Das russländische Imperium erlebte Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts zahlreiche politische und kirchliche Umbrüche. Nachdem sich die Moskauer Metropolie 1448 für faktisch autokephal erklärte und 1480 das tatarische Joch abgeschüttelt war, begann die Erstarkung der russisch-orthodoxen Kirche und des russischen Reichs. In dieser Konsolidierungsphase verflochten sich Staat und Kirche zunehmend. Es entstand aber auch Wettbewerb um Landbesitz zwischen den beiden Parteien. Außerdem bildete sich um die Wende zum 16. Jahrhundert die bis damals größte häretische Erscheinung auf russischem Boden: die Bewegung der Judaisierenden. Und just in diese Zeit fällt die rege publizistische Teilnahme von Vertretern des russischen Mönchtums. Ausgehend von der Epoche des 14. und 15. Jahrhunderts, wo das Mönchtum in Russland seine Blüte erlebt hatte, stritten die geistigen Kräfte um die Zukunft der Kirche, die – laut Onasch – mit den „schwierigsten Problemen der russischen Kirchengeschichte konfrontiert“ war. In diesem Milieu formierten sich zwei Strömungen: die sogenannten „Besitzenden“ sowie die „Besitzlosen“. Einer dieser Mönche in den Reihen der Besitzlosen und „vielleicht […] der letzte ausgebildete Anhänger und Verkünder“ dieser Schule ist der Starze Artemij. Obwohl von einigen Wissenschaftlern als eine „der interessantesten Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts“ bezeichnet und für die russische Kirchen- und Literaturgeschichte kein Unbekannter, ist Artemijs Leben knapp 500 Jahre nach seiner Wirkungszeit immer noch von einer gewissen Mystik umgeben. Das beginnt bereits bei seiner Vita, deren Anfang und Ende sich im Dunkeln verlieren. Des Weiteren erscheint es kontrovers, dass der orthodoxe Mönch Artemij wegen seiner Glaubensanschauung in seiner russischen Heimat von einer Moskauer Synode zu lebenslanger Verbannung unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen verurteilt wurde, jedoch später nach seiner Flucht nach Litauen dort als der „Retter der Orthodoxie“ in die Geschichtsbücher einging.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. Themenstellung
1.2. Gang der Untersuchung und Forschungsstand
2. Historischer Rahmen
2.1. „Moskau, das Dritte Rom“ und die „Sammlung des Landes“
2.2. Verhältnis zwischen russischem Staat und russischer Kirche
2.3. Starzen-, Asketentum und Häresien in Russland
2.4. Kampf innerhalb der russischen Kirche: Besitzende gegen Besitzlose
3. Klerikale Charaktere der damaligen Zeit in Russland
3.1. Nil Sorskij und Josif von Volokolamsk
3.2. Artemij und Daniil
4. Sendschreiben Artemijs und seine Verurteilung
4.1. Die Bedeutung der Heiligen Schrift
4.2. Schrift-, Traditions- und Gebotsverständnis
4.3. Artemijs Stellungnahme zu den religiösen Streitfragen seiner Zeit
4.4. Die Verurteilung Artemijs
5. Zusammenfassung und Auswirkungen Artemijs Wirken auf die russische Kirche
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Gestalt des Starzen Artemij vor dem Hintergrund der kirchenpolitischen und sozialen Umbrüche in Russland während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Ziel ist es, die ideologischen Hintergründe seines Wirkens innerhalb der Strömung der „Besitzlosen“ zu ergründen und die Gründe für seine Verurteilung durch die Moskauer Synode sowie dessen Folgen für die russische Kirchengeschichte zu analysieren.
- Die kirchenpolitische Entwicklung Russlands unter dem Leitbild „Moskau, das Dritte Rom“.
- Die ideologischen Gegensätze zwischen den „Besitzenden“ und den „Besitzlosen“.
- Die Rolle Artemijs als Vertreter einer radikalen Schriftverbundenheit und seine Auseinandersetzung mit der Hierarchie.
- Der Prozess gegen Artemij als kirchenpolitisches Instrument der damaligen Zeit.
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Bedeutung der Heiligen Schrift
Betrachtet man nun Artemijs schriftstellerisches Schaffen, so kommt man zu dem Ergebnis, dass seine „theologische Gedankenwelt […] in einer einzigartigen Weise von der Heiligen Schrift bestimmt [ist, AR], der seine besondere Hochschätzung und Liebe gilt.“ Dabei ging es Artemij zeitlebens vor allem um das Gotteswort ohne Beifügungen und frei von menschlichen Zusätzen. Danach wollte Artemij sein Leben gestalten und ausrichten. Deswegen legte er auch sein Igumenamt am bedeutenden Troica-Kloster ab.
Mit diesem Reformprogramm, welches sich vollkommen und wortwörtlich aus dem Geist des Evangeliums speiste, versuchte also Artemij im 16. Jahrhundert die russische Gesellschaft zu erneuern und ein Heilmittel für die Nöte der Kirche der damaligen Zeit zu finden. Diese „einzigartige Hochschätzung der Heiligen Schrift“, die dadurch entstandene „Einheit und Geschlossenheit“ sowie die „ungewöhnliche Schriftverbundenheit“ in der theologischen Gedankenwelt Artemijs beeindrucken. Doch offenbart sich hier auch eine entscheidende Schwäche: „die Gefahr, daß er sein persönliches, subjektives und subjektivistisches Schriftverständnis zur obersten Norm seines Urteils über die Kirche und ihr Leben macht.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung der historischen Umbruchphase im 16. Jahrhundert sowie der Forschungsfragen zur Rolle des Starzen Artemij.
2. Historischer Rahmen: Analyse der politischen Konsolidierung Moskaus und des Konflikts zwischen der „Besitzenden“ und „Besitzlosen“ Kirchenfraktion.
3. Klerikale Charaktere der damaligen Zeit in Russland: Porträtierung der prägenden Persönlichkeiten wie Nil Sorskij, Josif von Volokolamsk, Artemij und Daniil.
4. Sendschreiben Artemijs und seine Verurteilung: Untersuchung der theologischen Ideologie Artemijs, seiner Schriftverbundenheit und der Hintergründe seines kirchlichen Prozesses.
5. Zusammenfassung und Auswirkungen Artemijs Wirken auf die russische Kirche: Abschließende Würdigung des Einflusses von Artemijs Verbannung auf die Entwicklung der russisch-orthodoxen Kirche.
Schlüsselwörter
Starze Artemij, Besitzlose, Besitzende, Russisch-Orthodoxe Kirche, 16. Jahrhundert, Heilige Schrift, Josif von Volokolamsk, Nil Sorskij, Moskauer Synode, Kirchenreform, Mönchtum, Häresie, Klerus, Schriftverständnis, Kirchengeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Wirken und der Ideologie des Starzen Artemij, eines bedeutenden Vertreters der „Besitzlosen“ im Russland des 16. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der kirchenpolitische Machtkampf um Klosterbesitz, die Entwicklung des russischen Mönchtums und die Rolle der Heiligen Schrift als moralische Instanz.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, wie Artemijs Ideologie mit der Bewegung der „Besitzlosen“ verknüpft war, auf welchen Grundpfeilern diese basierte und wie seine Verurteilung kirchenhistorisch zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit geht deskriptiv-analytisch vor und wertet primär überlieferte Sendschreiben sowie historische Berichte aus der damaligen Zeit aus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historischen Rahmenbedingungen, die Vorstellung der klerikalen Akteure sowie die detaillierte Analyse von Artemijs Sendschreiben und seinem Prozess.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Starze Artemij, Besitzlose, Schriftverbundenheit, Josifljaner und die russische Kirchengeschichte des 16. Jahrhunderts.
Welchen Einfluss hatte der "Dritte Rom"-Gedanke auf Artemijs Schicksal?
Die messianische Idee Moskaus als Drittes Rom führte zu einer engen Verzahnung von Staat und Kirche, wodurch Artemijs Kritik an der Kirche als staatsgefährdend wahrgenommen wurde.
Warum lehnte Artemij die Todesstrafe für Häretiker ab?
Artemij berief sich auf das christliche Gebot der Nächstenliebe und war der Überzeugung, dass Sünder belehrt („Učiti, ne mučiti!“), aber nicht körperlich bestraft werden sollten.
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- Andrej Richter (Autor), 2014, Das Sendschreiben des Starzen Artemij und die Bewegung der "Besitzlosen" in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287336