheint, da die Anzahl deutschsprachiger Veröffentlichungen in den letzten Jah­ren deutlich zugenommen hat.

Diese Arbeit knüpft im wesentlichen an die genannten psychoanalyti­schen und autobiographischen Studien zu Georges Perec an und stellt dar, wie im Werk Perecs das durch den Verlust der Eltern erlebte Trauma zum Ausdruck kommt und welche Auswirkungen es auf das Gedächtnis sowie Perecs autobiographisches Schreiben hat. Es sollen zudem neuere Forschungsergebnisse zu Trauma, Gedächtnis und Identität berücksichtigt werden, die als wichtige Hilfsmittel für die nachfolgenden Analysen dienen. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der literaturwissenschaftlichen Untersuchung der Texte von Georges Perec.

Da in dieser Arbeit nicht das gesamte Werk Perecs analysiert werden kann, müssen wir uns auf eine Auswahl von Texten be­schränken. Es handelt sich hierbei vorwiegend um seine zwischen 1968 und 1978 veröffentlichten Werke La Disparition (1969), Espèces d’espaces (1974), W ou le souvenir d’enfance (1975), Je me souviens (1978) und La Vie mode d’emploi (1978). Wenn vor allem zwischen 1968 und 1978 erschienene Texte berücksichtigt werden, so liegt dies nicht nur an der symbolischen Bedeutung des Jahres 1968, das auch als Wendepunkt für den Umgang mit der nationalsozialisti­schen Vergangenheit in der Gesellschaft gilt.[5] 1969 erscheint nämlich auch Perecs erster Roman nach sei­nem Eintritt in die Gruppe OuLiPo im Jahre 1967, welche Perecs Schreiben in höchstem Maße beeinflußt hat. Des weiteren wurde der Zeitraum von 1968 bis 1978 gewählt, weil die meisten der oben genannten Texte (bis auf La Disparition) unter dem Einfluß einer von 1971 bis 1975 dauernden Psychoanalyse Perecs mit J.-B. Pontalis geschrieben wurden.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der genannten Auswahl von Texten die literarische Verarbei­tung des Traumas und die Gedächtnisthematik bei Perec zu untersuchen. Vor der Analyse der Werke Perecs muß zunächst geklärt werden, was wir unter Trauma verstehen und weshalb das Trauma für Georges Perec und sein Werk eine zentrale Rolle spielt. Der erste Teil der Arbeit widmet sich daher Perecs Biographie, die bei den anschließenden Untersu­chungen berücksichtigt werden muß. Zu Beginn des zweiten Teiles wird dann der Begriff Trauma definiert und auf die Charakteristika der durch den Holocaust ausgelösten individuellen und kollektiven Traumata eingegan­gen. Um die zentrale Frage zu beantworten, wie das Trauma in Perecs Werken zum Ausdruck kommt, sollen Inhalt und Struktur von drei zunächst sehr unterschiedlich erscheinenden Werken, nämlich La Disparition, W ou le souvenir d’enfance und La Vie mode d’emploi, analysiert werden. Das Trauma, das eine inhaltliche und strukturelle Lücke in diesen Werken hinterläßt, spie­gelt gewissermaßen Perecs Gedächtnislücke, seine fehlenden Erinnerungen an

seine Kindheit und seine damit verbundenen Identitätskrisen. Die Zusammen­hänge zwischen Trauma, Gedächtnis und Identität bei Georges Perec werden im dritten Kapitel erläutert. Das vierte Kapitel widmet sich der Frage, mit welchen Hilfsmitteln und Methoden Perec auf die Suche nach Erinnerungen geht, um seine Kindheit zu rekonstruieren, alltägliche Ereignisse festzuhalten und eine Identität zu finden. Ein zentrales Medium für das Gedächtnis ist die Schrift, die zudem das wichtigste Werkzeug eines Schriftstellers darstellt. Auf die Beziehungen zwischen Gedächtnis und Schreiben wird daher im letzten Kapitel näher eingegangen. Ausgehend von Perecs Definitionen und Überle­gungen zum Schreiben werden wir analysieren, wie die Schrift als Hilfsmittel gegen das Vergessen und letztendlich auch als Medium zur Kommemoration der Eltern und des Holocaust dienen kann. Das Trauma wäre demnach nicht nur ein Bestandteil der Werke Perecs, sondern sogar der Auslöser für das Verlangen zu schreiben.

1. Biographie und Autobiographie

«Tout ce qu’on peut savoir quand on ne sait rien, je le sais.»

(Marguerite Duras, La Douleur, p. 16)

1.1. Name und Herkunft

Georges Perec, ein durchaus französischer Name, so scheint es. Zumindest erregt der Name in Frankreich keine besondere Aufmerksamkeit, läßt keine fremde Herkunft vermuten. Georges, ein typisch französischer Vorname und Perec ein üblicher Nachname, der eine eventuell bretonische Herkunft vermu­ten läßt.[6] Doch der Eindruck täuscht: Georges Perec ist zwar seit seinem ersten Lebensjahr französischer Staatsbürger,[7] seine Vorfahren aber sind polnische Juden, und sein Nachname hätte eigentlich Peretz heißen oder zumindest so ausgesprochen werden müssen. Die Familie Peretz, so schreibt Perec in seiner Autobiographie, sei während der Inquisition aus Spanien vertrieben worden und zu einem großen Teil nach Polen ausgewandert. Eine der herausragenden Per­sönlichkeiten der Familie Peretz sei der jiddisch-polnische Schriftsteller Isak Leibuch Peretz, welcher der Onkel des Großvaters von Georges Perec gewesen sein soll.[8]

Als Erklärung für die Orthographie seines Namens mit «c» gibt Perec in seiner Autobiographie W ou le souvenir d’enfance an, daß bei der Transkrip­tion von «tz» (entweder vom Russischen ins Polnische oder umgekehrt) ein «c» entstanden sein soll.[9] Der Name Perec ist also das Ergebnis einer mehr oder weniger zufälligen Veränderung, die zur Folge hat, daß der jüdisch-polnische Ursprung des Namens nicht mehr offensichtlich ist.

Zwischen 1918 und 1929 verließen alle nahen Verwandten von Georges Perecs Vater Icek Judko Perec Polen und emigrierten zum größten Teil nach Frank­reich.[10] Icek Judko selbst kam 1926 nach Paris[11]. Zu diesem Zeitpunkt lebte Ge­orges Perecs Mutter Cyrla Szulewicz, eine ebenfalls aus Polen stammende Jüdin, vermutlich schon in Paris.[12] Icek Judko Perec und Cyrla Szulewicz lernten sich in Paris kennen, heirateten 1934 und wohnten anschlie­ßend in der Rue Vilin 24 im 20. Arrondissement von Paris, wo sie ein Frisörge­schäft leiteten.[13]

1.2. Kindheit und Jugend

Georges Perec wurde am 7. März 1936 in Paris geboren. Er verlebte die ersten Jahre seiner Kindheit in Paris, in der Rue Vilin 24. Dort wuchs er mit seinen Eltern und Großeltern väterlicherseits auf. Die Verwandten seiner Mutter Cyrla Szulewicz, genannt Cécile, wohnten nur einige Häuser weiter in der Rue Vilin 1.[14] In diesem eher armen Viertel von Paris lebten vor allem Einwanderer, dar­unter viele polnische Juden. Georges wohlhabendere Tante Esther und deren Mann David Bienenfeld hingegen wohnten im bürgerlichen 16. Arrondisse­ment von Paris.[15] 1938 kam eine Schwester Georges Perecs zur Welt, die je­doch nur einige Wochen alt wurde.[16] Nachdem Deutschland im September 1939 Polen überfallen hatte, meldete sich Georges Perecs Vater freiwillig zur Fremdenlegion. Somit nahm Icek Perec an dem nur etwa einen Monat dauernden Krieg zwischen Deutschland und Frankreich im Frühjahr 1940 teil. Am 16. Juni, eine Woche bevor am 22. Juni der Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland unterzeichnet wurde, starb der polnische Jude Icek Perec an der Front für Frankreich.[17]

Frankreich war im folgenden in zwei Teile geteilt, in den von den Deut­schen be­setzten Norden und Westen und in die sogenannte zone libre, den Südosten Frankreichs. Schon bald bestand in Paris eine Meldepflicht für Juden,

und be­reits im Mai 1941 gab es erste Massenverhaftungen von Juden in Paris. Perecs Tante Esther, ihr Mann sowie deren Tochter Ela flohen daher im Sommer 1941 in die zone libre nach Villard-de-Lans in den französischen Alpen.[18] Im Herbst 1941 fuhr auch Georges mit einem Zug des Roten Kreuzes nach Villard-de-Lans. Seine Mutter und seine Großeltern hingegen blieben in Paris.[19] Georges Perec sollte seine Mutter zum letzten Mal sehen, als sie sich an der Gare de Lyon verabschiedeten. Am 23. Januar 1943 wurden Perecs Mutter Cécile, seine beiden Großväter David und Aaron sowie seine Tante Fanny festgenom­men und nach Drancy gebracht. Von dort aus sind sie nach Auschwitz trans­portiert worden und nie zurückgekehrt.[20]

Nachdem er einige Monate zusammen mit seiner Tante in Villard-de-Lans ge­lebt hatte, wurde Georges Perec zum Schuljahr 1942/43 in dem katholischen Internat Collège Turenne in Villard-de-Lans angemeldet.[21] Dort lebte er zwar unter seinem wahren Namen, der aber seine jüdische Herkunft wie bereits erwähnt nicht verriet. Dennoch nahm Georges eine andere, eine christliche bzw. franzö­sische Identität an. Er wurde im Herbst 1943 getauft und wie aus dem Tauf­schein hervorgeht, galt er als Sohn von Cécile und André Perec.[22] Im Herbst 1943 brachen Esther und David Bienenfeld jeden Kontakt zu Georges ab, da die französischen Alpen ab August 1943 nicht mehr unter Aufsicht italienischer, sondern deutscher Soldaten standen und sich dadurch auch dort die Lage für Juden zugespitzt hatte. Sie kauften sich ver­mutlich neue Pässe, hießen fortan David Blanchard und Esther Beauchamps und zogen in ein kleines Dorf namens Saint-Martin-en-Vercors,[23] überlebten so den zweiten Weltkrieg und kehrten nach Paris zurück.

Nach dem Krieg wohnte Georges Perec zunächst im 16. Arrondissement von Paris bei seiner Tante und seinem Onkel, die im Gegensatz zu seinen Eltern keinen Kontakt mit der jüdischen Kultur und Sprache hatten.[24] Die Verarbeitung des Ver­lustes seiner Eltern fiel Georges Perec offensichtlich nicht leicht. Er machte in seinem Leben drei Psychotherapien, die erste bei Françoise Dolto im Jahre 1949.[25] Auf Rat der Psychotherapeutin wurde Geor­ges Perec 1949 in ein Internat in Étampes etwa 50 Kilometer von Paris ge­schickt,[26] an dem er 1954 das Abitur absolvierte.[27]

1.3. Der Schriftsteller Georges Perec

Nach dem Abitur besuchte er eine classe préparatoire am Lycée Henri-IV, scheiterte jedoch an den Prüfungen im Sommer 1955 und wurde zum folgen­den Schuljahr nicht wieder aufgenommen. Nach einer be­standenen Aufnah­meprüfung schrieb er sich für Geschichte an der Sorbonne ein,[28] an der er bis 1957 immatrikuliert war, jedoch niemals ernsthaft stu­dierte.[29] Seit seinem 18. Lebensjahr war es wohl sein einziges Ziel, Schrift­steller zu werden. Ein Vorhaben, das vielleicht durch seine Psychoanalyse in den Jahren 1956/57 bei Michel de M’Uzan verstärkt wurde, wie Claude Burgelin vermutet.[30]

Als sich Georges Perec 1957 von der Sorbonne exmatrikulierte, hatte dies zur Folge, daß er seinen Wehrdienst antreten mußte, den er von Dezember 1957 bis Dezember 1959 zum größten Teil in Südfrankreich in der Nähe von Pau lei­stete.[31] Als Sohn eines in der Fremdenlegion für Frankreich gestorbe­nen Sol­daten blieb Georges Perec ein Einsatz im Algerienkrieg erspart.[32]

Nach seinem Wehrdienst lernte Perec Paulette Petras kennen, die er im Okto­ber 1961 heiratete.[33] Nachdem er zusammen mit ihr ein knappes Jahr in Sfax (Tunesien) verbracht hatte, begann Georges Perec im Herbst 1961, an einem Forschungsinstitut (CNRS) für Neurophysiologie als Archivar zu arbei­ten. Diese Arbeitsstelle, die es ihm ermöglichte als Schriftsteller finanziell un­abhängig zu sein, kündigte er erst 1978, als ihm Paul Otchakovsky-Laurens, Verantwortlicher der Reihe < P.O.L. > beim Verlag Hachette ein monatliches Einkommen sicherte.[34] Seine Aufgabe war es, in seiner Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche, die er jedoch flexibel gestalten konnte, auf Karteikarten Informationen über wissenschaftliche Publikationen zu verwalten.[35]

Während seiner Zeit an der Sorbonne und auch während seines Militär­dienstes versuchte Georges Perec, seinen ersten Roman zu schreiben. Er stand auch von Südfrankreich aus in ständigem Kontakt zu linksgerichteten Intel­lektuellen und Studenten in Paris und nahm regelmäßig an Sitzungen literari­scher und politi­scher Zeitschriften in Paris teil.[36] Von 1959 bis 1963 beteiligte er sich als einer der Drahtzieher an dem Projekt, eine eigene Zeitschrift heraus­zugeben, die den Namen La Ligne générale tragen sollte, aber nie veröffent­licht wurde.[37]

Der erste Roman, den Georges Perec veröffentlichte, war Les Choses (1965). Diese oft als Kritik an der Konsumgesellschaft der 60er Jahre verstan­dene Ge­schichte wurde 1965 mit dem «Prix Renaudot» ausgezeichnet und bedeutete den sofortigen Durchbruch für den Schriftsteller Georges Perec, obwohl seine folgenden Romane Quel petit vélo à guidon chromé au fond de la cour? (1966) und Un homme qui dort (1967) weniger erfolgreich waren.[38]

Im März 1967 trat Georges Perec der Gruppe OuLiPo (Ouvrage de litté­rature potentielle) bei.[39] Ein Großteil der Werke Perecs nach 1967 ist von den literari­schen Vorstellungen dieser Gruppe geprägt, die sich zum Ziel gesetzt
hat, neue literarische Formen zu finden, die der Schriftsteller bzw. der Verfas­ser von Texten dann nach Belieben verwenden kann.[40] Die Mitglieder von OuLiPo entwickelten eine Reihe von Regeln und Methoden, mit deren Hilfe man Texte schreiben oder umschreiben kann. Eine der bekanntesten ist viel­leicht die Me­thode S+7, bei der in einem Text jedes Substantiv durch das siebte ihm fol­gende Substantiv in einem Lexikon ersetzt wird.[41] Außerdem spielt das Aufer­legen von Zwängen (contraintes) in Texten bei OuLiPo eine große Rolle, wie zum Beispiel das Schreiben von Lipogrammen, Texten in denen ein Buchstabe fehlt.[42] Schon kurz nach dem Beitritt zu OuLiPo begann Georges Perec mit dem Schreiben seines über 300 Seiten langen Romans La Disparition (erschie­nen 1969), der völlig ohne den Vokal e auskommt. Es folgt Les Revenentes (erschie­nen 1972), in dem der einzige vorkommende Vokal e lautet.

Von 1971 bis 1975 unterzog sich Georges Perec seiner dritten und läng­sten Psychoanalyse bei J.-B. Pontalis. Während dieser Zeit arbeitete Perec an verschiedenen autobio­graphischen Projekten, wie zum Beispiel dem Projekt Lieux.[43] In dieser Zeit schrieb Georges Perec auch an der Autobiographie W ou le souvenir d’enfance (er­schienen 1975) und veröffentlichte La Boutique obscure. 124 rêves (1973) sowie Espèces d’espaces (1974).

Im Jahre 1975 lernte Georges Perec seine neue Lebensgefährtin, die Regisseurin und Drehbuchautorin Catherine Binet kennen,[44] mit der er bis zu seinem Tod zusammenlebte. Er ließ sich jedoch erst 1980 von Paulette schei­den, mit der er bereits seit 1970 nicht mehr zusammenlebte.[45] Ab 1976 veröf­fentlichte Georges Perec wöchentlich in der Zeitschrift Le Point ein Kreuz­worträtsel. 1978 er­möglichte ihm der Erfolg von La Vie mode d’emploi seine Stelle beim CNRS zu kündigen und sich fortan auf das Schreiben zu konzen­trieren.[46] La Vie mode d’emploi mit dem Untertitel «romans», also Romane, gilt als das Hauptwerk Perecs. Diese Beschreibung der Räume eines Pariser Wohnhauses, die mit multiplen contraintes geschrieben wurde, erhielt 1978 den «Prix Médicis».

Ebenfalls 1978 veröffentlichte Georges Perec seine Je me souviens, 480 durch­numerierte Erinnerungen, die jeweils mit den Worten «Je me souviens» begin­nen. Ein Jahr später drehte er zusammen mit Robert Bober einen Film über Ellis Island, eine Insel vor New York,[47] die von rund 16 Millionen Einwanderern in die Vereinigten Staaten zwischen 1892 und 1924 passiert werden mußte.[48]

Außer den genannten Werken schrieb Georges Perec noch Gedichte, Theater­stücke, eine Reihe von kürzeren Texten, Drehbücher und in Zusam­menarbeit mit seinem deutschen Übersetzer Eugen Helmé einige Hörspiele für den Saarländischen und den Westdeutschen Rundfunk. Der letzte Roman, der zu Perecs Lebzeiten veröffentlicht wurde, war Un Cabinet d’amateur. Sein Roman «53 jours», von Harry Mathews und Jacques Roubaud 1989 aus den Aufzeich­nungen Perecs rekonstruiert, war noch nicht vollendet, als Georges Pe­rec am 3. März 1982, einige Tage vor seinem 46. Geburtstag, an Lungen­krebs starb.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Georges Perec am 13. Oktober 1970 an der Avenue Junot in Paris[49]

2. Die literarische Verarbeitung des Traumas

«Il m’a été impossible, en dépit de mes efforts, de suivre cette pensée, cette image, jusqu’au bout. Le langage lui-même, me semble-t-il, s’est avéré inapte à décrire ce rien, ce vide, comme si l’on pouvait parler que de ce qui est plein, utile et fonctionnel.»

(Georges Perec, Espèces d’espace, p. 67)

2.1. Das Trauma und seine Auswirkungen

2.1.1. Zur Definition des Traumas

Das psychische Trauma (von gr. traumatismos = Wunde[50] ) bezeichnet seit Ende des 19. Jahrhunderts zunächst eine «seelische Erschütterung.»[51] Doch wie ent­steht eine solche seelische Erschütterung? Was löst sie aus, und welche Folgen hat sie? Eine Präzisierung des Begriffes Trauma sowie dessen Ursachen und Folgen sind notwendig, um sich näher mit den Ausdrucksformen des Traumas in der Literatur zu beschäftigen.

Eine Definition dessen, was häufig als unbeschreiblich bezeichnet wird, bringt jedoch einige Probleme mit sich. Wie soll man das, was die Opfer solcher see­lischer Erschütterungen oft nicht in Worten ausdrücken können, in einer Defi­nition zusammenfassen? Zudem hat das Konzept des psychischen Traumas verschiedenste Formen angenommen. Über 100 Jahre nachdem Freud die psychische Realität und die Rolle unbewußter Phantasien in den Mittel­punkt der Analysen seelischer Phänomene gerückt hat, wird das Trauma in der Psychoanalyse und den Geistes- und Kulturwissenschaften zu­nehmend diskutiert.[52] Es ist nicht mehr auf individuelle seelische Erschütterun­gen beschränkt, sondern auch als kollektives Trauma «von einem klinischen Konzept in ein kulturelles Phänomen verwandelt»[53] worden. Als Gründe für die zunehmende Bedeutung des Traumas als klinisches Konzept in der Psycho­analyse müssen vor allem «die Katastrophen des vergangenen wie des begin­nenden Jahrhunderts, Krieg, Holocaust, rassische und ethnische Verfolgung, sowie die Zunahme sozialer Gewalt und das neu entwickelte Bewußtsein für die Gewalt in Familien, für Mißhandlung und sexuellen Mißbrauch von Kindern»[54] genannt werden. Für die «Allgegenwart des ‚Trauma‘»[55] in den Geistes- und Kulturwissenschaften so­wie in den Medien und der heutigen Gesellschaft sind jedoch in erster Linie der Holocaust und der zweite Weltkrieg verantwortlich, deren Auswirkungen noch über 50 Jahre später in Europa und insbesondere in Deutschland und Frankreich spürbar sind.

Angesichts solch gravierender traumatischer Erlebnisse wie Holocaust, Folter, Krieg oder sexuellem Mißbrauch scheint der heutzutage ebenfalls übliche Ge­brauch des Wortes Trauma bei eher banalen Ereignissen etwas deplaziert. So wurden in den letzten Jahren zum Beispiel verlorene Fußball­spiele in den deut­schen Medien als Trauma bezeichnet.

Trotz der genannten Probleme, das Trauma in eine Definition zu zwän­gen, wollen wir uns zunächst mit einer Definition beschäftigen, welche die meisten der obengenannten Aspekte berücksichtigt und als Grundlage für die folgen­den Überlegungen zum Trauma bei Georges Perec dienen kann. Gottfried Fi­scher definiert das Trauma wie folgt:

Psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situati­onsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilf­losigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.[56]

Hierbei handelt es sich, wie er selbst sagt, um eine «relationelle oder ökologi­sche Definition», die das Ereignis, das ein Trauma auslöst und die Verarbei­tungs- und Bewältigungsmöglichkeiten der betroffenen Person in Relation setzt. Nach dieser Definition gibt es also keine traumatischen Ereignisse oder Erlebnisse, sondern die «Beziehung zwischen objektiven und subjektiven Fak­toren in ihrer quantitativen und qualitativen Ausprägung» ist als traumatisch zu bezeichnen. Dennoch, so Fischer, schränkt « ein vitales Diskrepanzerlebnis [...] Trauma auf einen vitalen, im Extremfall lebensbedrohlichen Typ von Ereignis­sen oder Lebensumständen ein, wie etwa Geiselnahme, politische Verfolgung, Krieg, Mißbrauch, Mißhandlung oder lebensbedrohliche Erkrankungen.»[57]

Die in der Definition erwähnte «Erschütterung von Selbst- und Weltver­ständ­nis», so kommentiert Fischer weiterhin diese Definition, «kommt oft darin zum Ausdruck, daß Traumaopfer sich selbst die Schuld geben für etwas, was ihnen widerfuhr», weshalb zur Verarbeitung des Traumas im Falle von «absichtlich hervorgerufenen Traumata, wie z.B. verbrecherische Handlungen» oft nur er­folgen kann, wenn die wahren Täter «zur Rechenschaft gezogen werden».[58]

Eine im folgenden wichtige Frage ist, wie das Trauma verbalisiert wer­den kann. Denn das Trauma wird insbesondere im Fall von Holocaust-Opfern oft als etwas Unbeschreibliches dargestellt, bei dessen Beschreibungsversu­chen die Sprache versagt.[59] In der Kunst geschieht die Beschreibung dieses Traumas oft indirekt und mit Hilfe von Metaphern und Übertragung der Geschehnisse in imaginäre Räume.[60] Die zahlreichen, zum Teil sehr unter­schiedlichen Formen, in denen das Trauma zum Ausdruck kommt, lassen jedoch vermuten, daß «sich ‚Trauma-Kunst‘ auf keine bestimmte Darstellungs­form typologisch festlegen läßt. Je nach traumatischer Erfahrung und histori­schem Kontext der Rezeption muß der Autor eine Ausdrucksform, eine >Erzählstrategie< finden, die ihn vor Mißverständnis und banalisierender Fehldeutung optimal schützt und ihm er­laubt, dem Kern der traumatischen Erfahrung treu zu bleiben.»[61]

2.1.2. Georges Perecs Trauma

Im Falle Perecs können wir davon ausgehen, daß der Verlust der Eltern in der Kindheit als «bedrohlich» im Sinne von Fischers Definition zu bewerten ist und das «Selbst- und Weltverständnis» dauerhaft erschüttern kann. Wenn man sich mit den Umständen beschäftigt, unter denen Georges Perec seine Eltern verlo­ren hat, muß das Fehlen seiner Mutter jedoch als wesentlich schwer­wiegen­der gewertet werden. Denn sie hat kein Grab und gilt zunächst nicht als ver­storben, sondern als verschwunden. Erst 1958 erklärt der französische Staat sie für verstorben. Als Todesort wird Drancy in Frankreich angegeben,[62] obwohl davon auszugehen ist, daß sie in Auschwitz gestorben ist.

Wie soll man den Tod einer Person verarbeiten, die offiziell gar nicht ge­stor­ben ist und dessen Todestag und Todesort nicht bekannt sind? Die Lage solcher Kinder, die ihre Eltern oder Elternteile im Konzentrationslager verloren haben, beschreibt Bruno Bettelheim wie folgt:

La tragédie particulière [...], c’est que le destin les a empêchés de pleurer leurs parents, et c’est pourquoi les blessures, pourtant anciennes, n’ont jamais pu guérir.

Bien entendu, au début, il n’y avait aucune raison de pleurer, le deuil ne s’imposait pas: on pouvait espérer le retour des parents.[63]

Dabei gehören Trauer und Todesriten, so Bettelheim, seit jeher zu den wichtig­sten religiösen Zeremonien in den meisten ethnischen Gruppen.[64] Diese Trauer aber bleibe den Kindern der deportierten Juden untersagt und führe dazu, daß sie noch Jahrzehnte darunter leiden. Die hinterlassene Wunde bleibe dadurch allgegenwärtig und mache ein normales Leben unmöglich.[65]

Daß diese Wunde auch im Leben Perecs nie verheilt ist, zeigt der Kom­mentar seines Psychoanalytikers Jean-Bertrand Pontalis, der hinter den Erzäh­lungen Perecs während der Psychoanalyse stets den Tod seiner Mutter in Au­schwitz erkennt.

La mère de Pierre[66] avait disparu dans une chambre à gaz. Sous toutes ces chambres vi­des qu’il n’en finissait pas de remplir, il y avait cette chambre-là. Sous tous ces noms, le sans-nom. Sous toutes ces reliques, une mère perdue sans laisser la moindre trace.[67]

Zusätzlich zu dem individuellen traumatischen Erlebnis des Verlustes der Mutter in Auschwitz müssen wir bedenken, daß es sich bei Auschwitz auch um ein kollektives Trauma handelt. So kann man sich zum Beispiel die Frage stel­len, wie Perecs Familie, insbesondere seine Tante Esther, die ihn erzogen hat, mit dem Thema umgegangen ist und wie der damals neunjährige Georges Pe­rec erfahren und begriffen hat, was mit seiner Mutter passiert ist. Diese Frage bleibt im wesentlichen unklar. Perecs Cousine Bianca erklärt in ihren Mémoires d’une jeune fille dérangée, daß sie trotz Recherche nicht weiß, wie, wann und ob ihre Mutter dem neunjährigen Georges den Verlust seiner Mutter erklärt hat:

Lorsque Georges revint à Paris en mars 1945, il avait neuf ans. Il ne posa pas de ques­tions, mais il fallut bien répondre à cette question muette, lui dire pourquoi il ne retrou­vait pas sa mère. Il y eut sans doute un entretien avec maman. Ou bien il n’y en eut pas. Impossible de savoir, car ni Georges ni maman n’en ont jamais parlé, et maintenant ils sont morts tous deux. Cette ignorance me paraît, à présent, tellement inconcevable que j’ai interrogé ces derniers temps plusieurs amis intimes de Georges: aucun n’a pu m’éclairer. C’est comme si, au cœur de la vie de mon jeune cousin, un trou noir s’était creusé, un cratère que seul le silence le plus total pouvait protéger. Georges ne raconte nulle part, dans aucun de ses livres, comment lui a été révélé que sa mère était morte à Auschwitz ...[68]

Diese Aussage sowie die Tatsache, daß Bianca sich erst nach dem Tod ihrer Mutter mit der Frage beschäftigte, wie Georges Perec den Tod seiner Mutter begriffen hatte, läßt vermuten, daß es sich bei diesem Thema innerhalb der Fa­milie Bienenfeld um ein Tabu-Thema handelte.

2.1.3. Die Auswirkungen des Traumas auf Perecs Texte

Die oben genannte Allgegenwärtigkeit der durch den Verlust der Eltern ent­standenen Wunde bleibt nicht ohne Folgen für Texte Perecs, die sich meist um diese Wunde drehen. Im gesamten Werk Perecs kann man, wie es zum Beispiel Claude Burgelin tut, eine Tendenz erkennen, der durch die Wunde entstande­nen Leere allmählich näher zu kommen, sie zu su­chen, zu umkreisen und seine Geschichten um sie herum zu konstruieren.[69] Obwohl dieses fehlende Element, diese Leere im Zentrum der Werke Perecs steht, wird sie in den Tex­ten jedoch nie explizit beschrieben. Das Thema der Bücher Perecs bleibt, wie er es im Falle von Espèces d’espaces selbst beschreibt, stets das, was diese Leere umgibt:

L’objet de ce livre n’est pas exactement le vide, ce serait plutôt ce qu’il y a autour ou dedans.[70]

Ein Großteil von Perecs Werken ist geprägt von dem «Widerspruch zwischen der Unmöglichkeit und der Notwendigkeit»,[71] sich dieser Lücke anzunähern. Es stellt sich die Frage, mit welcher «Erzählstrategie» ihm dies gelingen kann. Philippe Lejeune bemerkt, daß Georges Perec stets indirekte Aus­drucksfor­men benutzt, um diesen Widerspruch aufzulösen und sein Trauma beschreiben zu können:

..., il restera un exemple à méditer: celui d’un autobiographe qui lucidement, patiem­ment, non par choix, mais parce qu’il était le dos au mur, a pris exclusivement des voies obliques pour cerner ce qui avait été non oublié, mais oblitéré, pour dire l’indicible.[72]

Im folgenden soll anhand einiger Texte Georges Perecs gezeigt werden, wie diese indirekte Beschreibung des Traumas in Form eines Umkreisens der psy­chischen Lücke zum Ausdruck kommt. Ein wichti­ges Element in Perecs Texten sind hierbei die Prinzipien der Gruppe OuLiPo und der vom Autor sich selbst auferlegte Zwang, im folgenden contrainte genannt, in seinen Texten bestimmte Regeln zu beachten.

2.2. Die contrainte und die Prinzipien der Gruppe OuLiPo

Die Gruppe OuLiPo wurde 1960 von dem Mathematiker und Literaturliebha­ber François Le Lionnais und dem Schriftsteller und Mathematikliebhaber Raymond Queneau gegründet und besteht seitdem etwa zur Hälfte aus Litera­ten und zur anderen Hälfte aus Wissenschaftlern.[73] Georges Perec wird 1967 Mitglied dieser Gruppe.[74] Der Name OuLiPo verrät bereits den Großteil der Ziele und Vorstellungen dieser Vereinigung. Es handelt sich nämlich um l’Ouvroir de Littérature Potentielle, d.h. um eine Werkstatt, bei der potentielle Literatur fabriziert wird, also jede Literatur, die Menschen in der Lage sind zu schreiben.[75] Das Schreiben von Texten mit einer Werkstatt zu vergleichen, im­pliziert einen relativ weit gefaßten Literaturbegriff, bei dem der Schriftsteller zum Handwerker wird. Perec selbst verglich sich ebenfalls mit einem Bauern und seine Texte mit den zu bearbeitenden Feldern.[76] Mit einer solchen Auffassung von Literatur wird insbesondere der Mythos der Inspiration des Schriftstellers angezweifelt.[77] Wie die Wissenschaften und insbesondere die Mathematik sollte nach der Vorstellung von OuLiPo die Literatur «sich nie dem Zufall der Inspiration oder des psychischen Automatismus»[78] überlassen. Eines der Ziele von OuLiPo ist es daher, Regeln und Verfahren neu zu entwic­keln und wieder zu entdecken, die den Rahmen vorgeben, in dem sich ein Text bewegen soll. Einige Beispiele für solche Regeln und Verfahren sind das Ver­fassen von Palindromen (Texte, die man sowohl rückwärts als auch vorwärts lesen kann), Lipogramme (Texte, in denen bewußt ein Buchstabe des Alpha­bets nicht gebraucht wird) oder die von OuLiPo entwickelte Methode S+7, bei der jedes in einem Text vorkommende Substantiv durch das siebte ihm fol­gende Substantiv in einem beliebigen Wörterbuch ersetzt wird.[79] Das Schrei­ben kann man nun als eine Art Spiel nach bestimmten Regeln verstehen, die zunächst einer contrainte entsprechen, welche die Freiheit des Schreibenden einschränkt. Selbst das Nicht-Einhalten der Regeln, das Pfuschen bei diesem Spiel, erhält in der Theorie der Gruppe OuLiPo einen Namen. Der Bruch mit den zuvor definierten Regeln heißt Clinamen [80] und gibt als «Anti- contrainte » dem Schreibenden Freiheiten, derer er durch die contrainte beraubt wurde.[81]

Es stellt sich nun die Frage, welchen Sinn solche zum Teil extravaganten con­traintes haben, wie zum Beispiel das Schreiben längerer Erzählungen als Palindrome oder das Umschreiben eines Gedichtes nach der Methode S+7. Hierzu sei zunächst erwähnt, daß die Idee, Literatur nach vorgegebenen Regeln zu verfassen, keineswegs ein von OuLiPo erfundenes Element der Literatur ist. Man denke zum Beispiel an die Regeln der doctrine classique oder an die sehr engen strukturellen und inhaltlichen Vorgaben eines klassischen Sonetts. Man könnte sogar sagen, «daß alle Litera­tur auf bewußt oder unbewußt akzeptier­ten, im Grunde aber arbiträren Kon­ventionen beruht.»[82] Die Regeln und contraintes von OuLiPo sind jedoch von den durch die Norm geprägten Regeln zu unterscheiden, da sie dem Schreiben­den durch die individuelle und bewußte Wahl der Regeln für seinen Text mehr Freiheit überlassen als die durch die Norm auferlegten Zwänge.[83]

Weiterhin sei bemerkt, daß paradoxerweise die Einschränkung der Frei­heit bei der literarischen Produktion dem Schreibenden helfen soll, Texte zu fabrizieren und innerhalb der vorgegebenen Regeln seine Imagination zum Ausdruck zu bringen.[84] Perec selbst bezeichnete die Regeln seiner Texte in einem Interview auch als «ce qui stimule ma ‚racontouze‘ – ma machine à narrer - ...»[85]. Die strikten Spielregeln von OuLiPo können einerseits als Stütze für einen Schrift­steller dienen, der nicht weiß, wie er sich sonst an gewisse Themen annähern kann. Andererseits kann die contrainte auch ein Schutz­schild gegen­über dem Leser (und sich selbst) darstellen, hinter dem sich der Autor ver­steckt. Denn durch die contrainte kommt die literarische Verarbei­tung des Traumas in Perecs Werken nur indirekt zum Ausdruck, und der Leser betrachtet zum Beispiel einen 300 Seiten langen Roman ohne den Buchstaben e zunächst einmal lediglich als eine beachtliche sprachliche und literarische Leistung. Die Regeln von OuLiPo, d.h. die Struktur der Werke, die contrainte und auch der Verstoß gegen die contrainte und Struktur, welche ein jeweiliges Werk be­stimmen, stellen ein so zentrales Element in den Texten Perecs dar, daß sie in den folgenden Analysen stets berücksichtigt werden.

[...]


[1] Cf. z.B. Angremy, J.-P. 2001:9.

[2] Cf. Bellos, D. 1994:582.

[3] Cf. Steiner, A. 2001:39.

[4] So erwähnt zum Beispiel die von Jürgen Grimm herausgegebene Französische Literaturgeschichte Georges Perec lediglich in einer Randbemerkung, bei der die «auf (porodistisch gehandhabter) Intertextualität beruhender Kombinatorik eines Georges Perec (La disparition, 1969, La vie – mode d’emploi, 1978)» in Verbindung mit der zweiten Phase des Nouveau Roman gebracht wird (cf. Coenen-Mennemeier, B. 1994:341). Cf. zur Rezeption von G. Perec in Deutschland v.a. Steiner, A. 2001:232s.

[5] Cf. Monfrans, M. van 1989:15s. Es sei darauf hingewiesen, daß 1968 sicherlich ein sinnvolles Eckdatum ist, um eine Wende in einer ganzen Reihe gesellschaftlicher und literarischer Bereiche zu markieren. Der Begriff Wende ist jedoch nicht wörtlich zu nehmen, da es sich vielmehr um einen kontinuierlichen Wandel handelt, der nicht auf den Zeitraum eines einziges Jahres beschränkt ist.

[6] Cf. u. a. Bem, J. 1998:36.

[7] Cf. Bellos, D., 1994:55 oder auch Perec, G. 1975:31s.

[8] Perec, G. 1975:52.

[9] Perec, G. 1975:52, es muß sich wohl um die Transkription des kyrillischen (also russi­schen) «Pepe½» ins Polnische handeln, da Lubartów in der Nähe von Lublin, wo David Peretz, der Großvater väterlicherseits von Georges Perec, lebte, vor dem ersten Weltkrieg russisches Territorium war und anschließend polnisch wurde. Die Transkription in «Perec» entspricht dann im Polnischen der Aussprache «Peretz». (Cf. Bellos, D. 1994:24)

[10] Cf. Bellos, D. 1994:38.

[11] Cf. Perec, G. 1975:49.

[12] Cf. Bellos, D. 1994:24.

[13] Cf. Bellos, D. 1994:38 und Perec, G. 1975:47s.

[14] Cf. Perec, G. 1975: 67.

[15] Cf. Bellos, D. 1994:56.

[16] Über Namen, genauen Geburtstag und Sterbeursache gibt es keine verläßlichen Infor­mationen. Laut W ou le souvenir d’enfance hieß Perecs Schwester Irène, wurde zwischen 1937 oder 1939 geboren und starb aufgrund eines mißgebildeten Magens. (Perec, G. 1975:31s. Perec beruft sich hier auf die Angaben seuner Tante Esther) Laut David Bellos Biographie Georges Perec. Une vie dans les mots ist es sehr wahrscheinlich, daß diese Schwester Jeannine hieß und 1938 geboren wurde (Bellos, D. 1994:55).

[17] Cf. Bellos, D. 1994:60-68.

[18] Esthers Tochter Bianca und ihr Mann flohen im Sommer 1942 in die zone libre (Cf. Bellos, D. 1994: 80)

[19] Cf. Bellos, D. 1994:75-78. Über den genauen Zeitpunkt von Perecs Abfahrt in die Alpen gibt es widersprüchliche Aussagen. Perec selbst gibt in W ou le souvenir d’enfance (p. 48) das Jahr 1942 an. David Bellos führt jedoch mehrere Gründe auf, die für Perecs Abreise im Herbst 1941 sprechen. (cf. hierzu auch Lamblin, B. 2000:15s.).

[20] Perecs Großmutter Rose wurde aus nicht bekannten Gründen nicht festgenommen und schaffte es, ebenfalls in die Alpen zur restlichen Familie zu fliehen. (Bellos, D. 1994: 81 und 90s.) Perecs andere Großmutter starb bereits vor Beginn des zweiten Weltkrieges (Cf. Bellos, D. 1994:56).

[21] Cf. Bellos, D. 1994:88.

[22] Cf. Bellos, D. 1994:93.

[23] Cf. Lamblin, B. 1993:127.

[24] Perecs Cousine Bianca Lamblin bezeichnet ihre Eltern als «absolument irréligieux, décidément athées» (Lamblin, B. 1993:100). Das gleiche gelte für die Eltern von Georges, die weder gläubige noch praktizierende Juden gewesen seien. Laut Bianca Lamblin bedeutete die Einwanderung nach Frankreich für ihre Familie automatisch, von der jüdischen Kultur Abschied zu nehmen und sich in Frankreich zu integrieren. (cf. Lamblin, B. 2000:54s.) Auch wenn die Eltern von Georges den gleichen Integrationswillen zeigten wie Biancas Eltern, so befanden sie sich im 20. Arrondissement weiterhin in einem jüdischen Umfeld. (cf. Bellos, D. 1994:56).

[25] Cf. Lejeune, P. 1991:49.

[26] Cf. Bellos, D. 1994:122s.

[27] Perec kam von 1952-1953 nach Paris an das Lycée Claude Bernard zurück, ging jedoch für die terminale wieder nach Étampes (cf. Bellos, D. 1994:143-145).

[28] Cf. Bellos, D. 1994:152-155.

[29] Cf. Bellos, D. 1994:156 und Burgelin, C. 1988:5.

[30] Cf. Burgelin, C. 1988:233 und Bellos, D. 1994:171 (auch 149-159).

[31] Cf. Bellos, D. 1994:188 und 204.

[32] Wäre seine Mutter französische Staatsbürgerin gewesen, so hätte ihr Tod ebenfalls als ein «Tod für Frankreich» gegolten und Perec hätte gar keinen Wehrdienst leisten müssen (cf. Bellos, D. 1994:188s.). Das Ministère des anciens combattants et victimes de guerre bescheinigte allerdings erst im November 1959, daß der Tod seiner Mutter als äquivalent zu einem «Tod für Frank­reich» betrachtet werden kann. Dadurch verkürzte sich Perecs Wehrdienst um die letzten ver­bleibenden 3 Monate (cf. Bellos, D. 1994:239s. und Neefs, J./Hartje, H. 1993:55).

[33] Bellos, D. 1994:240 und 261.

[34] Cf. Burgelin, C. 1988:235.

[35] Cf. Bellos, D. 1994:260-287.

[36] Cf. Bellos, D. 1994:182 und 238.

[37] Cf. Burgelin, C. 1992:7-23 und Bellos, D. 1994:233-243. Einige für die Ligne génerale bestimmten Artikel von Georges Perec wurden in der Zeitschrift Partisans veröf­fentlicht. Sie sind posthum gesammelt in Perec, G. 1992 veröffentlicht worden.

[38] Cf. Bellos, D. 1994:358 und 411s.

[39] Cf. Bellos, D. 1994:385.

[40] So beschreibt Queneau, eines der wohl bekanntesten Mitglieder von OuLiPo, die Ziele dieser Gruppe (Cf. Burgelin, C. 1988, p. 75).

[41] Cf. Oulipo 1981/1988:166.

[42] Cf. Rosienski-Pellerin, S. 1995:8s.

[43] In Lieux wollte Georges Perec zwölf Orte, die mit seiner Biographie in Relation stehen über zwölf Jahre in einer festgelegten Reihenfolge beschreiben. Einer dieser Orte war zum Beispiel die Rue Vilin. Jeden Monat sollte eine Beschreibungen eines Ortes und eine Erinnerung, die mit diesem Ort zu tun hat, verfaßt und in versiegelten Umschlägen bis 1981 aufbewahrt werden. Dann erst sollten die Umschläge geöffnet werden. Das Projekt wurde jedoch 1975 abgebro­chen. (Cf. Perec, G. 2000:108ss. und Lejeune, P. 1991:141s.)

[44] Cf. Bellos, D. 1994:584ss.

[45] Cf. Bellos, D. 1994:677.

[46] Cf. Burgelin, C. 1988:235.

[47] Cf. Bellos, D. 1994:760.

[48] Cf. Perec, G./Bober, R. 1980:11.

[49] Photo entnommen aus Perec, P. 2001a:188.

[50] Cf. Kluge, F. 1995:834.

[51] Cf. Pfeifer, W. 1989:1833.

[52] Cf. Bohleber W. 2000a:795 und Bronfen /Erdle/Weigel 1999:VII.

[53] Weigel, S. 1999:1999:51.

[54] Bohleber, W. 2000b:797.

[55] Weigel, S. 1999:52.

[56] Fischer, G. 2000:11s.

[57] Cf. Fischer, G. 2000:12.

[58] Cf. Fischer, G. 2000:13.

[59] Cf. Mahler-Bungers, A. 2000:27ss.

[60] Cf. Fischer, G. 2000:15.

[61] Fischer, G. 2000:16.

[62] Cf. Perec, G. 1975:57.

[63] Bettelheim, B. 1979:196.

[64] Cf. Bettelheim, B. 1979:199.

[65] Cf. Bettelheim, B. 1979:185, 188 und 200.

[66] J.-B. Pontalis verwendet das Pseudonym Pierre G, es deutet allerdings alles darauf hin, daß es sich bei Pierre G. um G. Perec handelt. (Cf. Burgelin, C. 1996:96).

[67] Pontalis, J-B. 1986:171.

[68] Lamblin, B. 1993:156.

[69] Cf. Burgelin, C. 1988:7.

[70] Perec, G. 2000:13.

[71] Klein, J. 1992:14.

[72] Lejeune, P. 1991:12.

[73] Cf. Burgelin, C. 1988:75 und Monfrans, M. van 1999:126.

[74] Cf. Bellos, D. 1994:385.

[75] Im Sinne dieser Literaturvorstellung formulierte auch Perec: «mon ambition d’écrivain serait [...] d’écrire tout ce qui possible à un homme d’aujourd’hui d’écrire: des livres gros et des livres courts, des romans et des poèmes, des drames, des livrets d’opéra, des romans policiers, des romans d’aventures, des romans de science-fiction, des feuilletons, des livres pour enfants...» (Perec, G. 1978c:11)

[76] Cf. Perec, G. 1978c:9.

[77] Cf. Penzenstadler, F. 1994:166.

[78] Penzenstadler, F. 1994:166.

[79] Cf. Oulipo 1981/1988:166.

[80] Dieser Begriff stammt ursprünglich aus der Atomphysik Epikurs und bezeichnet dort die Fähigkeit der Atome, ihre Flugbahn zu verändern (cf. Miller, A. 1996:21).

[81] Cf. Miller, A. 1996:21.

[82] Penzenstadler, F. 1994:165.

[83] Cf. Miller, A. 1996:21.

[84] Cf. z.B. Monfrans, M. van 1999:129.

[85] Cf. Perec, G. 1984:54.

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Trauma und Gedächtnis anhand ausgewählter Texte von Georges Perec
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Romanisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
93
Katalognummer
V28715
ISBN (eBook)
9783638304160
Dateigröße
1766 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trauma, Gedächtnis, Texte, Georges, Perec
Arbeit zitieren
Thomas Jörgens (Autor), 2001, Trauma und Gedächtnis anhand ausgewählter Texte von Georges Perec, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28715

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