Das Hermetische an Paul Celans "Fadensonnen"


Essay, 2007

11 Seiten


Leseprobe

INHALT:

FADENSONNEN

1. Das poetische Werk Celans im Überblick

2. Der Stand der Forschung im Umriss

3. Zur Struktur von „Fadensonnen“

4. Interpretationen

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

FADENSONNEN

über der grauschwarzen Ödnis.

Ein baum-

hoher Gedanke

greift sich den Lichtton: es sind

noch Lieder zu singen jenseits

der Menschen.

(GW II,26)[1]

1. Das poetische Werk Celans im Überblick

Charakteristisch bei der Sprache Celans ist ihr hermetischer Stil, der von vielen Kritikern als eine Adhäsion des Konzepts des l’art pour l’art betrachtet wird. Diese Chiffrierung, die die Bedeutung seiner Gedichte verhüllt, kann auch als der einzige Weg aufgefasst werden, eigene Erfahrungen, Kritik an der Sprache auf geeignete Weise zum Ausdruck zu bringen. Die Gedichte erhalten daher nicht nur einen Appellcharakter, sondern verlieren auch ihre Eindeutigkeit durch eine subtile Verwendung von Kennworten und Wortschöpfungen. Das Frühwerk ist dokumentiert durch den Band Mohn und Gedächtnis, der sich in vier Abschnitte gliedert: Der Sand aus den Urnen; Todesfuge; Gegenlicht; Halme der Nacht. Thematisch kristallisiert sich dieses Werk aus dem Bestreben nach adäquater Wiedergabe und Darstellung der Unfasslichkeit des jüngsten geschichtlichen Erlebnisses: das Trauma in den Vernichtungslagern, gemeinschaftliche Trauer, Einsamkeit und Melancholie. So wird sein Frühwerk durch ungewöhnliche Wortassoziationen wie ,,schwarze Milch der Frühe’’, ,,Glockenstuhl des Schweigens’’ geprägt. Die mittlere Phase seines Werkes wird durch die Bände Von Schwelle zu Schwelle (1955), der Anklänge und Fortführungen aus Mohn und Gedicht enthält und Verse daraus zitiert hat, und Sprachgitter (1959) verwirklicht. Das Spätwerk besteht aus den Gedichtbänden Atemwende (1967), Fadensonnen (1968), Lichtzwang (1970), Zeitgehöft (1976).

2. Der Stand der Forschung im Umriss

Das Gedicht „Fadensonnen“ ist von Personen verschiedenster Provenienz, Feuilletonisten, Ideologen und Literaturwissenschaftlern mit unterschiedlichem Ergebnis ausgelegt worden. All diese Deutungsversuche sind auf den letzten Satz gerichtet: „Es gibt zu diesem Gedicht vor allem wohl wegen seines provokativen – oder resignativen – Schlusses verhältnismäßig viele Interpretationen, die sich jedoch meist auf eben den letzten Satz beschränken und die bisweilen eben auch jene Überschrift tragen, die auch ich dieser Phase der Lyrik Celans gegeben habe“[2]. Hartmut Steinecke[3] spricht in seinem Aufsatz „Lieder... jenseits der Menschen“ nicht unbedingt jedem Leser die notwendigen Voraussetzungen zu, ein Gedicht Celans adäquat interpretieren zu können. Er nennt im Wesentlichen exemplarisch vier mögliche Interpretastionsansätze, die von Celan-Interpreten, v.a. für das Gedicht „Fadensonnen“, gewählt wurden:

- Das esoterische Verstehen, oder: Schreiben als Vorstufe zum Verstummen;
- Das theologische Verstehen, oder: Was liegt jenseits der Menschen?
- Das ideologische Verstehen, oder: Alles ist Politik;
- Das naive Verstehen, oder: Der Leser ist alles

Das „esoterische Verstehen“ sieht in Celans Beschäftigung mit dem Problem der Sprache, also die Sprachreflexion, das Zentrum der Deutungsmöglichkeit Celan`scher Dichtung: wenn Celan die Sprache als unzulänglich erklärt, das Phänomen Welt zu erfassen, kommt er diesem Ansatz nach immer mehr zu einem Verstummen, was durch eine zunehmend hermetische Sprache angedeutet wird.

Bei der theologischen Auslegung wird versucht – ausgehend von der Deutungsrichtung, die durch das Adverb „jenseits“ gegeben wird –, das Gedicht „Fadensonnen“ in „der heilsgeschichtlichen Tradition“ zu sehen. Es evoziere ein „messianischen Leuchten“. Celan verweise in dem Gedicht auf ein zu erwartendes Jenseits.

Ideologisch hat man Celan vorgeworfen, sein Gedicht sei „bewußt konzipiert gegen jede gesellschaftliche Realität, als esoterisches Sich-Abschließen im Elfenbeinturm.[4] Erich Fried liest das Gedicht als Einladung „ins Nichts“; er erkennt den „furchtbaren Irrtum“ Celans in der Hoffnung, es gebe Lieder jenseits der Menschen zu singen.[5]

Das von Hartmut Steinecke aufgezählte vierte Deutungsmuster hebt den Aspekt des Lyrischen in „Lieder zu singen“ hervor und erkennt, dass Wohlklang, Musikalität im romantischen Sinne nach den Ungeheurlichkeiten im 2. Weltkrieg nicht mehr angebracht sein kann: Celan zeige mit seinem Gedicht in eine Zukunft „jenseits der Menschen“, in der romantisches Singen wieder möglich sein wird.[6] Celan sagte 1958: die Sprache der Dichtung – nicht zuletzt aufgrund der Greuel der Nazizeit – müsse auf Musikalität verzichten, es müsse eine `grauere Sprache` sein, die nicht mittels Wohlklang das Grauen überdecke.[7]

„Fadensonnen“ sei laut Steinecke ein Versuch Celans „die andere, nicht mehr musiklaische Poetizität zu bewahren und weiterzuentwickeln und in dieser Sprache den Menschen etwas über sich selbst und den Zustand ihrer Welt zu sagen[8].“

Paul Celan publizierte das Gedicht „Fadensonnen“ zuerst 1965 in einem bibliophilen Druck und dann in dem Band Atemwende 1967[9]. Der Dichter und Übersetzer Celan (*23.11.1920 in Czernowitz – †20.04.1970 in Paris), dessen Geburtsort, die Hauptstadt der Bukowina, auf eine lange und fruchtbare Tradition deutschsprachiger Dichtung zurückblicken kann[10], hat die Schrecknisse der Nazi-Diktatur erfahren müssen, als im Jahr 1941 die jüdische Bevölkerung von Czernowitz ins Ghetto gezwungen wird. Die Tatsache, dass er die Deportation seiner Eltern in ein Lager in Transnistrien nicht verhindern konnte, hat den Dichter stark belastet, der selbst in verschiedenen Lagern interniert war. Celans Lyrik ist von der traumatischen Lebenserfahrung des verfolgten, heimatlosen Juden geprägt.

„Mit dem „Wirtschaftswunder“ der restaurativen „Adenauer-Ära“ drohte in den späten 1950er Jahren die nationalsozialistische Vergangenheit zusehends der Verharmlosung oder gar der Vergessenheit anheimzufallen.[11] Celan sieht die Aufgabe des Dichters darin, das Wort gegen das Vergessen zu stellen und er möchte, wie er in seiner Rede bei der Verleihung des Büchnerpreises im Jahre 1960 betont, dem modernen Gedicht „eine aller unserer Daten eingedenk bleibende Konzentration“ abnötigen.[12]

[...]


[1] Paul Celan. Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hrsg. von Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitw. von Rolf Bücher. Suhrkamp: Frankfurt a.M. 1983. (Fortan zitiert als GW, Bandzahl mit lateinischen Ziffern).

[2] Krämer (1979) S. 130

[3] Hartmut Steine>

[4] Ebd. S. 194.

[5] Erich Fried: Beim Wiederlesen eines Gedichts von Paul Celan. In: E.F.: Die Freiheit den Mund aufzumachen. 48 Gedichte. Berlin 1972. S. 33.

[6] Vgl. Hartmut Steinecke, a.a.O., S. 200.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Ebd,. S. 201.

[9] Vgl. Dietmag Goltschnigg: Intertextuelle Traditionsbezüge im Medium des Zitats am Beispiel von Erich Frieds lyrischem Dialog mit Paul Celan. In: Literarische Tradition heute. Deutschsprachige Gegenwartsliteratur in ihrem Verhältnis zur Tradition. Hrsg. von Gerd Labroisse und Gerhard P. Knapp. Amsterdam 1988, S. 38 (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik Bd. 24).

[10] Dietmar Goltschnigg: Paul Celans Büchnerpreisrede im politischen und literarhistorischen Kontext der 1950 / 60er Jahre. In: Germanistik und Literaturkritik. Zwischenbericht zu einer wunderbaren Freundschaft. Hrsg. Von Primus Heinz Kucher und Doris Moser. (=Stimulus. Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik 2006). Wien: Praesens Verlag 2007, S. 137 -154, hier S. 137.

[11] Ebd. S. 139.

[12] III, 198; Vgl. Dietmar Goltschnigg a.a.O. S. 141.

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Details

Titel
Das Hermetische an Paul Celans "Fadensonnen"
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V287691
ISBN (eBook)
9783668399068
ISBN (Buch)
9783668399075
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hermetische, paul, celans, fadensonnen
Arbeit zitieren
Rachel Kafui Alinyoh-Fotter (Autor), 2007, Das Hermetische an Paul Celans "Fadensonnen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287691

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