Der Don Juan Max Frischs hat eine neue Grundkondition: „Ich liebe. Aber wen?“. Er liebt sich zunächst einmal selbst, ist ein Narziss wie Tirso de Molinas oder Molières Don Juan. Der Don Juan Frischs erlebt allerdings eine Art Identitätskrise, die er bewusst auslebt. Seine Liebe ist ziellos auf jeden gerichtet, sie macht auch vor seinem Freund Roderigo nicht Halt, nur weiß er nicht, was er mit ihr anfangen soll. Ein pubertierender Don Juan demnach, denn der zerstörerische Trieb, den seine literarischen Vorgänger hatten, fehlt ihm.
Tirsos und Molières Don Juan konnten ihre Lebensgrundlage aus der Triebbefriedigung ziehen. Sören Kierkegaard zufolge ließe sich noch differenzieren, ob sie je nach Reflexionsvermögen als Betrüger oder als Verführer agierten: „Von Don Juan muss man den Ausdruck Verführer mit großer Vorsicht gebrauchen, (…) weil er überhaupt nicht unter ethische Bestimmungen fällt. Ich möchte ihn aber lieber einen Betrüger nennen (…). Um Verführer zu sein, bedarf es stets einer gewissen Reflexion und Bewusstheit (…). An dieser Bewusstheit fehlt es Don Juan. Er begehrt, und diese Begierde wirkt verführend; insofern verführt er.“ Ihr Lebensprinzip infrage zu stellen, war ihnen unmöglich: „Ich fühle in mir die Kraft, die ganze Welt zu lieben, und wie Alexander wünschte ich, es gäbe noch eine andere Welt, auf der ich meine Liebeseroberungen ausdehnen könnte.“
Inhaltsverzeichnis
1 Die Figur des Don Juan
2 Mittel und Funktion der Satire
3 Der Umgang mit dem literarhistorischen Kontext
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wandlung der literarischen Gestalt des Don Juan von Tirso de Molina und Molière hin zu Max Frischs modernem Don Juan in „Don Juan oder die Liebe zur Geometrie“ und analysiert dabei die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen sowie dem literarischen Mythos.
- Analyse der psychologischen und soziologischen Wandlung des Don Juan-Typus
- Untersuchung der Funktion der Satire als Gesellschaftskritik
- Darstellung der Parodie des traditionellen Don Juan-Mythos
- Erörterung der Dialektik zwischen Individuum und gesellschaftlichem Zwang
- Interpretation der „Liebe zur Geometrie“ als Fluchtmechanismus
Auszug aus dem Buch
3 Der Umgang mit dem literarhistorischen Kontext
„Wir arbeiten mit Überlieferung“27: Don Juans Erklärung zu seinem Hinrichtungsszenario beschreibt eine Grundstruktur des Dramas. Frisch schreibt im Bewusstsein eines Don-Juan Rezipienten und er bezieht dabei auch seine Figuren mit ein, allen voran ‚seinen‘ Don Juan. Immer wieder erinnert Don Juan den Zuschauer an das Ende des Komturs; auf Don Gonzalos Aufforderung zum Kampf hin: „Wenn Sie es nicht erwarten können, Ihr marmornes Denkmal, fangen Sie an!“28, oder kurz darauf zu Roderigo: „Er sucht einfach seinen Tod und sein Denkmal, du wirst sehen, vorher ist er nicht zufrieden (…)“29. Auch Tenorio wird nicht müde, seinen Tod anzukündigen: „Der Junge bringt mich noch um, Sie werden sehen, Pater Diego, mit einem Herzschlag.“30
Die Wegnahme der Spannung ist ein Teil der epischen Anlage des Dramas, wobei Frisch vor dem Problem stand, dass es für ‚seinen‘ Don Juan nicht mehr ausreichen konnte, das Interesse allein auf die Motivation der Handlung zu lenken. Der pathetische Tod eines Don Gonzalos wird für den modernen Zuschauer nicht interessanter, wenn ihm erklärt wird, wie dieser Tod motiviert ist. Folgerichtig ergab sich der Weg in die Parodie. Frisch spielt mit vorgegebenen Formen: Aus Molières Don Carlos und Don Alonso werden drei fechtwütige Vettern des Don Gonzalo, Don Juans gewohntes Fluchtgefährt bleibt im Stall, seine Flucht zu Fuß endet im Park (1. Akt). Schließlich treten zwei neue Figuren in das Stück31: Pater Diego, Vertreter der göttlichen Instanz, die auf die Erde geholt wird, weil sie längst suspekt geworden ist, und Miranda, bzw. Celestina, zwei Prostituierte, weil auch der Begriff der Liebe und der Jungfräulichkeit neu analysiert werden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Figur des Don Juan: Das Kapitel analysiert die Identitätskrise des modernen Don Juan bei Max Frisch und kontrastiert dessen ziellose Begierde mit der triebgesteuerten Entschlossenheit seiner literarischen Vorgänger.
2 Mittel und Funktion der Satire: Hier wird untersucht, wie Max Frisch durch satirische Mittel und die Entlarvung gesellschaftlicher Phrasen die Verlogenheit einer korrumpierten Welt sowie den Don-Juan-Stoff selbst parodiert.
3 Der Umgang mit dem literarhistorischen Kontext: Dieses Kapitel thematisiert die bewusste Dekonstruktion des überlieferten Mythos durch Frisch, indem der Autor die Spannung nimmt und Don Juan aus der traditionellen Rolle in eine existenzielle Leerstelle entlässt.
Schlüsselwörter
Max Frisch, Don Juan, Tirso de Molina, Molière, Literaturgeschichte, Satire, Gesellschaftskritik, Identitätskrise, Mythos, Parodie, Moderne, Literaturwissenschaft, Geometrie, Dramentheorie, Literaturinterpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Transformation der Figur des Don Juan, beginnend bei Tirso de Molina und Molière, und fokussiert dabei besonders auf Max Frischs Stück „Don Juan oder die Liebe zur Geometrie“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die Themenfelder Identitätskrise, gesellschaftlicher Konformitätsdruck, das Verhältnis zwischen Individuum und Mythos sowie die Funktion von Satire in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich der Don Juan-Typus durch die Jahrhunderte gewandelt hat und warum die moderne Interpretation bei Frisch den Helden als Gefangenen der Gesellschaft in einer existentiellen Leerstelle zeigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine komparative Literaturanalyse angewandt, die den historischen Kontext der Vorlagen mit der spezifischen Neuinterpretation durch Max Frisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung der Figur, die Analyse satirischer Stilmittel zur Gesellschaftskritik und die Untersuchung des bewussten Umgangs mit literaturhistorischen Versatzstücken.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Transformation, Dekonstruktion, Gesellschaftskritik, Moderne und Parodie charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Frischs Don Juan von der traditionellen Darstellung?
Frischs Don Juan leidet unter einer Identitätskrise und dem Zwang der Gesellschaft, während die klassischen Vorbilder als selbstverständliche Verführer oder Betrüger agieren, die in ihrem Moralkodex fest verankert sind.
Welche Rolle spielt die „Liebe zur Geometrie“ im Stück?
Sie fungiert als Fluchtpunkt für Don Juan, da er in der Abstraktion und Ordnung der Geometrie einen Ersatz für die aus seiner Sicht gescheiterte oder austauschbare menschliche Beziehung sucht.
- Citar trabajo
- Claudia König (Autor), 1998, Max Frischs "Don Juan oder die Liebe zur Geometrie" im Vergleich mit Molinas "Don Juan. Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast" und Molières "Don Juan", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287649