Martin Luther und die Reformation. Luthers Ziele und seine Kritik an der christlichen Kirche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
26 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Literatur und Forschungsstand

2. Luther als Mensch und Mönch
2.1 Kindheit und Jugend
2.2 Die Zeit im Kloster

3. Die christliche Kirche und der Ablasshandel
3.1 Was ist Ablass?
3.2 Ablasspredigt

4. Luthers Kritik an Kirche und Ablass
4.1 Die Vorgeschichte zu Luthers Thesen und reformatorischem Wirken
4.2 Die 95 Thesen
4.2.1 Thesenanschlag – Ja oder Nein?
4.3 Der Sermon von Ablass und Gnade
4.4 An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung

5. Fazit

6. Literatur

Quellen

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Martin Luthers 95 Thesen sowie die Zeit der Reformation kann man wohl zu Recht als eines der bekanntesten Kapitel der deutschen Geschichte bezeichnen. Der vermeintliche „Thesenanschlag“ Luthers an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg ist heutzutage geradezu legendär – auch wenn das Ereignis selbst in der Forschung umstritten ist[1]. Mit seinen Ansichten und seiner Bereitschaft, öffentlich zu diesen zu stehen, leitete Luther eine Phase der Reformation in Deutschland ein und wurde praktisch zum Begründer der protestantisch-christlichen Glaubensrichtung, aus der bis heute neben der evangelischen Kirche eine Reihe anderer Glaubensgemeinschaften hervorgegangen sind, welche heutzutage auf der ganzen Welt zu finden sind.

Doch wie nahm Luthers „Kampagne“ gegen die christliche Kirche im Allgemeinen sowie den Ablasshandel im Besonderen ihren Anfang? Welche Ziele verfolgte Luther ursprünglich mit der Veröffentlichung seiner 95 in Latein verfassten Thesen, sowie dem in Deutsch verfassten und veröffentlichten Sermon von Ablass und Gnade? Hatte Luther wirklich einen derartigen Umbruch, wie er schließlich stattfand, im Sinn und war er sich dessen bewusst, welchen Anklang seine Theologie finden würde? Diese Fragen soll diese Hausarbeit erörtern und möglichst beantworten. Dazu soll zuallererst der Mensch Martin Luther vorgestellt werden, bevor im folgenden Kapitel das Thema Ablass behandelt werden soll. Im darauf folgenden Kapitel sollen die bereits genannten Quellen, also die 95 Thesen sowie der Sermon von Ablass und Gnade näher betrachtet werden. Daneben bietet sich auch Luthers Werk „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ aus dem Jahr 1520 an, eines der Hauptwerke der Reformation, in welchem Luther sich mit seiner Kritik an Papst und Kirche direkt an den deutschen Adel wendete. Da Luthers anfänglicher Hauptkritikpunkt der ausufernde Handel mit Ablass war, wird Ablass bzw. der sogenannte Ablassstreit eines der Hauptthemen dieser Arbeit sein.

1.1 Literatur und Forschungsstand

Was Literatur zum Thema angeht, so ist diese so zahlreich, dass es kaum möglich ist, alle Werke in einer Hausarbeit zu berücksichtigen. Ein Werk, das meiner Meinung nach einen besonders guten Einblick in Luthers theologische Ansichten gibt, ist „Luthers Theologie für Nichttheologen“ von Hanns Leiner, welches, wie der Titel bereits nahelegt, versucht das Thema auch Menschen ohne theologisches Hintergrundwissen nahezubringen. Weiterhin bieten sich gleich mehrere Werke von Bernd Moeller an, da dieser sich ausgiebig mit Luther, seinem Berühmtwerden und seinen Intentionen beschäftigt hat. Daneben gibt es eine ganze Reihe Biografien Luthers, auch hier zu viele, als dass sie alle in einer Hausarbeit Erwähnung finden könnten. Für mich tut sich hier besonders Volker Leppin mit seiner Luther-Biografie aus dem Jahr 2006 hervor.

Der Forschungsstand ist, dass Luther seine 95 Thesen zusammen mit einem Brief an zwei Bischöfe schickte, mit dem Wunsch seine Ansichten bezüglich des Ablasses zu diskutieren. Ob er damals schon eine Reformation und einhergehende Kirchenspaltung im Sinn hatte, ist mehr als fraglich. Der eigentliche Thesenanschlag, bzw. die Authentizität dieses Ereignisses, wurde, wie bereits erwähnt, schon ausgiebig diskutiert. Ich werde darauf im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit noch einmal zurückkommen. Ein ebenfalls in der Forschung diskutiertes Thema, welches für diese Arbeit von Belang ist, ist die Frage, wann genau Luther zu seiner reformatorischen Erkenntnis kam, wann ihm also klar wurde, dass die Kirche eine Reformation benötigt. Die Forschung ist sich hier keineswegs einig und es finden sich mögliche Zeitpunkte von 1513 bis 1520[2].

2. Luther als Mensch und Mönch

2.1 Kindheit und Jugend

Martin Luther erblickte am 10. November 1483 in Eisleben das Licht der Welt, damals noch unter dem Nachnamen Luder. Seinen Vornamen erhielt Luther aufgrund des Datums seines Geburtstages – der Tagesheilige des 10. November 1483 war der heilige Martin[3]. Das Geburtsjahr basiert auf einer Angabe Philipp Melanchthons, ist jedoch keineswegs klar bewiesen. Wie Martin Brecht darlegt, wurden Geburtsjahre zu dieser Zeit nicht immer festgehalten und selbst Luthers Mutter soll sich später nicht ganz darüber im Klaren gewesen sein[4]. Laut Brecht ist das Jahr 1483 am wahrscheinlichsten, da das ebenfalls mitunter genannte Jahr 1484 für ihn mit Sicherheit ausscheidet und das Jahr 1482 zwar möglich, aber in der Chronologie von Luthers frühen Jahren nur schwer unterzubringen wäre[5]. Luther selbst dagegen nannte einmal das Jahr 1484 als sein Geburtsjahr, etwas, das bis zu Luthers Tod von Melanchthon unterstützt wurde, wohl aus dem Grund, dass dieses Jahr astrologisch günstig gewesen wäre. Nach Luthers Tod jedoch änderte Melanchthon seine Meinung, und korrigierte das Jahr, wie bereits oben genannt, auf 1483. Erwiesen ist weder das eine noch das andere jedoch bis heute nicht[6].

Luther stammte aus einer Bauernfamilie, sein Großvater, Heine Luder, besaß einen Hof im Ort Möhra, etwas außerhalb von Eisenach. In einer seiner Tischreden gab Luther später ein „Bekenntnis“ ab, Sohn eines Bauern, aber dennoch Doktor der Heiligen Schrift und Feind des Papstes zu sein. Volker Leppin sieht dieses Bekenntnis als Selbststilisierung Luthers[7]. Dabei sollte man jedoch Bedenken, dass der eigentliche Hintergrund Luthers wesentlich komplexer war, als es sein kurzes Bekenntnis vermuten lässt. So war sein Großvater zwar durchaus Bauer, besaß aber einen gewissen Wohlstand und war in seinem Dorf angesehen. Luthers Vater, Hans Luder, dagegen war bereits kein Bauer mehr. Anders als im weit verbreiteten Erbrecht, bei dem der jeweils älteste Sohn das Erbe antritt, war es in diesen Gegenden der jüngste Sohn, dem das Erbe zustand, weil dieser am längsten im Elternhaus verblieb und am kürzesten auf den Antritt seines Erbes warten musste[8]. Die älteren Söhne waren somit gezwungen, sich ein anderes Auskommen zu suchen. Im Falle von Hans Luder führte dieser Weg zum sozialen Aufstieg, welcher unter anderem mit der Ehe mit Margarete Lindemann, Tochter einer der angesehensten Familien aus Eisenach, begann[9]. Martin Luther wuchs somit keineswegs im bäuerlichen Umfeld auf, sondern vielmehr in einer Gesellschaft, wo auch ihm der soziale Aufstieg möglich war.

Ab 1491 besuchte Luther die Schule in Mansfeld, wo seine Familie hingezogen war, da sein Vater, der im Bergbau tätig war und hier bessere berufliche Aussichten vorfand. Jedoch war Mansfeld nur ein kleiner Ort und die schulischen Gegebenheiten daher begrenzt. Da die Eltern offenbar größere Pläne für ihren Sohn hatten und ihm eine umfassende Schulbildung ermöglichen wollten, wurde Luther 1497 nach Magdeburg geschickt, welches damals eine der großen, bedeutenden Städte des Reiches war. Für Luther wird dies das erste Mal gewesen sein, dass er die Provinz verließ und mit dem Leben in der Großstadt in Kontakt kam[10]. Obwohl Luther nur ein Jahr lang in Magdeburg die Schule besuchte, machte er zu dieser Zeit Bekanntschaften, die später noch für den Verlauf der Reformation in der Stadt wichtig werden würden. So lernte er damals unter anderem Claus Storm, den späteren Bürgermeister Magdeburgs, kennen[11]. Nach seiner Zeit in Magdeburg wechselte Luther an die Pfarrschule St. Georg ein Eisenach, eine Zeit, die ihm scheinbar positiver im Gedächtnis blieb als der Rest seiner Schulzeit. So erinnerte er sich später an den Rektor der Schule, welcher „beim Eintritt in die Klasse das Barett vom Kopfe nahm, um seinen Respekt vor den Schülern zu bekunden, unter denen künftige Bürgermeister, Kanzler oder Doktoren sitzen mochten“[12]. Vielleicht ist es von Bedeutung für seinen späteren Lebensweg, dass Luther seit seinem 14. Lebensjahr, also seit seinem Schulbesuch in Magdeburg, nicht mehr mit seinen Eltern zusammenlebte. In Magdeburg lebte er in einer Art Wohnheim, getragen von den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“, einer Art religiöser Gemeinschaft, welche der Frömmigkeitsrichtung der sogenannten Devotio moderna zuzurechnen war. In Eisenach wurde er von Verwandten seiner Mutter aufgenommen, welche Kontakte mit den Franziskanern unterhielten und offenbar recht fromm waren. Allgemein war Frömmigkeit zu dieser Zeit etwas völlig normales im täglichen Leben und auch Luther „ist in diese Frömmigkeit ganz natürlich hineingewachsen“[13].

Im Jahre 1501, also mit gerade mal 17 Jahren, wechselte Luther nach Erfurt, um dort die Universität zu besuchen. Ein Universitätsstudium setze zu dieser Zeit ausgiebige Lateinkenntnisse voraus, welche Luther wohl während seiner Schulzeit erworben hatte, zusammen mit Grundkenntnissen der Rhetorik bzw. der Briefkunst, sowie Kenntnissen in Mathematik und Musiktheorie[14]. Anders als heutzutage begann ein Studium im ausgehenden Mittelalter mit einer Art philosophischem Grundstudium, dem Studium der septem artes liberales, welches Studenten erfolgreich absolviert haben mussten, bevor sie sich in den höheren Fakultäten in einen spezifischeren Studiengang einschreiben konnten. Dieses Grundstudium dauerte vier bis fünf Jahre und enthielt einerseits die Baccalaureus-Prüfung und abschließend die Magister-Prüfung, welche Luther im Jahre 1505 als zweitbester absolvierte. Danach wäre es ihm möglich gewesen, aus einer von drei Fakultäten zu wählen – der theologischen, der juristischen oder der medizinischen. Luther schrieb sich, gemäß dem Willen seines Vaters, an der juristischen Fakultät ein, wobei dieses Studium jedoch nur kurz währte[15].

2.2 Die Zeit im Kloster

Noch im selben Jahr brach Luther sein Jurastudium ab und traf die folgenschwere Entscheidung, ins Kloster einzutreten und Mönch zu werden. Die genauen Beweggründe Luthers, diesen Schritt zu tun, sind natürlich heute nicht mehr nachzuvollziehen, der Überlieferung nach soll jedoch ein schweres Gewitter den Anlass gegeben haben. In dieses soll Luther auf dem Rückweg von einem Besuch bei seinen Eltern geraten sein. In Todesangst legte er dann angeblich eine Art Gelübde ab, in dem er bekannte Mönch zu werden, falls ihm die heilige Anna, Mutter Marias, helfen sollte, diese Situation lebend zu überstehen[16]. Offensichtlich entkam Luther dem Gewitter schließlich unbeschadet und hielt sich an das Gelübde, welches er in dieser Situation abgelegt hatte. Hier sollte wohl darauf hingewiesen werden, dass ein solches Gelübde, in einer derartigen Situation und auf diese Art abgelegt, nach damaligem Kirchenrecht keineswegs bindend gewesen wäre. Eigentlich ist nicht einmal klar, ob ein Hilferuf dieser Art, welcher in Todesangst ausgestoßen wurde, überhaupt als Gelübde gelten konnte[17]. Ob sich Luther nun der mangelnden Verbindlichkeit seines Gelübdes bewusst war oder nicht, Fakt ist, dass er sich daran hielt und noch im selben Jahr ins Kloster eintrat, womit er gegen den Willen seines Vaters handelte. Gerhard Brendler sieht hier die Möglichkeit, dass Luther bereits zuvor mit seinem eingeschlagenen – vom Vater so gewünschten – Lebensweg unzufrieden war und „daß dieser Schritt Luthers durchaus auch davon mitverursacht gewesen sein könnte, daß er insgesamt mit seiner Umwelt unzufrieden war, Frustrationen irgendwelcher Art erlebt hatte und deshalb nun dieser Welt, der Juristerei, den Rücken kehren wollte“[18]. Dass Luther mit dem Weg, den sein Vater für ihn geplant hatte, unzufrieden war, zeigt unter anderem folgendes Zitat Luthers, aus einem Brief, den dieser 1521, also viele Jahre später, an seinen Vater schrieb:

„Es sind nun fast 16 Jahre her, seit ich gegen Deinen Willen und ohne Dein Wissen Mönch geworden bin. In väterlicher Sorge wegen meiner Anfälligkeit – ich war ein Jüngling von eben zweiundzwanzig Jahren, d.h. um mit Augustin zu sprechen, in glühender Jugendhitze – fürchtetest Du für mich, denn an vielen ähnlichen Beispielen hattest Du erfahren, dass diese Art zu leben manchem zum Unheil gereicht hatte. Deine Absicht war es sogar, mich durch eine ehrenvolle, reiche Heirat zu fesseln.“[19]

Am 17. Juli 1505 trat Luther also in Erfurt in das dortige Augustinerkloster ein. Von seinen Freunden, die ihn bis zum Tor begleiteten, soll er sich feierlich mit den Worten „Heute sehet ihr mich und nimermehr“ verabschiedet haben. Offenbar zog er hier einen Strich unter sein bisheriges Leben und begann mit dem Klostereintritt mit großen Erwartungen einen neuen Lebensabschnitt[20]. Bereits zwei Jahre später, im Mai 1507, wurde Luther zum Priester geweiht. Obwohl sein Vater klar gegen den Klostereintritt gewesen sein soll, scheint er bei der Priesterweihe anwesend gewesen zu sein und dem Kloster 20 Gulden gespendet zu haben, zu der Zeit eine beachtliche Summe[21]. Im selben Jahr kehrte Luther an die Universität Erfurt zurück, diesmal auf Geheiß seines Ordens um dort Theologie zu studieren. Dabei täuscht Luthers schneller Aufstieg innerhalb des Klosters über einige Tatsachen hinweg. Innerlich haderte Luther mit sich selbst, da er im Kloster nicht die Gewissheit fand, die er sich vorgestellt hatte[22]. Auch hatte er mit dem Eintritt ins Kloster in einigen Belangen praktisch die Kontrolle über sein eigenes Leben verloren. So scheint das Theologiestudium nicht unbedingt sein eigener Wunsch gewesen zu sein, doch als Mönch hatte er sich des Gehorsams verpflichtet. Auf diese Art stieg er innerhalb von nicht einmal zehn Jahren zum Doktor der Theologie und Professor der Bibelwissenschaften an der Universität Wittenberg auf, wurde mit Predigt und Seelsorge an der örtlichen Stadtkirche betraut und sogar zum Distriktsvikar über elf Klöster ernannt[23]. Während seiner Zeit als Prediger und Seelsorger in Wittenberg wurde Luther schließlich direkt mit dem Ablasshandel konfrontiert und fand darin den Anlass für seine berühmten 95 Thesen.

3. Die christliche Kirche und der Ablasshandel

3.1 Was ist Ablass?

Eine Definition des Begriffes Ablass findet sich unter anderem im Codex Iuris Canonici, dem Gesetzbuch der katholischen Kirche, welches zum letzten Mal 1983 erschienen und auch online zugänglich ist. Hier heißt es in Canon 992:

„Ablaß ist der Nachlaß zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.“[24]

Der Ablass gehört dabei nach katholischem Verständnis zur Beichte, und besteht eigentlich aus vier Teilen:

1. Der Reue
2. Dem Bekenntnis der Sünden
3. Der Wiedergutmachung der begangenen Sünden durch die auferlegten Sündenstrafen
4. Die Vergebung Gottes, gewährt durch einen Priester[25]

Wirklich groß geändert hat sich diese Definition seit dem Mittelalter nicht und ein Missbrauch des Ablassbegriffs durch die katholische Kirche wäre auch heute durchaus noch möglich. Im Mittelalter gehörte das Ablasswesen, wie Bernd Moeller bemerkt, zu den Bereichen des Kirchentums, in denen eine Art „Arrangement“ bestand – „fromme Bedürfnisse der Gläubigen und das Geld- und Herrschaftsinteresse der kirchlichen Hierarchie fanden wechselseitige Befriedigung“[26]. Die Kirche nutzte hier die Gutgläubigkeit der frommen Christen aus, indem sie sogenannte Ablassbriefe verkaufte. Ablassprediger vermittelten den Glauben, die Vergebung von Sünden sei käuflich und die zeitlichen Sündenstrafen – also nach damaligem Glauben die Zeit, die eine Seele nach dem Tod im Fegefeuer verbringen musste – könnten mit genug Geld umgangen werden. Selbst bereits verstorbene Verwandte oder Vorfahren sollten so angeblich aus dem Fegefeuer „freigekauft“ werden. Dieses System war so erfolgreich, dass Familien wie die Fugger, welche eine Art Bankensystem aufgebaut hatten, um Ablasseinnahmen zu sammeln und zu transferieren, daran neben der Kirche mitverdienten und beträchtlichen Reichtum ansammelten[27].

3.2 Ablasspredigt

Sogenannte „Ablasskampagnen“ gab es laut Bernd Moeller etwa seit Ende des 14. Jahrhunderts. Moeller verwendet diesen Begriff als Bezeichnung für die „Bekanntmachung und Austeilung von Plenarablässen über ganze Landschaften, Diözesen, Territorien hinweg“[28]. Der erste erwähnenswerte Ablassprediger, welcher den frommen Katholiken den Ablass mit rhetorischem Geschick geradezu aufzudrängen versuchte, war Raimund Peraudi, welcher Ende des 15. Jahrhunderts in Deutschland und Nordeuropa tätig war[29]. Der bis heute wohl bekannteste Ablassprediger war jedoch Johannes Tetzel, ein Dominikanermönch, welcher geradezu „zu einem Inbegriff von moralischer und geistlicher Korruption geworden ist“. Ob dieses harsche Urteil gerecht ist mag zumindest als fraglich gelten[30]. Fakt ist, dass Tetzel in den Jahren 1516 und 1517 in der Gegend um Wittenberg tätig war und hier unzählige Ablassbriefe an Christen aus Wittenberg und umliegenden Gemeinden verkaufte. Scheinbar versprach er, dass durch den Kauf nicht nur die Kirchenstrafen erlassen werden, sondern auch die Sünden selbst vergeben werden würden, etwas, dass der offiziellen Ablasslehre der Kirche widersprach[31]. Das wohl bekannteste Zitat, welches so oder zumindest in recht ähnlichem Wortlaut Johannes Tetzel zugerechnet wird ist folgendes:

„Sobald das Geld im Kasten klingt,

Die Seele aus dem Fegefeuer springt!“[32]

Sollte Tetzel wirklich Sätze wie diese verwendet haben, um seinen – offenbar recht gutgläubigen – Zuhörern Ablassbriefe zu verkaufen, so kann man ihm wohl zu Recht vorwerfen, dass er sich in seiner Tätigkeit als Prediger geradezu wie ein Marktschreier aufgeführt habe. Ob diese Aussage ursprünglich von Tetzel stammt ist aber zumindest fraglich. Lucien Febvre verweist hier auf einen Spruch eines anonymen Geistlichen, der bereits aus dem Jahr 1482 stammt und der vom Sinn her doch ziemlich ähnlich ist:

„In dem Augenblick, wo ein Gläubiger aus Zustimmung oder als Almosen ein Geldstück für die Reparationen an die Kirche Saint-Pierre de Saintes in die Sammelbüchse wirft, wird jede Seele sich aus dem Fegefeuer direkt in den Himmel erheben, das heißt, sie ist sofort von allen Qualen befreit.“[33]

Die Idee, dass man sich durch Geldspenden das Fegefeuer ersparen könnte war also offenbar nicht neu und stammte keineswegs von Tetzel. Tetzel wusste diese Idee aber scheinbar clever zu nutzen und machte daraus eine Art „Werbespruch“ für seine Ablassbriefe.

[...]


[1] Vgl. hierzu z.B.: Erwin Iserloh: Luther zwischen Reform und Reformation: der Thesenanschlag fand nicht statt. Münster 1968 sowie Erwin Iserloh: Luthers Thesenanschlag. Tatsache oder Legende? (Institut für Europäische Geschichte Mainz Vorträge Nr. 31). Wiesbaden 1962.

[2] Vgl. hierzu Bernhard Lohse: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und ihrem systematischen Zusammenhang. Göttingen 1995, S. 98-102.

[3] Gerhard Brendler: Martin Luther. Theologie und Revolution. Köln 1983, S. 9. Hiernach zitiert als Brendler: Martin Luther.

[4] Martin Brecht: Martin Luther. Sein Weg zur Reformation 1483-1521. Stuttgart 1981, S. 13. Hiernach zitiert als Brecht: Martin Luther.

[5] Ebd.

[6] Volker Leppin: Martin Luther (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance). Darmstadt 2006, S. 15. Hiernach zitiert als Leppin: Martin Luther.

[7] Ebd.

[8] Brendler: Martin Luther, S. 9.

[9] Leppin: Martin Luther, S. 15.

[10] Ebd., S. 22.

[11] Thomas Kaufmann: Martin Luther. München 2006, S. 28-29. Hiernach zitiert als Kaufmann: Martin Luther.

[12] Ebd., S. 29.

[13] Dietrich Korsch: Martin Luther. Eine Einführung. Tübingen 2007, S. 23. Hiernach zitiert als Korsch: Martin Luther.

[14] Kaufmann: Martin Luther, S. 29.

[15] Korsch: Martin Luther, S. 24-25.

[16] Kaufmann: Martin Luther, S. 32.

[17] Brendler: Martin Luther. S, 25.

[18] Ebd.

[19] WA 8,573,19-24 sowie Leppin: Martin Luther, S. 28.

[20] Kaufmann: Martin Luther, S. 33.

[21] Ebd., S. 34.

[22] Leiner: Luthers Theologie, S. 27-30.

[23] Ebd., S: 27.

[24] Canon Iuris Canonici, Canon 992. URL: http://www.codex-iuris-canonici.de/indexdt.htm (aufgerufen am 19.07.2014).

[25] Vgl. hierzu Hanns Leiner: Luthers Theologie für Nichttheologen. Nürnberg 2007, S. 39. Hiernach zitiert als Leiner: Luthers Theologie.

[26] Bernd Moeller: Deutschland im Zeitalter der Reformation (Deutsche Geschichte 4). Göttingen 1988, S. 55.

[27] Ebd.

[28] Bernd Moeller: Die letzten Ablaßkampagnen. Der Widerspruch Luthers gegen den Ablaß in seinem geschichtlichen Zusammenhang. In: Hartmut Boockmann, Bernd Moeller, Karl Stackmann (Hrsg.): Lebenslehren und Weltentwürfe im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Politik, Bildung, Naturkunde, Theologie. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1983 bis 1987. Göttingen 1989, S. 546. Hiernach zitiert als Moeller: Die letzten Ablaßkampagnen.

[29] Ebd. Siehe außerdem: Nikolaus Paulus: Raimund Peraudi als Ablasskommissar. In: Historisches Jahrbuch 21, 1900, S. 645-682.

[30] Moeller: Die letzten Ablaßkampagnen, S. 556-557.

[31] Leiner: Luthers Theologie, S. 40.

[32] Lucien Febvre: Martin Luther. Religion als Schicksal (übersetzt aus dem Französischen von Barbara Peymann). Frankfurt/M, Berlin, Wien 1976, S. 20.

[33] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Martin Luther und die Reformation. Luthers Ziele und seine Kritik an der christlichen Kirche
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Historisches Institut der RWTH Aachen)
Veranstaltung
Der Wormser Reichstag 1521
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V287742
ISBN (eBook)
9783656879718
ISBN (Buch)
9783656879725
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
martin, luther, reformation, luthers, ziele, kritik, kirche
Arbeit zitieren
B.A. Gabriele Grenkowski (Autor), 2014, Martin Luther und die Reformation. Luthers Ziele und seine Kritik an der christlichen Kirche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287742

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